28 Oktober 2013

Onur Alagöz | 28. Oktober, 2013    @LakersParadigm






Flashback: 24-58 (.293), Platz 13 im Osten

Ein kleiner Hauch von Hoffnung machte in Ohio die Runde: LeBron James wird kommenden Sommer Free Agent und die Anhängerschaft seiner Heimatstadt strebt natürlich ein kitschig-versöhnliches Homecoming an. Vorher hatte man jedoch noch eine Saison zu absolvieren, in der allerdings durchaus einige positive Nuancen auffielen, allen voran Point Guard Kyrie Irving. In seiner Sophomore-Saison konnte sich der Jungstar als einer der besten jungen Aufbauspieler der Liga etablieren, was ihm zusammen mit seinen 22,5 Punkten, 3,7 Rebounds, 5,9 Assists und 0,0 Defense einen Platz im All-Star Game bescherte. Einziger Wermutstropfen waren die 23 Spiele, die Irving verletzungsbedingt nicht bestreiten konnte. Erfreulich war für die Kavaliere auch die positive Tendenz für Power Forward Tristan Thompson. Der Kanadier konnte sich in jeder Kategorie statistisch verbessern, startete alle 82 Spiele und beendete die Saison mit 11,7 Punkten und 9,4 Rebounds im Schnitt. Rookie Dion Waiters musste zwar 20 Partien von der Seitenlinie aus betrachten – sein Knöchel machte ihm zu schaffen – lieferte jedoch eine solide Premierensaison ab (14,7 Punkte in nur 28,8 Minuten). Trotz der talentierten jungen Spieler, die man in Ohio hortet, konnte man ein miserables Endergebnis in Form der drittschlechtesten Bilanz der Liga nicht abwenden. Aber Glück im Unglück: die Draftlottery war wieder hold, der zweite Nummer 1-Pick innerhalb von drei Jahren war die Folge.

Plus: Andrew Bynum (PHI), Jarrett Jack (GSW), Earl Clark (LAL), Mike Brown (Headcoach, LAL), Anthony Bennett, Sergey Karasev

Minus: Omri Casspi (HOU), Marreese Speights (GSW), Shaun Livingston (BKN), Wayne Ellington (DAL)



Wichtigster Neuzugang: Andrew Bynum

Bis vor zwei Jahren noch als mindestens zweitbester Center der Liga in aller Munde, machte Andrew Bynum vergangenes Jahr nur mit seiner Frisur und seinem Faible für den Kegelsport von sich reden.
Nach einem kompletten Jahr im Leerlauf, in dem er versuchte, sein kaputtes Knie zu rehabilitieren, kann er bei den Cavs einen Neuanfang starten. Dafür war das Management bereit, ihm einen Zweijahresdeal im Wert von maximal 24 Millionen grünen Scheinen anzubieten. Unvorsichtig ist man jedoch nicht gewesen: vom gesamten Vertrag sind insgesamt nur 6 Mio $ garantiert. Wird er bis Januar nicht entlassen, bekommt er volle 12 Mio. überwiesen. Abgesehen von der finanziell sehr soliden Entscheidung bleibt abzuwarten, wie fit Drew wirklich sein kann. In seiner letzten Saison bei den L.A. Lakers war der 25-jährige eine Naturgewalt mit 19 Punkten, 12 Brettern und 2 Blocks pro Partie. Schafft es der Hüne, wieder ansatzweise an alte Zeiten anzuknüpfen und 15/9 aufzulegen, bietet sich hier eine geniale 1-2-Kombo mit Irving. Skeptisch bin ich trotzdem.

Shining Star: Kyrie Irving

Der #1-Pick von 2011 zeigte sein explosives und sehr reifes Spiel im vergangenen Jahr in vollen Zügen. 'Uncle Drew' ist einer der begabtesten Score-first-PGs der Liga, ein brillanter Ballhandler und eiskalter Anführer. Irving machte den von ihm erwarteten Sprung nach oben und ist bereits jetzt ein Spieler von Franchiseformat, nach dem sich die meisten Mannschaften die Finger lecken würden. Einzig Zweifel an seinen Passfähigkeiten und der Verteidigung wurden laut. Ist die Kritik an Letzterem – bzw. der Mangel daran – berechtigt, so muss man ihn bei seinen Assistzahlen schon in Schutz nehmen. 5,9 Assists sind mehr als durchschnittlich, bedenkt man die Last, die er im Angriff tragen muss. Viel schlimmer ist da seine Legasthenie in der Defense: Irving ist am eigenen Ende des Spielfelds miserabel. Hier muss sich dringend etwas tun, zumal die Cavs ohnehin eines der schwächsten Defensivteams der Liga sind. Vielleicht kann Mike Brown ja helfen.

Scouting: Auf dem Papier sieht das Team vielseitig und ansprechend aus: Irving als Ballhandler und Offensivoption Nummer 1, Waiters als explosiver Off-Guard, Earl Clark als Taschenmesser auf dem Wing, Tristan Thompson als aggressiver Ackerer und Andrew Bynum als Terror unter den Körben. Die Thompson/Bennett-Frage ist noch ungeklärt, im Normalfall wird Coach Brown hier dem Rookie nicht den Vortritt überlassen können. Dahinter hat man sich mit Jarrett Jack den vielleicht besten Backup-PG der Liga gesichert. Tyler Zeller ist ein vielversprechendes Center-Projekt. Viel wird nach wie vor über Irvings Penetration oder sein sicheres Perimetergame laufen. Alle Optionen im Angriff hängen von Irvings Entscheidungen ab. Macht er's selbst, lässt er Waiters aggressiv zum Korb gehen, wirft Bennett den 15-Footer oder vielleicht doch der kleine Durchstecker zum freien Dunk für Bynum/Thompson. Irving auf dem Feld bedeutet für das gegnerische Team immer, dass es doppelt wachsam sein muss. Defensiv bietet die Mannschaft außer Andrew Bynum keinen einzigen überdurchschnittlichen Verteidiger. Dion Waiters und Earl Clark haben Potenzial, aber dieses Team läuft trotzdem Gefahr, jede Nacht 100 Punkte kassieren. Wieviel Coach Browns Defensivmentalität daran ändern kann, bleibt abzuwarten. 



Check: Alle, die auf eine Playoffteilnahme in Cleveland hoffen, sollten lieber vorsichtig sein. Ich hab sie in meiner Liste auf dem 8th seed im Osten – falls Bynum einschlägt, Irving gesund bleibt und auch sonst alles vollkommen klickt. Da der Osten nach unten hin relativ offen ist und bleibt, wird sich hier spätestens im Januar die Saisonperspektive der Cavaliers zeigen: Einerseits will man zur Schau stellen, dass sich das Team stetig verbessert, andererseits möglichst viele Assets für einen LeBron-James-Rekrutierungsversuch anhäufen.

Die Ambitionen der Franchise liegen nämlich nach wie vor in Richtung King James. Der neu angestellte Coach Mike Brown, der nach nur fünf Spielen von den Lakers entlassen wurde, will ein System etablieren, mit dem er – Überraschung! – seinen persönlichen Freund LeBron bis in die Finals lotsen konnte. Die Aussicht, mit einem der besten jungen Spieler der Liga zu spielen, die finanzielle Flexibilität und ein fernsehreifes Wiedersehen mit der Stadt, die ihn groß machte – alles vielleicht gute Gründe für LeBron, hier seinen nächsten Vertrag zu unterzeichnen. 

Das Team ist nur so gespickt mit jungen Talenten. Vier Spieler im Kader sind Top-4-Picks aus den letzten drei Jahren: Irving (#1), Thompson (#4), Waiters (#4) und Bennett (#1). Den auslaufenden Vertrag von Haarmodel Anderson Varejao wird man sicherlich versuchen abzustoßen, bevor die Trade Deadline ins Land zieht. Benötigt werden brauchbare Rollenspieler – ein, zwei Shooter fehlen noch, ebenso wie Veteranen mit Playofferfahrung. 

Wie bereits angesprochen hängt sehr viel vom Impact Bynums und der Entwicklung der Rookies/Sophomores ab. Dion Waiters wird von vielen als Dwyane-Wade-Klon gesehen, Anthony Bennett ist ein solider Stretch Four in Light-Version. Irving wird sicherlich einen weiteren Satz nach vorne machen, zumal er mit Jarrett Jack – dessen 4 Jahre/25 Mio. $ Vertrag ein wahres Schnäppchen war – einen der spielintelligentesten und professionellsten Spieler seiner Position als Mentor hat. Die von mir bereits kritisierte Defensive wird die größte Baustelle für Coach Brown sein; Letztes Jahr belegte man im Defensive Rating nur den 26. Platz. In 58 Niederlagen ließ man einen gegnerischen Punkteschnitt von 103,8 Zählern zu – ein desaströser Wert. Trotz aller Unsicherheiten ist dieses Team dennoch endlich mal wieder interessant.

Den Fluch der Clevelander, die seit 1964 keinen Titel mehr im Profisport ihr Eigen nennen konnten, hat den Leuten ebenso zugesetzt, wie „The Decision.“ Seit LeBron das Team verlassen hat, hagelte es Niederlagen, „eindrucksvoll“ bewiesen durch die 26-Pleiten-am-Stück-Serie 2010-2011. Allerdings sind die Cavaliers ein League Pass Geheimtipp. Die Spiele werden nicht mehr so einseitig laufen wie in der Vergangenheit, die Lachnummer der NBA darf sich wenigstens mal wieder im unteren Mittelfeld wähnen. Interessanter als die kommende Saison wird aber der Sommer danach. Der Draft 2014 oder LeBron James' Free Agency – die Kavaliere haben bei einem dieser heiß erwarteten Events sicherlich das ein oder andere Wörtchen mitzureden.