15 November 2013

Wolfgang Stöckl | 15. November, 2013    @WStckl







Die Boston Celtics hatten bis zum 31.10. die Möglichkeit, den Vertrag mit Avery Bradley
vorzeitig zu verlängern. Dieser Termin verstrich ohne, dass etwas dergleichen passierte. Was könnten die Gründe dafür sein und was bedeutet dies für die Zukunft von Avery Bradley bei den Boston Celtics?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass es keinerlei Informationen darüber gibt, wie weit die Verhandlungen gingen und welche Zahlen im Raum standen, von daher ist es auch schwer zu beurteilen ob die Celtics hier eine gute Entscheidung getroffen haben.

a) Früher in Boston

Avery Bradley, bald 23 Jahre alt, spielt mittlerweile schon seine vierte Saison in der NBA. Im Rookie-Jahr viel verletzt und kaum eingesetzt, feierte er seinen Durchbruch in der Saison 2011/2012. Mit Ray Allen ausser Gefecht und einem ohnehin dünnen Kader, der sich in seine Bestandteile aufzulösen drohte, schlug Bradleys Stunde. An der Seite von Rajon Rondo zeigte er eine ganze Reihe bockstarker Spiele. Mit seiner Fullcourt-Verteidigung entnervte er zahlreiche gegnerische Guards und auch in der Offensive war er durch seine Cuts und den sicheren Dreier aus der Ecke sehr wertvoll. Er spielte so stark, dass Coach Doc Rivers entschied, ihn in der Startformation zu behalten, selbst als Ray Allen wieder fit war. Bradley beendete die Saison mit sehr respektablen Statistiken: 50% aus dem Feld und 41% von der Dreier-Linie. Leider endete sein Höhenflug sehr schnell, in den Playoffs kugelte er sich mehrfach beide Schultern aus. Um seine weitere Karriere nicht zu gefährden, wurde entschieden, dass er die Saison beendet und sich an den Schultern operieren lässt.

Das Jahr 2012/2013 verlief für Bradley nicht so gut. Er konnte erst im Januar wieder ins Geschehen eingreifen und fand nie richtig seinen Rhythmus. Es half auch nicht, dass sich Rajon Rondo im Februar das Kreuzband riss und Bradley fortan auf der Point Guard Position auflaufen musste. Eine Position, die ihm einfach nicht liegt, was sich vor allem in den Playoffs gegen die New York Knicks zeigte, als er von NYs Guards so unter Druck gesetzt wurde, dass er eine Menge Ballverluste verschuldete und die Offensive der Celtics einfach nur chaotisch und planlos wirkte. Irgendwann musste sogar Paul Pierce den Ballvortrag für den überforderten Bradley übernehmen.

In der neuen Saison sollte alles besser werden. Bradley konnte zum ersten Mal in seiner Karriere ein komplettes NBA-Trainingscamp mitmachen. Leider wurde Rajon Rondo nicht rechtzeitig fit und Bradley musste am Anfang mangels Alternativen wieder den Job des Starting-Point Guards übernehmen.

b) Stärken

Die Defensive ist sicherlich Avery Bradleys Aushängeschild. Kein Guard der Liga kann seinen Gegenspieler, wenn es sein muss, 48 Minuten so über den Platz hetzen wie Bradley. Sein Druck lässt nie nach, seine Gegenspieler dürfen sich nicht die kleinste Unachtsamkeit leisten, sonst ist der Ball weg. Bradleys Defensivwerte sind herausragend. Er hielt seine Gegenspieler letztes Jahr bei 0,697 Punkten pro Spielzug, der beste Wert der Liga. Die gegnerischen Guards erreichten gegen ihn eine Wurfquote von gerade mal 30,8%. Er wurde letztes Jahr in das Second All-Defense-Team gewählt. Kurz gesagt: Bradley ist ein unheimlich starker Verteidiger.

Aber bei allem Lob darf auch etwas Kritik erlaubt sein. Bradley klebt teilweise so penetrant an seinen Gegenspielern, dass er sich immer wieder unnötige Fouls einfängt. Gerade bei engen Spielen im vierten Viertel sind solche Fouls ungünstig, da das eigene Team schnell am Foullimit ist und die gesamte Defensive dadurch vorsichtiger agieren muss. Manchmal ist er auch so nah am Gegner dran, dass schnelle Guards ihn einfach stehen lassen und ungehindert zum Korb ziehen können. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau und kann seine insgesamt überragenden Leistungen in der Defensive unterm Strich nicht schmälern.

c) Schwächen

Ein komplett anderes Bild ergibt sich in der Offensive. Hier lebt Bradley immer noch von seinen Leistungen aus der Saison 2011/2012. Dort glänzte er in seiner limitierten Rolle, die hieß: Defensive, Cuts und Dreier aus der Ecke. In dieser Rolle fühlte sich Bradley sehr wohl und profitierte vor allem von der überragenden Spielübersicht von Rondo, der immer wieder punktgenau den Pass auf den frei stehenden oder zum Korb schneidenden Bradley servierte. Leider stand dieses Duo im Anschluss kaum noch zusammen auf dem Platz. Erst war Bradley verletzt, dann Rondo. Es wird wohl mindestens bis Weihnachten 2013 dauern, bis beide wieder gemeinsam aufläuft.

Seit Rondo verletzt ist, ist Bradley einer der uneffektivsten Offensivspieler der Liga. Sein Ballvortrag und seine Spielmacherqualitäten sind nicht auf NBA-Niveau. Bradley dribbelt fast nur mit der rechten Hand, seine Spielübersicht ist äußerst überschaubar, er findet selten den offenen Mann, selbst im Fastbreak klappt das kaum.

Auch Bradleys Wurf ist ein Problem. Die Zeiten der guten Schussauswahl sind vorbei. Immer wieder nimmt er lange Zweier aus dem Dribbling, die er fast nie trifft. Auch der Dreier fällt nicht, wenn er nicht aus der Ecke geworfen wird. 2012/2013 gingen seine Wurfquoten schon merklich in den Keller (40%FG, 32% Dreier). In den ersten Spielen der neuen Saison waren sie noch deutlich schlechter.

Komischerweise nimmt Bradley trotzdem die meisten Würfe bei den Celtics (über 12 im Schnitt!). Oft genug kommt es vor, dass er im Ballbesitz ist und einer der großen Spieler der Celtics zwar eine tiefe Position im Post hat, aber vergeblich auf den Ball wartet, während Bradley wieder einen langen Jumper an den Ring nagelt. Sowas kann sich vielleicht ein Kobe Bryant leisten, aber ein Avery Bradley sicher nicht.

Es wird Zeit, dass Coach Stevens hier eine klare Ansage an ihn richtet, um sein Spiel etwas umzustellen. Auch wenn erst zehn Spiels absolviert sind, ist Avery Bradley wieder in jeder Statistik ganz vorne mit dabei, wenn es um mangelnde Effektivität in der Offensive geht.

d) Gesamtbild und Zukunft 

Avery Bradley ist der typische Fall eines Spielers, der mit zu vielen Freiheiten in der Offensive nicht umgehen kann. Alles was er sich mit seiner Defensive mühsam aufbaut, reißt er mit seinem Offensivspiel in Windeseile wieder ein. Er ist weder ein guter Ballhandler, noch verfügt er über große Übersicht oder ein großes Repertoire an Offensivbewegungen und dem Händchen, diese auch sicher abzuschließen.

Bradley kann ein sehr effektiver Spieler sein, aber nur wenn er sich auf seine Stärken besinnt. 1. Defense, 2. Defense, 3. Defense, 4. Cuts zum Korb, 5. Dreier aus der Ecke und offene Jumper. In dieser Rolle kann er seinen ganzen Wert für ein Team zeigen. Wenn Rondo wieder zurück kommt, wird Bradley in einer reduzierteren Rolle auch wieder effektiver für die Celtics sein. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich bis dahin nicht sein gesamtes Selbstvertrauen mit seinem derzeitigem Spiel zerstört hat.

Für die Celtics ist die Situation mit Bradley nach der geplatzten Verlängerung ziemlich schwierig. Am Ende der Saison wird er Restricted Free Agent. Findet Bradley bis dahin an der Seite von Rondo sein Spiel, wird es voraussichtlich ziemlich teuer für die Celtics, da ein Spieler wie Bradley gerade bei Playoffteams oder Meisterschaftsanwärtern aufgrund seiner Defensive sehr gefragt sein wird. Ein Team im Neuaufbau muss sich aber genau überlegen, wie viel Gehalt es für einen Rollenspieler zahlen will. Meistens suchen diese Teams zunächst mal nach Eckpfeilern für die Zukunft, dafür sind Bradleys Fähigkeiten aber zu beschränkt.

Spielt Bradley so weiter wie bisher, wird es trotzdem Klubs geben, die ihm aufgrund seiner Defensive ein Angebot machen werden. Gute Verteidiger braucht jedes ambitionierte Team. So oder so, die Celtics werden wohl über Marktpreis für Bradley zahlen müssen, um ihn zu halten. Aus diesem Grund ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass er die Saison nicht in Boston beendet und vorher in einem Trade veräußert wird. Mögliche Abnehmer könnten dabei Teams wie San Antonio, Oklahoma City oder im Osten Indiana, New York und Chicago sein. Aufgrund seines Rookievertrages ist Bradley für diese Saison billig zu haben. Die Celtics könnten also in Erwägung ziehen, ihn beispielsweise für einen Draft-Pick plus Füllmaterial ziehen zu lassen.

e) Fazit: Tendenz Trade

Zusammenfassend stehen die Zeichen wohl auf Abschied. Dass die Celtics die Möglichkeit zur Verlängerung verstreichen ließen, ist schon ein Indiz dafür, wie man die Kausa Bradley in Boston sieht. Irgendein Team wird im Sommer schon antanzen und den Preis für ihn verderben. Für die Celtics ist aber wichtig, möglichst viel Gehaltsspielraum für die Zukunft frei zu räumen. Lange Verträge und überbezahlte Spieler gibt es in diesem Kader schon genug. Die Strategie von Danny Ainge wird in unmittelbarer Zukunft eher sein, talentierte Rookies zu draften, die vorhandenen jungen (und günstigen) Spieler weiter zu entwickeln und irgendwann einen echten Kracher zu verpflichten, mit dem man wieder vorne angreifen kann. Da passt so ein Vertrag, wie man ihn für einen Rollenspieler á la Bradley abschliessen müsste, nicht ins Bild. Schließlich hat man ja auch noch den Vertrag von Gerald Wallace an der Backe. Der läuft erst im nächsten Jahrhundert aus.