05 November 2013

Niklas Dahl | 4. November, 2013    @hoopcadabra






Meinen Erstkontakt mit Jazz hatte ich relativ spät. Es muss irgendwann zwischen 2008 und 2010 gewesen sein. In einem dieser Jahre schaute ich zum ersten Mal (es war die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr) „Cowboy Bebop“. Jene wirklich herausragende Serie bedient(e) sich musikalisch vorwiegend aus zwei Genres: Dem Blues und eben dem Jazz. Was ich damals wie heute so interessant, so fantastisch, an Jazz finde, ist seine Diversität. Ob fröhliche Uptempo Nummern oder melancholische Tracks, die lediglich ein Instrument featuren, Jazz bietet so verdammt viel, so dass man sich wunderbar in ihn fallen lassen kann. In ein sanftes Bett aus Tönen und Melodien, das von den unzähligen Virtuosen bestellt wurde. „Ich habe Jazz nie ganz verstanden“, aber ich weiß: Er gefällt mir unfassbar gut.

Ein ähnliches „nicht verstehen“ in Bezug auf Jazz hätte ich Anfang des Jahres. Nicht bezüglich der Musikrichtung, sondern der Basketball-Franchise aus der Mormonenhauptstadt Salt Lake City. Diese hatte Anfang des Jahres in Al Jefferson, Paul Millsap, Enes Kanter und Derrick Favors vier qualitative NBA Frontcourtler. In Zeiten wie diesen, wo gute Center Mangelware und kleine Lineups bei NBA Teams favorisiert sind, eine exorbitant-luxuriöse Situation. So luxuriös, als dass sich Journaille und Bloggerei in einem einig waren: Spätestens zur Trading Deadline wird ein Frontcourtler geopfert, um den (nicht nur vergleichsweise) dünnen Backcourt aufzuwerten. Ganz besonders diskutiert: Ein mögliches Tauschgeschäft mit den Clippers, Millsap für Bledsoe, straight up. Doch wie so oft lagen alle (selbsternannten) Experten falsch, General Manager Dennis Lindsey belehrte uns eines besseren, indem er einfach... nichts tat, sondern Han Solo-esque die Füße auf den Tisch legte und sein Team unverändert ließ und darauf vertraute, dass jene Frontcourt-Überladung ausreicht, um im Westen einen der letzten Playoffplätze zu erobern (ein Ziel,  das man mit zwei Siegen Unterschied denkbar knapp verfehlte).

Nun war das Jazz-Quartett also doch – entgegen aller Erwartungen – bis Saisonende zusammengeblieben. Man war sich und seinen Idealen treu geblieben, blieb kompetitiv (Utah hat nie mehr als 60 Spiele in einer Saison verloren und seit dem Umzug 1979-80 nur sechs Mal eine negative Bilanz vorzuweisen). Aber das Problem, wie der Frontcourt zur neuen Saison 2013-14 aussehen sollte, war nicht ad acta gelegt, sondern lediglich zeitlich aufgeschoben worden. Allen Ortes stellte man sich also wieder die Frage: Trifft es den offensiv überragenden, defensiv aber limitierten Al Jefferson? Trifft es vielleicht Eigengewächs Paul Millsap? Oder am Ende doch einen der beiden Jungspieler Derrick Favors oder Enes Kanter? Egal, wie auf den Plattformen diskutiert und argumentiert wurde, am Ende war man sich aber (wieder) in zumindest einem Punkt einig: Das realistischste Szenario sah lediglich einen Abgang vor, niemals zwei. Und wie schon wenige Monate zuvor wurden alle überrascht. Al Jefferson unterschrieb für 13.5 Mio./Jahr in Charlotte, Paul Millsap zu wesentlich konservativeren Bezügen in Atlanta (für 9.5 Mio./Jahr). 

Die Message war klar: Das Vertrauen haben plötzlich Enes Kanter und Derrick Favors. Doch können sie dieses Erbe stemmen? Können sie die Erwartungen, die ihre Leistungen als Hintermänner geweckt haben, auch auf die Starterrollen ummünzen? Oder haben sich die Verantwortlichen in ihrer Suche nach Gold verzockt, müssen alsbald also konsequent auf den Draft setzen? Die Antwort: Kanter & Favors können. Und meiner Meinung nach werden sie auch. Sogar so gut, als dass ich die Jazz als legitime Erben der Pacers und Grizzlies ausmache. Und dank weiteren Dingen (die später behandelt werden) sogar ihren geistigen Vorbilder übertreffen könnten. Doch der Reihe nach . . .

Wie gut ist der (semi-)neue Favors/Kanter Frontcourt wirklich?
Siehe oben: Er ist gut. Um das mal mit Zahlen zu untermauern: Mit Favors und Kanter auf dem Feld betrug das Defensiv-Rating der Utah Jazz 98.3 bei einem Offensiv-Rating von 99.4. Tatsächlich war das Duo Favors/Kanter in der abgelaufenen Saison das einzige Big Man Gespann der Jazz mit mindestens 700 gespielten Minuten, das einen positiven +/- Wert ablieferte (zum Vergleich: Millsap und Jefferson legten einen Wert von -2.5 auf, bei einem DefRtg von 107.6).

Was dieses Duo so gut macht: Sie scheinen perfekt zu harmonieren, scheinen einander in- und auswendig zu kennen. Der eine scheint immer zu wissen, was der andere plant, kann somit im Zweifelsfall schneller reagieren und aushelfen. Außerdem: Kanter und Favors bringen defensiv eine hohe Mobilität mit, können schnell zwischen Ballführer und Blocksteller im Pick & Roll wechseln. Diese hohe Mobilität mit dem Willen auszuhelfen, ist eine wahre Plage für gegnerische Offensiven. Mehr Zeit zusammen und auf dem Feld werden diesen defensiven Impact meiner Meinung nach nur noch mehr befeuern. Was fehlt ist eine ähnliche offensive Abstimmung. Aber auch hier sollte mehr Zeit mehr Sicherheit bringen. Kanter mit dem Gesicht zum Korb, Favors direkt darunter, das kann dürfte auf NBA Niveau langfristig funktionieren.

Im Zuge der Recherche habe ich jedoch viele Stimmen vernommen, die durchaus Bedenken hinsichtlich Favors und Kanter hatten (und haben) und meinen Optimismus nicht unbedingt teilen. Als häufigstes Konterargument fiel wahrscheinlich das: „Favors und Kanter haben in der vergangenen Saison nur gegen Bankspieler und Second stringer gespielt, die eine andere Herausforderung sind, als NBA Starter.“ Und auch, wenn man dieser Aussage eine gewisse Teil-Wahrheit nicht absprechen kann, ist die Schlussfolgerung, die viele daraus ableiten, meiner Meinung nach schlichtweg falsch. Egal, ob man (i) „newschool“ mit Statistiken oder (ii) „oldschool“ mit dem Eyetest argumentiert. 

Zu (i): In seiner „Millsap Doctrine“ hat Kevin Pelton vor einigen Jahren den statistischen Beweis geliefert, dass eine größere Rolle keine negativen Auswirkungen auf die „Per Game“ sowie die „Advanced“ Statistiken hat.

Zu (ii): In seinem Post bei NBA.com zeigt Autor John Schuhmann einige Szenen aus dem Aufeinandertreffen der Jazz und der Pacers im letzten Jahr. In diesen Auszügen sehen wir Enes Kanter gegen Roy Hibbert. Sehen Derrick Favors gegen Roy Hibbert. Sehen Derrick Favors gegen David West. Und auch, wenn das sicherlich nur ein kleiner Auszug aus der Vita der beiden Frontcourtler ist, zeigt er, dass sie alle konstitutionellen Voraussetzungen mitbringen, um auch auf NBA Starterlevel zu bestehen.

Zusammenfassend: Favors und Kanter bilden nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, ein unglaublich vielversprechendes, junges Frontcourtduo (Kanter ist 21, Favors 22 Jahre alt). Eines, das aus der größeren Rolle nur profitieren und sich durch die individuellen Stärken und Schwächen (Favors besser in der Defense, Kanter in der Offense) komplementieren kann. Und Utah auch langfristig erhalten bleiben sollte.

„Ich zock leidenschaftlich gerne Fantasy Basketball. Was kann ich denn nun von den beiden erwarten?“
Dafür müssen wir (alle „wahren“ NBA Kenner springen in den nächsten Abschnitt) ein wenig die Advanced Metrics bemühen, die uns zumindest etwas Aufschluss geben können. Schließlich ist der geneigte Fantasy General Manager eher um harte Zahlen, als subjektive Eindrücke bemüht (bzw. daran interessiert).

Derrick Favors legte 2012-13 per 36 Minuten 14.6 Punkte, 11 Rebounds und 2.6 Block auf. Das liest sich auf den ersten Blick nicht schlecht, verspricht jene Statline doch Double Double um Double Double. Die statistische Problematik zeigt sich bei Favors eher im Detail, genauer in seiner True Shooting Percentage und der effective Field Goal Percentage. Hier sind alle Werte, trotz einer durchaus gleichbleibenden Usage Rate, rückläufig. Für eine größere Offensivrolle ist das durchaus problematisch. Das große Problem des Derrick Favors ist eines, das dem eines prominenten Small Forwards/Power Forwards, der sich gegenwärtig in Detroit aufhält, nicht ganz unähnlich ist: Bewegt sich Favors vom Ring weg, sackt seine FG% in den Keller ab. Jenseits des Rings befindet sich seine Quote konsequent unter 40 Prozent. Das kann sich als echtes Problem herausstellen, will man Kanter mehr Räume unter dem Korb verschaffen und den Türken primär dort einsetzen. Ein zweites, jedoch kleineres Problem von Derrick Favors ist dessen Anzahl an persönlichen Fouls, die er per 36 Minuten sammelt (5). Hier sollte etwas mehr Abgeklärtheit aber Besserung versprechen.

Enes Kanter auf der anderen Seite scheint für Fantasy Basketballer die attraktivere Wahl zu sein. Der sammelt per 36 Minuten nämlich 16.9 Punkte, 10.2 Rebounds und nur 3.9 persönliche Fouls bei höherer TS% und eFG%, die anders als bei Favors sogar steigend war (TS% von 54 Prozent auf 59 Prozent; eFG% von 49 Prozent auf 55 Prozent). Außerdem auffällig: Anders als Favors liegt Kanters Feldwurfquote auch abseits des Bretts auf einem okayen NBA Niveau, sein Wert aus drei Metern bis hinaus zur Dreierlinie liegt mit einer Wurfquote von 46,2 % sogar über der von beispielsweise Kevin Durant (42,9 %, natürlich bei einer ungleich höheren Taktung).

Was kann man also in dieser Saison von den beiden erwarten? Auf jeden Fall zweistellige Werte pro Spiel in Punkte und Rebounds. Wessen Werte am Ende höher sind, liegt vor allem daran, ob sich Favors im Laufe der Saison einen validen Mitteldistanzwurf aneignen kann, oder ob er sich darauf verlassen muss, dass ihm Trey Burke, Gordon Hayward und auch Enes Kanter durch konsequentes Auseinanderziehen des Feldes Platz unter dem Korb verschaffen. Ich tippe auf ersteres, letzte Variante wäre aber auch nicht überraschend.

Wie gut schlägt sich Rookie Point Guard Trey Burke?
Für mich bringt Trey Burke nicht nur die Fertigkeiten mit, Utahs dauerhafte Lösung auf der Eins zu werden, nein, auch das Kaderkonstrukt verspricht, dass Trey Burke legitimer Anwärter Nummer Eins auf den Titel „Rookie des Jahres“ ist. Wer von Trey Burke vielleicht noch nichts gehört, geschweige denn gesehen hat, checkt am besten das Scouting-Video von Draft Guru Jonathan Givony oder zumindest das Draft Spotlight hier bei NBACHEF. Dadurch entwickelt man nicht nur ein tieferes Verständnis für das Spiel von Trey Burke, sondern auch davon, wie er in das Spiel der Jazz als deren Dirigent passen kann.

Burke brilliert im Scoring auf zweierlei Arten: Per Drive (ob aus dem Pick & Roll oder mit Crossover Moves) oder per Distanzwurf. Dinge, die – ihr habt es schon gelesen – sehr gut mit dem Jazz Frontcourt harmonieren. Dank seiner Mobilität und Distanzwurfqualitäten kann Burke beispielsweise ein ähnliches Tandem mit Enes Kanter formen, wie es im letzten Jahr schon die Divisionskonkurrenten Damian Lillard und LaMarcus Aldridge gebildet haben. Burke und Kanter, das verspricht eine explosive Mischung, die relativ einfach von Pick & Roll ins Pick & Pop switchen, und damit die gegnerische Defensive vor einige Probleme stellen kann (und meiner Meinung nach auch wird).

Hinter Burke wird aller Wahrscheinlichkeit nach (nach dem Abgang von Mo Williams nach Portland) der ungedraftete Free Agent Guard und Summer League MVP Ian Clark (22 Jahre alt) spielen. Der hat seine Qualitäten (den Dreipunktewurf) schon während des Summer League Championship Games unter Beweis gestellt, als er sieben von zehn Würfe von außen traf. Doch bei aller Qualität, die Ian Clark mitbringt, stellt sich doch die Frage, inwiefern er Trey Burkes Minuten pro Spiel eingrenzen kann und wird. Gefühlsmäßig wird Trey Burke, wenn er wieder genesen ist, 34-36 Minuten pro Spiel abliefern, die ihm dabei helfen werden, sein Spiel in die NBA zu transferieren und dort (zumindest für Rookie-Verhältnisse) zu glänzen. Rookie des Jahres „in the making“? Ich glaube fest daran.



Favors, Kanter und Burke sind vielversprechend, hab ich verstanden. Doch was ist mit Gordon Hayward oder Alec Burks?
Zu Hayward: Denkt man an den Starcraft-liebenden 2-Meter-Schlaks aus Brownsburg/Indiana, dann kommt einem erst einmal ein sehr valider Dreipunktewurf in den Sinn. Hier draußen, hier an der Dreipunktelinie, fühlt er sich ähnlich wohl, wie vor dem heimischen Rechner beim Dirigieren von Terranern und Zerg. Hier drückt er 3,4 mal pro Partie ab und versenkt dabei 41,5 Prozent seiner Würfe. Dass diese Qualität vom Team nicht unbeachtet blieb, zeigt die steigende Usage-Rate, die 2012-13 mit 22.1% ihren bisherigen Höhepunkt fand. Diese größere Rolle im Teamgebilde der Jazz mündete schlussendlich in einer Steigerung an Punkten pro 36 Minuten Spielzeit, wo Hayward auf 17.4 kam. So gut sich das anhört, so unsicher ist es letztendlich, wie gut Gordon Hayward wirklich sein kann. In einer Division, in der nahezu jedes Team mindestens einen gefährlichen Flügelspieler besitzt, muss Hayward defensiv verlässlicher werden. Außerdem: Stagnierende Werte bei PER, TS%, eFG%, OffRtg. und DefRtg. lassen Zweifel aufkommen, wie viel Potenzial, wie viel Luft nach oben, in Hayward wirklich steckt. Die kommende Saison wird es zeigen. Denn in dieser Saison dürfte er eine der größten Rollen im Team innehaben.

Zu Burks: Ähnlich problematisch wie bei Gordon Hayward sind auch die Advanced Metrics bei Alec Burks. Auch bei ihm stagnieren TS%, eFG%, OffRtg., DefRtg. und PER. Dazu fiel seine Rolle (anders als bei Gordon Hayward) kleiner aus, als noch 2011-12 (USG% von 22.5 auf 20.7). Der ebenfalls sinkende PER36-Wert von früher 16.3 auf zuletzt 14.3 überrascht da kaum. Für seinen Verbleib im Team wird also entscheidend sein, wie häufig er eingesetzt oder vielleicht sogar eine Rolle á la James Harden übernehmen wird. Dann sind Alec Burks durchaus 16 Punkte, 5 Rebounds und 3 Assists pro Spiel bei durchschnittlichen Quoten zuzutrauen. Wenn nicht, dürfte er sich dank humanem Salär spätestens am Draftabend in Tradegerüchten wiederfinden. 

Prognose und Fazit der Utah Jazz Anno 2013-14
Es sollte mittlerweile bei jedem geneigten Leser angekommen sein: Das Triumvirat aus Burke, Favors und Kanter bringt für mich alles mit, um die Jazz zumindest streckenweise in vielen Spielen zu halten und vor allem anschaubar zu machen (also zum Beispiel das Gegenteil zu dem, was die 76ers in der kommenden Saison auf den Hardwood schicken wollen). Die prognostizierten 27.5 Siege werden es gefühlsmäßig nicht werden, dafür ist die eigene Division zu gut, von der Conference ganz zu schweigen. Aber: Dieser Umstand sollte keinen Jazz-Fan zur Verzweiflung treiben. Denn auch wenn die Jazz kurzfristig vielleicht nicht wahnsinnig tief (oder gut) aufgestellt sein sollten, sieht die mittel- und langfristige Situation der Mormonen wahnsinnig interessant aus . . .

Die mittelfristige Zukunft (ab Sommer 2014)
Dank des Golden State/Denver/Utah Trades aus dem Sommer haben die Jazz gegenwärtig knapp 24 Millionen $ zusätzlich auf den Büchern, die in der kommenden Offseason allesamt auslaufen. Und sowas schafft für Dennis Lindsey einige interessante Möglichkeiten. Zum Beispiel Brandon Rush (4 Mio./Jahr), Richard Jefferson (11 Mio./Jahr) und/oder Andris Biedrins (9 Mio./Jahr) zur kommenden Trading Deadline für weitere Draftpicks (wenn auch keine hohen) oder gar einen Rudy Gay zu veräußern (zusammen mit etwaigen Kompensationen).

Apropos Draftpicks: Hier konnten durch die Aufnahme der oben angesprochenen Akteure einige Draftpicks kumuliert werden. In der Praxis sind das zwei weitere Erstrundenpicks aus Golden State (2014 und 2017, beide ungeschützt), sowie drei Zweitrundenpicks, aufgeteilt in zwei Picks aus Golden State (2016, 2017) und einen aus Denver (2018). Dazu kommen die eigenen Picks (Utah ist keine Picks schuldig), die aus genannten Gründen relativ weit oben angesiedelt sein sollten. Solch eine Anzahl an Picks schafft für jeden General Manager viel Spielraum. Einige mögliche Szenarien? Gerne:

(i) Der eigene 1st Rounder + den eingehenden 1st Rounder aus Golden State, um bei schlechtem Lottery-Ausgang doch noch hochzutraden
(ii) 1st Rounder aus Golden State + einige 2nd Rounder, um sich ins Mittelfeld des Drafts zu verbessern
(iii) Alec Burks + Kompensationspicks, um wie einst Houston einen weiteren Erstrundenpick zu akquirieren

Ob solcher Möglichkeiten schaut sicherlich der ein oder andere Konkurrenz-GM neidisch gen Lindseys Büro. Aber nicht nur die Draft-Aussichten sind gut bis sehr gut, auch finanziell hat Dennis Lindsey, wie oben angesprochen, mehrere Möglichkeiten. Denn: Ohne gezogene Optionen befinden sich 2014-15 lediglich 8,8 Millionen $ an Salär (Stand: 17. Oktober 2013) auf den Büchern. Das schafft unfassbar viele Räume zum Operieren. Lindsey kann während der Regular Season genau schauen, welche Puzzlestücke mit in den Retool-Modus genommen werden sollten (Hayward, Burks, Favors, Kanter, Burke) und vor allem, mit wem man besser Thunder-esque frühzeitig zu humanen Bedingungen verlängern sollte, um Preistreibereien in der Free Agency schnellstmöglich zu unterbinden.

Die langfristige Zukunft (2017-18 und darüber hinaus)
Fassen wir noch einmal zusammen: Die Utah Jazz besitzen zwei der talentiertesten Big Men der Association, die sich schon jetzt perfekt ergänzen. Dazu haben sie mit Trey Burke einen jungen Point Guard, der durchaus an Damian Lillards Leistungen aus 2012-13 anknüpfen kann. Plus Gordon Hayward, der aber dank seines jungen Alters Verbesserungspotenzial besitzt. Nicht zu vergessen: Alec Burks, ein möglicher sechster Mann für die Zukunft. Wer aufgepasst hat, wird bemerkt haben, dass sich jene fünf Talente nicht überschneiden, sondern alle fünf Positionen (durchaus klassisch mit zwei echten Big Men) besetzt werden können.

Zu dieser Anhäufung an validen Talenten gesellt sich eine überaus komfortable Salary Cap Situation, die Platz für einige konservative bis üppige Vertragsverlängerungen lässt. Und massenhaft Picks, durch die der Franchise (nach eigenem Vorbild) stets junges Blut intravenös eingeführt wird. Ja, die Situation der Jazz stellt sich Anno 2013 als sehr gut dar. Tatsächlich würde ich sogar soweit gehen, sie in drei bis vier Jahren mindestens auf Augenhöhe mit den Oklahoma City Thunder zu sehen.

In meinem ganz eigenen „What if...“ Szenario akquirieren die Jazz im kommenden Draft Shooting Guard Dante Exum, sowie den enigmatischen Flügelspieler Alex Poythress. Je nachdem, ob Hayward und Burks der Franchise erhalten bleiben, könnten die Jazz 2014-15 folgende erste Sieben ins Rennen schicken: Burke-Exum-Hayward-Favors-Kanter, dahinter Poythress und Burks.

Viel weniger Talent besaßen die Thunder zu Beginn ihrer Odyssee auch nicht. Warum sollte ein solcher Kern in vier bis fünf Jahren also nicht auch um die Western Conference mitspielen können? Was spricht dagegen, dass die Jazz nicht nur die geistigen Vorbilder Chicago, Indiana und Memphis kopieren, sondern gar übertreffen. Oder um es mit Duke Ellingtons Worten zu sagen: „It don't mean a thing (If it ain't got that swing)“. Und dieser „Swing“, dass sind in der NBA die Finals. 2019er NBA Finals: Orlando Magic vs. Utah Jazz? Auf jeden Fall möglich. Seid also nicht allzu sehr überrascht, falls der Fall tatsächlich eintrifft. 

[Nachtrag]
Keine fünf Tage ist es her, da wurden obige Zeilen getippt. Fünf Tage, in denen gerade im NBA-Oktober einiges passieren kann. Fünf Tage reichen, um Vertragsverhandlungen abzubrechen und den potenziell besten Shooting Guard der Liga zum Conference Konkurrenten zu traden. Fünf Tage reichen, um aus einem Team, das von seinem Point Guard gecoacht wird, einen potenziellen Contender zu machen. Und fünf Tage reichten den Utah Jazz offenbar auch, um ihre Kaderplanungen voranzutreiben. Denn: Nicht nur, dass Derrick Favors eine Offerte von 49 Mio. $ für 4 Jahre angenommen hat, nein, auch Gordon Hayward soll einen ähnlichen, ja sogar höher ausfallenden Kontrakt offeriert bekommen haben. Jene Entwicklung kann man natürlich nicht vollkommen unberücksichtigt lassen. Darum zwei Sätze zu den jeweiligen Vertragsverlängerungen:

Wie oben geschrieben traue ich Derrick Favors zu, dank einer größeren Rolle in 2013-14 seinen Vorgänger Paul Millsap ähnlich zu ersetzen, wie es jener damals beim Abgang von Carlos Boozer schon tat. Will heißen: Ein Double-Double über die Saison plus großer defensiver Einfluss (und hoffentlich verbessertem offensivem Spiel) ist nicht auszuschließen. Setzt man diese prognostizierten Zahlen in den gegenwärtigen Kontext (viele Teams mit viel Cap Space), ist die Verlängerung, die Favors knapp 12 Mio./Jahr einbringt, nicht nur richtig, sondern auch wichtig. Denn legt Derrick Favors jene Zahlen auf, ohne dass man vorher mit ihm zu konservativen Bezügen verlängert hat, zahlt Utah schlussendlich in der Free Agency drauf. Und die Historie hat gezeigt, dass junge Big Men auf dem freien Markt mit sehr hohen Offerten gelockt werden. Der beschrittene Weg, Favors nicht nach seinen erbrachten, sondern seinen prognostizierten Leistungen zu bezahlen und langfristig zu binden, ist definitiv positiv zu bewerten. Die Thunder unter Sam Presti haben es vorgemacht, die Jazz gehen nun mit.

Ganz so positiv sehe ich die geplante Hayward-Verlängerung allerdings nicht. Konkrete Zahlen fehlen zwar, allerdings schien die Offerte der Jazz bei etwa 13 Mio./Jahr zu liegen. Um diesen Kontrakt einordnen zu können, hilft ein Vergleich mit den direkten Divisionskonkurrenten:


Was auffällig ist: In kaum einer Kategorie ist Gordon Hayward führend, sondern tendenziell schlechter als Gallinari und Batum. Dieser alleinige Umstand ist per se nicht schlecht zu bewerten (auch, weil Hayward zwei Jahre jünger ist). Berücksichtigt man aber die geplante Verlängerung, schneidet das Jazz-Management schlecht ab. Denn: Gallinari wurde für $42M/4 Jahre, Batum zu $46M/4 Jahre gehalten. Man hätte Gordon Hayward also mehr für weniger Leistung gezahlt. Sicher, auch Hayward hätte ob seiner Qualitäten als Free Agent viel Interesse gezogen. Doch lässt sich passabler Ersatz auf der Small Forward Position günstiger und schneller finden, als beispielsweise auf Power Forward oder Center. Utah hätte also knapp ein Fünftel der Salary Cap Ressourcen dafür aufgewendet, um auf einer Position Planungssicherheit zu haben, die so gar nicht notwendig ist (hier sei auch auf den kommenden Draftjahrgang verwiesen, der sogar im Mittelfeld einige interessante Small Forward Talente featured, siehe z.B Alex Poythress). Ob sich Dennis Lindsey mit dieser (geplanten) Verlängerung einen Gefallen getan hätte? Müßig, darüber jetzt noch zu spekulieren. Utah und Gordon Hayward brachen die Gespräche ab. Der 23-Jährige wird im kommenden Juli Restricted Free Agent.