25 Oktober 2013

Philipp Rück | 24. Oktober, 2013    @Poohdini76ers






Flashback: 34-48 (.415), Platz 9 im Osten

Das Front Office bewies im Sommer 2012 Mut, als man im Howard-Trade All-NBA-Defender Andre Iguodala, Picks und Talente abgab, um den potentiellen Franchise-Center Andrew Bynum zu verpflichten. Da dieser aber entweder verletzt war oder sich dem Bowling-Sport widmete, wurde die vergangene Saison zur Katastrophe. Das Roster glich ohne „Iggy“ und den Pivoten einem Flickenteppich, der zu Saisonbeginn aufgrund eines teils erstklassigen Point Guards Jrue Holiday weit über Niveau agierte. Die Playoffs wurden dann aber ab Mitte der Regular Season durch schwächer werdende Defense und völlig ineffiziente Doug Collins-typische Offensive verspielt. Nach seiner ersten All-Star-Nominierung passte sich das Niveau von Spielmacher Holiday dem Rest des Teams an. Am Draft-Tag ereilte Philly dann der Paukenschlag. Der neue GM Hinkie tradete Holiday und einen Second-Round-Pick für Nerlens Noel und einen Top-5-geschützten First Rounder (2014) nach New Orleans. Zudem wurde Collins mitsamt seiner Crew gegangen. Philly besitzt für die Zukunft massig Capspace und sichere Tanking-Aussichten.

Plus: Head Coach Brett Brown (SAS) und Assistenten, General Manager Sam Hinkie (HOU), Nerlens Noel, Michael Carter-Williams, Vander Blue, Khalif Wyatt, Hollis Thompson, Rodney Williams, Gani Lawal, Mac Koshwal, Darius Morris (LAL), Royce White (HOU), Tim Ohlbrecht (HOU), James Anderson (HOU), Tony Wroten (MEM)

Minus: Jrue Holiday (NOLA), Andrew Bynum (CLE), Dorell Wright (POR), Nick Young (LAL), Damien Wilkins, Royal Ivey, Justin Holiday, Maalik Wayns, Jeremy Pargo



Wichtigster Neuzugang: Sam Hinkie

Keiner der verpflichteten Spieler wird in der kommenden Saison eine große spielerische Verstärkung sein; entweder sind sie zu roh oder es fehlt an Qualität oder Erfahrung. Der wichtigste „Neue“ ist GM Sam Hinkie. Als ex-Spitzenassistent von Daryl Morey verkörpert er die neue, analytisch aufgeschlossene Hoffnung der gesamten Franchise. Er veränderte auf einen Schlag den kompletten Kurs in der Stadt der brüderlichen Liebe. Statt des Kampfes um die Playoffs wird es heuer um die Verhinderung des schlechtesten Records aller Zeiten gehen. Hinkie wird wichtige Entscheidungen treffen müssen: Wen pickt man in den kommenden Drafts? Was passiert mit den noch halbwegs produktiven Spielern wie Hawes, Young und Turner hinsichtlich möglicher Trades? Was, wenn Trainer-Novize Brown nicht überzeugen kann? Hat Hinkie den Mut, direkt die Notbremse zu ziehen? 

Shining Star: Thaddeus Young

Young ist seit Jahren einer der konstantesten Spieler, zwar mit wenig absoluten Höhen, aber kaum Ausreißern nach unten. Er scheint auch aktuell der einzige der Collins-Ära zu sein, der im Hinkie-gesteuerten Sixers-Boot eine Zukunft hat, u.a. weil er bis 2015 moderat verdient. Er ist zwar für einen Big Man, der im Post agiert, etwas zu klein und schmächtig, macht dies aber durch unfassbaren Einsatz und tolle Fußarbeit wett. Seine Schussauswahl und sein Jumper haben sich in den letzten Jahren stark verbessert: Letztes Jahr nahm er 66 % seiner Schüsse innerhalb 8 Fuß vom Ring entfernt, die er mit guten 60 % traf. Nahezu der gesamte Rest seiner Würfe entstand im Mid-Range-Game, wo er im Ligavergleich durchschnittlich bis gut reüssierte. Übersetzt bedeutet dies, dass „Thad“ wenig schlechte Würfe nimmt. Erwartungsgemäß sollte er der mit Abstand beste Sixers-Spieler im kommenden Jahr werden. Zusätzlich wird ihm der angepeilte schnelle Spielstil wesentlich mehr liegen als Collins´ langsamer Halbfeld-„ich-nehm-mit-15-Sekunden-auf-der-Shotclock-einen-20-foot-Jumper“-Basketball.

Scouting: Trotz massiven Qualitätsverlusts kann die Offensive nicht schlechter werden (TS%: Platz 29). Ex-Coach Collins wählte seine Plays zumeist nach Bauchgefühl oder Angaben in seinem Horoskop aus, er verwehrte sich aber strikt einem Blick auf die Advanced Stats. Diese Trainer der alten Schule lassen dann auch ungewöhnlich viele lange Jumper (16-24 Fuß) schießen (bis zu 35 % aller Würfe). Die 76ers gehörten trotz vieler junger und athletischer Spieler zu den langsamsten Teams der Liga. All dies wird unter Neu-Coach Brett Brown der Vergangenheit angehören. Er kündigte bereits an, mit diesem Team schnell spielen zu wollen, sodass Gegner bisweilen überrannt werden. Brown legt in den Training Camps besonderen Wert auf körperliche Fitness und wird gnadenlos ausmisten, falls Spieler dabei nicht mithalten können oder wollen. Ferner wird Brown, aus San Antonio als Assistent von Popovich kommend, viel von der Spurs´schen Offensivphilosophie implementieren. Das bedeutet: viele Ecken-Dreier, viel Bewegung off-the-Ball, viele Cuts und Teile der sogenannten „Flex“-Offense, sowie eine Abkehr von Isolations und langen Zweiern.



Check: Das neue Front Office ist durchzogen von Mitarbeitern, die aus hervorragend geführten Franchises kommen. Brown wird neben den spielerischen Elementen auch versuchen, die teamdienliche, altruistische San Antonio Kultur in Philadelphia zu etablieren. Hinkie hingegen wird bei Spieler-Akquisitionen, sei es per Draft oder Free Agency, eine statistische Grundlage nutzen, auf der er seine Entscheidungen aufbaut. Ganz wie es sein Lehrmeister Daryl Morey stets tat. In Pennsylvania wird es darüber hinaus in den kommenden Jahren viel um Spielerentwicklung gehen. Sowohl Brown als auch Lloyd Pierce, Chad Iske (Assistant Coaches) und Brandon Williams (Hinkies Assistent) waren bei einer ihren früheren Anstellungen als Player Development Coach tätig.

Dass die nahe Zukunft aber sportlich überaus hässlich wird, ist angesichts des Rosters und der vorangegangenen Moves nicht überraschend. Der beste Spieler wurde für einen extrem rohen, zu dünnen, kreuzbandvorgeschädigten Center eingetauscht, der aber noch bis mindestens Januar fehlen wird. Spielmacher ist der offensiv ebenfalls rohe Michael Carter-Williams, der keinen Wurf und Probleme beim Scoring hat. Dazu gesellen sich ein Haufen durchschnittlicher bis schwacher Rollenspieler (Anderson, Richardson, Moultrie etc.), ungedraftete Rookies (Wyatt, Blue) und Evan Turner. Es ist zwar davon auszugehen, dass der ehemalige Nummer-2-Pick in der neuen Mannschaft/Offensive sichtlich produktiver sein wird, aber die dreijährige Stagnation lässt wohl keine Hoffnung darauf, dass er noch der Spieler wird, den man sich im Draft 2010 gewünscht hatte. Es wird sicherlich Turners bestes Profijahr, die Wahrscheinlichkeit einer Unterbreitung der sehr hohen Qualifying Offer (8,7 Mio $) seitens der Sixers ist aber eher gering. Mit dem athletischen und pfeilschnellen Combo-Guard Tony Wroten haben Fans und Insider bereits einen neuen Lieblingsspieler auserkoren.

Die 76ers sind im kompletten Rebuilding Modus. Diese Saison wird bilanztechnisch und spielerisch ausgesprochen mies. Weil einige Spieler (noch) kein NBA-Niveau besitzen, werden sowohl Starting Five als auch Bank zum Ligabodensatz gehören. Aber: Die Langzeitaussichten könnten rosig sein. MCW und Noel können sich ohne Druck entwickeln, 2014 hat man zwei Firstrounder (der eigene wird zudem sehr hoch sein), 2015 kommt ein weiterer sehr hoher Pick hinzu. Der viele Gehaltsspielraum ermöglicht ferner eine hohe Flexibilität für sinnvolle Free Agent Verpflichtungen oder weitere Talent-Akquisition. Sam Hinkie hat es zumindest nach dem Bynum-Desaster geschafft, wieder eine klare Richtung in der Stadt der brüderlichen Liebe vorzugeben. Auch wenn diese in den nächsten Jahren erst nach unten gehen muss.