28 Oktober 2013

Veit Lattermann | 27. Oktober, 2013   






Flashback: 58–24 (.707), Platz 2 im Westen, NBA Finals

Was für eine bittere Niederlage in den Finals für Duncan, Parker und Co. Eine noch nie da gewesene Erfahrung, erstens weil die Spurs, wenn sie die Finals erreichten, die Halle immer mit Goldkram und Schampusduft verließen, zweitens weil es in einem siebten Finalsspiel die knappste Niederlage aller Zeiten war. 5,2 Sekunden fehlten den Jungs von Coach Pop zum Titel. Dann kam Ray Allen, und der Rest ist Geschichte. Fassungslos beendeten die Texaner ihre NBA Saison. Auf dem Radar der Titelkandidaten hatten die Spurs vor der Saison gewohnt wenige. Dass sie es bis in die Finals schaffen würden, war nur von wenigen Experten und Fans so erwartet worden, vor allem im Hinblick auf das Alter der Leistungsträger und die Stärke der Western Conference. Verletzungspech der direkten Kontrahenten (Westbrook in OKC) half mit Sicherheit, hauptsächlich lag es aber an der wohl wieder besten Teamchemie der Liga. Dirigiert von Coach Popovich steuerte die Mannschaft ungefährdet in die Playoffs, in denen beeindruckend dominant ein Gegner nach den anderen zum Fischen geschickt wurde. „Gut geölte Basketballmaschinerie“ war häufig zu hören, Abgezocktheit und Basketball pur ohne Schnörkel, ein Genuss für Puristen. Tim Duncan spielte als wäre er Ende 20, Kawhi Leonard glänzte an beiden Enden des Courts und beeindruckte durch sein unauffälliges, ausgereiftes Spiel. Danny Green entwickelte sich zu einem wahren Leistungsträger und zeigte 3-and-D vom Feinsten. Als Team lagen die Spurs bei den Trefferquoten aus dem Feld, der Dreierlinie, sowie bei den Freiwürfen mindesten unter den Top 4 und stellten somit einen der besten Angriffe der Liga. Hinten zog das Team im Vergleich zur letzten Saison (Platz 10) deutlich an und stellte beim aussagekräftigen Defensiv-Rating den drittbesten Wert der NBA.

Plus: Marco Belinelli (CHI), Jeff Ayres (IND), DeShaun Thomas

Minus:  Gary Neal (MIL), Dejuan Blair (DAL), Tracy McGrady, Assistant Coach Mike Budenholzer (ATL), Assistant Coach Brett  Brown (PHI)



Wichtigster Neuzugang: Marco Belinelli

Nachdem sie Gary Neal nach Millwaukee abgegeben hatten, verpflichteten die Spurs Marco Belinelli, um den Kader mit einem weiteren Schützen zu bestücken. Wenn Belinelli eins kann, dann ist es scoren. Er ist in der Lage, von überall auf dem Feld abzudrücken. Er ist aber nicht nur purer Shooter, sondern auch durchaus fähig, ab und zu den Ball mit zum Korb zu nehmen, um dort Schaden anzurichten oder an die Linie zu gehen. In der Defense, beim Rebounding oder bei den Assists ist er dagegen kaum existent. Karrierestats von 2.9 Rebounds und 2,4 Assists belegen dies. Trotzdem wird er ein Upgrade zu dem Abgewanderten Gary Neal darstellen.

Shining Star: Tony Parker 

Mit der vielleicht effektivsten Saison (20,3 PPG, 7,6 APG, 52,2 FG%, 84,5 FT%) seiner eh schon beeindruckenden Karriere und dem Rückenwind des gewonnen Europameistertitels inklusive MVP-Ehren, wird Parker auch im neuen Jahr der wichtigste Spieler von Gregg Popovich sein. Er dirigiert das Tempo seines Teams und nimmt die entscheidenden Würfe. Sein unnachahmlicher Zug zum Korb öffnet wichtige Räume für die zahlreichen Schützen der Spurs. Die Frage wird sein, ob er die fehlende Erholungszeit durch die EM kompensieren kann. Es wird Aufgabe des Trainers sein, Parkers Minuten, wenn möglich, im ersten Saisondrittel zu begrenzen.

Scouting: Das Aushängeschild wird auch in der neuen Saison der Angriff, die geschickte Ballbewegung und das Shooting der Spurs sein. Die Besonderheiten der Spurs Spieler sind das gute Ballhandling, die herausragenden Passfähigkeiten und ihr überdurchschnittlicher Basketball IQ. Wir werden wieder viel Bewegung und viele Extrapässe sehen. Tony Parker wird sich um das Tempo und die Spielgestaltung kümmern, so wie er es die letzten Jahre auch vorzüglich tat. Zahlreiche Blöcke, um die sich Parker herum schlängelt wie kein anderer, um selbst abzuschließen oder per Kick out Pass den freien Schützen zu finden, werden an der Tagesordnung sein. Wie Parker in der Offense, ist Tim Duncan in der Verteidigung der Mann, der die Zügel wie gehabt in der Hand hält. Mit Danny Green und Kawhi Leonard befinden sich zwei weitere Elite-Defender im Spurs Kader, die in der Lage sind, ihre Gegenspieler abzumelden. Von Kawhi Leonard erhofft sich nicht nur Popovich einen weiteren Schritt nach vorne, hin zum Star der Zukunft für die Franchise aus San Antonio. Eine beeindruckende Finalserie des ehemaligen San Diego State Spielers weckt blumige Hoffnungen rund um den Alamo. Erstmals bastelte Pop für Leonard einige Spielzüge ins System ein, um sein weitere Entwicklung zu fördern.



Check: Same procedure as every year. Das Team war so nah am Titel, dass eine weitere Chance für diesen Kader nur die logische Konsequenz ist. Popovich wird weiterhin peinlichst genau darauf achten seine Stars zu schonen, wo es nur geht. Probleme könnten die Jungs aus San Antonio mit Verletzungen bekommen. Es gilt immer noch die Formel: je älter – desto mehr Wehwehchen. Außerdem ist nicht zu vernachlässigen, dass zwei wichtige Zuarbeiter von Coach Popovich jetzt zu höheren Aufgaben berufen wurden und somit wichtige Vertrauenspersonen und Ansprechpartner wegfallen: Mike Budenholzer ist jetzt Cheftrainer der Hawks, Brett Brown in Philadelphia. Der ehemalige neuseeländische NBA-Profi Sean Marks (spielte auch bei den Spurs) wurde als neuer Assistant Coach engagiert. Eine weitere Problemstelle der Spurs könnte die Backup Aufbauposition sein. Patty Mills ist kein richtiger Playmaker und in der Verteidigung ein Risiko aufgrund seiner mangelnden Physis. Cory Joseph ist jung und besitzt Upside. Die Erwartungen der Verantwortlichen konnte er aber im letzten Jahr noch nicht vollends erfüllen.

Unklar ist auch, inwieweit das Team einen psychischen Knacks von der Finalserie davontrug. Der Sommer war selbst für San Antonio Verhältnisse extrem ruhig. Das Aufregendste war noch die Namensänderung von Jeff Pendergraph in Jeff Ayres, „Metta World light“ also irgendwie, aber irgendwie interessierte das in Texas auch überhaupt niemanden. Der Kader hat nur marginale Veränderungen erfahren, und somit stehen die Texaner genau da wo sie vor der letzten Saison schon standen. San Antonio ist ein ernstzunehmendes Schwergewicht in der Western Conference, also heißt es auf ein weiteres die „letzte“ Chance zu wahren, um die fünfte Championship nach Texas zu holen. 50-plus Siege, Gesetz dem Fall dass alle sind fit, ist ein mehr als realistisches Szenario. Von Kawhi Leonard wird ein weiterer Sprung erwartet und Marco Belinelli soll das nachlassende Scoring von Ginobili kompensieren. Alles in allem müssen die Spurs „nur“ genauso aufspielen wie letzte Saison. Das dürften die alternden Knochen von Duncan und Co doch noch drin haben… wieder einmal!