26 November 2013

Big Ben | 25. November, 2013   






In Motor City herrscht derzeit Stau, obwohl man eigentlich auf der Überholspur fahren wollte. Nach 13 Spielen steht man mit einer Bilanz von 5 Siegen und 8 Niederlagen da. Eigentlich noch kein Grund zur Sorge, vor allem nicht zu einem solch frühen Zeitpunkt der Saison. Doch es geht nicht nur um die Bilanz. Die Art zu spielen ist es, die Fans und Experten gleichermaßen beunruhigt.

Saisonstart schleppend
Nach einer erfolgreichen Ära mit einer Championship, einer weiteren Finalteilnahme und sechs Conference-Finals in Serie (2002–2008), wurde das Team umgestellt und wichtige Stützen (Ben Wallace und Chauncey Billups) verliessen das Team. Mit dem neuen Spielermaterial konnte an die Leistung vergangener Spielzeiten nicht mehr angeknüpft werden. Nach einer langen Rebuild-Phase hatte sich Manager Joe Dumars aber einen talentierten und interessanten Kern zusammengestellt, bestehend aus Andre Drummond, Greg Monroe und Brandon Knight. Die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft schienen gestellt, aber so wollte der Erfolg noch keinen Einzug in Detroit halten.

In der Offseason dann die beiden Blockbuster-Deals. Dumars wollte scheinbar einen Gang höher schalten und landete ein paar Trades, die nicht nur in Detroit Aufsehen erregten. Josh Smith wurde als Free Agent aus Atlanta verpflichtet, Chauncey Billups kam von den Clippers zurück an seine alte Wirkungsstätte und Brandon Jennings wurde im Tausch für Brandon Knight, Khris Middleton und Viacheslav Kravtsov aus Milwaukee geholt. Soweit so gut. Auf dem Papier sah der Kader sehr vielversprechend aus und auch auf dem Statistikbogen kann man nach den ersten vier Wochen nicht viel meckern:

Jennings: 15.7 PPG, 8 APG, 1.5 SPG, aber auch 2.8 TOs, 36% FG und nur 29% Dreier
Monroe: 15.4 PPG, 9.2 RPG, 51% FG, 64% FT
Smith: 14.5 PPG, 6.2 RPG, 3.0 APG, 1.9 SPG, 1.5 BPG bei 40% FG, 29% Dreier und 59% FT
Drummond: 12.1 PPG, 12.2 RPG, 1.8 SPG, 1.4 BPG bei 66% FG, aber nur 24% (!!!) FT

Insgesamt stehen die Pistons bei 98.3 PPG (Rang 20), einer Offensiv-Effizienz von 102.5 (11.), Quoten von 44% FG und 28% Dreier, dazu 42 Rebounds (19.) und 19.8 Assists (22.) pro Abend.

Doch die Statistikbögen zeigen nicht alles. Wer ein Spiel der Pistons in dieser Saison geschaut hat, dem wird aufgefallen sein, dass es in der Offense keinen wirklichen Spielfluss gibt. Zu oft wird der Ball jemandem zugepasst und dann auf ein Wunder gehofft. Systeme laufen? Spielzüge ansagen? Blöcke stellen und Größenvorteile nutzen? Meistens Fehlanzeige! Stattdessen sehen wir wildes Dreierballern, Isolations-Plays und Andre Drummond, der unter den Brettern die versiebten Würfe durch Second-Chance-Punkte zu retten versucht. So kann man nicht auf lange Sicht erfolgreich spielen.

Auch die Defense, in den beiden erfolgreichsten Phasen der Franchise-Geschichte stets das Prunkstück des Klubs, lässt heute noch einiges zu wünschen übrig. Mit einem pfeilschnellen Guard wie Jennings und drei Big Men auf dem Feld, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass die Gegner kaum noch Land sehen. Leider auch hier eine Fehlanzeige! Die Rotationen der Guards sind langsam und ermöglichen den gegnerischen Guards viele offene Würfe. Wird der Ball schnell durch die Reihen gepasst, dauert es nicht lange, bis die Pistons-Abwehr schwindlig gespielt wurde und ein Flügelspieler frei abdrücken kann. Die Zone, die mit Spielern wie Drummond und Monroe eigentlich Sperrbezirk sein sollte, ist löchrig wie Schweizer Käse.

Detroiter Erfolgsrezepte
Detroiter Basketball ist seit jeher mit den Worten „Defense“ und „Teamplay“ eng verbunden. Ende der 80er Jahre wurde die NBA von Topstars wie Michael Jordan, Earvin „Magic“ Johnson und Larry Bird dominiert. Die Lakers und die Celtics hatten gerade ein ganzes Jahrzehnt geprägt und der Liga neuen Aufwind gegeben. Die Bulls um Superstar Michael Jordan warteten endlich auf den ersehnten Titel. Mitten unter diesen Schwergewichten schafften es plötzlich die Pistons, sich an der Spitze zu etablieren. Der Kader war damals stark besetzt, aber bei weitem nicht so ein Star-Feuerwerk wie der Showtime-Express aus L.A. oder die Hall-of-Fame Celtics mit Bird, Kevin McHale und Robert Parish.



Coach Chuck Daly gab dem Team damals eine Identität und prägte, mit den richtigen Spielern im Kader, eine neue Mentalität Detroiter Basketballs. Die "Bad Boys" waren geboren. Harte Defense, oft auch an der Grenze zur Unsportlichkeit, Teamplay und eine guardorientierte Offensive waren die Markenzeichen jener Teams. Mit Spielern wie Bill Laimbeer (65. Pick), Rick Mahorn (35. Pick), Dennis Rodman (27. Pick) und Joe Dumars (18. Pick) bewiesen die Pistons damals, dass man auch ohne Superstarpower erfolgreich spielen kann. Rodman sagte später einmal, dass die Bulls ein großartiges Team waren, aber er bei den Pistons mit Brüdern zusammengespielt hatte. Das verdeutlicht den Zusammenhalt der Mannschaft. In einer Dokumentation nach der Finalspleite 1988 sagte Isiah Thomas, dass es immer hart sei zu verlieren, aber für ein Team, dass mit einer solchen Emotion und solch einem Teamplay spielt, sei sie umso härter.

Genau diese Einstellung war es, die die Fans im Palace of Auburn Hills damals wie heute begeistert hat. Dieser Teamzusammenhalt und die harte Spielweise schweißten nicht nur die Mannschaft zusammen, sondern liessen auch die Zuschauer auf den Rängen wieder jubeln. Dass die meisten Spieler außerhalb Detroits nicht sonderlich beliebt waren, allen voran Bill Laimbeer, Dennis Rodman und John Salley, machte sie zu Hause umso populärer.

Als die Bad Boys von dannen gezogen waren, blieb vom Ruhm und Glanz alter Tage nicht mehr viel übrig. Bis 1994 ein neuer Superstar die Bühne in Detroit betrat: Grant Hill! Ein starker Allrounder, der aus allen Lagen scoren konnte und dennoch das Auge für den Mitspieler behielt. Trotzdem blieb der große Erfolg unter ihm aus. Wenn die Playoffs erreicht wurden, war dort auch schnell wieder Schluss. Die Finals rückten wieder in weite Ferne.

Nach seinem Rücktritt wurde der Shooting Guard der Championship-Teams, Joe Dumars, President of Basketball Operations und begann, ein neues Team aufzubauen. Erneut wurde nicht auf große Namen oder Starpower gesetzt. Auch dieses Mal hieß das Erfolgsrezept „harte Defense“ und „Teamarbeit“. Mit Billups und Rip Hamilton im Backcourt hatte man ordentlich Scoring parat, Ben Wallace, Rasheed Wallace und Tayshaun Prince machten hinten dicht. Das Team gewann, gecoacht von Larry Brown, seine Championship gegen den haushohen Favoriten aus L.A., der mit Kobe Bryant und Shaquille O'Neal damals das beste Duo der Liga auf dem Feld hatte.



Was ich sagen will: harte Defense und Teamplay haben Detroit zweimal sehr erfolgreiche Zeiten beschert und die Herzen der Fans höher schlagen lassen. Dabei ist dieses „Erfolgsrezept“ ziemlich simpel und auch nicht allzu schwer umzusetzen. Wenn du keinen echten Superstar in deinen Reihen hast, bleiben dir eigentlich nur zwei Möglichkeiten um gegen stärkere Gegner zu bestehen. Entweder Run and Gun, was zwar schön anzusehen, aber nur mäßig erfolgreich ist. Oder aber „Defense first, Offense second!“ Natürlich musst du auch ein wenig Talent in der Defensive mitbringen, aber vieles wird dort durch Willen und Einsatz entschieden. Wenn ich mich in der Defensive aufreibe und meinem Gegner das Leben 48 Minuten lang zur Hölle mache, dann habe ich damit meistens mehr erreicht, als mit krachenden Dunkings oder spektakulären Aktionen. Das kann natürlich nur gut gehen, wenn wirklich alle Spieler im Kader sich defensiv richtig reinhängen.

Gute Defensiv-Teams sind immer unangenehm und schwer zu spielen. Die Memphis Grizzlies und die Indiana Pacers beweisen das Abend für Abend. Besonders bei den Grizzlies fällt auf, dass tiefe Playoff-Runs auch ohne Superstars möglich sind. Das „Grindhouse“ der Grizzlies ist eine gefürchtete Arena, in der schon viele Gegner zerstückelt wurden.

Zur Zeit der Detroiter Bad Boys wurden neue Spieler zu einem 6-Augen-Gespräch eingeladen. Teilnehmer dieses Gesprächs: der neue Spieler, Bill Laimbeer und Isiah Thomas. Der neue Spieler wurde gefragt, ob er sich bewusst sei, was es heißt ein Piston zu sein und ob er bereit wäre, sich dem Wohl des Teams unterzuordnen und mit an der harten Defense zu arbeiten. Dieses Gespräch allein soll dann wegbereitend für etwaige Einsatzzeit und Spielanteile gewesen sein.

Fehleinkäufe?
Anstatt auf die alten Tugenden zu setzen, wurden von Joe Dumars im Sommer aber zwei Spieler verpflichtet, die sich in der Vergangenheit eher durch ihre egoistische Spielweise hervortaten. Ein uneigennütziger Playmaker, der wie Isiah Thomas oder Chauncey Billups die Geschicke des Teams leiten und lenken kann, fehlt diesem Kader komplett. Billups ist zwar wieder zurück, doch der Zahn der Zeit hat schwer an ihm genagt. Die Pistons-Defensive ist löchrig und in der Offensive ist sich fast jeder selbst der Nächste. Detroiter Basketball ist nur noch ein Schatten vergangener Tage. Josh Smith und Brandon Jennings wurden als die Heilsbringer gefeiert. Der scorende Guard und der vielseitige Big Man sollten es richten. Das tun sie bisher noch nicht.

Da werden schlimme Erinnerungen wach. Mit ähnlichen Vorschusslorbeeren wurden vor ein paar Jahren auch ein gewisser Ben Gordon und Charlie Villanueva angekündigt. Beide entpuppten sich allerdings als absolute Flops und erreichten nie auch nur annähernd das Niveau, das man von ihnen erwartet hatte. Befürchtungen, dass Smith und Jennings zu Gordon und Villa 2.0 mutieren, wurden schon vor der Saison geäußert.

Momentaufnahme
Bei aller Kritik, die derzeit auf das junge Detroiter Team einprasselt, muss man auch festhalten, dass gerade einmal 13 Spiele absolviert sind. Die Eingewöhnungsphase ist noch nicht wirklich vorbei. Der Kader strotzt vor Talent. Es liegt am Trainerstab, die richtige Einstellung und die richtige Spielweise zu installieren. Nach drei Coaches in vier Jahren wünscht man sich auch auf dieser Position etwas mehr Konstanz. Maurice Cheeks sollte sich seines Trainerstuhls aber nicht allzu sicher sein. Immerhin gibt es einen Trainer auf dem Markt, der die Ideale der Pistons wie kein Zweiter verkörpert. Die Rede ist von Defensiv-Fanatiker Lionel Hollins.

Bevor aber Trainerdiskussionen laut werden, hat Cheeks mit seinem Team eine Chance verdient. In der Summer League hat man durchaus positive Ansätze gesehen. Drummond gilt als einer der talentiertesten Spieler auf der Center-Position. Smith ist einer der vielseitigsten Spieler der Liga, Monroe ein Big Man mit Basketball IQ und Billups ein Winner und alter Basketball-Fuchs. Jennings hat enormes Potenzial und nun eine durchaus andere Rolle als zuletzt noch bei den Bucks. Auf der Bank sitzen vielversprechende Talente, wie Kentavious Caldwell-Pope, dessen Trefferquoten bisher zwar eher mies waren, der aber durch seine gute Ansätze Fans und Experten zu überzeugen wusste. Peyton Siva, letztes Jahr noch Starting Point Guard des NCAA-Champs Louisville, hat in der Summer League angedeutet, dass er eines Tages durchaus die Rolle des Playmakers in Detroit übernehmen könnte. Luigi Datome ist jetzt schon auf dem besten Weg, Publikumsliebling zu werden. Mit seinem Mix aus geordneter Offense, Ballhandling, Shooting, aber auch Defense (kein Lock-down-defender, aber er weiß wo er stehen muss) passt er perfekt zur Pistons-Mentalität. Mehr Spielzeit hätte sich der Italiener definitiv verdient.

Bei all diesen Neuerungen konnte man fast schon mit einem stockenden Motor zu Beginn der Saison rechnen. Durch die Moves von Dumars ist der Kader besser geworden, das heißt aber auch, dass die Erwartungen und der Druck größer geworden sind. Die Fans im Palace wissen, was sie wollen und mit welchem Stil sie ihr Team am liebsten spielen sehen. Highlight-Dunks von Drummond und Smith sind nicht schlecht, aber wenn der Sieg nachher nicht auf Seiten der Pistons verbucht werden kann, hat das alles einen bitteren Beigeschmack.

Nach 13 Spielen ist die Saison noch lange nicht verloren, aber der Start ist schon mal daneben gegangen. Auch wenn man hier festhalten muss, dass das Auftaktprogramm der Pistons bei weitem kein Zuckerschlecken war, bleibt der November eine Enttäuschung. Dennoch, Cheeks muss an einigen Schrauben und Muttern drehen, damit der Motor bald richtig rund läuft. Eine Rotation aus nur sieben Spielern kann nicht die Lösung sein. Die Talente Siva, Datome und der Schwede Jonas Jerebko bekommen bisher noch nicht einmal 10 Minuten im Schnitt. Geht es weiter wie bisher, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis Dumars den Pannendienst anrufen und sich vielleicht nach einem neuen Trainer umsehen muss. Im schlimmsten Fall sieht sich vielleicht sogar Owner Tom Gores dazu genötigt, einen neuen Prasident of Basketball Operations zu suchen. Wie gesagt: Defense first, Offense second!