25 Oktober 2013

Wolfgang Stöckl | 24. Oktober, 2013    @WStckl






Flashback: 41-40 (.506), Platz 7 im Osten, Rd. 1

Das Jahr 2012/2013 wird in die Celtics Historie eingehen als der letzte, aber vergebliche Versuch des Managements mit den alternden Protagonisten der vorherigen Jahre einen Titelrun zu starten. Motiviert durch die Playoffs 2012 wurden neue Spieler verpflichtet und bestehende Verträge verlängert. Das Team funktionierte aber nicht. Zum Teil lag es an den Spielern, zum Teil aber auch an schwachem Coaching des Cheftrainers Rivers, der stur weiter seine alten Systeme durchspielte. Gerade Jeff Green und Jason Terry hatten Probleme mit ihrer Rolle. Als Ergebnis war die Bilanz zur Hälfte der Saison nur ausgeglichen. Letztlich bezeichnend war, dass es erst bergauf ging, als sich mit Rondo, Sullinger und Barbosa innerhalb von 14 Tagen drei Spieler so schwer verletzten, dass sie die Saison beenden mussten und die Mannschaft sich praktisch von alleine aufstellte.

In den Playoffs merkte man aber doch deutlich, dass der Mannschaft ein Point Guard fehlte. Bradley gab zwar sein Bestes, aber er war doch schnell überfordert mit der Anforderung. Also musste der angeschlagene Pierce auch diese Aufgabe noch übernehmen. Das konnte nicht gut gehen, etliche Ballverluste und grausige Wurfquoten für Pierce und Co. waren die Folge. Letztlich schied man gegen ein keineswegs überragendes Knicksteam mit 2:4 aus und eine insgesamt enttäuschende Saison fand ihr Ende.

Für Danny Ainge war nun klar, dass der Zeitpunkt für einen Neuaufbau gekommen war. Zuerst wurde der ausgebrannt wirkende Coach Rivers für einen First Round Pick zu den Clippers abgegeben, mit einem Blockbuster am Abend des Drafts vollendete Ainge dann sein Werk: Pierce, Garnett und Terry wurden im Austausch für Humphries ,Wallace, Brooks und Bogans zu den Nets geschickt. Interessant an dem Deal waren für die Celtics aber eher die drei Erstrundenpicks. Zusätzlich wurde mit Brad Stevens noch das Wunderkind unter den Collegetrainern als neuer Head-Coach verpflichtet. 

Plus: Kris Humphries, Gerald Wallace, MarShon Brooks, Keith Bogans (alle BRK), Kelly Olynyk, Vitor Faverani, Phil Pressey, Colton Iverson

Minus: Kevin Garnett, Paul Pierce, Jason Terry (alle BRK), Fab Melo, DJ White, Kris Joseph



Wichtigster Neuzugang: Brad Stevens

Wichtigster Neuzugang ist in diesem Jahr kein Spieler, sondern der Coach. Brad Stevens kam von Butler, einem kleinen College, wo er 2007 zum Head Coach ernannt wurde und das er 2010 und 2011 sensationell in das NCAA Championship Game führte. Stevens steht für einen defensiv orientierten Stil, in der Offensive setzt er auf Tempo und Teambasketball, der durch viele Pässe und Bewegung geprägt ist. Ein wenig vergleichbar mit dem Basketball, den die Nuggets in den letzten zwei Jahren spielten. Bei der Spielanalyse baut er auch sehr oft auf die Effektivitätsbewertungen von Spielern und Rotations- und Lineup-Analysen, sowie auf andere Advanced Stats. Es ist zu erwarten, dass er einen völlig anderen Basketball spielen lassen wird, als sein Vorgänger Doc Rivers. Es wird spannend sein zu sehen, ob die Erfolgsgeschichte von Stevens in Boston weitergeschrieben wird, oder ob es bei ihm ähnlich endet wie bei Rick Pitino, der um die Jahrtausendwende mit einem ähnlichen Ruf nach Beantown kam und eine fast schon legendäre Bruchlandung hinlegte.

Shining Star: Jeff Green

Nachdem Rajon Rondo wohl mindestens bis Dezember ausfällt und man auch dann noch nicht genau weiß, ob und wieviel er dieses Jahr spielen wird, fällt die Wahl hier auf Jeff Green. Von ihm wird in dieser Saison erwartet, dass er die erste Option im Angriff der Celtics sein wird. Sein Talent bewies Green letztes Jahr in der zweiten Saisonhälfte, als er durch die Verletzungen Anderer mehr Spielzeit und häufiger den Ball bekam. Höhepunkt für ihn war dabei sicherlich die Playoffserie gegen die Knicks, in der er knapp 20 Punkte im Schnitt bei sehr passablen Quoten auflegte. Nun muss er zeigen dass er diese Leistungen auch bringen kann, wenn nicht Spieler wie Pierce oder Garnett die Aufmerksamkeit der gegnerischen Defensive auf sich ziehen. Zweifel sind durchaus angebracht. Im Laufe seiner Karriere riss sich Green nie wirklich um eine Führungsrolle. Guten Auftritten folgten oft Spiele, in denen er völlig abtauchte. In der Offensive hat er aufgrund seiner Athletik seine Stärken im Fastbreak und beim Abschluss direkt am Korb, er verfügt auch über einen guten Wurf, aber sein Offensivarsenal ist trotzdem überschaubar. Er penetriert fast immer nach rechts, im Post kann er nicht beidhändig abschließen, seinen Fadeaway setzt er zu selten ein. Den Jumper aus dem Dribbling trifft er nicht hochprozentig, ein Floater ist in seinem Spiel nicht vorhanden, zudem kommt er selten an die Freiwurflinie und holt zu wenig Rebounds. Selbstverständlich muss Jeff Green nicht in allen diesen Bereichen Top sein, aber in ein oder zwei Kategorien sollte er sich schon verbessern, wenn er langfristig die offensive Nummer eins bei den Celtics sein will.

Scouting: Alles in allem haben die Celtics eine junge und talentierte Mannschaft ohne echten Superstar (Rondo außen vor). In der Offensive wird man mangels Starpower auf Teamarbeit und Tempo setzen müssen und hoffen, dass Green einen Sprung macht. Im Setplay wird man (zumindest bis Rondo wieder da ist) große Schwierigkeiten haben, sich gute Würfe zu erarbeiten. Es fehlen schlicht und ergreifend die Playmaker. In der Defensive ist man zwar auf den Guardpositionen und den Flügeln ganz passabel aufgestellt, aber in der Mitte klafft ein riesiges Loch. Keiner der „großen“ Spieler ist in der Lage, die Zone richtig zu schützen oder Würfe zu blocken. Die Celtics werden viele Punkte in der Zone kassieren.



Check: Wie schon erwähnt, geht es für die Celtics in dieser Spielzeit eher um die Zukunft denn um die Gegenwart kann. Es wäre hilfreich, einen oder mehrere der langfristigen Verträge loszuwerden. Courtney Lee, Brandon Bass und Gerald Wallace sind durchaus solide NBA-Akteure, aber bei einem Team im Rebuild sind sie falsch aufgehoben. Sie nehmen den Talenten Spielzeit weg und fressen genug Gehalt, um dem Management finanziellen Spielraum für Neuverpflichtungen zu nehmen.

Auf der Spielmacherposition sind die Celtics sehr dünn aufgestellt. Rondo ist verletzt, dahinter lauert Phil Pressey, ein ungedrafteter Rookie ohne Wurf. Deshalb teilten sich in der Preseason meist Jordan Crawford und Avery Bradley die Spielmacherposition. Crawford als Starting Point Guard kann nicht gut gehen. Und Bradley sollte prinzipiell von jeglichen Ballhandlingpflichten befreit werden, er hat seine Stärken eindeutig woanders.

Mehr Optionen gibt es auf der Zwei. Dort tummeln sich neben Bradley und Crawford noch Lee, Brooks und Bogans. Lässt man Bogans mal außen vor und erachtet den Defensivpitbull Bradley als gesetzt, dann werden sich Lee, Crawford und Brooks um die restlichen Minuten streiten dürfen. Brooks hat sicherlich das größte Talent, während Lee der beste Verteidiger von allen ist und auch am solidesten spielt. Crawford ist der beste Allrounder, er kann punkten, passen, rebounden, neigt aber auch zum völligen Überdrehen. Schwer vorherzusagen, wer sich hier durchsetzen wird. Auf der Small Forward Position ist Jeff Green gesetzt, sein Backup wird Gerald Wallace sein, der eine schwierige Saison bei den Nets hinter sich hat. In der Preseason hat Wallace aber einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Gut möglich, dass er auch öfters mit Green zusammen auf dem Platz stehen wird.

Bei den Power Forwards ist es ähnlich wie bei den Shooting Guards: es gibt zu viele davon, dafür aber nur einen Center. Sullinger dürfte nach starken Leistungen in der Preseason in der Starting Five zunächst gesetzt sein, er ist auch klar der stärkste Spieler der Gruppe. Bass und Humphries sind harte Arbeiter, die beide einen guten Wurf aus der Mitteldistanz haben, aber nicht in der Lage sind, sich ihren eigenen Wurf zu erarbeiten. Das kann wiederum Rookie Kelly Olynyk, der einer der interessantesten Spieler in diesem Kader ist. Nach einer sehr starken Summer League , in der er ein beachtliches Arsenal an Offensivbewegungen gezeigt hat, konnte er auch in der Preseason überzeugen. Sicherlich hat er noch Defizite in der Verteidigung und beim Rebounden, aber ansonsten macht sein Spiel einen sehr reifen Eindruck, besonders seine Fähigkeiten als Passer machen ihn wertvoll für die Mannschaft. Vitor Faverani, ein relativ unbekannter Brasilianer, der auch einen überraschend guten Eindruck in der Preseason hinterlassen hat, könnte etwas Spielzeit abstauben als einziger echter Center in einem Kader, der ziemlich sicher noch den ein oder anderen Wechsel erfahren wird. 

Talent ist nur marginal vorhanden in Boston, und ein kommender Superstar wird wohl keiner der jetzigen Spieler werden, so dass die Celtics sich wohl irgendwo auf den hinteren Plätzen der Eastern Conference einordnen werden müssen. Um im Kampf um die Playoffs ein Wörtchen mitzureden, müssten fast alle Spieler schon am oberen Limit spielen - äußerst unwahrscheinlich. 

Außerdem wird Danny Ainge sehr genau darauf achten, dass dieses Team nicht zu viele Siege holt. Zu verlockend ist die Draftklasse 2014, um auf Teufel komm raus den achten Platz im Osten anzupeilen. Zwar verneint dies der Chef der Celtics bei jeder Gelegenheit, aber da Danny Ainge sowieso selten die Wahrheit sagt, sollte man dies nicht zu Ernst nehmen. Ein paar Trades sind also vorprogrammiert. Wen es letztlich treffen wird hängt auch davon ab, für wen es überhaupt Abnehmer gibt. Grundsätzlich ist bei Danny Ainge ja sowieso immer jeder Spieler zu haben, wenn der Preis stimmt. Celticsfans werden dieses Jahr viel Geduld haben und sich über die kleinen Dinge freuen müssen. Und natürlich auf Glück in der nächsten Draft-Lotterie hoffen.