29 Oktober 2013

Dennis Köhler | 29. Oktober, 2013    @NBACHEF_Nuggets






Flashback: 54-28 (.659), Platz 2 im Osten, 2. PO-Runde

Mit einem hochmotivierten Carmelo Anthony als Alphatier, Tyson Chandler in der Mitte und einer Armada von Schützen und Veteranen gespickt, wollten die New York Knicks den Miami Heat Paroli bieten. Der Saisonstart war bombastisch: der Ball lief wie am Schnürchen, die Dreier fielen wie bei NBA Jam, und man setzte sich in der Eastern Conference oben fest. Je länger die Saison andauerte, desto undisziplinierter wurde die von Mike Woodson nur moderat gecoachte Truppe. Anthony und Smith verloren sich zusehends in Isolationen und überboten sich gegenseitig im gewissenlosen Chucken - vor allem in den Playoffs, wo New Yorks Krankheit bereits am ganzen Körper wucherte. Jason Kidd formulierte es so: "Wenn der Ball läuft, sind wir kaum zu schlagen. Wenn er feststeckt und wir's im One-on-One versuchen, sind wir eines der miesesten Teams der Liga." Die Memo kam bei Melo, Smith und Woodson offensichtlich nie ganz an. Am Ende hatten die Knicks zwar - dank zweier guter Runs zu Beginn und gegen Ende der Saison - die zweitbeste Bilanz im Osten erspielt, gleichzeitig aber auch die wenigsten Assists verteilt und sich die fünftmeisten Dreier eingefangen. Woodsons Switch-Everything-Strategie und und das generelle Fehlen einer klaren Teamidentität ging gegen die Indiana Pacers in Playoff-Runde zwei nach hinten los. Soviel zu den Meisterschaftsträumen in NYC.

Plus: Andrea Bargnani (TOR), Metta World Peace (LAL), Beno Udrih (ORL), Cole Aldrich, Tim Hardaway Jr., Chris Smith

Minus: Chris Copeland (IND), Jason Kidd (BRK), Marcus Camby (HOU), Steve Novak, Quentin Richardson (beide TOR), James White



Wichtigster Neuzugang: Andrea Bargnani (?)

Uff. Tough decision. Bargnani ist ein Spieler, der Spiele alleine entscheiden kann. Oder mal konnte. Auch, wenn die letzte Saison (12,7 PPG bei career-low 39,9 % FG) die mit Abstand schlechteste des Italieners war: Bargnani schafft mit seinem starken Wurf Platz für (noch) mehr Melo-Isolations und könnte dadurch in seiner neuen Rolle wirklich funktionieren, denn ein Stretch Vierer ist vielleicht genau das fehlende Puzzleteil im Big Apple. Knicks-Fans sind zwar skeptisch, aber es ist noch gar nicht lange her, dass ein Italiener im MSG die Fans "Mamma Mia" hat rufen lassen. Danilo Gallinari lässt grüßen!

Shining Star: Carmelo Anthony

Die scorende Königspython aus Baltimore hat nach dem Super Bowl Sieg seiner Ravens gesehen, wie es geht. Jetzt will er den Ring nach New York holen! Sein Scoring-Input ist so sicher wie das Amen in der Kirche, offensiv gibt es vielleicht kein besseres Gesamtpaket in der heutigen NBA. Wenn der Forward jetzt noch ein Auge für seine Mitspieler entwickelt und etwas mehr Ruhe in sein Spiel einbaut, ist New York dem Titel so nah wie seit Jahren nicht mehr. 

Scouting: Die Knicks haben sich im Sommer dank Bargnani, World Peace und Hardaway Jr. mit drei weiteren Schützen verstärkt. Dafür mussten zwar mit Copeland und Novak zwei vermutlich bessere Ballermänner weichen, aber trotzdem kommt New York mit einem tieferen, breiteren und besseren Kader aus der Sommerpause. Wie bereits angesprochen, könnte Bargnani einen gewaltigen Unterschied ausmachen: Wird Anthony gedoppelt oder gar getrippelt, möchte ich als Gegner nicht sehen, wie der Italiener frei in den Ecken steht und die Dinger reihenweise durch die Reuse feuert. Dazu die neuen Möglichkeiten, das eigentlich so gut funktionierende High Screen Pick & Roll zu laufen, oder in diesem Fall häufiger via Pick & Pop nach außen zu driften... spannend. Möglichkeiten, um zusammen zu fungieren gibt es viele, sie müssen nur wahrgenommen und ins Spiel integriert werden. Ergo liegt der Ball bei Mike Woodson, um aus der Knicks-Truppe endlich wieder eine Basketballmacht zu schaffen. Dieser Weg führt in erster Linie nur über eine grundsolide Team-Defense. Man darf skeptisch sein, ob Woodson diese Truppe da hin bekommt. 



Check: Weg vom Rentner-Image, hinein in die vielleicht letzte Saison der Carmelo-Anthony-Ära! Der Star-Forward es zwar noch nicht öffentlich zugegeben, aber es dürfte kein Geheimnis sein, dass die Entscheidung Anthonys im Free Agency Sommer in Verbindung mit dem Erfolg seiner Knickerbockers in dieser Saison steht. Und die Weichen für ein erfolgreicheres Abschneiden als in der besten Knicks-Saison seit Langem stehen nicht gerade gut:

Während Mikhail Prokhorov mit Geld nur so um sich schmiss und mit Pierce, Garnett und Kirilenko Brooklyn in den "All-In"-Modus rückte, tauscht auch ein gewisser Derrick Rose, jüngster MVP aller Zeiten, Sacko und Lederschuhe gegen Bulls-Trikot und adidas-Treter. Auch die Pacers konnten sich massiv verstärken. Die Cavaliers holten Bynum und Jack, zogen beim Draft den Hauptgewinn und dann sind da auch noch die wieder geborenen Bad Boys aus Motor City, angeführt von spektakulären Neuzugängen á la Josh Smith und Brandon Jennings. Kurz und knapp: Der Osten ist wieder da. Vermutlich sehen wir die stärkste Eastern Conference in diesem Jahrhundert. Es könnte also sein, dass die Knicks (Platz 2 im Vorjahr) ordentlich Boden verlieren und sich mit einem Platz in der Region 6 bis 8 zufriedengeben müssen.

Auf der anderen Seite wird es interessant zu sehen, was mit diesem Kader noch passiert. Gibt sich Amar'e mit mickrigen Minuten off the bench zufrieden? Kann er je wieder mehr als 15 Minuten pro Abend eingreifen? Bläst J.R. zur Attacke und ergattert sich den Starting Job auf der Zwei? Zeigt Carmelo Anthony, dass er ein Teamplayer sein kann? Und die alles entscheidende Frage: Kann dieses Team defensiv überzeugen? 

Die Puzzleteile für eine erfolgreiche Defense sind vorhanden: Chandler als Abräumer unterm Brett, auf den Wings mit Shumpert und Ron Art... äh, Metta World Peace, zwei Kettenhunde und selbst ein J. R. Smith kann ein überragender Verteidiger sein, wenn er Bock hat! Selbiges gilt auch für Melo. Defense ist eine Sache des Willens! Und wenn Melo einen Ring haben will, muss er auch das tun, was sein Team am dringendsten von ihm braucht: Defense. Period.

Zusammengefasst: Die Knicks sind eine Wundertüte. Sicher wird auch in der Saison 2013-14 an der 50-Sieges-Marke gekratzt werden, und sehr wahrscheinlich wird es auch wieder Playoff-Basketball im Basketball-Mekka New York zu sehen geben. Dort ist alles drin. Vom frühen Aus bis zum großen Duell gegen LeBron und die Heat. "New York, New York, big City of Dreams..."