28 Oktober 2013

Konni Plopp | 28. Oktober, 2013   






Flashback: 34-48, Platz 10 im Osten

Das erste Mal seit Chris Bosh gab es in Toronto eine kleine Chance auf die Playoffs. Einige vielversprechende Neuzugänge, allen voran Kyle Lowry und Jonas Valanciunas, ließen eine deutliche Leistungssteigerung erhoffen. Die ersten Wochen der Saison sorgten jedoch für sofortige Ernüchterung. Anfang Dezember standen die Raptors bei 4-19 und es machte sich Verzweiflung breit, da der Firstroundpick 2013 mittlerweile OKC gehörte. Merkwürdigerweise ging es ab dann leicht bergauf. Bis zum 30. Januar, an dem der Rudy Gay Trade bekannt wurde, produzierten die Dinos einen 12-11 Record. Angeführt von ihrem neuen Star gab es nochmal kurz Playoffhoffnungen, doch man kam nie ernsthaft in Reichweite von Platz acht. Unterm Strich war es ein weiteres, verschwendetes Jahr, in dem die Raptors im Niemandsland versauerten. Folgerichtig wurde in der Offseason der Umbruch eingeläutet: Masai Ujiri löste GM Bryan Colangelo ab, Andrea Bargnani wurde nach New York verscherbelt und große Teile des Trainerteams sowie Vize-Präsident Ed Stefanski mussten gehen.

Plus: DJ Augustin (IND), Dwight Byucks, Austin Daye (MEM), Steve Novak (NYK), Tyler Hansbrough (IND)

Minus: Alan Anderson (BRK), Andrea Bargnani (NYK), Linas Kleisza (Amnesty), John Lucas III. (UTA), Michael Pietrus, Sebastian Telfair



Wichtigster Neuzugang: Masai Ujiri

Der Nigerianer ist der Hauptgrund für die momentan positive Stimmung in Toronto. Er kehrt als aktueller „NBA Executive of the Year“ von den Denver Nuggets zu seiner alten Wirkungsstätte zurück. Sein erster Coup war der Trade von Andrea Bargnani, der aufgrund extrem schwacher Leistungen bei den Fans in Ungnade gefallen war. Zwei Draftpicks und mit Steve Novak noch ein brauchbarer Spieler als Gegenwert für Bargs waren mehr, als man sich hätte erträumen können. Die wichtigsten Entscheidungen stehen aber noch aus. Sowohl Rudy Gay, als auch Kyle Lowry befinden sich im letzten Jahr ihres Vertrages. Sollten die Raptors erneut die Playoffs verpassen, kann man davon ausgehen, dass es massive Änderungen im Roster geben wird.

Shining Star: Rudy Gay

Wie überzeugt man die Fans seines neuen Teams am besten von sich? Zwei Gamewinner in den ersten zwei Wochen nach dem Trade waren ein sehr gutes Argument. Gay ist umstritten. Zum einen, weil man für ihn die bis dahin stark spielenden Calderon und Davis abgeben musste, zum anderen wegen seiner viel diskutierten Ineffektivität. Für ihn sprechen seine Clutchfähigkeiten und der .500-Record, den das bis zu Gays Trade schwache Team danach produzierte. Gegen ihn seine mäßige True Shooting Percentage (52,5%) und seine niedrigen Assistzahlen. Die kommende Saison ist für ihn von enormer Bedeutung. Contract Year, Augen-Operation in der Offseason, ein komplettes Trainingscamp und die alleinige Führungsrolle. Wenn er tatsächlich das Zeug zu einem NBA-Star hat, wird er es dieses Jahr zeigen (müssen).

Scouting: Dwane Caseys Vorgabe für das Trainingscamp war klar und deutlich: "Defense first!" Das passende Spielermaterial dafür ist definitiv vorhanden, vor allem unter dem Korb muss aber deutlich besser gearbeitet werden. Amir Johnson ist jetzt Vollzeitstarter und bildet gemeinsam mit Valanciunas ein gutes Defensivtandem. Wenn der junge Litauer sich weiterentwickelt, sollten die Reboundprobleme (Platz 28 in der NBA) der Vergangenheit angehören. In der Offensive muss Casey einen besseren Gameplan finden. Zu viel Flow ging verloren durch Einzelaktionen, vor allem von Lowry und Gay. Das Augenmerk sollte auf vielen Pick and Rolls mit Valanciunas liegen. Für Isolationen haben die Raptors mit DeRozan und Gay zwei fähige Scorer. Passt die Balance zwischen diesen beiden Hauptelementen, wird auch die Offense wieder besser laufen und nicht regelmäßig im vierten Viertel ins Stottern geraten.



Check: Während im Front Office personell durch gewechselt wurde, blieb Coach Casey erstmal im Sattel. Trotzdem steht er im Fokus, denn viele seiner Entscheidungen waren umstritten. In seinem ersten Jahr musste 'JV' öfter auf der Bank schmoren, als es vielen Fans lieb war. Stattdessen klaute Aaron Gray dem größten Talent des Rosters Minuten. In den letzten Saisonwochen blühte Valanciunas allerdings auf und empfahl sich für mehr Spielzeit. Schafft er es, nicht ständig in Foultrouble zu geraten, gibt es für Casey keinen Grund mehr, ihn vom Parkett zu holen. Fouls sind auch für JVs neuen Nebenmann Amir Johnson oft ein Problem und erschweren die Rotationen, denn hinter den beiden Startern bieten sich nicht viele Optionen.

Der aus Indiana verpflichtete Tyle 'Psycho-T' Hansbrough ist ein brauchbarer Back-Up, was man von Aaron Gray und Quincy Acy nicht behaupten kann. Die beiden Neuzugänge Novak und Daye könnten beide als Stretch-Four eingesetzt werden, um das Spacing und die schwache Trefferquote aus der Distanz (nur 34,3% als Team) zu verbessern, was aber gleichzeitig auf Kosten der Defense geschehen würde. Auf den Flügeln stimmt die Breite des Kaders. Von der Bank kommen mit Ross, Fields und Novak Spieler, die alle situationsabhängig eingesetzt werden können. Die Second Unit bleibt aber eine Schwäche Torontos, ganz im Gegensatz zur Starting Five: trotz der schwachen Bilanz belegten Lowry-DeRozan-Gay-Johnson-Valanciunas zusammen nämlich einen sehr starken fünften Rang im Plus/Minus Rating. 

In der Offensive stimmte trotz annehmbarer Statistiken wenig. Zwar erzielte Toronto die sechstmeisten Punkte und das Offensivrating war mit 105.9 im Mittelfeld, doch Effektivität sieht anders aus. Das Hauptproblem ist das Passspiel. Platz 20 bei den Assists und die zweitmeisten verursachten Turnover beweisen, dass massive Probleme im Spielaufbau existieren. Besserung ist hier nur in Sicht, wenn Kyle Lowry zu einem kontrollierteren Spielstil findet. Falls Lowry zu oft überdreht, könnte Dwight Buycks ins Rampenlicht treten. Er hinterließ in der Preseason und der Summerleague einen guten Eindruck, muss sich aber vorerst noch hinter DJ Augustin einreihen.

Wenn man den Eindrücken aus der zweiten Saisonhälfte trauen darf und Casey eine bessere Defensive installiert, sind die Raptors ein ernsthafter Kandidat für Platz 7 oder  8 im Osten. Es ist ebenfalls möglich, dass Ujiri nach einem verpatzten Start komplett auf Rebuild umsteigt und versucht, Gay und Lowry zu traden, um mit einem Top-Rookie ab nächstem Sommer ein neues Team aufzubauen. Wäre Colangelo noch GM, müsste ich mich auf die erste Option festlegen. Bei Ujiri fällt es mir wesentlich schwieriger, vor allem weil durch Option zwei (Trades und Neuorientierung) einige Altlasten von Colangelo mit entsorgt werden würden, was ja durchaus attraktiv erscheint. Egal, wie die Saison letztendlich verläuft: mit Ujiri ist endlich ein zweifellos kompetenter Mann am Ruder, der die Dinos hoffentlich in eine bessere Zukunft führt.