08 November 2013

Philipp Rück | 7. November, 2013    @Poohdini76ers





Draft-Abend. Die fantastischen NBA-Finals sind keine Woche vergangen, da steht das vorerst letzte Highlight der Basketballsaison an. Auch wenn man als Fan der Philadelphia 76ers keine besonderen Erwartungen an die Talentvergabe stellt, ist das Phänomen Draft dennoch immer wieder einnehmend und spannend. Nachdem die Cavaliers und die Kätzchen aus North Carolina an Position 1 und 4 mal wieder für Überraschungen sorgen, ziehen die Pelicans an 6 Center Nerlens Noel. Ein Big-Man-Duo aus Davis und Noel? Wer soll denn da punkten? Wie soll da Spacing zustande kommen bei diesen beiden offensiv noch so unausgereiften Spielern? Womöglich hätte mich dieser Pick schon vorbereiten können auf das, was danach folgte. Denn per Kurznachrichtendienst Twitter wird plötzlich ein richtiger Schocker verkündet: Die Pelicans traden ihren Draftee Noel für Jrue Holiday zu den Sixers? „Was zum Teufel?“, ist mein erster Gedanke (im Originalen vulgärer, deshalb hier leicht abgeändert). Nach und nach sickern immer mehr Details zu dem Deal durch. Ich selbst registriere die nachfolgenden Picks kaum noch richtig. Fassungslosigkeit macht sich bei mir und anderen Philly-Fans breit. Was bildet sich Neu-GM Sam Hinkie da überhaupt ein? Ist noch keine Woche im Amt und verscherbelt unseren besten Spieler? Welch ein Schlag ins Gesicht für Jrue Holiday, der als einziger in einer verlorenen Saison Einsatz und Ehrgeiz gezeigt hat… Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, dass die sonst immer so erfreuliche Draft-Nacht nach dem Verlust des Lieblingsspielers für mich gelaufen war. Über die langwierige NBA-Offseason hatte ich genug Gelegenheit, mich der Thematik objektiv und weniger emotional zu nähern. Nach eingehender Überlegung und gründlicher Auseinandersetzung soll der Trade reanalysiert werden - mit der notwendigen Distanz.


In der Gesamtheit sah der Draft-Day-Deal so aus:

Was bedeutete dies für Andrew Bynum?
Sam Hinkie, der neue General Manager der Sixers, hat von einem der besten Manager der Liga, Daryl Morey, sein Handwerk gelernt. Dies legt den Schluss nahe, dass er sich gewissenhaft mit seinem Personal auseinandergesetzt hat. Er wird Risiken und Chancen realistisch einschätzen können, immerhin hatte sein Mentor genau dies ausgezeichnet: mit Zahlen arbeiten, sich auf Statistiken und Wahrscheinlichkeiten verlassen.

Es musste mittlerweile davon ausgegangen werden, dass die Schäden in Bynums Knie irreparabel sind und dass der dominante Big Man der Saison '11/12 Geschichte ist. Die 76ers machten während der ganzen letzten Saison große Geheimnisse aus dem Gesundheitszustand des Pivoten. Niemand außerhalb Philadelphias wusste, wie es tatsächlich um seine kaputten Knie stand. Hinkie kannte alle medizinischen Unterlagen, alle MRT-Scans und OP-Berichte und muss mit den Ärzten zu dem Schluss gekommen sein, dass Bynum das Risiko nicht wert ist. Wie ich zu diesem Fazit komme?

Im umgekehrten Fall, also einer völligen Genesung Bynums, hätte der zweitbeste Center der Liga zusammen mit All-Star Jrue Holiday einen entwicklungsfähigen Kern dargestellt. Dieser One-Two-Punch auf den wichtigsten Positionen im Basketball hätte ein solides Grundgerüst konstituiert, um das man fähige Rollenspieler hätte installieren können. Womöglich wäre man damit nicht direkt Titelfavorit gewesen, aber das kann sowieso nicht der Anspruch aller 30 NBA-Franchises sein. Diese Aussicht hatte auch Hinkie. Dass er sich also für den Draft-Day-Trade entschied, sprach Bände über die Gesundung Bynums. Was passierte danach?

Hinkie bot dem Sevenfooter keinen neuen Vertrag an. Das Kapitel Bynum nahm für Philly also ein genauso erschreckendes Ende, wie es begonnen hat. Er wurde in die Free Agency entlassen, ohne in Philadelphia ein einziges Spiel bestritten zu haben. Der Move der Sixers sollte auch Warnung für andere Franchises sein, die eine Rekrutierung Bynums in Betracht zögen. Dass diese Warnung verstanden wurde, zeigte der Umstand, dass die Mavs ihm gar kein Angebot unterbreiteten und die Cavs einen relativ risikofreien Kontrakt vorschlugen, der letztlich auch so unterschrieben wurde. Dieser Deal in Cleveland ist ein 2-Jahres-Vertrag, der Bynum aber nur 6 Millionen (von insgesamt 24) garantiert. Sollte er, den Erwartungen entsprechend, kaum oder nur wenig spielen, gehen die Cavs das minimale Risiko ein, da sein weiteres Salär an die Anzahl der absolvierten Spiele gebunden ist. Angesichts der Tatsache, dass fast jeder vor einem Jahr noch mit einem Maximalvertrag für Bynum rechnete, erkennt man, dass kein Front Office mehr wirklich an ihn und seine Knie glaubt.

Was waren die Gründe für Hinkies Umschwung?
Der Weg der Franchise geht ganz stark in Richtung Rebuild. Nicht nur, dass man einen All Star für ein verletztes Centertalent tradete, das Jahr 2014 bietet in vielerlei Hinsicht interessante Aussichten:

Zum jetzigen Zeitpunkt gilt die Draft-Klasse ´14 als eine in der Spitze besten der letzten zehn Jahre. Erste Vergleiche mit dem berühmten 2003er Jahrgang wurden schon laut. Die Idee ist, dass Philly im kommenden Jahr durch die Subtraktion des besten Spielers eine noch schlechtere Bilanz aufweisen wird und somit früher picken darf. Zu den interessanten Jungspielern gehören neben Megatalent Andrew Wiggins Jabari Parker, Marcus Smart, Julius Randle und Dante Exum.

Der geschaffene Capspace bietet viele Möglichkeiten. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, besteht die Möglichkeit um die vertragsfreien Spieler 2014 (LeBron, Melo, Kobe) und 2015 (Love) mitzubieten. Zweitens kann Sam Hinkie jetzt typische „Sam Presti“-Deals abschließen. In einem solchen Trade würde man einen Spieler mit miesem Vertrag erhalten unter der Voraussetzung, dass der Gegenüber gleichzeitig junge Talente und/oder Draftpicks an Philly abgibt. Dadurch wird weiteres Talent angesammelt und der aufgenommene Vertrag schadet der Cap-Situation kaum.

Sam Hinkies Gedankenpalast sieht wie folgt aus: NBA-Mittelmaß ist für die meisten Teams und ihre Verantwortlichen die Region, die am wenigsten ertragreich erscheint. Genau da wäre man aber ohne den Trade (und ohne Bynum) auf Dauer geblieben: zu schwach für einen tiefen Playoffrun, zu gut für einen hohen Draft-Pick. In einer perfekten Hinkie-Welt wird die Bilanz nun in dieser Spielzeit so richtig schlecht, so dass man möglichst große Chancen in der Lottery hat, den ersten oder zweiten Pick zu ergattern.

Dieses Unterfangen wird auch nicht durch die beiden Rookies Nerlens Noel und Michael Carter-Williams (11. Pick) gefährdet, da beide offensiv noch sehr roh und in Noels Fall noch gar nicht einsatzbereit sind (Reha nach Kreuzbandriss). Noel galt eigentlich bei vielen Experten als talentiertester Spieler des Jahrgangs. Er war im College ein fantastischer Verteidiger, dem auch zugetraut wird, in der NBA auf All-Defense-Niveau zu agieren. Vielen GMs zufolge war nur die Verletzung der Grund, warum er erst an Position 6 gezogen wurde, nicht etwa fehlende Begabung.

„MCW“ dagegen ist ein groß gewachsener Pass-First Point Guard mit guter Courtvision und solider Athletik. Ihm fehlen noch ein solider Sprungwurf und die Fähigkeit, zum Korb zu ziehen und dort zu scoren. Seine eher ungewöhnliche PG-Größe (1,98m) bietet aber in Zukunft großes Mismatch-Potential. Spinnt man die Idee Hinkies weiter, kommt im Sommer mindestens ein Talent der Marke Wiggins/Parker hinzu. Da man zudem die Rechte am Pelicans-Pick hat (Top-5 geschützt), winkt ein weiteres Lotterie-Talent aus dem tiefen Draft-Pool 2014. Ferner kann man diesen talentierten Kader durch den gigantischen Cap Space in der Free Agency sinnvoll und effektiv verstärken. Ein MCW-Harrison-Wiggins/Parker-Noel-Nukleus klingt vielversprechend. Dieses Grundgerüst bestünde aus vier Lottery-Picks, einschließlich zweier Top-5 Talente. Nicht auszuschließen ist zudem die Addition eines weiteren Lottery-Talents im Draft 2015.

Warum könnte der Trade ein Fehler gewesen sein?
Die gerade vorgestellten Ideen sind alle auf fragilem Untergrund gebaut. Dies hat mehrere Gründe:

Sam Hinkie wirft bereits ein Jahr vorher alles in die Waagschale „Draft 2014“. Leider beträgt selbst die Wahrscheinlichkeit des Teams mit der schlechtesten Bilanz, den Top Pick in der Lottery zugelost zu bekommen, gerade einmal 25 Prozent. Das bedeutet, dass es drei Mal wahrscheinlicher ist, das erste Wahlrecht im Draft NICHT zu bekommen - egal, wie schlecht man abschneidet.

Manch einer möge denken, dass dies nicht schlimm sei, da der Jahrgang so talentiert ist. Genau hier setzt meine Kritik an. Ich halte es für unvorhersehbar, wie ein Spieler sich in einem Jahr entwickelt. Viele Spieler galten ein Jahr vor ihrem Draft schon als potentielle Franchise-Changer. Shabazz Muhammad zum Beispiel war ein High School Superstar, der einen großen Hype durchlebte. Harrison Barnes und James McAdoo galten ebenso als künftige Superstars. Wer weiß schon, wie gut Parker, Randle und co. also in einem Jahr wirklich sein werden?

Wenn es auch unwahrscheinlich ist, so existiert doch die Möglichkeit, dass sich die gewünschten Spieler gar nicht zum Draft anmelden (wie Marcus Smart in diesem Jahr).

Die Meinung, Noel sei der talentierteste Spieler des Jahrgangs 2013 und ein möglicher Franchise-Typ, teile ich nicht. Noel erholt sich gerade von der wohl schlimmsten Verletzung im Sport, bevor seine Karriere überhaupt begonnen hat. Er kommt bereits mit einer solchen Hypothek in die NBA. Seine Defense mag durchaus zukünftig auf All-NBA-Niveau ankommen, aber offensiv ist Noel so unglaublich roh, dass durchaus Zweifel angebracht sind, ob er je mehr vollbringen kann als Dunks oder Putbacks. Ich würde sein Leistungspotential, je nach Entwicklung, gerade mal zwischen Javale McGee und Tyson Chandler einordnen.

Ähnlich könnte es Michael Carter-Williams ergehen. Sein Wurf ist quasi non-existent (39,3% FGs in Syracuse). Über seine Defense kann man nur Vermutungen anstellen, da er bislang größtenteils in einer 2-3-Zonenverteidigung gespielt hat und nur wenige Daten über seine 1-gegen-1-Fähigkeiten vorliegen. Kann er im Gesamtpaket jemals so gut werden, wie Jrue Holiday es heute schon ist? Was ist, wenn Bynum irgendwann doch wieder fit wird und wieder auf All-Star-ähnlichem Niveau agiert? Ist er dann nicht der bessere Center als Noel?

Nicht falsch verstehen: Der Rebuild ist ein natürlicher Prozess, den fast alle Franchises früher oder später durchlaufen müssen. Das bedeutet, dass auch die Wahrscheinlichkeit, trotz schlechter Bilanz die Superstars der Zukunft nicht zu draften, für alle gleich ist. Aber die Sixers hatten doch schon einen sehr talentierten Jungspieler. Einen 23-jährigen All Star-Point Guard, der defensiv zu einem der besten Einser der Liga werden kann. Holiday hat zudem eine tolle Courtvision und war ein mehr als solider Playmaker, der darüber hinaus über einen schnellen und sicheren Wurf mit guter Range verfügt. Die noch offenkundigen Schwächen (Schussauswahl, Effizienz, Turnovers, etc.) lassen sich bei einem so jungen Spieler durchaus noch verbessern. Bisher konnte man in jeder Saison eine Steigerung bei Holiday erkennen, weil er auch die nötige Einstellung mitbringt.

In Philly setzt man die Hoffnungen nun lieber in die Unwahrscheinlichkeit der Draft-Lotterie, in die mögliche, aber ebenso unvorhersehbare Entwicklung von Noel und Carter-Williams und in den Wunsch, dass im nächsten oder den folgenden Drafts Stars bereit stehen und auch gezogen werden könne. Dies klingt für mich als Fan nicht sonderlich überzeugend. So ist zwar – wie gesagt – oftmals der „übliche“ Weg für Teams, die neu aufbauen müssen. Cleveland oder Orlando taten dies, weil der beste Spieler nicht mehr dort spielen wollte und sie keine anderen Optionen hatten. Aber in der Stadt der brüderlichen Liebe wurde der Rebuild durch diesen ominösen Trade am Draft-Tag erzwungen. Und das könnte nach hinten losgehen. Ich hoffe einfach, dass ich mich bezüglich Noel und Carter-Williams irre.

Ob diese Moves Hinkies und alle darauf folgenden Handlungen in den vergangenen Monaten richtig waren oder nicht, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Dies wird man erst in ein paar Monaten oder sogar Jahren sehen, wenn die Entwicklung der eigenen Spieler, der Spieler, die man abgegeben hat und der Akteure, die gerade eine neue NCAA-Saison begonnen haben, besser eingeschätzt werden kann. Das letzte Kapitel ist noch lange nicht geschrieben.