26 Oktober 2013

Sebastian Dumitru | 26. Oktober, 2013    @nbachefkoch





Was verspricht, eine im Vorfeld der hoch antizipierten Draft-Klasse 2014 eine sehr geschäftige Trade-Saison zu werden, nahm am heutigen Freitag mit dem ersten offiziellen Handschlag seinen Lauf. Es ist zwar kein “Harden nach Houston” Klassiker, aber auch kein Tauschhandel auf ”Anthony Morrow  für Dahntay Jones Niveau.” Ihr wisst mittlerweile Bescheid: Marcin Gortat wechselt nach Washington, im Gegenzug bekommen die Phoenix Suns Emeka Okafor und - viel wichtiger - einen künftigen Erstrundenpick. Warum die restlichen drei im Tradepaket involvierten Spieler (Shannon Brown, Kendall Marshall und Malcolm Lee) absolut irrelevant sind, erfahrt ihr gleich.

Der ein oder andere wird sowohl das Timing des Deals als auch seine Relevanz in Frage stellen. Das ist nachvollziehbar. Je nachdem, wie man die Situation der Wizards im Vorfeld dieser Saison einschätzt, riecht der Trade nach einer Kurzschlussreaktion. Fakt ist aber auch, dass die Zauberer erst vor wenigen Wochen die absolute Hiobsbotschaft in Form von Emeka Okafors schwerwiegender Halswirbelsäulenverletzung erhielten und spätestens nach ihren kollektiven Leistungen in der Preseason reagieren mussten. Ich habe drei Wizards-Spiele gesehen. Mitverfolgen zu müssen, wie Jan Vesely, Kevin Seraphin oder Trevor Booker immer noch über weite Strecken über den Platz stolpern wie ein grobmotorisch-kopfloses Huhn, ennervierte mich dermaßen, dass ich die Wizards in meinen inoffiziellen League Pass Rankings gleich mal 10-12 Plätze nach unten bugsierte. Sich vorzustellen, mit dieser Troika in prominenter Rolle (mindestens einer der Genannten hätte ja sogar starten müssen) erfolgreich durch eine komplette Saison zu gehen, war offensichtlich nicht nur für mich unmöglich. Kudos ans Wizards-Management, dass sie dahingehend schnell reagierten und die vakante Center-Position neu besetzten.

Natürlich hätten sie Okafors Genesung abwarten können, aber spätestens dieser Trade signalisiert wohl, dass Mekas Verletzung weitaus schlimmer und langwieriger ist, als gedacht. Also: ein Fünfer musste her. Dass Gortat allerspätestens im Februar getradet werden würde, war das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Association. Suns-GM Ryan McDonough erklärte: “Teams verstehen, was wir hier in Phoenix versuchen, also hatten wir in den letzten Wochen unzählige Unterredungen. Das Interesse an Marcin war sehr hoch. Er ist einer der besseren Center in unserer Liga.” Gortats Verfügbarkeit, gepaart mit Houstons offensichtlicher Weigerung, schon zu diesem frühen Zeitpunkt mit Omer Asik zu brechen, sowie der restlichen Marktlage (es sind einfach keine Fünfer zu haben) ließ nur eine Schlussfolgerung zu: “All In!”

All In geht man in Washington, seitdem Teambesitzer Ted Leonsis öffentlich verlangte, heuer um jeden Preis die Playoffs zu erreichen. Man hat es satt in der Hauptstadt, Jahr für Jahr in der Lotterie zu landen. Auch die ungeduldigen Fans wollen endlich wieder Postseason-Basketball zelebrieren. Bei so viel internem Druck hatte GM Ernie Grunfeld letztlich gar keine andere Wahl. Er schickte Okafor, der im schlimmsten Fall in dieser Saison gar nicht spielen wird, mitsamt auslaufendem 15 Millionen Dollar Deal nach Phoenix. Mit Gortat kam der robustere und (zumindest in dieser Saison) produktivere Spieler.

“Marcin ist ein guter Offensivspieler, egal ob im Low Post oder im Faceup. Er kann rebounden und verteidigen und macht uns variabler”, freut sich Grunfeld über seinen neuen Big Man. In der Tat ist der polnische Hammer im Angriff auf einem ganz anderen Niveau als Okafor. Er wird die Wizards vorne definitiv vielseitiger und potenter machen. Sein go-to Move ist das Pick & Roll. Selbst in der vergangenen Saison, eine schwache für seine Verhältnisse (11.1 PPG und 8.5 RPG), kam Gortat auf 1,16 Punkte pro Play als Roll-Man. Nur 25 Spieler waren besser. Ein Jahr zuvor spielte er zusammen mit Steve Nash die Liga mit genau dieser Option schwindelig. Washington hofft, dass ein erfolgreicheres Umfeld und ein Elite-Pointman wie John Wall das Beste aus Gortat heraus kitzeln und er an seine Career Highs aus der Lockout-Saison anknüpfen kann (15.4 PPG und 10 RPG bei 56% FG). Seine Physis und Länge machen ihn auch am Brett und als Verteidiger im Low Post wertvoll. Was Gortat hingegen nicht kann ist, den Ring zu beschützen. Okafor war, nicht nur in der abgelaufenen Saison, einer der besten Zonenverteidiger der NBA, sondern auch maßgeblich daran beteiligt, dass die Wizards die achtbeste Defensive der NBA stellten.

Dieses Downgrade ist Washington aber gewillt einzugehen, um die eigenen Playoff-Chancen zu wahren. Ich will ehrlich sein: ich war geschockt, wie schwach das Hauptstadt-Team in der Preseason agierte. Zwar hatte ich ihnen im September noch echte Chancen eingeräumt, unter die besten Acht im Osten zu gelangen, basierte meine Projektionen aber zum großen Teil auf der guten Defensive der Vorsaison und der Wall/Beal Dynamik im Angriff. Nach diesem Trade? Die Möglichkeiten im Angriff sind vielschichtiger: Gortat und Nene können groß spielen und koexistieren, und mit Stretch-Big Al Harrington hat man sogar die Distanzwaffe, die Gortats Neigungen in der Mitte des Feldes am besten maximiert. Gleichzeitig wird man ohne Okafor aber keine Top-10 Defensive mehr stellen. Was also bleibt, ist der Versuch, mit der Brechstange das Postseason-Fenster aufzuwuchten. Das ist möglich, aber nur, wenn alles perfekt läuft.

Die Gefahr, zu hoch gepokert zu haben, ist real: knappes Verpassen der Playoffs, Gortats haut via Free Agency ab (will man dem 30-Jährigen im Sommer wirklich 30-40 Millionen überweisen?) und der Lotterie-Pick, den man nach Phoenix geschickt hat, landet genau auf der #13. Das wäre der Supergau, aber diese Risiken kennt man in Washington. Was zählt, ist einzig und allein 2013/14. Achja: von den anderen drei Akteuren wird keiner auch nur eine Minuten in Washington sehen. Abschließend Grunfeld: "Wir werden die anderen Spieler nicht behalten. Und der Pick ist geschützt." So.

Für Phoenix hätte die Ryan McDonough Ära nicht besser beginnen können. Für alle klar erkennbar im Rebuild-Modus durchstartend, akkumulieren die Suns Draft-Picks - ähnlich, wie das Sam Presti in OKC und Daryl Morey in Houston gemacht haben - und setzen ausnahmslos auf ihre jungen Akteure. Dass McDonough Gortat früher oder später traden würde, war klar. Dass er früher den Abzug drückte lag “an den Fragezeichen, die wir hatten, und die in den letzten Wochen beantwortet wurden”, so der GM. “Channing (Frye) ist gesund zurück, Miles (Plumlee) sah fantastisch aus in der Preseason, und Alex (Len) ist von seinen Fußgelenkproblemen auch wieder genesen. Ausserdem hatten wir zu viele Spieler im Kader. Jetzt sind wir bei 14 und können unseren Youngstern Spielzeit geben.”

Und es werden noch mehr Junge dazu kommen: Phoenix hat nun, je nachdem wie die Dinge laufen, bis zu sechs Erstrundenpicks in den nächsten beiden Drafts: zwei eigene, diesen aus Washington (2014), einen aus Minnesota (2014), einen aus Indiana (2014) und einen von den Lakers (2015). Die sind zwar bis zu einem gewissen Grad geschützt (WAS 1-12, IND 1-14, MIN 1-13, LAL 1-5), werden aber irgendwann mehrere ganz starke Bausteine für die Zukunft abwerfen. Bis dahin wird's hässlich in Phoenix. McDonough findet’s trotzdem cool: “Ich denke, wir haben hier einen ganz guten Start erwischt.” Äusserst bescheiden, Ryan...


nbachef meint: Vorteil Phoenix