28 Oktober 2013

Sebastian Dumitru | 28. Oktober, 2013    @nbachefkoch






Flashback: 44-38 (.537), Platz 6 im Osten, 1. PO-Runde

Auch in Jahr eins nach Joe Johnson blieb in Atlanta vieles beim Alten. Auf dem Parkett, zumindest. Angeführt von Al Horford, Josh Smith und Jeff Teague gewannen die Hawks zum fünften Mal in Folge mehr als die Hälfte ihrer Partien und landeten am Ende im gesicherten Mittelfeld - wieder einmal, wie gewohnt. Obwohl die Vögel während der regulären Saison gegen fast alle Spitzenteams mindestens einmal gewannen und im Dezember noch auf Platz drei im Osten rangierten, holte sie die Realität in Form von Lou Williams' Kreuzbandruptur und Josh Smiths Genie/Wahnsinn-Bipolarität wieder ein. In den Playoffs war für den Sechstplatzierten schon in Runde eins gegen Indiana Schluss - wie üblich für Atlanta, das seit 1970 nicht mehr in einem Conference Finale stand. Abseits des Parketts hingegen signalisierten die Trades von Neu-GM Danny Ferry, der vor der Saison Joe Johnson und Marvin Williams aus der Stadt schickte, eine Neuausrichtung mit dem Ziel, jünger, moderner und finanziell schlanker zu werden. Die eingeschlagene Renovierung setzte Ferry in diesem Sommer fort. 

Plus: Head Coach Mike Budenholzer (SAS), Paul Millsap (UTA), DeMarre Carroll (UTA), Elton Brand (DAL), James Johnson (SAC), Damien Wilkins (PHI), Gustavo Ayon (MIL), Jared Cunningham (DAL), Pero Antic, Dennis Schröder, Lucas Nogueira, Mike Muscala

Minus: Josh Smith (DET), Zaza Pachulia (MIL), Devin Harris (DAL), Dahntay Jones (CHI), Anthony Tolliver (CHA), Ivan Johnson, DeShawn Stevenson, Johan Petro, Head Coach Larry Drew



Wichtigster Neuzugang: Paul Millsap

Der 28-Jährige mag auf den ersten Blick nicht in der Lage erscheinen, den abgewanderten 'Smoove' adäquat zu ersetzen. In Punkto Highlight-Plays und defensiver Impact wird er das auch nicht. Aber Millsap ist der offensiv versiertere Big Man, spielt teamdienlicher und smarter, was ihn allseits kompatibler macht. Millsaps Karriere-Quote (51.6 FG%) ist gut sechs Prozentpunkte höher als die von Smith (46.5 FG%). Übersetzung: mehr Synergie im High-Low Game, mehr Spacing und bessere Quoten von Downtown. 

Shining Star: Al Horford

Von der ehemaligen dreiköpfigen Hydra Johnson-Smith-Horford ist nur noch der zweifache All-Star Big übrig geblieben. Der Dominikaner (27) legte vergangene Saison mit 17.4 Punkten und 10.2 Rebounds neue persönliche Bestleistungen auf und hat seinen Zenit als Spieler noch nicht erreicht. Budenholzers neue taktische Ausrichtung wird vermehrt auf Horfords Duncan'eskes Skillset setzen: ein mobiler, wurfsicherer, reboundstarker Big Man, der im Pick & Roll brilliert und sein Team vorne und hinten verankert.

Scouting: Die Hawks werden unter Budenholzer viel von dem emulieren, was die Spurs all die Jahre so erfolgreich gemacht hat. Das heißt: wenig Iso, viel Motion und tonnenweise Floppy-Action. Nicht zuletzt deshalb hat Ferry sich darum bemüht, smarte Teamspieler einzukaufen. Teague wird als pfeilschneller Ballhandler eine ähnlich dominante Rolle einnehmen wie Tony Parker und steht vor der wichtigsten Saison seiner bisherigen Karriere. Horford und Millsap werden im Hoch-Tief-Spiel agieren und Teague ununterbrochen zwei Anspielstationen aus dem Pick & Roll offerieren, die aus der Mitteldistanz und am Brett scoren können. Gute Schützen wie Korver und Jenkins ziehen derweil schön die Platte auseinander. Probleme werden die Hawks in der Defensive bekommen: ihre Individualverteidiger sind entweder zu klein oder zu leicht überwindbar – oder beides. Hier wird nur ein starker Abwehrverbund helfen können, der zumindest die direkten Linien vom Perimeter zum Ring dicht macht, ohne sich eimerweise Dreier einzufangen.



Check: Ferrys Plan geht in Phase zwei: der solide Head Coach Larry Drew wurde nach drei Jahren an der Seitenlinie durch ex-Spurs-Assistent Mike Budenholzer ersetzt. Damit sind die Hawks jetzt im Front Office und unten am Spielfeldrand mit zwei ehemaligen Angestellten aus San Antonio besetzt, die das "System Spurs" mit ähnlichem Erfolg auch in Georgia etablieren wollen. Mit Popovich-Padawan Budenholzer wird sich dieses Team endgültig vom Isolations-Basketball alter Tage verabschieden – dafür sorgt auch der Abgang von Josh Smith, der nach neun Jahren in "Hotlanta" zwar ein gigantisches Loch in der Defensive hinterlässt, dessen bornierte Wurfauswahl und damit einhergehenden Hirnfürze in wichtigen Situationen aber kaum jemand vermissen wird.

Paul Millsap soll Smoove ersetzen - das wird ihm vor allem im Angriff gelingen. Fans können sich auf intelligenteren Basketball einstellen, der sich mehr an Effizienz und Effektivität orientieren und dabei vermehrt auf die facettenreichen Fähigkeiten von Horford und Teague setzen wird. Teague war in der Offseason zwar drauf und dran, sich nach Milwaukee zu verabschieden. Ferry ließ sich vom günstigen 4 Jahre/32 Mio. $ offer sheet der Bucks aber nicht lumpen und glich ab. Das gibt Teague einerseits die Möglichkeit zu beweisen, dass er nach der soliden '12/13er Saison (14.6 PPG, 7.2 APG) noch Raum nach oben hat, den vor allem ein smartes System ausfüllen kann. Andererseits hält sich “Ferry der Fuchs” alle (Trade-) Optionen offen, falls Teague den anvisierten Sprung doch nicht schaffen sollte. Mit Rookie Dennis Schröder stünde im Idealfall – und falls der seinen Aufstieg ähnlich tüchtig fortsetzt wie in 2013 – ein geeigneter Nachfolger parat. Das dauert noch. 

Solange will Atlanta den schwierigen Spagat zwischen Umbau und kompetitivem Basketball schaffen. In dem Punkt hat Ferry ganze Arbeit geleistet. Egal ob Millsap (2 Jahre/19 Mio. $), Korver, Teague oder einer der vielen Neuzugänge für die Bank: sowohl die finanziellen Langzeitaussichten als auch die sportliche Zukunft sind viel rosiger als im Sommer 2012. Dank solider Einkäufe, einem vielversprechenden Coach mit bewährtem System (das auf diese Spieler zugeschnitten ist) und einem Kader, der vergangene Saison in Offense (15.) und Defense (10.) im Mittelfeld platzierte und auch heuer wieder irgendwo im Mittelfeld landen dürfte (ich vermute: besser im Angriff, schlechter in der D) können die Hawks auch in der kommenden Saison einen Playoff-Platz anpeilen. Wie gut dieses Team sein kann hängt natürlich davon ab, wie sehr sich die Youngster verbessern, ob Brand/Carroll/Johnson die Defensive stabilisieren können und wie explosiv Edelmikrowelle Lou Williams (14.1 PPG und 3.6 APG vor seiner Verletzung) zurück kehrt. Trotz des weichen Resets sind diese Falken aber mitnichten schlechter einzuschätzen als vergangene Saison und ein realistischer Kandidat für 45 Siege. Alles wie gehabt. Nur eben mit dem Unterschied, dass in Atlanta seit Langem wieder ein konkreter Plan umgesetzt wird.