18 November 2013

Clemens Boisseree | 17. November, 2013    @bvboisseree







Chauncey Billups, Brandon Jennings und als besonderes Schmuckstück Josh Smith - die Ergebnisse der sommerlichen Transferperiode dürften für Joe Dumars ein ähnliches Vergnügen wie der Erwerb eines neuen Sportwagens gewesen sein. Schließlich konnte der Pistons-Manager einen hochtalentierten Scorer, einen routinierten Publikumsliebling und einen Allstar in die Autostadt locken. Mit dem Wort „Playoffs“ weckte Dumars nach sieben Jahren im basketballerischen Kleinwagen-Segment den Traum von der Rückkehr in die SUV-Klasse der NBA.

Doch die ersten Fahrten durchs Gelände machen den Eindruck, als habe sich Dumars zwar ein Fahrzeug mit jeder Menge PS gekauft, jedoch ohne zuvor die Bremsen oder die Zusammensetzung des Treibstoffs überprüft zu haben. Nun ist es an Chef-Ingenieur Maurice Cheeks gelegen, den Wagen auf Kurs zu halten, ohne dass dieser explodiert oder aus der Kurve fliegt.

Bislang muten diese Versuche recht erfolglos an und führen zu einer Prognose, die sie in Detroit fürchten wie Autobesitzer einen Motorschaden: Mittelmaß. Das Team spielt nicht schnell, aber auch nicht richtig langsam. Defensiv- und Offensiv-Rating gleichen sich fast aus, mit 15,1 Turnovers pro Partie liegt man knapp unter Ligadurchschnitt, dafür holen die Pistons auch etwas weniger Rebounds am eigenen Brett als der Ligadurchschnitt. Als Resultat stehen drei Siege bei fünf Niederlagen. Auch das: Mittelmaß.

Hat die neueste Basketball-Innovation aus Motorcity das Potential, sich doch noch in einen leistungsstarken wie gleichzeitig effizienten Geländewagen zu entwickeln? Oder wenigstens zum kompletten Flop, wie ihn Chrysler nur wenige Kilometer vom Palace of Auburn Hills immer wieder erschafft, um dann im Sommer im Draft zuzuschlagen?

Für die Antwort lohnt sich ein Blick auf den Kader und die ersten acht Spiele der Saison. Dort stehen bislang:

  1.   drei Einser, von denen einer Guard spielen muss (Jennings, Bynum, Billups)
  2.   ein Guard-Tweener und ein talentierter Zweier (Stuckey, Caldwell-Pope)
  3.   ein defensiv schwacher und aus der Distanz harmloser Small Forward (Singler)
  4.   ein Post-Duo mit Allstar-Potential (Monroe, Drummond)
  5.   und ein Beinahe-Allstar, der sein Team auf der Drei eher schwächt als fördert

Letzteres beschreibt Josh Smith. Der ehemalige Atlanta Hawk steht bislang durchschnittlich 36,1 Minuten auf dem Feld – die meiste Zeit davon auf Small Forward, von wo aus er so viele Dreier wie noch nie nimmt und nicht mal ein Drittel davon trifft. Immer wieder drückt der 13,5 Millionen-Mann das Gaspedal auf der ungewohnten Position so weit durch, dass er dabei die Kontrolle und somit den Ball verliert. Das er gleichzeitig gerade mal noch 5,8 Rebounds greift (Karriereschnitt: 8,0) tut ein übriges dazu, dass der Kolben-Motor nicht rund läuft.

Eine andere Alternative, als größtenteils auf der Drei aufzulaufen, gibt es für Smith jedoch nicht. Auf Power Forward startet Greg Monroe, was eine ebenso gute wie zukunftsorientierte Entscheidung ist. Auf Center zeigt Andre Drummond bislang, dass er in seinem zweiten Jahr den nächsten Schritt gehen will und zu einer Double-Double-Maschine mutieren wird. Hinter Monroe wartet mit Jonas Jerebko ebenfalls keine völlig Nullnummer, sodass Dumars auf der Vier wahrlich keine 54 Millionen Dollar für Smith hätten ausgeben müssen – erst recht wenn man sich den Rest des Kaders anschaut.

Ein echter Small Forward hätte den Pistons gut getan. Sophomore Kyle Singler ist zwar talentiert, schließt hochprozentig aus der Mitteldistanz und am Brett ab, bringt jedoch wenig von dem mit, was Smith fehlt – einen vernünftigen Distanzwurf zum Beispiel. Somit ist er keine Ergänzung, sondern lediglich Lückenfüller oder Ersatz für Minuten, in denen Smith auf die Vier ausweicht. Auf Shooting Guard könnte man mit Rookie Kentavious Caldwell-Pope zwar einen die Zukunft gedraftet haben, für den ambitionierten Moment reicht das freilich nicht aus. Also muss Altmeister Chauncey Billups auch in seinem 16. Jahr noch den Starter mimen – und das wie Smith nicht auf seiner stärksten Position.

Da passt es wunderbar ins Bild, das auch die dritte vermeintliche Edel-Neuverpflichtung zum bestehenden Pistons-Kader passt, wie Diesel in einem Otto-Motor. Brandon Jennings brauchte genau vier Spiele im Kolben-Trikot, um anzukündigen, künftig wieder mehr werfen und weniger passen zu wollen. Eine Ankündigung, die die Montage von 15 Spielern zu einem Team für Coach Cheeks nur zusätzlich erschwert. Neben Jennings verfolgt nämlich bereits Tweener-Guard Rodney Stuckey die "zuerst Werfen, vielleicht passen"-Devise. Einen verlässlichen Ballverteiler, wie ihn vor allem das Post-Duo Monroe/Drummond bräuchte, sucht man im Pistons-Kader vergeblich, denn auch Billups ist hier nicht mehr die Lösung, wie er sie in seiner ersten Pistons-Zeit noch war.

Die Pistons sind zwar kein "Chevy Spark" mehr – aber auch noch längst kein "Silverado"-Truck. Denn die klangvollsten Einzelteile des neuen Fahrzeugs bringen nichts, wenn sie nicht zusammen passen. Genau diese Aufgabe obliegt jetzt Coach Cheeks. Er muss ein Spiel schaffen, in dem Smith, Monroe und Drummond gleichzeitig effektiv sein können, ohne dass Smith in die Verlockung von zu vielen Mitteldistanzwürfen oder Ballhandling kommt. Dieses System muss ohne einen echten Dreier-Spezialisten funktionieren und zusätzlich zwei schnell überdrehende Guards aushalten.

Klappt all dies nicht, dann hat GM Dumars es zum zweiten Mal in den vergangenen vier Jahren geschafft, just im falschen Zeitpunkt in die Vollen zu gehen. 2009 verspielte er mit überhöhten Verträgen für Ben Gordon und Charlie Villanueva seine Handlungsfähigkeit im legendären Free Agent-Sommer 2010. Als Ergebnis stand, ihr ahnt es bereits: Mittelmaß.

Ähnliches kann nun schon wieder passieren. Im kommenden Sommer haben die Pistons ihren Erstrunden-Pick nur, wenn sie unter die schlechtesten acht Teams kommen, ansonsten freut sich Michael Jordan mit seinen Charlotte Bobcats über eine zusätzliche Chance. Eine entschädigende Alternative für einen der tiefsten Drafts aller Zeiten wäre in Detroit also einzig und allein das Erreichen der Postseason. Von der scheint dieses Team zu Beginn noch recht weit entfernt zu sein. Vielleicht sollte Cheeks, um das zu bewerkstelligen, mal in einem der Entwicklerbüros von Volkswagen in Detroit nachfragen. Um diese Pistons zum kraftvollen SUV zu machen, braucht es nämlich mindestens "the Power of German Engineering."