29 Oktober 2013

Leo G | 29. Oktober, 2013    @fabeohl






Flashback: 49-33 (.598), Platz 4 im Osten, 1. PO-Runde

Ein medial groß angelegter Umzug inklusive eines rappenden Superstars an der Seitenlinie, eine bemerkenswerte Offseason, ein starker Saisonstart – die Hoffnungen in Brooklyn im Spätherbst des letzten Jahres waren gigantisch und wurden in den Folgemonaten doch so bitter getrübt. Unrühmlicher Höhepunkt war die Debatte um Coach Avery Johnson, welcher als leicht verspätetes Weihnachtsgeschenk seine Entlassungspapiere bei GM Billy King abholen durfte. Vorausgegangen war eine regelrechte Kritikwelle, die sich insbesondere auf das statische Offensivspiel der Nets fokussierte und prominente Fürsprecher in den eigenen Reihen fand. Die Leistung in der zweiten Saisonhälfte besserte sich, die Probleme unter Interimstrainer Carlesimo blieben allerdings ähnlich. Nach einer ordentlichen Regular Season wurde man bekanntermaßen in den Playoffs von den Bulls auf schmerzliche Art und Weise abgeschlachtet, welche schlichtweg härter und entschlossener auftraten und die defensiven und taktischen Probleme der Nets auf einfachste Art und Weise ausnutzten. 

Plus: Head Coach Jason Kidd, Kevin Garnett, Paul Pierce, Jason Terry (alle drei BOS), Andrei Kirilenko (UTA), Alan Anderson (TOR), Shaun Livingston (CLE), Mason Plumlee, Assistant Coach Lawrence Frank

Minus: Gerald Wallace, Kris Humphries, Marshon Brooks, Keith Bogans, Kris Joseph (alle BOS), CJ Watson (IND), Josh Childress, Head Coach PJ Carlesimo



Wichtigster Neuzugang: Kevin Garnett

Auch wenn es beim Trade mit Boston zunächst nur um Pierce gehen sollte, ist Garnett die weitaus wichtigere Offseason-Addition für die Nets. Neben seinen bekannten und exzellenten Qualitäten im Pick and Pop bringt er den Nets vor allem eines: die Ankunft eines defensiven Motors, der alleine durch seine Präsenz auf und neben dem Platz eine neue defensive Kultur vorleben wird. Insbesondere die letztes Jahr unglaublich schlechte Pick & Roll Defense (Ligaweit Platz 29 beim Verteidigen des abrollenden Spielers) wird sich durch die Ankunft von Garnett schlagartig verbessern, wenngleich sich KG altersbedingt in diesem Bereich in den letzten Jahren von der Ligaspitze wegentwickelte. Auch seine defensiven Qualitäten im Post werden händeringend gebraucht (Brooklyn Platz 28 in Post-Up Defense), um den Offensivspezialisten Lopez zeitweise zu entlasten und den wichtigsten Stolperstein für einen Titelrun - die katastrophale Team-Defense - zu neutralisieren.

Shining Star: Deron Williams

Der Abschluss des Kalenderjahres 2012 hätte für D-Will kaum schlechter laufen können. Auch dank Verletzungsproblemen legte er persönlich unterirdische Performances aufs Parkett, nach der Entlassung von Avery Johnson hatte er endgültig den Ruf des Coach-Killers in den Medien und sein 100 Millionen Dollar schwerer Fünfjahresvertrag wurde öffentlich schon als Desaster abgestempelt. Doch in den Folgemonaten demonstrierte D-Will, dass er definitiv kein altes und gebrechliches Auslaufmodell ist, sondern sehr wohl noch zur Elite der NBA-Pointguards hinzugezählt werden muss. Dabei war es nicht nur der Trainerwechsel, der seine Leistungen erklärt, sondern insbesondere seine verbesserte Gesundheit. Analog zur Ausheilung seiner Handgelenksverletzung stiegen insbesondere die Wurfquoten von Williams. Um 6.8% (Insgesamt) bzw. 7,3% (Dreier) steigerte er seine Quoten nach dem Allstar-Break, sein PER stieg von 17,5 auf 25,2. Es sind Zahlen, die Hoffnung machen, dass der alte D-Will ein neues Brooklyn hoch hinaus tragen kann. 

Scouting: Die statische Offensive der letzten Saison ist passé. Motion Offense heißt das Zauberwort, welches Deron Williams schon zu seinen Hochzeiten beflügelte und dazu beitragen soll, aus einem Haufen starker Individualisten ein eingeschworenes und gut abgestimmtes Team an beiden Enden des Feldes zu basteln. Taktgeber ist Neu Coach Jason Kidd, welcher angab große Teile des Mavs und Spurs Playbooks adaptieren zu wollen, sehr zum Wohlwollen seines Playmakers. Brooklyn könnte somit diese Saison endgültig in die Scoring-Elite der NBA aufsteigen. (Platz neun im Offensiv-Rating 2012/13). Mit Pick and Pop Gott Garnett, Zonenmonster Lopez, sowie den Allroundern und Dreierspezialisten Johnson (Ecke) und Pierce (Zentral) hat Williams jedenfalls eine Reihe von Optionen, welche je nach Gegner und Spielsituation effektiv ausgenutzt werden können. Bedeutender ist allerdings eine Verbesserung in der Defense. Ganze 107 Punkte auf 100 Possessions hochgerechnet ließ man letzte Saison gegen Playoff-Teams zu – der höchste Wert aller Playoffteilnehmer. Noch gravierender als die individuellen Schwächen in der Defense war allerdings die stümperhafte Abstimmung, welche sich im Laufe der Saison kaum verbesserte und somit auch dem Coach angelastet werden kann. Man darf gespannt sein, inwieweit sich diese Schwächen mit nochmals neuen Schlüsselspielern kaschieren lassen und wie schnell das Zusammenspiel des Teams funktionieren kann.



Check: Auch dieses Jahr ist vieles neu in Brooklyn und auch dieses Jahr sind die Hoffnungen gewaltig. Die Addition der ehemaligen Boston-Stars bringt ein Zwei-Jahres Fenster mit sich, in dem bestenfalls der Titel geholt werden sollte.  Den Superstars stellte GM Billy King eine vielversprechende 2nd Unit zur Seite. Insbesondere die Verlängerung von Blatche und die Unterschrift von Kirilenko zum Schnäppchen-Tarif können als echte Coups gewertet werden, da sie Neu-Coach Kidd Möglichkeiten zum Schonen des Frontcourts und neue taktische Variationen ermöglichen.

Dennoch ist mehr als nur fraglich, ob das Projekt Brooklyn bereits in Jahr eins von Erfolg gekrönt sein wird. Zu große Fragezeichen gesellen sich rund um den Kader, insbesondere was das Alter und die Chemie angeht. Vor allem die wichtigen Rotationsspieler kämpften unlängst mit Verletzungen. Prominentestes Beispiel ist hierbei sicherlich die lange Verletzungsakte von Deron Williams, dessen Ausfall nach dem Abgang von CJ Watson noch weniger kompensiert werden könnte. 

Hochinteressant wird die Frage, wie Kidd und Williams die zahlreichen Bedürfnisse der Spieler nach Spielzeit und Touches handlen werden. Mindestens mit Terry und Kirilenko gibt es prominente Rotationsspieler, welche ebenfalls den Anspruch auf viele Minuten erheben dürften, gerade wenn die Uhr im letzten Viertel immer weiter heruntertickt.

Das Team in Brooklyn verfügt definitiv über eine Menge Charme und Potential, aber mindestens ebenso viel Sprengkraft. In einem in der Spitze stark verbesserten Osten werden die Nets sicherlich ein Wörtchen in den Playoffs mitreden können, ob es zum ganz großen Wurf reicht, darf allerdings lautstark bezweifelt werden.