29 Oktober 2013

Rainer Ludwig | 29. Oktober, 2013    @Sly_S04






Flashback: 66-20 (.805), Platz 1 im Osten, NBA Champs

Die Miami Heat gingen zum ersten Mal in der Big Three Ära als Meister in eine neue Saison. Doch schon bald entfalteten sich die Symptome der typischen Post-Meisterschafts-Krankheit, von dessen Virus sich schon so viele Champions infizieren liessen: Selbstzufriedenheit, Antriebslosigkeit und eine kleine Portion Arroganz. In den ersten Monaten nahm man das Verteidigen am South Beach nicht ganz so ernst und versuchte mit halbem Aufwand durch die Saison zu gelangen. Die Folge:  Es hagelte reihenweise Niederlagen gegen direkte Konkurrenten und peinliche Overtime-Sequenzen gegen deutlich schwächere Mannschaften. Die Wende wurde erst durch eine "Rede des Jahres" von Glue Guy Shane Battier auf einem Rückflug nach Miami ausgelöst. In der Folge lief der Heat-Express, angeführt von einem wiedergenesenen Dwyane Wade, wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Mannschaft um Erik Spoelstra lieferte ein historisch gutes Basketball-Produkt ab und war mit 27 Siegen in Folge kurz davor, den All-Time-Rekord der ehemaligen Lakers-Truppe um Jerry West zu pulverisieren. Dann riss die beeindruckende Serie gegen die Chicago Bulls und mit ihr die Leichtigkeit. Der NBA-Alltag holte die "Superfriends" wieder ein: Das Knie von Wade machte wieder Ärger, der Wurf von Chris Bosh wollte zum ungünstigsten Zeitpunkt des Jahres nicht mehr fallen und die beiden dicken Freunde James und Wade hatten plötzlich wieder Probleme, zu koexistieren. Mit dem Herz eines Champions, einer großen Portion Stressresistenz und dem unglaublichen Buzzer-Beater von Ray Allen in Spiel 6 der NBA-Finals konnten die "Heatles" ihren Kopf in aller letzter Sekunde noch einmal aus der Schlinge ziehen. Back to Back!

Plus: Michael Beasley (PHX), Gred Oden,  Roger Mason Jr.
Minus: Mike Miller (MEM), Juwan Howard, Dexter Pittman (CHI), Terrel Harris



Wichtigster Neuzugang: ---

Oden, Beasley und Mason Jr. mal außen vor: Der wichtigste Neuzugang ist im diesen Jahr der echte und gesunde Dwyane Wade. Der Superstar kämpfte in den letzten beiden Jahren durchgehend mit Problemen an beiden Knien. Heat-Anhängern und Basketball-Liebhabern blutete beim Anblick des Combo-Guards häufig das Herz. Teilweise stolperte einer der besten Basketballer aller Zeiten mit dicken Knien über's Feld. Um diesen Schmerzen und Qualen endlich eine Ende zu bereiten, hat sich Wade in diesem Sommer endlich einer Elektroschock-Therapie unterzogen. Außerdem arbeitet er wieder mit Fitness-Trainer Tim Grover zusammen. In den ersten Wochen der Zusammenarbeit hat Wade bereits einige Pfunde verloren: Ein Segen für das viel gescholtene Knie. So möchte "Three" seine abhanden gekommen Explosivität wieder erlangen und seine Gegner demnächst wieder mit dem gefürchteten schnellen ersten Schritt vor Probleme stellen. Ein effektiver Wurf von der Dreipunktelinie würde ihm ebenfalls gut zu Gesicht stehen, da die Gegner seinen Distanzwurf nicht respektieren und sich in der Zone vor ihm zusammenziehen. Ein Miami-Team, dass keinen Raum für Fehler hat, ist dringend auf ein Upgrade der Wade-Version von 2012/2013 angewiesen.

Shining Star: LeBron James

Die Champs werden auch 2013/2014 nur so weit gehen, wie LeBron James sie tragen wird. James besitzt das breitgefächerte Arsenal, um nahe an der Vollkommenheit und Perfektion zu spielen. Er verfügt über einen fantastischen ersten Schritt, der gepaart mit seiner Brachialgewalt dafür sorgt, dass ihn kein Gegenspieler der Welt vor sich halten kann. Sobald James tief in das Herz der Verteidigung eindringt, trifft er fast immer die richtige Entscheidung und besitzt das Rüstzeug, um sowohl selbst effektiv abzuschließen (kein Spieler war im vergangenen Jahr effektiver in der Zone) als auch den öffnenden Pass präzise in die Hände des Schützen zu spielen. Die einzige Möglichkeit James aus der Zone zu halten, ist die altbekannte Zonenverteidigung. Zumeist verhindert aber auch diese letzte Maßnahme in der Not keine Abmilderung seiner Effektivität, da "Video-Game-James" eine neues Level als Sprungwerfer erreicht hat. Letztes Jahr war James einer der sichersten Jump-Shooter der Liga und gehörte obendrein zu den besten Schützen von jenseits der Dreipunktelinie. Es gibt eigentlich nur einen Mann, der LeBron James schlagen kann, und das ist er selbst. Manchmal zweifelt der vierfache-MVP immer noch an seinem astreinen Wurf oder ihm gehen zu viele Aspekte des Spiels auf einmal durch den Kopf. Dann wird der Point-Forward Opfer seiner eigenen Genialität, seiner Möglichkeiten und der Verantwortung, die mit diesen Möglichkeiten daher kommt.

Scouting: Die Rolle der Pivoten im Angriff der Floridianer hat sich in den letzten drei Jahren stark gewandelt. Anfangs dienten sie in der stagnierenden Offensive bloß als simple Blocksteller im Pick & Roll, die die Defensive aufgrund des mangelnden offensiven Repertoires nicht weiter beachten musste. Nun haben die Heat Systeme kreiert, in denen die Riesen vor allem als Blocksteller auf der ballfernen Seite fungieren (Cross-Screens, Down-Screens etc.) und anschließend zumeist in ein traditionelles Pick-and-Roll mit James und Wade involviert werden. Der Vorteil: Man nutzt die Big Men vielseitiger, schafft Überzahlsituationen und kann sozusagen "aus dem Laufen" das traditionelle Two-Man-Game gegen eine nicht gestellte Verteidigung zelebrieren. Die ganz simplen Pick-and-Rolls, also isoliert zu Beginn eines Angriffs ohne vorherige Aktionen abseits des Balles, wurden gänzlich aus dem Playbook gestrichen. Man nutzt sie nur noch als letzte mögliche Option, wenn alle Register reißen. Stattdessen startet man einen Angriff nun zumeist im Horns-Set (zwei Big-Men an den Zonen-Ecken oben, zwei Schützen unten in der Ecke) und besitzt quasi unendlich viele Möglichkeiten, den Angriff zu gestalten. Bevorzugt Spo eine kleine Aufstellung, greifen die Heat immer wieder auf die klassische 1-in-4-Out Formation zurück. Dabei macht man sich die überragende Physis von Superstar LeBron James zunutze, den keine Defensive der Welt eins-gegen-eins im Low-Post verteidigen kann. Dieser liest die Verteidigung, zieht die Hilfe und findet fast immer den offenen Schützen. Zuletzt konnten die Basketball-Romantiker mit Hochgenuss feststellen, dass Erik Spoelstra sogar Elemente der 5-out-Motion-Offense ins System der Heat implementierte. Dabei starten alle fünf Protagonisten den Angriff hinter der Dreipunktelinie und vollziehen solange Cuts und Rotationen, bis man ein Loch in die gegnerische Defensive reißt.



Check: Die Aspekte Rebounding und fehlende Präsenz in der Zone werden weiterhin Angstschweiß bei den Heat-Fans hervorrufen. Besonders dem smarten Teampräsidenten Pat Riley blutet angesichts seiner Vorstellung, Basketball zu spielen ("no Rebounds, no Rings!") oft das Herz. Durch die Verpflichtung von Beasley und Oden hat der opportunistische Riley wieder einmal gezeigt, dass er ein Fuchs ist. Seine Denke: Der Veteranen-Mix färbt durch seine Professionalität positiv auf die Einstellung der beiden Problemfälle ab. Beide Verpflichtungen bieten wenig Risiko. Sollte das Projekt Neuanfang scheitern, bekommt "Beas" keinen garantierten Vertrag und Odens minimales Gehalt wird sich nur geringfügig auf die laufenden Kosten des Meisters auswirken.

Skeptisch und mit viel Nüchternheit betrachtet man die Causa Oden in Miami. Jeder am South Beach ist sich darüber im Klaren, dass das Knie des Pivoten praktisch irreversibel geschädigt ist und die chronischen Schmerzen jederzeit wiederkehren können. Durch ein langsames und individuelles Aufbauprogramm wird man Oden langsam wieder an die Mannschaft heranführen. Im Besten Fall kann er rechtzeitig zu den Playoffs ein kleiner Bestandteil der Rotation werden. Dort könnte er als Defensivanker mit seiner Länge und seinem Shot-Blocking ein Segen für die chronischen Problem des Meisters sein.

Anders verhält es sich bei Headcase Beasley. "Beas" ist zumindest körperlich kerngesund und besitzt das komplette Rüstzeug, um in der NBA ein wichtiger Rollenspieler zu werden. Jedoch überschätzt der Swingman immer wieder seine Fähigkeiten und drückt zu oft außerhalb der Zone den Abzugsknopf, was ihn zu einer ineffektiven Option verkommen lässt. Schafft es Beasley zum ersten Mal in seiner Karriere, durch Einsatz am defensiven Ende und durch smartes Spiel auf sich aufmerksam zu machen, kann der Forward durchaus eine gewichtige Rolle in der Rotation von Erik Spoelstra spielen und für Instant Offense und Vielseitigkeit von der Bank sorgen.

Coach Erik Spoelstra hat durch innovative Ideen bei der Weiterentwicklung der Offensive endgültig bewiesen, dass er zu den Besten seines Fachs gehört. In der neuen Saison muss er einen schwierigen Spagat bewältigen. Einerseits darf er seine Stars nicht vor den Playoffs verheizen (Miami zählt zu den zwei ältesten Teams der Liga) und andererseits muss er seine Truppe wieder zur besten regulären Bilanz im Osten führen. Die letztjährigen beiden Playoffserien gegen die Pacers und Spurs haben gezeigt, wie wichtig der Heimvorteil für alle Mannschaften in der NBA ist. Als Balanceakt wird sich auch der Mix aus Small-Ball-Philosophie und klassischer Aufstellung erweisen, da der Coach sein präferiertes Spielsystem nicht über die ganze Saison durchziehen kann. Andernfalls laufen gerade die "unechten und künstlich geschaffenen" Power Forwards LeBron James und Shane Battier Gefahr, sich gegen die echten Big Men der Liga aufzureiben.

Die Kritik an einzelnen Akteuren der Heat (Wade, Bosh, Cole-Tradegerüchte) sollte die Eigenmotivation befeuern. Gepaart mit der Aufrüstung der Konkurrenz und den Zweifeln der Medien am Three-Peat, werden diese Umstände schon dafür sorgen, dass jegliches Desinteresse einzelner Protagonisten sofort im Keim erstickt (Sprichwort: No-Defense zu Beginn der letztjährigen regulären Saison) und der Heat-Motor diesmal von Beginn an glühen wird. Probleme und Streit könnten aber entstehen, wenn die beiden Co-Stars Dwyane Wade und Chris Bosh mit ihrer verminderten und beschränkten Rolle nicht mehr einverstanden sind. 

Besonders der Stretch-Fünfer leidet unter seiner unnatürlichen Rolle im Small-Ball-System der Heat. Abend für Abend kritisieren ihn die Experten für sein zu softes Spiel in der Zone. Dass sein Körper überhaupt nicht für derlei Positions-Kämpfe geschaffen ist, wird gerne mal verschwiegen. Der beste Mitteldistanzwerfer der Heat trägt ebenfalls als aggressiver Help-Defender im Pick and Roll einen wichtigen Beitrag dazu bei, dass Miami zu den besten Verteidigungen gehört und einen fast schon unheimlichen Druck auf gegnerische Offensiven ausüben kann. Ohne die Fähigkeit des "Boshosaurus", gewaltige Löcher in der Defensive zu stopfen, bricht diese oft zusammen. Stattdessen diskutiert man in amerikanischen Talk-Shows unentwegt über die chronische Rebound-Schwäche des Riesen, vergisst aber immer wieder zu erwähnen, dass sich Bosh durch seine Arbeit am Perimeter meist gar nicht in Rebound-Position befindet. Dank seiner Fähigkeit, das Spielfeld vorne breit zu machen und seiner Vielseitigkeit in der Defensive, bleibt der ehemalige Raptor der wertvollste Spieler im System der Heat nach James. 

Die Defensive des Meisters ist immer noch tödlich, die aggressive Verteidigung des Pick & Roll sucht immer noch ihres gleichen, die Wing-Defender gehören immer noch zu der Creme-de-la-Creme der Basketballwelt. Der Mix aus erstickender Verteidigung, individueller Klasse, Erfahrung, einer neu gewonnenen Qualität im Halfcourt-Basketball und der tödlichen Transition-Offener sorgen dafür, dass die Heat auch in der neuen Saison als absoluter Topfavorit ins Rennen gehen. Die letztjährigen Playoffs haben allerdings gezeigt, wie man Miami schlagen kann und wie menschlich der Meister in solchen Momenten agiert. Fazit: Miami ist weit entfernt vom Status einer unbesiegbaren Übermannschaft und wird sich gewaltig strecken müssen, um die Larry O'Brien Trophäe im Juni wieder in die Höhe zu stemmen. Greift ein Rädchen nicht in das andere, bleibt der Traum vom Three-Peat nur ein Traum.