25 Oktober 2013

Anno Haak | 25. Oktober, 2013    @kemperboyd





Es wird schlimmer, bevor es besser wird: Ringe aus der Lottery
Ein Plädoyer für das Verlieren

Tanking. Es scheint in aller Munde. In manchem Forum wird behauptet, die Hälfte der NBA betreibe es in der nächsten Saison. Deutsch-englische Wörterbücher bieten mehr Übersetzungen als für „fuck“, obwohl das mittlerweile die Mutter aller Schimpfwörter ist und dementsprechend mehr fluchende Kinder hat als Shawn Kemp. Topergebnisse wie „zusammenbrechen“, „abstürzen“ oder „dahinsausen“ (?!) lassen eher auf eine unwillkürliche Degeneration schließen. Mancher hat wohl letztgenannte Übersetzung vor Augen, wenn er meint, Tanking beginne erst gegen Ende einer Saison, in der bereits Hopfen und Malz verloren ist, obwohl eine Winning Season intendiert war. Wie dem auch sei. Einigen kann sich die Basketballgemeinschaft wohl darauf, dass die planvolle Verschlechterung eines Teams gemeint ist. Obwohl Sinn und Zweck von Basketballspielen ja eigentlich – wie bei jedem sportlichen Kräftemessen – der Sieg ist. Insofern handelt es sich ja auch um eine Degeneration oder „Entartung“, wie mancher VWL-Professor neuerdings sagen würde. Verbalspielereien damit gibt es viele. Vor allem, seit das Wort zwangsgermanisiert wurde und auch Fremdsprachenallergiker vom „tanken“ sprechen. Denglisch halt. Die Sixers halten an der Tankstelle, hihi. Cut the crap. 

Im Ernst: wurden in Philadelphia oder in Orlando in der Offseason 2013 zukünftige Contender geboren, obwohl im nächsten Jahr vermutlich keine 25 Spiele gewonnen werden? Vielleicht. Aber allgemeiner: ist Tanking wirklich sinnvoll und ist es auf dem Weg zum ganz großen Erfolg überhaupt notwendig? Die Antwort: ein eindeutiges Ja.

Ohne Pick kein Pott

Fakt ist zwar: einen Franchise Player draftet man nur selten. Fakt ist aber auch: jede Dynastie hat ihren Franchise Player gedraftet, jeder (Conference) Champion der letzten fünfzig Jahre hat mindestens einen Schlüsselspieler direkt vom College oder der Schule geholt. Der Schlüssel zur Celtics-Dynastie der 60er war Bill Russell. Der beste Mann im Team der 80er war Bird. Wo hat Dallas Nowitzki her? Wie kamen Malone und Stockton an den Salzsee? Ohne Pingpongbälle keine Showtime in L.A., keine Hangtime in Chicago, kein Dreamshake in Houston. Der Kern der Bad Boys in Detroit (Dumars, Thomas, Rodman) kam von der Uni. Der Mann, der als Flash dem Original-Superman den vierten Ring schmiedete…gedraftet.

Nächstes Jahr Du! Lotto muss sein

Aber muss man denn die eigenen Fans quälen? Muss man sich die Witze anhören? Kann man nicht auf die Lottery Picks verzichten und einfach spät, aber intelligent draften? Doch, kann man. Die Oklahoma City Thunder sind das beste Beispiel. Aber mal ehrlich: so schön der Steal Serge Ibaka war, ohne Kevin Durant würden wir nicht mal darüber reden. Einen Franchise Player für einen Contender findet man in der Top-10, oder man findet ihn gar nicht. Oder er ist 17 und Teil des stärksten Drafts der NBA-Geschichte. Ja, ich weiß von Stockalone, aber gemessen an der modernen 30-Teams-NBA sind die frühen 80er prähistorisches Zeitalter. Will man einen der ersten Picks ergattern, muss man schlecht sein. Richtig schlecht. Man muss nicht absichtlich verlieren. Aber das Team muss so stinken, dass man knapp 60 Spiele in einer Saison glaubhaft unterlegen ist.

Dass hier und da die Könige des Draft Steal, die San Antonio Spurs, als Gegenbeispiel genannt werden, weil sie Tony Parker am Ende der ersten und Manu Ginobili in der zweiten Runde aufgespürt haben, ist amüsant, aber allenfalls die halbe Wahrheit. Lassen wir die Frage beiseite, ob Parker und Ginobili auch ohne „The Big Fundamental“ Stars geworden wären. Die Sporen haben damals abgeschenkt, dass es schmerzte, um Tim Duncan zu bekommen. Gregg Popovich ist der Gottvater aller modernen Tanker. Nimmt man Sterns Bestrafung der Spurs für die Duncan-Heimreise vor dem Spiel am South Beach der letzten Saison zum Maßstab, hätte San Antonio für das dreiste Benching von David Robinson 1997 wahrscheinlich 2,5 Millionen Dollar Strafe zahlen müssen.

Natürlich war der Zweitrundendraftee Gilbert Arenas ein Franchise Player. Aber wie viele Ringe hat der noch gleich? Und wie lange hatte er sich behauptet? Eben. Wenn Paul George die größte aller Bühnen erklimmt, können wir noch mal darüber reden.

Titelkauf im Sommer

Im Juli jedes Jahres, wenn die Sonne am heißesten scheint, träumen Fans davon, dass die menschlichen Bauteile auf dem freien Markt sich zur nächsten Dynastie zusammenschmelzen lassen. Kann man Meisterschaften in der Free Agency zusammen kaufen? Die klare Antwort statistisch heißt N-E-I-N. LeBron James, Chris Bosh und die vielen weiteren Wechsel im Sommer 2010 (die im übrigen auch keine Ringe gebracht haben) verstellen den Blick auf die Wahrheit. Auch der damals wie heute amtierende MVP und Chris Bosh fanden den Pitch aus Miami wohl vor allem deshalb so attraktiv, weil (der gedraftete) Dwyane Wade schon vor Ort war. 2010 war die absolute Ausnahme von der Regel. Denn welcher Franchise Player eines (Conference) Champions, abgesehen von LBJ, kam in den letzten 40 Jahren schon per Free Agency? Ein einziger: Shaquille O’Neal, im Sommer '96. Sonst niemand. Ob Dwight Howard in Houston der nächste wird, wird sich zeigen. Im nächsten Jahr wohl eher nicht. 

Nur am Rande: dass die Lakers ständig mit Free Agents neu durchladen, statt langatmig neu aufzubauen, ist ein Mythos, der genauso hartnäckig wie unwahr ist. Magic war gedraftet, Worthy und West genauso. Gasol, Howard (der zudem nicht funktioniert hat), Chamberlain und Abdul-Jabbar wurden per Trade ergattert oder ergaunert, je nachdem wie man es sehen will. Ob man den am Draft Day aus Charlotte geholten Kobe Bryant als Trade oder im Grunde als verkappten Draft-Pick zählt, ist nicht wichtig. Als Free Agent kam er jedenfalls nicht.

Tausch, Tausch, Tausch

Und damit sind wir beim vermeintlich dritten Weg: dem Trade. Kurz gesagt: auch der ist maßlos überschätzt. Natürlich kann man sich nach oben tauschen. Je nach Situation kann man für auslaufende Verträge einen Rollenspieler bekommen und für ein paar Rollenspieler einen Star holen. Für ein paar Stars kriegt man dann vielleicht einen MVP-Kandidaten. Hat man lila-gelbes Briefpapier, nimmt man auch schon mal eine Abkürzung. Aber eine Dynastie baut man mit Tauschgeschäften nicht. Für einen (letzten) tiefen Playoff-Run mag es ausreichen, für eine Meisterschaft oder gar jahrelange Dominanz dagegen nicht. Recht beliebt ist das in diesem Sommer auch in Brooklyn neu aufgelegte Modell der Senioren-WG. Ende der 90er hatten die Rockets mit Olajuwon, Drexler, Barkley und Pippen das Patent angemeldet. Nicht überall endete es so desaströs wie in der letzten Saison bei den Lakers. Funktioniert hat es nirgendwo so richtig. Und wer wirklich glaubt, die Nets werden nächstes Jahr Champion, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Welche fertigen NBA-Superstars sind in ihrer Prime per Tausch über die Theke gegangen? In den letzten 30 Jahren vielleicht zehn. Rare Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind Charles Barkley, Jason Kidd beim Wechsel nach New Jersey, Chris Paul, Carmelo Anthony, Kevin Garnett oder Dwight Howard 2012. Vielleicht Shaquille O’Neal Jahrgang 2004. Aber wer von denen wurde Meister? Garnett und O’Neal. An der Seite der Finals-MVPs Pierce und Wade. Und die waren…gedraftet.

Fazit

Mit Trades wie auch in der Free Agency kann man eine Menge guter Bausteine sammeln. Aber: ein Meister wird in der Draft-Nacht gemacht. Natürlich ist die Chance gering. Allzu viele Superstars gibt es nun mal nicht, vor allem nicht solche, die man mit 19 oder 20 Jahren schon als solche erkennt.

Deshalb gibt es ja auch so wenige NBA-Champions. Fast zwei Drittel aller Franchises kennen Larry O’Brien nur aus dem Fernsehen. Back-to-back-Champions gibt es sechs. Von 30! Threepeat-Franchises gibt es drei. In fast 70 Jahren. Tanking ist unschön, ja. Für die Dauerkartenbesitzer, für die regionalen Fernsehsender. Für die Spieler. Aber ohne geht es eben nicht. Wohlgemerkt: ohne intelligentes Tanking. Charlotte betreibt kein Tanking. Die Bobcats sind schlecht, einfach nur schlecht. Zu behaupten, das sei Absicht, wäre nichts als dreist gelogen. Die Bobcats bleiben schlecht, weil sie ihre sauer verdienten Draft Picks regelmäßig für Halbnulpen aus dem Fenster schmeißen. Die Kings sind kaum besser. Und die Draft-Historie der Clippers bis Blake Griffin wäre mindestens einen eigenen Artikel wert. Schlecht sein, um hoch draften zu können, ist notwendige, nicht hinreichende Bedingung für einen Meister.

Wie aber kann es sein, dass man verlieren muss, um zu gewinnen? Ist das System kaputt? Eher nicht. Wie soll man es sonst regeln? Sollen die Topteams zur Belohnung auch noch die besten Nachwuchsspieler bekommen? Die einzige intelligente Alternativ-Idee, die ich kenne, ist eine Art Draft-Turnier unter den Mannschaften, die es nicht in die Playoffs schaffen. Das würde solide, aber letztlich zu schwache Teams wie die Rockets in den Jahren vor Harden für ihre geduldige Aufbauarbeit belohnen. Ist das machbar? Abgesehen von der Frage der Realisierbarkeit würde auch das die biblische Idee unterminieren, dass die Letzten eben die Ersten sein sollen. Die Lotterie moderner Prägung ist ja schon ein Zugeständnis an die Tanking-Realitäten. Ein Wettlauf um die schlechteste Liga-Bilanz soll vermieden werden. Und wenn man den Wettbewerb um das schlechteste Team aufnimmt, ist das Risiko des verpassten ersten Wahlrechts weit jenseits jeder statistischen Fehlerquote, bei 75 Prozent. Die Kelten-Freunde, die nachts wachliegen, und an Durant und Duncan in grün denken, wissen, was gemeint ist.

Der Draft (in Verbindung mit dem Salary Cap) garantiert zumindest eine theoretische Titelchance für jedes Team. Das ist mehr, als man von der MLB oder der Fußball Bundesliga sagen kann. Aber auch der härteste Salary Cap macht aus Salt Lake City keinen großen Markt und aus Detroit keine schöne Stadt. Auch eine unendlich hohe Luxussteuer für die Teams ebnet nicht die Unterschiede in der staatlichen Einkommenssteuergesetzgebung ein oder hindert einen Milliardär daran, gewissenlos sein Erbe zu verkleinern. Wer gewinnen will, richtig gewinnen, muss verlieren. Das ist der Kreislauf des NBA-Lebens. Wer lieber anständigen Basketballern dabei zugucken will, wie man mehr oder weniger ehrenvoll in der ersten Playoff-Runde scheitert, soll nach Atlanta gehen oder Brauerei-Touren in Milwaukee machen.