22 November 2013

Anno Haak | 22. November, 2013    @kemperboyd






Die Saison 2013/14 hat gerade erst begonnen, und die Miami Heat haben sich mit 9-3 Siegen wieder oben festgesetzt. Doch über dem 300-Sonnentage-p.a.-South-Beach liegt ein langer Schatten. LeBron James äußerte schon am Media Day Verständnis für die „Was ist im nächsten Sommer“ Fragen der versammelten Sportjournalisten-Schar, will sie aber nicht beantworten. Wir übernehmen das.

„I understand you have to ask these questions.”

Vor dem mutmaßlich heißen Juli 2014 bibbern sie in Miami bereits jetzt. Die Free Agency des kommenden Jahres könnte den Zerfall einer Dynastie bringen. Streng genommen steht zwar noch gar nicht fest, ob der LBJ, Flash und CB1 in acht Monaten in die Vertragsfreiheit gehen. Alle Kontrakte laufen bis 2016. Doch alle drei haben die Fessel-spreng-Klausel namens ETO (Early Termination Option) in ihren Arbeitspapieren verankert. Mit dem Ausstieg würde jeder der Big Three zwar ca. 40 garantierte Millionen Dollar auf's Spiel setzen. Allerdings nur im nicht ganz unattraktiven Tausch gegen ca. 80 Millionen und die zusätzliche Freiheit, alle (sportlichen) Optionen zu wägen.

Sollten die „Big Three“ tatsächlich ihre Talente irgendwo anders hinbringen, was – quod esset demonstrandum – unwahrscheinlich ist, wäre das für Miami ein Absturz aus dem Contender-Himmel in die höllische Realität der Lotterie. Vergleichbar nur mit dem Zerfall der „Unstopp-a-Bulls“ 1998/1999. Doch während die Kombination aus Scottie Pippens Trip nach Houston, Dennis Rodmans Wechsel in den Wandervogelstatus und vor allem das lockoutbedingt recht unwürdige zweite Karriereende des G.O.A.T., Michael Jordan, nicht nur der NBA-Marketing-Abteilung die Tränen in die Augen trieb, dürfte sich über die Heat im schlimmsten Fall nichts als Häme ergießen.

Rückblende: „How you like me now?“

Bis zum 08. 07. 2010 waren die Miami Heat nur eine von 30 Franchises. Sicher, der Name des Immer-mal-wieder-Trainers und Teampräsidenten Pat Riley bürgte stets für landesweite Aufmerksamkeit. Und fraglos waren die Heat im Lauf ihrer bis dahin 22-jährigen Existenz einer der besser verwalteten Clubs der Liga. Von den heute 17 Playoffteilnahmen in 25 Jahren können die mit den Heat in der NBA angekommenen Timberwolves, Hornets oder Magic nur träumen. Bis heute sind die Heat das einzige Expansions-Team der modernen NBA mit Meisterschaftsbannern unter der Hallendecke. Die Rivalität mit den New York Knicks Ende der 90er gebar Heldengeschichten, wenn auch eher im Big Apple als am South Beach. Aber zur Identifikationsstiftung waren die Schlachten der Generation Mourning/Hardaway gegen den alles verschlingenden Underdog-Moloch vom Hudson River durchaus angetan. Es gab Draft Busts (Beasley) ebenso wie Steals (Wade an Nummer 5), große Stars (Mourning & Shaq) ebenso wie noch größere Enttäuschungen (Ricky Davis). Reichhaltige Geschichte in einem Viertel Jahrhundert. Dennoch hätte in den Rest-USA, jenseits von Dallas, das Tragen von Caps, Hoodies oder Trikots mit dem entflammten Ball bis Juli 2010 nicht wirklich zu Gefühlswallungen der örtlichen Einwohnerschaft geführt.

Die drei Tage vom achten bis zum zehnten Juli 2010 änderten alles. Der Achte im Siebten machte aus den zwei Worten „The Decision“ eine globale Punchline. Der Neunte sah die Transformation eines Media Day in einen „WWE-Event“ (Sportscenter). Am Zehnten verschifften die Heat vier Draft-Picks nach Cleveland und Toronto und bekamen im Gegenzug die beiden begehrtesten Free Agents, die bis dahin noch keine Heat-Uniform getragen hatten. Plötzlich hatte jeder eine Meinung zu den Heat. Und die meisten keine sonderlich gute. Sich mit 300 Millionen Gehalts-Dollar in drei Tagen für drei der damals besten Basketballer der NBA von einem 45-Siege-Team in einen Dynastieanwärter zu verwandeln, lässt den Unsympathengeigermeter schon ausschlagen. Von „not seven“ Ringen zu fabulieren, bevor man überhaupt einen Ball in der Hand hatte, half auch nicht wirklich.

Doom‘s Day: 01. 07. 2014

Miami war im „Win-Now“-Modus. Nur eins tröstete die Romantiker unter den Teamarchitekten immer. Also neben der Niederlage gegen „Uns Dirk“ 2011. „Now“ war ein klar umrissener Zeitraum. Nicht 2016, wie man angesichts der Gesamtlaufzeit der Verträge annehmen konnte, sondern 2014 war die Wegbegrenzung auf dem Weg zur Glorie. Im Juli nächsten Jahres können Wade, James und Bosh nicht nur ihre Verträge, sondern gleich die ganze Dynastie terminieren. Die Entscheidung hängt an drei Faktoren: Erfolg, Alternativen und natürlich Geld.



Der Schlüssel ist Dwyane Wade. Sein Marktwert dürfte schon heute der geringste sein. Ja, ich hab‘s gesagt. Seine Kniescheiben sind Oberschenkel tragende Fragezeichen. Nicht alles ist Spiel vier der NBA-Finals 2013. Wade ist gegenüber best buddy James in der Bringschuld. Nur wenn er nachweisen kann, dass er in der NBA noch ein Unterschiedspieler sein und auf absehbare Zeit auch bleiben kann, wird James das Abenteuer Miami ohne Wenn und Aber verlängern.

Bosh muss eine Karriereentscheidung treffen. Der Ex-Raptor muss nicht mehr und nicht weniger als die Frage beantworten, ob er als Scottie Pippen für Einkommensschwache in die NBA-Geschichte eingehen oder im letzten Karrieredrittel ein (ambitioniertes) Team als Franchise Player anführen will. Bosh ist über all den „Two-and-a-half-men“-Spott in Vergessenheit geraten. Aber er war vor Kurzem noch einer der besten Big Men der Liga. Den (Fast-) Maximalvertrag bekam er nicht ohne Grund. Richtig ist: Bosh ist ein Musterbeispiel für einen Contract-year-Player. 2009/10 brachte er in nahezu jeder relevanten Kategorie Career Highs. Selbst wenn man seine vermeintlich missratene Saison 2012/13 zum Maßstab nimmt, sieht man, wie gut er immer noch ist.

Kurzer Ausflug in den Nummernwald: Sein PER wies überdurchschnittliche 20,0 aus. Mehr als (vermeintliche) Franchise Player wie Dirk Nowitzki, Dwight Howard oder Marc Gasol. Die Shooting-Splits zeigen: zwei von drei seiner Würfe waren Jump Shots, die er mit beachtlichen 43,5% versenkte. Zwischen fünf Meter und Dreierlinie waren es sogar 49,4% (zum Vergleich: Nowitzki 50%, Love ein Jahr vorher: 38,9%). In der heutigen NBA-Welt, in der man Spacing und Stretch Vierer händeringend sucht, sind das nur einige der guten Argumente, dem Georgia Tech Alumnus Bosh sein eigenes Team anzuvertrauen. Nicht alles ist null Punkte in Spiel sieben der Finals. Bleibt noch James...

Decision 2.0?

... Sicher nicht. Es wird diesmal keine Fernsehshow geben, keine brennenden Trikots. LeBron James dürfte aus 2010 gelernt haben. Natürlich ist James heute noch mehr als vor drei Jahren der beste Baller des Planeten. Natürlich würde jeder GM der Liga auch Anno 2014 seine Großmutter für eine Zusage von LBJ verkaufen. Aber es ist nun auch nicht so, dass die ganze NBA gebannt an des Königs Lippen hängt. Die skurrile Situation, dass ab 2008 jedes fünfte Team in der Liga nichts im Sinn hatte, als Cap Space für James freizuschaufeln, kommt nicht wieder. Was nicht nur an der profanen Erkenntnis liegt, dass auch LeBron James in den nächsten Jahren nur für ein Team gleichzeitig spielen kann. Auch der Athletik-Freak aus Akron wird von Gevatter Zeit gejagt. James ist heute kein 25-Jähriger mehr, der eine knappe Dekade dynastischer Herrschaft über den Planeten NBA verspricht. Auch er wird bald den letzten richtig dicken Vertrag seiner Karriere unterschreiben.

Dazu kommt: es ist nicht endgültig gesagt, dass James 2014 in die Free Agency geht. Die Option hat er ja auch 2015. Auch das letzte Jahr des Kontrakts bis 2016 ist eine Spieleroption. Als interessiertes Team jetzt alles auf den nächsten Sommer zu setzen und dann leer auszugehen hätte was vom Kauf eines Abschlussballkleides, nur um am Abend vor dem Tanz zu erfahren, dass man die Abschlussprüfung nicht geschafft hat.

Erfolg gleich Chance

Also was jetzt? Das einfachste Szenario ist klar: schafft Miami den Threepeat, wird die Dreier-Ära ins fünfte Jahr gehen. Abgesehen davon, dass ein erneuter Titelgewinn bedeuten würde, dass Wade die oben gestellte Starfrage mit „Ja!“ beantwortet hat. Keiner der drei Superstars würde sich die (theoretische) Chance auf den Foursome mit Larry O’Brien nehmen lassen. „Not four“ ist schnell dahingesagt. Wenn der Mantel der Geschichte einen umweht, kauft man keinen Blouson. Und 2015 gibt es für alle drei die angesprochene Spieleroption. Dann kann man immer noch den Markt testen. Geht es schief, bleibt die Frage nach neuen Zielen und nach dem Geld.

Alternativen

Ein Team, das Chris Bosh zum Contender machen könnte, ist nicht in Sicht. Vielleicht die Chicago Bulls, sollten die sich doch noch zur Amnestierung des Boozer-Deals aufraffen. Franchise Player wäre er hier aber so wenig wie in Houston, wo er mit etwas Doktorei am Dreier das letzte Contender-Puzzleteil sein könnte. Nur erinnert das stark an seine Rolle in Südflorida. Im übrigen müsste Bosh sowohl in der Windy City als auch in Houston jede Menge Geld auf dem Tisch liegen lassen. Sportlich dürfte die Gleichung einfach sein: bleibt James, bleibt Bosh. Oder anders: das „half man, half boring“-Label lässt Bosh gerne auf seiner Stirn kleben, wenn LeBron ihm weitere Trips in die Finals verspricht.

James hat sich immer um sein Vermächtnis gesorgt. Das Projekt Cleveland-Championship abgebrochen zu haben, wird für immer ein Makel bleiben. Ein drittes Team anzusteuern, würde freilich nichts an seinem Hall of Fame Status ändern. Dennoch bliebe wohl mehr als ein Geschmäckle übrig. Alleine schon deshalb scheint eigentlich fast klar: entweder Märchen vom verlorenen Sohn, der zurückkehrt; oder eben Karriereende im Rentnerstaat. Im Klartext: Cavs oder Heat. Natürlich werden Wade und Bosh nicht jünger und nicht verletzungsunanfälliger. Eine Cavs-Front-Court-Rotation mit Zeller, Thompson, Bynum, Bennett und James, vielleicht sogar Varejao, klingt schon zum Verlieben. Daneben Irving, Waiters, Jack und Clark?

Nicht schlecht, aber auch nicht mehr. Über Bynum, und mit Abstrichen auch Irving, hängt das Glasknochen-Stigma. Und die anderen Jung-Spunde sind eher Projekte als fertige Stars. Vor allem Waiters wird Zeit brauchen, bis er ein effizienter NBA-Scorer wird. Wenn überhaupt. Das Team müsste wachsen. Selbst die Heat haben fast anderthalb Jahre gebraucht. Zeit, die LeBron James heute nicht (mehr) hat.

LeBron zu den Lakers vielleicht? …Wozu? Um zu beweisen, dass er Kobe Bryants Team entwinden kann? Vom Ruhm der erfolgreichsten NBA-Franchise nassauern? Eine, die (Stand heute) in 2014/15 nur Steve Nash unter Vertrag haben wird und komplett neu aufbauen müsste. Nicht sehr attraktiv.

Und Wade? Allzu viele Teams, die verzweifelt genug sind, einem dann 32-jährigen mit telefonbuchdicker Krankenakte und rudimentärer Bereitschaft, sein Spiel dem zunehmend maladen Körper anzupassen, den Maximaldeal hinterherzuwerfen, dürfte es nicht geben. Jedenfalls keine, die ihm sofort Contendership versprechen könnten. Chicago wäre reizvoll, klar. Aber passt er in die Kultur? Heimatstadt hin oder her, der Heat-Hass gehörte in den letzten Jahren zur Bullen-Fan-DNA. Andere Contender, die Wade bezahlen könnten und/oder wollten, sind nicht in Sicht.

Money is a thing

Das Wahrscheinlichste scheint für Bosh, Wade und James also ein Verbleib am South Beach zu sein. Bleibt die Frage: wer soll das bezahlen? James wird Bedingungen stellen, wie immer. Dabei wird es auch um die „Super Friends“ gehen. Bei einem projizierten Salary Cap von knapp 62 Millionen für die Spielzeit 2014/15 und den strengeren Luxussteuergesetzen sind drei Maximalverträge eigentlich nicht drin. Der „Auserwählte“ wird kaum auf Geld verzichten. Warum auch? Den besten Basketballer des Planeten gibt es nicht zum Discount-Preis. Nach zwei Titeln erst recht nicht. Außerdem muss er eine Familie ernähren. James wird seine Freunde also, wie schon 2010, zu einem weiteren Paycut überreden müssen, er selbst wohl zur Erhaltung der Teamhygiene einen symbolischen Verzichtsobulus oben drauf legen.

Denn der Supporting Cast muss dringend verjüngt werden. Minimalverträge für mutmaßliche Ringjäger werden es nicht mehr tun. Ray Allen ist weit gekommen auf seinem Marsch Richtung 40, Battier liegt nicht weit hinter ihm und der „Energizer“ Andersen zählt auch schon 35 Lenze. Das ist nicht der Hofstaat, der den König in Richtung 2020 tragen kann. Es braucht jüngere (und damit teurere) Schranzen.

Falls alle Stricken reissen sollten, hat Riley, so gut es geht, für den Tag X vorgesorgt. Sollten (wider Erwarten) alle drei das Weite suchen, stehen ab 2014 nur 2,0 garantierte Millionen auf der Payroll (das Gehalt für Norris Cole). Der gigantische Capspace würde zwar den Schmerz nicht lindern, aber zumindest Möglichkeiten eröffnen und die Heat vor einem ähnlichen Desaster bewahren, wie es die Cavs 2010 erlebten, als sie von einem Tag auf den nächsten gänzlich irrelevant, aber auf Jahre teuer und unbeweglich wurden.

At the end of the day…

Gäbe es ein prozentuelles Over/Under für den Verbleib der drei größten Stars, die die Miami Heat je hatten, dürfte das bei 80% liegen. Und ich gehe drüber. Abgesehen von den intakten Chancen auf die Meisterschaft 2014, die einen Verbleib bis 2015 quasi garantieren würde. Auch wenn es schief geht mir dem Threepeat, werden die Schatten sich verziehen. Ob die Heat dann mit ihrem älter werdenden Trio die NBA noch auf Jahre beherrschen werden? Wohl eher nicht. Aber sie werden nach wie vor das Team bleiben, das es zu schlagen gilt. Das kann keine andere Franchise bieten. Weder Wade, noch Bosh, noch James.