29 Oktober 2013

Roman Schmidt | 29. Oktober, 2013    @sch_rom






Flashback: 45-37 (.549), Platz 5 im Osten, 2. PO-Runde

Es erfüllt jeden Bulls-Anhänger mit Freude, das letzte Jahr endlich ad acta legen zu können. In vielerlei Hinsicht war der Saisonverlauf absehbar. Chicago hat sich einmal mehr als knochenhartes Team bewiesen, dessen Einsatz nur von seinem Drill-Sergeant an der Seitenlinie überboten wird. Im Defensiv-Rating belegte man einen der oberen Plätze (6.) und mit Joakim Noah und Luol Deng waren wieder Haupt-Akteure lange Zeit in der Riege der Spieler mit den meisten Minuten pro Spiel vertreten, die auch noch eine signifikante Anzahl an Spielen fehlten (beide zusammen 30, inkl. Playoffs). Business as usual also in Chicago. Dass man das ganze Jahr auf Derrick Rose warten müsste, hat jedoch niemand gewusst - bis auf Gott… logisch. Das Angriffsspiel der Bulls kam teilweise komplett zum Erliegen. Bildeten sie im Jahr zuvor noch eine Top-10 Offense, schafften sie es ohne D-Rose in keiner wichtigen offensiven Team-Statistik einen besseren Platz als 23 zu belegen (23. In OffRtg, 29. in Points per Game, 29. in Dreier pro Spiel). Besonders deutlich wurde dies im Februar mit einer Bilanz von 5-8 und nicht-NBA-tauglichen 89,3 Punkten pro Spiel. Dank Tom Thibodeau’s Führung, über sich hinauswachsender Jimmy Butlers und Joakim Noahs und zum Schluss strauchelnder Hawks (5 Niederlagen in den letzten 7 Spielen) konnten Chicago ein dankbares Matchup gegen die Brooklyn Nets ergattern. Was folgte, war eine Ansammlung von kleinen Basketball-Wundern, wie die spontane „Heilung“ des Defensivankers Noah ("I’ll just play through it, man") und der personifizierten little-guys-can-be-big-too-story Nate Robinson ("Like the old school game, ‘NBA Jam,’ you make a couple and the rim’s on fire and when you shoot the ball, the ball’s on fire. I feel like that at times. Well, all the time."). Das Erreichen der zweiten Runde oder das Beenden der Heat-Siegesserie waren moralische Siege, die sich dieses Team hoch anrechnen kann. Dennoch muss man sich beim schlussendlichen Ziehen der Bilanz eingestehen: Die letzte Season war eine vergeudete. Gott sei Dank ist sie vorbei.

Plus: Mike Dunleavy Jr. (MIL), Tony Snell, Erick Murphy

Minus: Lead Assistant Coach Ron Adams (BOS), Nate Robinson (DEN), Marco Belinelli (SAS), Richard Hamilton (Hauptsache weit weg), Vladimir Radmanovic, Daequan Cook



Wichtigster Neuzugang: Mike Dunleavy Jr.

Habe ich bereits erwähnt, dass die Bulls von außen schrecklich waren? Okay, anders: Die Distanz zwischen ihnen und den guten 3-Point-Teams der Liga war so groß wie die gewöhnliche Distanz zwischen dem Korb und einem Josh Smith-Jumpshot. Zwar trafen sie noch hochprozentig genug, um immerhin noch Platz 20 in der Liga zu erreichen, jedoch warf und traf - bis auf die Grizzlies - kein Team weniger Dreier. Thibodeau hat darauf den Drei-Punkte-Notstand ausgerufen und seinen Scharfschützen via Free Agency bekommen. Sollte nun jemand noch nie etwas von Mike Dunleavy Jr.  gehört haben oder ihn als typischen weißen Bench-Shooter ohne jede Athletik und Defense kennen, werden einige Zahlen im folgenden Segment dessen Welt erschüttern. Dunleavy (Karriere 37% Dreier) trifft seine Dreier seit drei Saisons im Bereich der 40% und letztes Jahr in Milwaukee gar 42,8%. Er macht 1,2 Punkte pro Spot-Up-Shot. Catch and Shoot Release ist bei zweimaligem Blinzeln kaum zu erfassen. Er ist ein ausgezeichneter Shooter, so weit so gut. Kommen wir jetzt zum verrückten Kram. Der Ex-Hirsch hielt gegnerische Small Forwards bei einem PER von durchschnittlich 10,6 - das ist weit unter Ligadurchschnitt (PER15). Überhaupt hat er seinen Gegenspielern ein durchschnittlichen PER von nur 11,7 erlaubt. Damit ist er auf Platz 6 aller NBA-Spieler, die mehr als 40% der Team-Minuten auf einer Position abbekamen. Wer hinter ihm steht, fragt ihr? Leute wie Andre Iguodala (11,8) und Kawhi Leonard (12). Dunleavy befindet sich in der Opponents PER-Statistik in Gesellschaft von Edelverteidigern wie Paul George, Tony Allen und Jimmy Butler. Lust auf mehr bekommen? Es geht weiter: nur drei Spieler in der NBA hatten zusammen bessere Assist- (11,5%), Usage- (17,3%), Rebound- (8%) und eFG% (54,5%) Werte als Dunleavy: Lebron James, Kevin Durant und Chandler Parsons. Auf 36 Minuten hoch gerechnet, sind Parsons und Dunleavys Statistiken sogar erschreckend ähnlich. Dunleavys Defense ist genau wie sein Offense-Game: Absolut unspektakulär und absolut effizient. Seine Fähigkeiten liegen insbesondere im Positionsspiel, denn als Sohn eines Coaches er hat ein perfektes Verständnis dafür entwickelt, wo er zu welchem Zeitpunkt auf dem Court stehen muss. Basketball-Verständnis kann man sich nicht problemlos von den FA-Bäumen pflücken. Thibodeau liebt intelligente Spieler, und darum wird er auch Dunleavy lieben - sobald der das defensive Bulls-System verinnerlich hat, natürlich. Dies wird auch hoffentlich der Zeitpunkt sein, an dem Deng und Butler ihren Back-Up bekommen, den Tom the „Meatgrinder“ Thibodeau für würdig hält. So wie es im Moment jedenfalls aussieht, liebe ich Dunleavy und hoffe, ich konnte auch einige der Leser überzeugen.

Shining Star: Derrick Rose

He's back! That is all.

Scouting: Sollte jemand in Rot aufgrund des letzten Jahres vergessen haben, wie ein Fastbreak aussieht: das läuft in etwa so ab. Dank D-Rose wird es endlich wieder häufiger einfache Körbe in Transition geben. Thibodeau wurde gezwungen, die Bulls zu einem Team zu machen, das seine Offense hauptsächlich aus dem High-Post generiert. Dazu nutzte er die Passqualitäten von Carlos Boozer und vor allem von Noah, der dadurch auf beachtliche 4 Assists pro Spiel kam (2,1 Karrierewert). Mit ihrem wieder genesenen Hometown-Hero sollten die Bullen allerdings wieder die Pick and Roll Offense spielen, die sie in vergangenen Jahren so erfolgreich gemacht hat. Außerdem kann Thibodeau dank Dunleavy seine alten Playbookseiten mit Back-Curls und Floppies, die er nach dem Korver-Trade herausgerissen haben muss, wieder hinter dem Sofa hervor kramen. Sehr interessant wird zu sehen sein, ob Thibodeau sich zu Small-Ball mit einer Rose-Butler-Dunleavy-Deng-Noah-Lineup durchringen kann. Vor allem um Miamis 3-Guard Lineups zu kontern, wäre dies ein adäquates Mittel. Durch Jimmy Butlers unerwarteten Aufstieg zum überdurchschnittlichen Dreier-Schützen hat Rose nun außerdem eine weitere Station für seine Kick-Outs nach Penetration. Die Defense der Bulls dürfte mit Butler ebenfalls einen Schritt nach vorne machen, denn mit Butler, Deng und Noah steht Chicago ligaweit in Sachen Help-and-Recover ligaweit ganz weit oben. Die Bulls werden in der Defense logischerweise weiterhin Thibodeaus Strongside-Flooding betreiben. Es gäbe ja auch keinen Grund, weshalb sie dies ändern sollten. Problematisch ist die Situation des Back-Up Centers. Hinter Noah, der vom Coach weniger Minuten bekommen wird, muss Nazr Mohammed (und vielleicht Dexter Pittman) effiziente Minuten spielen. Im schlimmsten (und nicht unwahrscheinlichsten) Fall wird Noah wieder wegen seiner Plantaren Fasciitis fehlen und die Bulls stehen plötzlich mit Mohammed als Starting-Center da - das ist suboptimal. Da sich die Lage auf der Fünf nicht ändern wird, muss man hoffen, dass Noahs neue Adidas-Treter seine Leiden zumindest geringfügig lindern können.



Check: Die Chicago Bulls haben es geschafft, pünktlich zu #TheReturn ein Roster zusammenzustellen, das Derricks Stärken ideal nutzen kann.

Die Entlassung von Tom Thibodeaus Lead Assistant und gutem Freund Ron Adams hinterlässt einen faden Beigeschmack im Chicagoer Lager. Einige behaupten, es gäbe interne Machtkämpfe zwischen dem Coach und GM Gar Forman, andere behaupten, die Medien würden die Entlassung nur entsprechend zum Ereignis aufplustern. Was auch immer der Wahrheit entspricht, Thibs ist ein Voll-Profi und seine Besessenheit, das Team besser zu machen, steht über allem - eine Besessenheit, die er mit seinem Starspieler teilt. Denn wenn sich der eine darüber beschwert, in einem Preseason-Spiel vom Platz gestellt zu werden, während der andere während besagten Preseason-Spiels die Schiedsrichter anbrüllt, als sei es Game 7 der NBA Finals, haben sich zwei Seelen gefunden. Solange Derrick Rose in Chicago spielt, ist Tom Thibodeaus Platz auf der Trainerbank reserviert.

Rechnet man Nate Robinsons Abgang mit Derrick Rose auf - und tut mir leid, Nate, auch du hast deine Grenzen - muss allein Belinelli ersetzt werden. Wie bereits erläutert, ist Dunleavys Verpflichtung (nicht nur) deshalb wie Arsch auf Eimer für die Bulls. Für die Übernahme von Belinellis Ballhandling steht außerdem Kirk Hinrich bereit, der einen sehr guten Back-Up Point Guard und Teilzeit-Shooting-Guard abgeben kann, sofern er gesund bleibt. Außerdem ist Taj Gibson nach einer mehr oder minder grauenvollen, von Verletzungen geplagten Post-Season bereit, zurückzuschlagen. In der Preseason konnte man ihn bereits in sehr guter Form erleben. Für die Rookies Snell und Murphy wird es vermutlich wenig bis keine Minuten geben. Ein Hoffnungsschimmer stellt Marquis Teague dar, der möglicherweise Minuten von Hinrich abnehmen kann, wenn er denn bereit sein sollte. Ein Deng-Trade wird zwar immer wieder zum Thema in den Medien, doch scheinen alle in der Organisation gewillt, diesem Team eine letzte, faire Chance auf einen Title-Run zu gewähren und die Deng-Agenda in die Zukunft zu verschieben.

Achja: Keith Bogans, Rip Hamilton, Marco Belinelli. Liste ich hier die 3 schlimmsten Defender auf, die mir in den Sinn kommen? Nein, dies sind die letzten Shooting Guard Starter der Bulls. Heißt das, die Bulls haben seit Jahren zum ersten Mal einen vernünftigen Zweier? Genau das heißt es. Man muss zunächst klarstellen, dass Jimmy Butler ein natürlicher Small Forward ist, da ihm vor allem das Ballhandling für einen waschechten Shooting Guard fehlt. Doch er ist bereits jetzt einer der besten Verteidiger auf dem Flügel. Um zwei kleine Stichproben zu liefern: Er hielt Lebron James in der Heat-Serie (die er nebenbei fast komplett durchspielte) bei 43% FG. In der weiter oben angesprochenen Opponent’s PER-Liste belegt er sogar Platz 2. Ich kann nur für mich sprechen, doch Jimmy Buckets ist genau der Shooting Guard, den ich mir immer gewünscht habe. Wenn Bulls-Fans ehrlich sind, hatte man, trotz knapper Spiele, 2011 nie die echte Chance, die Heat in den Conference Finals zu besiegen, weil Wade mit Bogans getrieben hat, was er wollte. Mit Blick auf die Heat und Pacers kann man sagen, dass Butler dort immens sehr wichtige Spieler (Wade/Lebron, George/Granger) checken wird, die er vielleicht nicht ganz ausschalten, aber zumindestens schwer behindern kann. Der große Wurf in den Playoffs kann nur mit Jimmy Butler gelingen. Und wenn er in seiner Entwicklung weiterhin diese Geschwindigkeit hinlegt, sind die Möglichkeiten für dieses Team so hoch wie sie nur sein können.

Aufmerksame Leser merken schon längst, dass ich das Thema Derrick Rose umgehe. Es ist allerdings ganz einfach erklärt: Wenn er so spielt wie vor seiner Verletzung, haben die Bulls nicht nur eine theoretische Chance, in der Übergangszeit zwischen Frühling und Sommer auf dem Siegerpodest zu stehen. Wenn er nicht so spielt, wird es schon schwer, die stark aufstrebenden Pacers zu eliminieren. Rose weiß, dass er in der Bringschuld ist, dass sein Team, die ganze Metropole Chicago, ach was, die ganze Basketballwelt, ein ganzes Jahr auf seine Rückkehr gewartet hat. Diesen Druck hat er sich selbst aufgebaut und muss nun zeigen, dass all das Warten sich auszahlt.

Auffällig ist, dass Chicagos Spielzeiten seit Jahren von Verletzungen geprägt waren. Ob Noah, Deng, Boozer oder Rose, es standen fast permanent wichtige Spieler auf dem Injury-Report. Und für eine erfolgreiche Saison ist genau dies zu vermeiden. Thibodeau hat in mehreren Interviews bereits angedeutet, dass er die Minuten seiner Spieler drosseln möchte. Alle neuen Advanced Statistics weisen darauf hin, dass verminderte Minuten mit selteneren Verletzungen und sogar besseren Leistungen einhergehen. Der Schlüssel für die Bulls ist die Gesundheit. Wann immer Rose, Deng, Boozer und Noah zusammen auf dem Court standen, gewannen sie satte 85% ihrer Duelle.

Die Bulls wollen nicht nur zurück an die Spitze der Central Division, sie wollen an die Spitze der NBA. Mit der Rückkehr des verlorenen Sohnes ist dies ein angemessenes Ziel. Sollten es gesund bleiben, gibt es für dieses Team kein Limit. Ein Umstand, auf den Chicago, zumindest bisher, vergeblich gewartet hat.