09 Dezember 2012



von Daniel Schlechtriem

"With the fourteenth pick in the twothousand-and-x NBA Draft, the Houston Rockets select..."

Dieser Halbsatz von Commissioner David Stern hat sich zu einer Art Running Gag selbstständig gemacht, über den nur Fans eben besagten Teams nicht lachen können. Drei Jahre in Folge mussten sie nicht nur auf Playoff Basketball verzichten, sondern bekamen als Salz in der Wunde auch noch jeweils den allerletzten Lottery Pick. "Mediocrity Treadmill" lautet der Fachbegriff dafür, Tretmühle der Mittelmäßigkeit. Man kommt nicht voran, fällt aber auch nicht zurück um neuen Anlauf zu nehmen, sondern steckt im Durchschnitt fest, ohne Aussichten auf Besserung. 

Die besteht in Houston spätestens seit dem 27. Oktober wieder, als die lange, vergebliche Suche nach einem Franchise Player und legitimen Nachfolger Yao Mings endete. James Harden ist talentiert genug, um schon in wenigen Jahren nicht nur auf seiner Position, sondern auch insgesamt zu den Besten zu gehören. Sein Weg und der der jungen Rockets, dem jüngsten Team der Liga, gehört zu den spannendsten Entwicklungen der kommenden Jahre. «With the 14th pick...» begleitet sie und Euch auf diesem Weg, mindestens bis Houston endlich nicht mehr den undankbarsten Platz der NBA einnimmt. Los geht’s mit drei aktuellen Brennpunkten.


Die Causa McHale:
Zum Gedenken an Alexandra, der verstorbenen Tochter des Coaches Kevin McHale, spielen die Rockets seit zwei Wochen mit einem lila-grünen Streifen an der Schulter ihres Trikots. Lila ist die Farbe des Kampfes gegen Lupus, jener Autoimmunkrankheit, der die 23-jährige erlag. Grün war ihre Lieblingsfarbe, die der Celtics, in der ihr Vater drei Ringe gewann. Alexandra spielte selbst Basketball, lief auf der High School übrigens auch mit der Rückennummer ihres Vaters, der 32, auf. Am Samstagabend kehrte McHale zum Team zurück, begründete diese doch größere Überraschung damit, in den Alltag zurückkehren zu wollen. Die Bedrückung in seinem Gesicht war dennoch nicht zu übersehen.

Auch wenn es in dieser Situation unangenehm ist, verlangen die Mechanismen des Geschäfts, sich über McHales sportliche Zukunft Gedanken zu machen. Sein Vertrag läuft im Sommer aus, ein langjähriges Engagement war beidseitig nie vorgesehen. Unumstritten war er als Nachfolger des sehr beliebten Rick Adelman ebenfalls nie, ihm nicht zugeneigte Fans nennen ihn „McFail“, in Anspielung auf weniger nachvollziehbare Entscheidungen, speziell in der Crunchtime.

Gut möglich also, dass McHale nur noch die laufende Saison zu Ende bringt. In Chris Finch steht längst ein Kronprinz Gewehr bei Fuß. Finch, 43 – und damit 12 Jahre jünger als McHale, führte das D-League Team der Rockets, die Rio Grand Valley Vipers, zu einem Titel und einem Finaleinzug, betreute darüber hinaus die Nationalmannschaft Großbritanniens bei den Europameisterschaften 2009 und 2011, außerdem bei den Olympischen Spielen in London. Inzwischen sammelt er als einer der Assistenten McHales auf der Profi-Bank Erfahrung. Ob ihm die Chefetage zutraut, schon im nächsten Jahr ein Team mit gewachsenen Ansprüchen zu übernehmen, ist dennoch fraglich. Fans der Gießen 46ers werden sich übrigens weniger gern an Finch zurückerinnern. In der Saison 2003/04 hatte er ein kurzes Stelldichein in Mittelhessen, das mit einer Entlassung nach 18 Spielen endete.  


Die Causa Lin:
Viele derer, die Jeremy Lin im Frühjahr als Eintagsfliege abkanzelten, fühlen sich aktuell bestätigt: 38% aus dem Feld, dazu magere 26% von Downtown und fast drei Turnover im Schnitt. In der Tat bringt er gegenwärtig nicht das aufs Parkett, was von ihm erwartet wird, sondern stolpert von einem Tiefpunkt zum nächsten: Zuletzt verzichtete Interimscoach Sampson in der Overtime in Portland komplett auf ihn, auch bei den Siegen über die Bulls und vor allem die Lakers war es Lins immer besser in Fahrt kommender Back-up Toney Douglas, der entscheidende Würfe traf und den Sieg dadurch erst möglich machte. Linsanity bejubelte diese Coups von der Bank aus. Dennoch kommen in Clutch City keinerlei Zweifel an ihrem Point Guard mit taiwanesischen Wurzeln auf. 

Enttäuschend, aber immer noch
ein de facto Rookie: Jeremy Lin
(Photo: David Shankbone)
Warum? Erstens: Lin ist praktisch immer noch ein Rookie und hat diesen Herbst seine erste reguläre Vorbereitung in der Starterrolle absolviert. Zweitens: In dieser Vorbereitung litt er unter anhaltenden Knieproblemen, die einem auf Tempo ausgerichteten Spieler Schwierigkeiten bereiten, seinen Rhythmus zu finden, respektive beizubehalten. Drittens: Lin spielt in einer komplett neu zusammengestellten Mannschaft. Die verkürzte Vorbereitung der letzten Saison fand zwar an gleicher Ort und Stelle statt, vom damaligen Team sind aber nur noch Patterson, Morris und Parsons übrig. Die erste Offensivoption, James Harden, stieß erst drei Tage vor Saisonstart dazu. Viertens: Die größten Mängel in seinem Spiel – Wurfquote und Turnover – sind im Laufe der Zeit und mit wachsender Routine absolut behebbar. Fünftens: Lin verfügt als Harvard-Absolvent über eine überdurchschnittliche Intelligenz, die sich auch auf den sogenannten Basketball-IQ auswirkt. Seine Entscheidungen sind in den allermeisten Fällen die richtigen, es mangelt (noch) an der Umsetzung. Sechstens: Finanziell stellt Lin keinerlei Risiko dar. Sein gut dotierter Vertrag wird allein durch Merchandise im fernen Osten finanziert, wenn nicht sogar vervielfacht. Letztens: Sollte doch der allerletzte Hater Recht behalten und Lin sich dauerhaft auf niedrigem Niveau bewegen, wird er in zwei Jahren ein ausgesprochen wertvoller Trade-Chip werden. Der dann auslaufende Vertrag streicht saftige $15M vom Salary Cap, das tatsächliche Jahressalär von $8M ist im Februar 2015 zum größten Teil bezahlt. Für einen Spottpreis reduziert der potentielle Abnehmer dann seine Personalkosten nach aktuellem Stand um nicht weniger als ein Viertel des gesamten Caps. An Interessenten wird es nicht mangeln.


Die Causa White: 
Dass es Rookies es unter McHale (und damit auch seinen Assistenten) nicht sonderlich leicht haben, ist kein Geheimnis. Aktuell muss Terrence Jones das erfahren. Trotz ausgezeichneter Summer League und Preseason bleiben dem 18. Pick des letzten Drafts wenig bis keine Spielzeit, dafür D-League, in der er in zwei Spielen immerhin anständige 22,5 Punkte und 17,5 Rebounds auflegte. Doch Jones nimmt es professionell. Er hat verstanden, dass er aktuell nicht bereit ist für die ganz große Bühne. 

Ganz im Gegenteil dazu steht der Spieler, den die Rockets noch vor Jones an der #16 drafteten. Royce White hat ligaweit Berühmtheit erlangt, ohne bisher auch nur eine Sekunde gespielt zu haben. Das liegt zunächst daran, dass er an panischer Flugangst leidet. Dabei handelt es sich nicht um eine eher „gewöhnliche“ Phobie, die ebendann auftritt, sobald der Leidende mit seinem Angstobjekt konfrontiert wird, beispielsweise Arachnophobie oder Akrophobie. White bekommt nicht erst auf dem Flughafen Panikattacken, sondern schon auf dem Weg dorthin, womöglich schon am Abend zuvor, im Bewusstsein, am nächsten Morgen ein Flugzeug besteigen zu müssen. Diese Panikattacken sind kleine Kleinigkeit, die mit einem Schulterklopfen und gutem Zureden aus der Welt geschaffen werden. Er nimmt täglich Medikamente dagegen, ist schon länger in psychologischer Behandlung. Keine einfache Situation also, bedenkt man, dass es in der NBA Alltag ist, back to back in unterschiedlichen Zeitzonen zu spielen. Nun gibt es gegenseitige Positionen in dieser kritischen Angelegenheit: Die eine behauptet, in Houston habe man die Problematik völlig unterschätzt und verstehe nicht, mit einer solchen Krankheit zeitgemäß umzugehen. Die andere sagt, White benutze seine Krankheit, um aus der Opferrolle heraus bevorzugte Behandlung über Teamkollegen zu genießen. 

Der Reihe nach: In der Summer League lief noch alles am Schnürchen: White zeigte seine außergewöhnlichen Passfähigkeiten, griff Rebounds, lief das Feld hochmotiviert rauf und runter, stand für einen weniger massigen Mitspieler ein, als sich eine Rangelei oder gar mehr anbahnte. Dann tauchte er Ende September unangekündigt, unerwartet und unerlaubt gar nicht erst im Trainingscamp auf. Während sich die restliche Mannschaft längst auf die Saison vorbereitete, glänzte White durch Abwesenheit – und das Unheil nahm seinen Lauf. 

Der 21-jährige fühlt sich dauerhaft unmenschlich behandelt, lehnt das medizinische Personal der Rockets ab, lässt Trainingseinheiten sausen und dafür in regelmäßigen Abständen via Twitter seinem Unmut freien Lauf. White sieht sich als eine Art Vorreiter im Kampf um Anerkennung mentaler Krankheiten wie der seinen, ständig benutzt er als Hashtag #AnxietyTroopers. Wogegen er allerdings konkret kämpft, was er den Rockets wirklich vorwirft, was er hinsichtlich seines Teams und seines jetzigen Status erreichen will, bleibt im Trüben. Seine oft kryptischen Tweets lassen sich nur schwer in einen Zusammenhang bringen. Er widerspricht zwar Berichten, nach denen er Spielzeit erpressen wollte oder die D-League ablehnt, dennoch wird nicht so recht klar, warum er bis heute nicht trainiert, nicht in der D-League spielt, nicht einmal als Gast bei den Spielen im Toyota Center erscheint. Seinen Vorwurf, die Rockets würden ihn nicht genügend unterstützen und ihm kein gesundes Umfeld schaffen, kann oder möchte er nicht präzisieren. 

Wo auch immer die Schwierigkeiten liegen mögen, noch ist man in Houston geduldig. Das könnte sich ändern, wenn zur Trade Deadline der ein oder andere Wunschspieler verfügbar wird. Allerdings dürfte sich die Anzahl derer Teams, die sich dieses Drama freiwillig antun wollen, eher begrenzt halten. Daher sind die naheliegendsten Optionen die folgenden: Nach weiteren Gesprächen mit der Führung tritt White doch in der D-League an und versucht, seinen Weg im Profisport zu finden. Zumindest hat er inzwischen eingewilligt, sich vom Teampsychologen der Rockets behandeln zu lassen. Dieser kleine Schritt in die richtige Richtung wird die Spannungen etwas entkräften. Sollte der ehemalige Iowa State Cyclone allerdings keine erkennbaren Fortschritte zeigen, tritt die zweite Option in Kraft: Der Rookie-Vertrag wird nach nicht einmal einem Jahr aufgelöst.