27 November 2013

Onur Alagöz | 26. November, 2013    @LakersParadigm





Wenn wir hier, auf Twitter oder Facebook über NBA-Verträge reden, jonglieren wir meist mit Zahlen, die absurd sind. 100 Millionen über x Jahre, 85 Millionen über eins weniger, Salary Cap bei so und so viel. Das, was die meisten NBA-Spieler in einem Jahr verdienen, werden die meisten von uns in ihrem gesamten Leben nicht bekommen.

Als Paul George vor zwei Monaten einen Deal zwischen 80 und 90 Millionen über fünf Jahre unterschrieb, war der Konsens: Junger, aufstrebender Star, der dieses Salär verdient hat. Als Kobe Bryant vor drei Jahren die Verlängerung über drei Jahre und 83 Mio. auf den Tisch gelegt bekam, war die allgemeine Meinung der Blogosphäre ebenfalls positiv. Schon damals war Kobes Platz in den All-Time-Rängen beschlossene Sache, der unumstrittene Star führte seine Farben im Westen zum alljährlichen Meisterschaftskandidaten.

Umso gegensätzlicher die Reaktion gestern. Überraschend wurde auf Twitter bekanntgegeben, dass der 35-jährige eine Verlängerung über zwei Jahre unterzeichnete, die ihm insgesamt 48,5 Millionen US-Dollar bringen soll. Strahlend sitzt er da, mit Agent Rob Pelinka, Teambesitzer Jim Buss und General Manager Mitch Kupchak.



Wieso die Welt so geschockt war ob dieses Vertrages ist bei genauerem Hinsehen ersichtlich: Kobe ist alt, erholt sich gerade von einer Verletzung, die in seinem fortgeschrittenen Alter durchaus Karrieren beenden kann. Und schlimmer: Den massiven finanziellen Spielraum, den die Lakers sich für die kommende Free Agent Periode gesichert hatten, ist nun großteils weg – für einen Spieler, dessen zukünftige Leistungen nicht genau zu evaluieren sind.

Legacy
Wieso nahm Kobe nicht einen Paycut hin, spielte für beispielsweise zwei Jahre und insgesamt 32 oder 36 Millionen, um seinen Team namhafte und sportlich relevante Neuverpflichtungen zu ermöglichen? Wäre das nicht die wahre Definition von Loyalität gewesen: Alles tun, auf Geld verzichten, wie es z.B. Tim Duncan tat oder Kevin Garnett, um ihre Truppe im Wettbewerb zu halten? Die Hauptlast delegieren, neue Stars rekrutieren und den Umbruch einzuleiten?

So einfach ist das nicht bei Kobe. Die Black Mamba ist das Alphatier der NBA. Bryant ist das Wunderkind, das im zarten Teenageralter bereits Profis an die Wand spielte, seinen Kopf gegen Weltstars wie Shaq durchsetzte und immer gewinnen wollte, aber auch immer nur nach seinen eigenen Regeln. Solange er noch auf seinen eigenen Beinen stehen kann, wird er sich niemals unterordnen, keinem Trainer und ganz bestimmt keinem Mitspieler.

Ich will nicht sagen, dass die mangelnde Chemie letztes Jahr Kobes Schuld war, aber wie einst auch Michael Jordan kann Nummer 24 ein sehr schwieriger Mitspieler und Anführer sein. Beide waren Basketball-Gelehrte, die Basketball anders sahen und dachten als jeder andere Spieler. Die bereit waren, abnormen Aufwand und Mühe in ihre Fitness und ihr Spiel zu stecken. Deren pathologischer Drang, den Gegner zu vernichten so ausgeprägt war, dass sie Loser und halbherzige Entertainer wie Dwight Howard nicht akzeptieren konnten. Als Superstar arbeitet Kobe härter als jeder andere, hat eine höhere Schmerztoleranz. 

Und solange keiner härter arbeitet als er, bleibt die sprichwörtliche Fackel auch in seinen Händen, Basta. Auf Twitter hatte ich es bereits geschrieben: Das war ein "loyalty pay day". Ein Dankeschön von Mitch Kupchak und Jim Buss, um dem Superstar zu geben, was er will: Anerkennung. Es ging hier nicht darum, dass Bryant egoistisch im traditionellen Sinne ist. Aber er legt Wert auf seinen Status als All-Time Great, und den wollte er zu keinem Zeitpunkt gefährdet sehen.

"We made him the highest-paid player in the NBA because we felt like it was the right thing to do. This wasn't about what somebody else would pay him or outbidding anyone for him. This was to continue his legacy [with the Lakers], our legacy of loyalty to our iconic players." (Jim Buss)

Der höchstbezahlte Spieler. Der wertvollste also. Die Nummer 1. Das, was Kobe sein will, das, als was sich Kobe selbst sieht. Der Deal ist eine Zusage der Lakers an sein enormes Ego, ein Kompliment, um der Ikone zu geben, was sie will. "Das sind deine Lakers, #Vino, wir vertrauen dir, spiel‘ ruhig hier locker zu Ende, erst danach sehen wir weiter. Du hast uns über all die Jahre Milliarden eingebracht, hier gibt’s ein Stück vom Kuchen. Kobes am Montag genutzter Hashtag #Laker4Life impliziert vielleicht sogar, dass dies seine letzten zwei Spielzeiten in der Profiliga werden. Er wird in Lila-Gold in Rente gehen, so viel steht fest.

All das ist aber nur die halbe Wahrheit. Das Team ist, wie die anderen 29 der NBA auch, in erster Linie ein Unternehmen. Es soll Profit abwerfen, Profit der generiert wird durch Ticketverkäufe, TV-Gelder und Superstars, die ihre Mannschaft in die Playoffs hieven. Kobe hat das getan über die letzten 17 Jahre, und dies ist jetzt der Dank dafür. Er war die einzige Konstante in der letzten Saison, während der gesamten Seifenoper, die in LA-LA-Land stattfand. Dass er die Kohle wert ist, steht außer Frage. Ob der Deal aber gut für die Zukunft der Lakers ist, bleibt fragwürdig.

Zukunft verbaut?
Um alle finanziellen Aspekte des Tarifvertrags CBA zu verstehen, muss man entweder Finanzmanagement studiert haben oder Larry Coon heißen. Auf den Durchschnittsfan trifft keines von beidem zu. Verständlich also, dass die meisten empört waren und dachte, die Lakers hätten sich die nächsten zwei Jahre verbaut, die großen Fische würden nun an einen anderen Haken gehen.

Aber war man sich des großen Fangs so sicher? Der größte Name des kommenden Sommers ist natürlich LeBron James. Der Megastar der Miami Heat wird vielleicht vertragslos und darf sich dann entscheiden, welchem Team er seine Dienste zuschreiben möchte. Sicherlich nicht auf seiner Liste: Die Lakers. Dass LeBron in Kalifornien unterschreibt, war immer nur ein Wunschdenken der Fans. Zu sehr ist er auf seinen Ruf bedacht, zu gewieft ist er als Vermarkter seiner Person, um diesen viel zu berechenbaren Schritt zu gehen. An der Hallendecke des Staples Center hängen zu viele große Namen, die das Spotlight von LeBron ablenken würden. Sicherlich gehört James schon jetzt zu den Besten aller Zeiten, aber das tun Magic, Kareem, Kobe, Shaq, West und Wilt ja auch. In Miami? Da hängen nur die Trikots von Tim Hardaway und Alonzo Mourning. In Cleveland? Die von Zydrunas Ilgauskas, Brad Daugherty, Nate Thurmond, Larry Nance oder Mark Price. Für LeBron kommen also eigentlich nur zwei Teams in Frage.

Selbiges gilt für Dwyane Wade, Chris Bosh und Carmelo Anthony. Am Ehesten noch hätten die Lakers eine Chance auf Melo. Aber Melo möchte wohl lieber in New York bleiben, wo er viel mehr Geld verdienen kann, und dürfte somit wohl auch kein Thema sein. Wieso also einen Markt in Angriff nehmen, der kaum etwas für Lila-Gelb zu bieten hat? Möglicherweise hätte oder hat man Chancen auf junge Spieler wie Eric Bledsoe, Evan Turner, Gordon Hayward, Chandler Parsons oder Greg Monroe. Etabliertere Namen wie Luol Deng oder Danny Granger fielen ebenfalls in der hitzigen Diskussion.

Schwierig wird für die Lakers allerdings schon das Halten der eigenen Spieler. Pau Gasol wird einen enormen Abstrich auf seinem Gehaltsscheck hinnehmen müssen, wenn er nicht umziehen möchte. Ebenso Nick Young, Jordan Hill und Xavier Henry, die bisher gut spielen und anderswo sicherlich mehr verdienen würden. Ihr seht schon: Die nächsten beiden Jahre waren für Lila-Gold also sowieso schon wenig aussichtsreich. Weniger jedenfalls als von vielen gedacht.

Sicherlich knebelt dieser Vertrag die Franchise ein wenig in sportlicher Sicht. Aber es sind nur zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen die Lakers ohnehin kaum Perspektiven auf den Titel hatten, sondern die genutzt werden sollten, um graduell den Umbruch in die Post-Kobe-Ära einzuleiten. Und: sein massiver neuer Vertrag geht 2016 von den Büchern. Der perfekte Zeitpunkt also, um Kevin Durant einen Vertrag anzubieten, nachdem man 2015 schon Kevin Love umgarnen kann.

Auch, wenn der Move in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt vielleicht ein wenig planlos daherzukommen scheint, ist er nicht so schlecht, wie er gemacht wird. Man kann die letzten beiden Jahre von Kobes Karriere nutzen, um sich langsam wieder in die Relevanz hochzuarbeiten und, anstatt auf einem Schlag den Kader des Jahrtausends zusammenzuschustern, langfristige Perspektiven zu betrachten.

Wichtig ist, welche Schiene das Front Office ab jetzt fahren will. Den verbliebenen Cap Space sollte man nicht nutzen, um den Melos und Grangers dieser Welt Abermillionen in den Rachen zu schmeissen, sondern kluge Verträge mit geringer Laufzeit abschließen, um Tinseltown schmackhaft zu halten, wenn dann in eins-zwei Jahren die ganz großen Geschütze an die Tür klopfen. Bis dahin freuen wir uns für Kobe und fragen uns: "Ob er mir wohl ein bisschen was leiht...?"