28 November 2013

Daniel Schlechtriem | 28. November, 2013  





Wie man sich mit schlechtem Drafting die nahe Zukunft verbaut - ein Blick zurück auf die fragwürdigen Entscheidungen der Minnesota Timberwolves und Cleveland Cavaliers 


Luc Richard Mbah a Moute mag einen der kultigsten Namen der rund 450 NBA Profis tragen, ein Elite-Spieler wird er allerdings nie sein. Dennoch steht er aktuell im Fokus – und zwar sinnbildlich dafür, wie ein Team, in diesem Fall Minnesota, etwas sehr wertvolles, in diesem Fall einen #2 Pick im Prinzip wegwirft. Mbah a Moute kann fraglos ein sehr zweckdienlicher Spieler sein, und viele Teams würden ihre Defensive gerne mit einem Spieler seines Formats verbessern, dennoch darf er eigentlich niemals in Regionen vorstoßen, die diese Woche erreicht wurden. Minnesota schickt den zweiten Pick des 2011er Drafts, Derrick Williams, nach Sacramento für eben jenen Mbah a Moute, der erst im Sommer für Nichtigkeiten (ein Zweitrundenpick sowie das Recht, die Reihenfolge bei einem weiteren Secound Round Pick zu tauschen) aus Milwaukee nach Sacramento verschachert wurde. Die Wolves erhalten nur den Kameruner. Keinen zusätzlichen Pick, keine Rechte an internationalen Spielern, nicht einmal Cash.

Besagter Trade ist aus Sicht der Wölfe nicht viel weniger als ein Armutszeugnis, wenngleich es noch das beste ist, was sie aus dieser Situation machen konnten. Minnesota hat es in zwei Saisons plus der angefangenen aktuellen nicht geschafft, aus ihrem #2 Pick einen Spieler zu formen, der seiner hohen Draftposition gerecht wird. Das mag, besonders hinsichtlich Spielern, die an zweiter Stelle gedraftet wurden, zwar häufiger passieren, man denke nur an Marvin Williams, Michael Beasley oder Hasheem Thabeet. Dennoch muss sich das Front Office der Wölfe den Vorwurf gefallen lassen, Williams nicht früher und vor allem für mehr Gegenwert getradet zu haben. Dass er im System von Rick Adelman keine Zukunft haben wird, war kein Geheimnis. Ebenso ist bekannt, dass junge Spieler an Marktwert verlieren, je länger sie bei ihrem Team auf der Bank versauern. Spätestens im Sommer hätten die Wolves den Abzug drücken müssen und dadurch nicht nur einen angemessenen Gegenwert bekommen, sondern auch vermieden, wieder einmal zum Gespött der Liga zu werden.

Denn dieser Fehler reiht sich ein in ein System aus Fehlentscheidungen. Freilich ist man im Nachhinein klüger und Fehlgriffe beim Draft passieren den Besten. Dennoch hat sich Minnesota an den näher zurückliegenden Draft-Abenden symbolische Airballs geleistet, die mit reinem Pech und Unglück nicht mehr zu erklären sind. Dafür aber mit David Kahn, der zwischen 2009 und 2013 bisweilen folgenschwere Entscheidungen traf.  

Ein Blick zurück:

* 2009 haben die Wolves den fünften, sechsten und achtzehnten Pick inne, gedraftet werden drei Point Guards. Zunächst Ricky Rubio (5.), der heute eine Stütze des Teams ist und bei dessen Wahl Minnesota alles richtig gemacht hat. Danach läuft jedoch alles falsch. Jonny Flynn (6.) ist analog zu Derrick Williams zwar talentiert, setzt sich aber niemals durch, auch nicht bei seinen späteren Stationen in Houston und Portland. Der heute 24-Jährige muss schliesslich ins Basketball-Exil nach China fliehen. An seiner Stelle hätten die Wolves Steph Curry holen können, auch mit DeMar DeRozan oder Gerald Henderson wären sie besser bedient gewesen. An achtzehnter Stelle draften sie Ty Lawson, traden ihn aber umgehend nach Denver für einen späteren Erstrundenpick (2010). Lawson spielt heute in Denver auf Borderline All-Star Niveau, mit dem Pick holen die Wolves statt dessen ein Jahr später Luke Babbitt und traden den dann für Martell Webster nach Portland. Webster wird 2012 einfach entlassen und direkt im Anschluss in Washington zu einem wichtigen Rotationsspieler.

* 2010 holen die Wolves mit dem 4. Pick Wesley Johnson, der inzwischen für das Minimum-Gehalt die Bank der Lakers füllt. Verfügbar waren da: DeMarcus Cousins, Greg Monroe, Gordon Hayward oder Paul George. Der 16. Pick, Babbitt, geht wie erwähnt nach Portland. Zu diesem Zeitpunkt noch verfügbar: unter anderem Eric Bledsoe und Avery Bradley.

* 2011 entscheiden sich die Wolves für bereits erwähnten Derrick Williams (2.). An dieser Stelle ist ihnen kaum ein Vorwurf zu machen: Williams war auf sämtlichen Mocks sehr hoch eingeordnet, Scouts hatten eine hohe Meinung von ihm. Dennoch muss die Frage gestattet sein, ob es immer Sinn ergibt, ein Talent zu draften, wenn die selbe Position im Team bereits von einem All-Star bekleidet wird. Es waren noch genug andere talentierte Rookies im Lotterie-Pool verfügbar, zum Beispiel Jonas Valanciunas, Kemba Walker oder Klay Thompson. Die Wolves haben außerdem noch den 20. Pick (Donatas Motiejunas), mit dem sie sich aber nach unten traden und aus Houston dafür die #23 und #38 bekommen. An 23. Stelle holen sie sich die Rechte an Nikola Mirotic, an 38. Chandler Parsons. Beide Spieler werden für zukünftige Second Round Picks respektive Geldbeträge sofort wieder abgegeben (Mirotic nach Chicago, Parsons direkt zurück nach Houston). Alles typisch für das meist plan- und völlig wirkungslose Kahn-Geschachere am Draft-Tag. 

* 2012 haben die Wolves keinen eigenen Erstrundenpick, da sie diesen 2005 im Paket mit Sam Cassell für Marko Jaric und Lionel Chalmers zu den Los Angeles Clippers tradeten. Kein weiterer Kommentar nötig. Nur noch mal kurz der Blick auf verfügbare Spieler, die Minnesota an diesem Abend an 10. Stelle hätte draften können: Jeremy Lamb, John Henson, Terrence Jones, Evan Fournier oder Jared Sullinger. Eine der wenigen Situationen, für die Kahn nichts konnte. 

* Der diesjährige Draft lässt sich gegenwärtig sicherlich noch nicht bewerten, auch wenn man so viel sicherlich schon festhalten kann: Die Wolves traden sich wieder abwärts, statt dem 9. Pick (Trey Burke) bekommen sie aus Utah die #14 und #21. An 14. Stelle draften sie Shabazz Muhammad. Ein paar Stichworte zu diesem: Sperre auf dem College wegen des Verdachts auf Vorurteilsnahme. Gefälschte Geburtsurkunde, die ihn jünger und daher für NBA Teams wertvoller machen sollte. Regelverstoß und Rauswurf beim NBA Rookie Transition Program wegen unerlaubtem nächtlichem Damenbesuch. Holt man sich angesichts der hier aufgestellten Fehlgriffe der jüngeren Vergangenheit einen solchen Problemfall ins Haus? Eher nicht. Shabazz spielte bisher wenig bis gar nicht. Coach Adelman ist auch nicht bekannt dafür, Problemkinder hinbiegen zu können/wollen. Das Wort „Bust“ schwebt also ein weiteres Mal über dem Target Center. An 21. Stelle holen die Wolves noch Gorgui Dieng. Der senegalesische Center spielt – wie für Rookie Big Men nicht unüblich – derzeit noch keine Rolle und kann daher hier nicht eingeschätzt werden.

Zusammenfassend bleibt ein Trümmerhaufen, mit dem die Wolves nicht weniger als ihre Zukunft, sprich Kevin Love und Ricky Rubio, riskieren. Als ersterer im Januar 2012 seinen Vertrag um drei Jahre verlängerte - widerwillig, wohlgemerkt, denn Love wäre am liebsten bis 2017 geblieben - wussten die Wölfe genau: Sie haben bis 2015 Zeit, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen, denn dann kann Love vorzeitig aussteigen. Und das wird er, spielt man in Minnesota nicht wenigstens um Heimvorteil im Westen mit. Bis heute kann der All-Star Power Forward nicht eine Partie in der Postseason aufweisen und daran wird sich wohl nichts ändern, denn gegenwärtig erinnern die Wölfe stark an die Blazers des Vorjahres. Die erste Fünf ist stark, die Bank dafür quasi zu nichts zu gebrauchen. Kommen dann auch noch die bei Love und Rubio obligaten Verletzungen dazu, ist man in der Western Conference ganz schnell irrelevant. Logische Folge: Love wird die Franchise 2015 verlassen, sein Blick ist längst auf L.A., seinen Geburtsort und seine Jugendliebe, die Lakers gerichtet.

Minnesota hätte die Chance gehabt, sich seit 2009 mit qualitativen Picks (noch einmal zur Übersicht: Draft 2009: #5, #6, #18; Draft 2010: #4, #16; Draft 2011: #2; #20; Draft 2013: #9) eine Truppe zusammenzustellen, die heute nicht nur um die Playoffs, sondern um viel mehr mitspielt. Wie bereits aufgeführt muss man ihnen sicherlich im Falle Williams' Unglück attestieren, das zum Draft dazugehört – dennoch: Kann es Zufall sein, dass in Minnesota ein hoher Pick nach dem nächsten in der metaphorischen Tonne landet, während zum Beispiel Sam Presti nacheinander Kevin Durant, Russell Westbrook, James Harden und Serge Ibaka nach Oklahoma City holte? Steigt Love 2015 aus, wovon gegenwärtig auszugehen ist, stehen die Wölfe wieder da, wo sie standen, als Kevin Garnett 2007 die Franchise verließ. Ganz am Anfang. Fast ein ganzes Jahrzehnt hätten sie verschenkt.  

Wenigstens sind die Wölfe nicht allein mit ihren katastrophalen Entscheidungen an Draft-Abenden. Auch die Bilanz der Cleveland Cavaliers ist alles andere als rosig. 2011 zogen sie den Jackpot und in Kyrie Irving an Nummer eins einen legitimen All-Star. Anschließend? Im gleichen Jahr Tristan Thompson an 4. Stelle, der zwar solide ist, allerdings nie viel mehr sein wird. Im Folgejahr: Dion Waiters (statt Damian Lillard, Harrison Barnes oder Andre Drummond), ebenfalls an Position vier, der aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund interner Zerwürfnisse demnächst auch über die Ladentheke gehen wird – wohl kaum für einen angemessenen Gegenwert. Dieses Jahr hatten sie einen weiteren Nummer eins Pick und entschieden sich, sehr überraschend, für Anthony Bennett. Auch wenn es unfair ist, den kanadischen Forward nach nicht einmal einem Monat in der NBA bereits zu bewerten, geistert bei einem gefühlten Plus an Airballs sowie seiner Zwischenbilanz von mickrigen 2 Punkten und 2 Rebounds bei 20% aus dem Feld in durchschnittlich 11 Minuten Spielzeit schon der Name Kwame Brown über Cleveland und der Quicken Loans Arena. Eigentlich wollten die Cavs mit diesem Pick in die Playoffs zurück oder gar ihrem verlorenen Sohn LeBron James mit einem aussichtsreichen Team eine Rückkehr schmackhaft machen. Stand heute: Mission gescheitert.

Beide Franchises hätten die Gelegenheit gehabt, in naher Zukunft wieder relevant zu werden und an alte, bessere Zeiten anzuknüpfen. Diese Chancen haben sie am Draft-Abend verzockt.