28 Oktober 2013

Daniel Schlechtriem | 27. Oktober, 2013  







Flashback: 45-37 (.549), Platz 8 im Westen, 1. PO-Runde

Zero to Hero! Houston ist ein Vorzeigebeispiel, wie sehr sich das Gesicht einer Franchise innerhalb eines Jahres zum Positiven verändern kann. Die Rockets wurden kurz vor Saisonbeginn bärtiger – und wandelten sich mit einem Zug, zugegebenermaßen einem genialen von GM Morey, von einem Team, das gerade eine radikale Verjüngungskur verordnet bekam und höchstens um einen hohen Draft Pick spielte, zu einem legitimen Playoffanwärter. Das neue Aushängeschild James Harden erfüllte die gewaltigen Erwartungen von Beginn an, untermauerte seinen Status als zukünftig bester Shooting Guard der Liga und brachte zum ersten Mal seit 2009 – damals trugen noch Yao Ming, Shane Battier und Ron Artest rot – Postseason Basketball ins Toyota Center. Zwar folgte das erwartete Erstrundenaus gegen Ligenprimus OKC, dennoch war die Serie – vom deutlichen ersten Spiel abgesehen – sehr ausgeglichen und den jungen Texanern eine wichtige Lehre. Sie gehen mit dem Rückenwind dieser wertvollen Erfahrung hungrig in die neue Saison. Und plötzlich auch mit dem besten Center (/Power Forward?) der Liga. 

Plus: Dwight Howard (LAL), Marcus Camby (TOR), Omri Casspi (CLE), Reggie Williams (CHA), Ronnie Brewer (OKC), Isaiah Canaan

Minus: Thomas Robinson (POR), Royce White, James Anderson, Tim Ohlbrecht (alle PHI)



Wichtigster Neuzugang: Dwight Howard

Der 5. Juli diesen Jahres wird als historisches Datum in die Franchise-Geschichte eingehen. Zunächst wurde Philadelphia ihrem Namen als Stadt der brüderlichen Liebe gerecht und gewährte den Rockets in einem selbstlosen Akt, das wandelnde Ärgernis namens Royce White in Richtung der Freiheitsglocke zu entsorgen. Der dadurch entstandene finanzielle Freiraum erlaubte noch am selben Tag DEN Coup des Sommers, die bedeutsamste Free Agent Verpflichtung in der Geschichte der Franchise: Daryl Morey zog Nutzen aus der chaotischen Vereinsführung der großen Lakers und den sechsfachen All-Star sowie dreifachen Defensive Player of the Year an Land. Trotz anhaltender Schwierigkeiten (Rückenprobleme, Kobe Bryant, Kobe Bryants Ego, Mike D'Antoni, noch mal Mike D'Antoni) war D12 vergangene Saison immer noch bester Rebounder (12,4) und fünftbester Shotblocker (2,4) der Liga. In Houston wird er zu alter Stärke finden, denn er bekommt einen Big Man Head Coach in Kevin McHale. Außerdem war dieser Neuzugang endlich das überzeugende Argument für den besten Rocket der Geschichte, Hakeem Olajuwon, um sich wenigstens halbwegs regelmäßig als Assistenztrainer einzubringen. Diese Personalie, das geballte Fachwissen des zweimaligen Champions und MVPs von 1994, wird das Gesamtpaket nicht nur Howards, sondern auch der restlichen Großen wie Greg Smith, Donatas Motiejunas und Terrence Jones erheblich verbessern.

Shining Star:  James Harden

Ebenso wichtig ist der 27. Oktober des letzten Jahres – an diesem Tag erhielt Daryl Morey die alles verändernde Zusage aus Oklahoma City. Howard mag der größere Name sein, doch die Rockets sind vorerst Hardens Team – und ohne Harden kein Howard, das steht außer Frage. 25,9 PPG, 4,9 RPG und 5,8 APG bei einer Trefferquote von 43,8% aus dem Feld sprechen eine deutliche Sprache. Die Offensive der Rockets läuft primär über den Olympiasieger von 2012: Er trifft sicher von außen, er zieht zum Korb und damit gegnerische Fouls und auch in der Crunchtime ist auf ihn Verlass. Der Bart hat die Mediocrity Treadmill fachgerecht zerstückelt und aus den Rockets wieder ein Gewinnerteam gemacht, sich selbst ganz nebenbei mit der vermehrten Spielzeit und Verantwortung zum legitimen All-Star erhoben.

Scouting: Ein dominanter Center verändert das ganze Spiel. Ein Big Man von allerhöchster Qualität war der Erfolgsgarant der Rockets Mitte der 90er. Damals baute Houston Scharfschützen wie Robert Horry, Kenny Smith, Mario Elie und Clyde Drexler um Hakeem The Dream herum – zwei Championship-Ringe zeugen vom Funktionieren dieses Prinzips. Ein solches Erfolgsrezept greift Houston nun wieder auf, denn egal wer mit Howard auf dem Feld stehen wird, er hat drei bis vier gefährliche Schützen mit auf dem Court, so dass sich das gegnerische Team praktisch kein Doubleteaming erlauben kann. Houstons Run'n'Gun Stil der letzten Saison wird auch mit Howard nicht abgelegt werden. Seine Präsenz unter dem Korb und seine Athletik ermöglichen den pfeilschnellen Guards, zahlreiche Fastbreaks zu laufen. Das Toyota Center wird auch diese Saison eine Menge Körbe sehen. Weitere Iso Plays über Harden sowie Howards hoffentlich verbessertes Low Post sind ebenso zu erwarten. Der neue Mann in der Zone wird die Defensivprobleme der vergangenen Jahre weitestgehend in den Griff kriegen, aber nicht gänzlich beheben können. So athletisch und treffsicher die Flügelspieler auch sein mögen, ein großes Fragezeichen steht hinter der Perimeter-Defense. GM Morey verpflichtete Ronnie Brewer, um hier für Abhilfe zu sorgen, der 28-jährige wird diese gewaltige Aufgabe allerdings nicht alleine bewältigen können.



Check: Harden und Howard können das erreichen, was dem Duo Yao/McGrady verwehrt blieb. Zusammen mit einem immer besser werdenden Chandler Parsons sowie wachsender Qualität von der Bank greifen die Raketen nach den Sternen. Nicht weniger als die Championship ist das länger-, nun wohl mittelfristige Ziel, das selbst vorgegeben wurde, als es noch vor dem Harden-Trade in Richtung Rebuild zu gehen schien. Fragen nach Teamchemie werden nicht aufkommen, Howard und Harden sind schon länger befreundet, auch mit dem ursprünglich aus Orlando stammenden Parsons ist D12 länger bekannt. Bereits unmittelbar nach Vertragsunterzeichnung im Juli traf sich ein Großteil des Teams zu Workouts und ließ somit keinen Zweifel am unbändigen Willen, gemeinsam etwas zu erreichen.

Der Kampf um die großen Positionen ist die größte Baustelle im Team. Spielt McHale mit Howard in der Mitte und einem Strech Power Forward? Dann passen Motiejunas und Jones ins Konzept, müssen jedoch beide ihre Tauglichkeit dauerhaft noch unter Beweis stellen. Oder setzt er gar, wie in den letzten Preseason Games, auf Twin Towers – also Howard gemeinsam mit Asik in der Zone? Je nach Konstellation ist diese Variante eine adäquate Alternative, vor allem wenn es gegen Brecher wie Blake Griffin, Zach Randolph oder Serge Ibaka geht.

Die spannendste Frage neben dieser bleibt die nach dem Liebling der Marketing-Abteilung, Jeremy Lin. Dessen Rolle im Team ist offener denn je. Harden und Parsons sind bessere Offensivoptionen, wenngleich der Harvard-Absolvent sehr von Howards Pick'n'Roll profitieren könnte, ähnlich dem Tyson Chandlers zu Zeiten von Linsanity. Da der unerwartete wie bemerkenswerte Aufstieg Patrick Beverleys – der im ersten Vorbereitungsspiel in Jrue Holiday nicht weniger als einen All-Star wie einen Schulbuben vorführte – gewiss kaum ohne Folgen bleiben wird, könnte Lin die von manchem Experten ohnehin für sinnvoller erachtete Rolle des sechsten Mannes bekleiden, der, insbesondere wenn Harden auf der Bank Platz nimmt, den Ball in die Hände bekommt.

Das Minimalziel, die 45 Siege des Vorjahres zu überbieten, sollte mit diesem Team kein Problem darstellen. Rockets Fans träumen sogar mindestens von einer Einstellung des Franchise-Rekords von 58-24. Um im toughen wie unvorhersehbaren Westen die ganz große Rolle zu spielen, fehlt womöglich noch das ein oder andere Puzzlestück. Dem Anspruch an sich selbst nach darf es aber wenigstens Platz vier und damit Heimvorteil werden.