28 Oktober 2013

Jeremias Heppeler | 28. Oktober, 2013   @RisseimAsphalt






Flashback: 38-44 (.463), Platz 8 im Osten

Das vergangene Jahr bei den Bucks war geprägt von stürmischen Unruhen auf der Trainerbank und im Backcourt. Ersteres offenbart alleine die Tatsache, dass in den vergangenen zwölf Monaten gleich drei unterschiedliche Headcoaches das Zepter in Milwaukee schwangen. Zweiteres lag vor allen Dingen am dynamischen Baller-Duo Brandon Jennings und Monta Ellis, die man eigentlich zum Gesicht der Franchise auserkoren hatte (und die die NBA in einem grandiosen Image-Werbespot als Superbuddys zelebrierte), deren zu ähnliche Spielanlagen inklusive dem Hang zu maschinengewehrartigen Wurfsalven aber nur bedingt coexistieren konnten. Nachdem der langjährige Dompteur Scott Skiles die Bucks nach einem soliden Saisonstart von der Trainerbank geschubst worden war (offensichtlich war der von Defensivfanatiker Skiles angestrebte Defensivbasketball nicht die Strategie, mit der die Verantwortlichen ihr Produkt 'Milwaukee Bucks' „sexy“ machen wollten), übernahm Jim Boylan an der Linie und katapultierte die Bucks mit einer 22:28 Bilanz beinahe noch aus dem Playoff-Schneckenrennen im Osten. Tatsächlich enterten die Bucks die Postseason in einer katastrophalen Verfassung und wurden dort folgerichtig (und trotz markiger Sprüche vorab) per Sweep an die gierigen Heat verfüttert.   

Plus: Luke Ridnour (MIN), O.J. Mayo (DAL), Brandon Knight (DET), Carlos Delfino (HOU), Gary Neal (SAS), Zaza Pachulia (ATL), Caron Butler (LAC), Giannis Antetokounmpo, Head Coach Larry Drew (ATL)
Minus: Brandon Jennings (MIL), Monta Ellis (DAL), Mike Dunleavy (CHI), J.J. Redick (ORL), Luc Richard Mbah a Moute (SAC), Samuel Dalembert (SAL), Drew Gooden, Head Coach Jim Boylan



Wichtigster Neuzugang: O.J. Mayo

Die Rolle des Shooting Guards gehört im kommenden Jahr O.J. Mayo, dem ehemaligen Nummer 3-Pick, der in seiner immer noch jungen Karriere so unglaublich viele Hochs, Tiefs, Hypes und Durststrecken durchlebt hat. Zu Beginn der vergangenen Saison schien Mayo sein Rolle als erste Scoring-Option der Mavericks merklich zu genießen, ehe er nach Dirk Nowitzkis Rückkehr regelrecht unter dessen Präsenz zusammenklappte. Glücklicherweise besitzen die Bucks keinen Superstar – der erneute Neuanfang in Milwaukee könnte demnach Mayos letzte Chance sein, nicht im tiefen Pool der Rollenspieler abzutauchen. 

Shining Star: Larry Sanders

Larry Sanders ist ein Biest! In der Tat sind die Bucks wohl das einzige Team der ganzen Liga, in welchem ein reiner Defensivanker bedenkenlos als der Starspieler bezeichnet werden kann. Sanders ist zwar offensiv so roh wie Rinder-Carpaccio, versteht es aber zumindest, die klassischen Putbacks und Alley-Oops effektiv zu verwerten. Ganz anders ist seine Präsenz jedoch am anderen Ende des Courts zu bewerten:  Die „Larry-Sanders-Show“ feierte beinahe täglich Blockpartys und schrieb eine der Aufsteiger-Storys der vergangenen Saison. Sanders war mit knapp drei Blocks pro Spiel der zweitbeste Shotblocker der Liga und gehört damit zu den wenigen Spielern der NBA, die das Angriffsspiel des Gegners alleine durch ihre körperliche Anwesenheit verändern können. 

Scouting: Angesichts der elementaren Kaderveränderung in Milwaukee ist sehr schwer, ein mögliches System vorherzusagen. Die Stärke des Teams hat sich aber in den Frontcourt verschoben. Mit Sanders und John Henson, dem in der kommenden Saison sicherlich eine größere Rolle zukommt, stehen dort zwei athletische Schlakse mit unglaublicher Spannweite parat, die defensiv einigen Terror verbreiten werden, offensiv aber nur geringe Gefahr ausstrahlen. Die großen Fragezeichen prangen plötzlich im Backcourt – denn dort hat GM John Hammond zusätzlich zu Mayo ein weiteres Problemkind aufgegabelt. Die Pointguard-Position bekleidet nun Comboguard Brandon Knight, der auf dem NBA-Parkett bis dato vor allen Dingen durch eine „javale-eske“ Dichte an unglücklichen Fails auf sich aufmerksam machte. Spannend könnte die Entwicklung von Giannis Antetokounmpo (ja, das tut sogar beim Schreiben weh) sein. Der Rookie kommt aus der zweiten griechischen Liga und ist die Langzeitversion eines Langzeitprojektes und somit ziemlich untypisch für die Franchise. Dies könnte ein Indiz sein, dass die Hirsche wirklich große Stücke auf die hellenistische Durant-Kopie halten. Besorgniserregend ist vor allem der Sachverhalt, dass die Bucks nach wie vor keinen echten Spielmacher immer Kader haben. Weder Knight (4,4 Assists im vergangenen Jahr), noch dessen Backup Luke Ridnour (3,8 Vorlagen) sind ausgeprägte Passgeber, es ist also die große Frage, wer die guten Schützen wie Delfino oder Neal und den rohen Frontcourt in Szene setzen soll. Unterm Strich ist der Bucks-Kader prädestiniert für ausgeglichenen Team-Basketball und den wird man im BMO Harris Bradley Center wohl auch zu Gesicht bekommen. Angesichts des frappierenden Mangels an Spielern, die für sich selbst oder andere kreieren können, wäre es darüber hinaus keine Überraschung, wenn die Bucks auch in diesem Jahr in Sachen Pace zur Ligaspitze gehören würden (Rang 3 in der vergangenen Spielzeit).



Check: In einer Liga, in der momentan 90% der Franchises ihr Schlupfloch zum Contender auskundschaften und es dabei entweder auf die OKC-Art (Superstar-Talente mit hohen Draftpicks ziehen), die Rockets-Art (cleveres Ansammeln von Picks und Trade-Chips und diese dann in Superstar-Trades ummünzen) oder die Pacers-Art (clevere Entscheidungen bei mittleren Draftpicks und durchdachte Rollenspielertrades) versuchen, markieren die Bucks eine biedere, farblose Ausnahme. Oberstes Ziel von Besitzer Herb Kohl ist es weniger, den maximalen sportlichen Erfolg anzustreben, als viel eher im Hier und Jetzt die Halle voll zu bekommen. Sprich: Lieber dauerhaft in der ersten Playoff-Runde die Segel streichen, als den beschwerlichen Rebuild-Weg zu gehen – alles im Sinne der Wirtschaft. Aus diesem Grund hätten Kohl und Hammond auch den Kader der vergangenen Runde trotz aller Bedenken am liebsten komplett behalten. Einzig das Spielermaterial machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung.

Die Bucks verloren Monta Ellis und Mike Dunleavy an die Free Agency. Auch J.J. Redick (der erst wenige Monate zuvor in einem der miesesten Deals der jüngeren Geschichte für das eigene Tafelsilber in Form von Tobias Harris aus Orlando losgeist worden war) wehrte sich sicherlich nicht gegen einen erneuten Trade. Als dann der neue Coach Larry Drew noch öffentlich mit seinem Atlanta-Pointguard Jeff Teague flirtete, waren die Tage von Brandon Jennings in Milwaukee ebenfalls gezählt. Und jetzt? Es bleibt alles anders. Das Front Office verpflichtete gleich eine ganze Reihe solider NBA-Spieler – bei Ridnour, Pachulia, Delfino, Neal und Butler weiß man im Normalfall, was man bekommt. 

Nachhaltigkeit sieht aber definitiv anders aus: Nur ein Jahr, nachdem man das Projekt Andre Bogut endgültig ad acta legte, tauschten die Bucks gleich zwei Drittel ihres Kaders aus – veränderten aber weder die Zukunftsaussichten der Franchise, noch deren kurzfristige Perspektive. Immerhin konnte die wichtigste Personalie Larry Sanders zu guten Konditionen verlängert werden (44 Millionen für 4 Jahre). Darüber hinaus hat Hammond keine besonders dicken und langfristigen Verträge verteilt oder aufgeladen und einen recht jungen Kader zusammen. Alles ganz solide, aber eben nicht mehr.

Milwaukee ist am Ende des Tages wohl weder Fisch noch Fleisch. Die Defensive wird unter der Anleitung von Sanders sicherlich zu den besseren der Liga gehören. Vorne hängt viel von Mayo und Knight ab. Und damit am seidenen Faden. Sollte Knight unter der Anleitung von Drew plötzlich das Point-Guard-Spiel durchschauen und Mayo über eine ganze Saison sein immenses Potential als Scorer aufzeigen, könnten die Bucks durchaus wieder auf einen der hintersten Playoff-Plätze rutschen.