26 Oktober 2013

Rainer Ludwig | 25. Oktober, 2013    @Sly_S04






Flashback: 43-39 (.524), Platz 9 im Westen

Schweißausbrüche konnten die Jazz im vergangenen Jahr bei keinem Gegner erzeugen. Im Mormonenland quälte man sich durch eine ernüchternde reguläre Saison. Pseudo-Stars wie Al Jefferson, Paul Millsap und eine Ansammlung von Akteueren, die weder gut noch schlecht sind, bedeuteten am Ende graues Mittelmaß. Das Verpassen der Playoffs war die logische Folge. Schlimmer noch: Die Entwicklung der jungen Rohdiamante wurde durch die mangelnde Spielzeit erneut gehemmt. Die Verantwortlichen der Franchise standen deshalb in der Offseason vor einer schwierigen Entscheidung: Geben sie der Vergangenheit noch einmal eine Chance oder wagen sie sich an den Neuaufbau mit ihren vielversprechenden jungen Talenten? Kein ganzes Jahr im Amt, entschied Manager Dennis Lindsey für den kompromisslosen Rebuild. 

Plus: Plus: John Lucas (TOR), Brandon Rush, Richard Jefferson, Andris Biedrins (alle GSW), Ian Clark, Trey Burke, Rudy Gobert, Scott Machado, Dominic McGuire, Brian Cook, Justin Holiday

Minus: Al Jefferson (CHA), Paul Millsap (ATL), Randy Foye (DEN), Mo Williams, Earl Watson (beide POR), DeMarre Carroll (ATL), Kevin Murphy (GSW)



Wichtigster Neuzugang: Trey Burke

Der Novize zelebrierte das Blocken-und-Abrollen am College wie kein Zweiter und findet einen zum Korb donnernden Big-Men ebenso sicher wie einen offenen Dreierschützen in der Ecke. Anders als bei vielen modernen Point Guards fußt sein Spiel nicht in erster Linie auf körperlichen Attributen wie Größe und Athletik. Er lebt viel mehr von seinem Auge und Gehirn, als von seiner Geschwindigkeit. Trotz seines jungen Alters verfügt er bereits über ein hochprozentigen Wurf von der Dreipunktelinie (38,4%).

Shining Star: Gordon Hayward

Der vielseitige Hayward spürt, dass er selbst nach dem Abgang von Jefferson und Millsap mehr Verantwortung übernehmen muss. Im Alter von 23 Jahren sieht er sich erstmals als Anführer. Der Publikumsliebling ist ein exzellenter Dreierschütze und Verteidiger, kann aber auch den Ball bringen oder den Fastbreak antreiben. Um den nächsten Schritt zu machen, muss Hayward seine Explosivität besser nutzen, um zum Korb zu gehen und Fouls zu ziehen. Denn 14,1 Punkte sind für eine erste Option zu wenig.

Scouting: Die Flex-Offensive mit ihren ständigen Down-Screens und Baseline-Cuts bleibt im Land der Mormonen bestehen, weil sie sich als produktiv erwiesen hat und, im Gegensatz zur Motion-Offense, kein hohes Basketballverständnis von den Akteuren verlangt. Gerade für die noch jungen Jazzer Statdmusikanten möchte man die Spielzüge möglichst simpel halten. Durch die Akquirierung von Burke wird der Fokus allerdings wieder vermehrt auf dem Pick & Roll liegen. Jenem Zusammenspiel zwischen Point Guard und Pivoten, dass man in Salt Lake City durch das Fehlen eines echten Point Guards offenbar verlernt hatte. Ganze 12,8 Prozent aller Jazz-Angriffe beinhalteten das berühmte Two-Man-Game. Stattdessen wird man nur noch eine deutlich abgespeckte Anzahl an Post-Ups in Utahs Playbook finden. Diese überfällige Maßnahme sollte vor allem Derrick Favors entgegenkommen, akzentuiert sie doch seine Athletik, die er beim knallharten Abrollen zum Korb ausspielen kann und negiert sein quasi nicht existenzielles Post-Spiel.



Check: Der junge hochtalentierte Nukleus gepaart mit der langfristigen Flexibilität ergeben rosige Aussichten für die Zukunft. Favors, Kanter, Hayward und Burks sind höchstens 23 Jahre jung und gehörten bereits letztes Jahr zu den wichtigsten Rollenspielern. Die Fans können sich auf attraktiven und schnellen Basketball freuen. Die Twin-Towers Favors und Kanter werden dafür sorgen, dass Utah eine Macht unter den Brettern wird. Favors ist der beste Verteidiger der Truppe und wird die anfällige Jazz-Defense mit seinem Shot-Blocking verankern. Besonders auffällig ist die totale Hingabe des Riesen: Er ist immer topmotivert, hat Feuer, will gewinnen und ist damit die perfekte Ergänzung zum eher nüchternen Kanter. Der Türke besitzt dafür einen butterweichen Shooting-Touch aus der Mitteldistanz. Angesichts der Power-Moves von Favors sollten die beiden also auch in der Offensive eine explosive Mischung bilden.

Der smarte Dennis Lindsey verfolgt einen genauen Plan und trifft seine Entscheidungen rational. Als viele Anhänger bereits im Laufe der letzten Saison einen Trade von Jefferson und Millsap forderten, behielt er stets das große Ganze im Überblick und entschied sich gegen einen Trade, da der Input an Spielermaterial in solch einen Trade-Szenario den Jazz mögliche Flexibilät für die Zukunft geraubt hätte. Opfer dieser rationalen Devise könnte im kommenden Jahr Coach Tyrone Corbin sein, der bei Verantwortlichen und Fans in der Kritik steht. Im wesentlichen werden Corbin drei Dinge vorgeworfen:

1. Die Unfähigkeit ein defensives System zu implementieren, welches auf die Stärken der Spieler ausgelegt ist und die Schwächen kaschiert. In Corbins Denkweise diktiert der Kader nicht, wie man zu spielen hat, sondern der Coach. Seine Vorgabe, dass Pick & Roll des Gegners aggressiv und hoch zu verteidigen, hat sich als Desaster erwiesen. Die gegen den Ball verteidigenden Guards bleiben zu oft am Block des Gegners hängen und bis auf Derrick Favors sind die Pivoten schlicht weg nicht agil genug, um den gegnerischen Ballhandler vor sich zu halten. Die Folge: Massenweise hochprozentige Wurfmöglichkeiten für den Gegner. Ein konservativer Ansatz à la Chicago ist dringend erforderlich.

2. Corbins Vorliebe für gestandene Spieler hemmte in der Vergangenheit die Entwicklung des talentierten Kerns. 

3. Der oftmals sture und unbelehrbare Trainer ist ein Verfechter der alten Tugenden und Kritiker der sogenannten Advanced Stats. So ist es auch kein Zufall, dass Corbin nachweislich zu oft Line-Ups aufs Feld schickt, die einen negativen Plus/Minus Wert ausweisen. Tyrone Corbin muss nun beweisen, dass er der richtige Mann für den Neuaufbau ist. Ansonsten sind seine Tage in Salt Lake City gezählt.