13 Dezember 2013

Roman Schmidt | 12. Dezember, 2013    @sch_rom





Wieso? Es ist die Frage, dir mir während der Live-Bilder immer wieder durch den Kopf schießt. Es ist die Frage, die in Chicago nach dem Meniskusriss von Derrick Rose noch immer omnipräsent ist. Es ist die Frage, die Bulls-Fans aller Länder am liebsten in den Himmel schreien möchten. Derrick Rose wird für die restliche Season ausfallen. Auch nach zweiwöchentlicher Bedenkzeit ist dieser Umstand nicht weniger gnadenlos, inakzeptabel oder grausam geworden. Und genauso grausam wird das nächste Statement auch jedem erscheinen, der sich in irgendeiner Weise mit den Chicago Bulls identifiziert: In naher Zukunft könnte es keinen NBA-Contender aus Chicago mehr geben!

Cap-Schwierigkeiten in der Zukunft
Das liegt vor allem an der suboptimalen Kaderzusammensetzung der Bulls. Sie sind gegenwärtig über der Luxury Tax Grenze und würden, sollten sie zum Ende der Saison immer noch darüber liegen, die Repeater Tax zahlen, die das eigentliche Übel der gesamten Konstruktion ist. Der Kader ist so teuer (Platz 6 ligaweit), weil dieses Team ursprünglich die Miami Heat herausfordern und um den Titel mitspielen sollte. Da dieses Ziel für die Bulls inzwischen so unerreichbar ist wie ein idealer Body Mass Index für Raymond Felton, muss sich GM Gar Forman Gedanken machen, ob das Team komplett umgestaltet werden soll, kann oder vielleicht sogar muss.

Luol Dengs Vertrag verschwindet im kommenden Sommer aus den Büchern; nach jetzigem Verhandlungsstand erwartet er einen Vertrag, der über 4 Jahre geht und sich in der 40 bis 48 Mio $ Preisregion befindet. Viele haben gehofft, Deng könnte Chicago einen Preisnachlass gewähren, doch die Fronten scheinen sich verhärtet zu haben. Wenig hilfreich war vermutlich, dass Deng aufgrund fragwürdiger Blutwertanalysen auf Seiten der Bulls beinahe an den Folgen einer Lumbalpunktion gestorben wäre. Dies ist keine Übertreibung, er war während der Miami Heat Serie in den letztjährigen Playoffs wortwörtlich eine Woche lang in Lebensgefahr. Das hätte zu einer merkwürdigen Saison der Bulls gepasst. „Hey, wo ist Lou?“ – „Lou ist tot, Tom“ – „Okay. Taj, du spielst jetzt Small Forward.“

Selbst ohne Dengs Vertrag sind die Bulls nächstes Jahr mit knapp 65,7 Mio. $ immer noch über der Capgrenze und haben keine Chance auf einen Free Agent, der sie signifikant besser machen kann. Sie haben immer noch die Möglichkeit, Carlos Boozers 16,8 Mio. $ (kein Tippfehler) per Amnesty-Klausel aus ihren Büchern zu streichen, was allerdings allgemein als komplett unwahrscheinlich angesehen wird. Man stünde dann zwar mit einer guten Menge an verfügbarem Capspace da, allerdings auch ohne Starting Small Forward (Deng) und Power Forward (Boozer). Dazu kommt noch, dass Bulls-Owner Jerry Reinsdorf vermutlich nicht einmal seinen Kindern 50 Dollar für’s Nichtstun geben würde. Gerade für die zukünftige Gestaltung des Rosters ist Taj Gibsons wuchtige Extension (ca. 35 Mio. $ für 4 Jahre) früher als erwartet zum Problem geworden.

Der Sommer 2015 wäre also der früheste Zeitpunkt, an dem die Bulls wieder genügend Cap-Space hätten, um einen großen Namen als Free Agent nach Chicago lotsen zu können. Ein Problem ist hierbei jedoch, dass dies der Zeitpunkt sein wird, an dem Jimmy Butlers Rookie Vertrag ausläuft. Mit einem nicht jünger werdenden Joakim Noah wird es eine schwierige Aufgabe werden, dieses Team konkurrenzfähig zu machen. Die Flexibilität fehlt und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der französische Publikumsliebling seine besten Zeiten bereits hinter sich haben wird, bis die Bulls wieder die Kurve gekriegt haben.

Trade Luol Deng?
Luol spielt seit Derricks Verletzung phänomenal und hat Splits von 26,1 Punkten, 5,8 Rebounds und 6 Assists pro Spiel. Aber können die Bulls einem Spieler eine 48 Millionen Dollar Extension anbieten, der am Ende dieser vier Jahre 33 Jahre alt sein wird? Der Preis ist zu hoch. Können die Bulls einen Spieler einfach so ziehen lassen, der so vielseitig, einer besten Verteidiger auf seiner Position und ligaweit hoch angesehen ist? Beides klingt nach keiner guten Idee. Dumme Management-Ideen nenne ich übrigens seit dem diesjährigen Draft-Day „Cleveland“. Das wäre sehr Cleveland von Chicago.

Als Alternative bliebe ein Trade. Dummerweise ist der Absatzmarkt für Ein-Jahres-Verträge in jüngster Vergangenheit nahezu komplett verschwunden. Die Atlanta Hawks haben es letztes Jahr nicht einmal geschafft, Josh Smith für einen First Round Pick zu verscherbeln. Ebenfalls muss man sich fragen, welche Assets man verlangt. Im Endeffekt kann man hier zwischen drei Vorgehensweisen unterscheiden:

1. Chicago will weiterhin die Playoffs erreichen und dort für so viel Schaden sorgen, wie es irgend möglich ist, tradet Deng also für Spieler, die in dieser Spielzeit helfen können. Dazu müsste man Spieler nach Chicago bringen, die sofort helfen können. Hier könnte ein Paket aus Ömer Asik und Jeremy Lin weiterhelfen. In den Foren der Onlinewelt sprechen sich auch sehr viele für ein Paket aus, das Isaiah Thomas aus Sactown zu den Bulls bringt, damit der kleine Isaiah den neuen Nate Robinson mimen kann.

2. Man will den Kader verjüngen und sich Talent ins Team holen, um für die Zukunft der Franchise vorzusorgen. Außerdem würde dies einen schlechteren Record und einen besseren Pick im nächsten Draft bedeuten. Logischerweise wird es problematisch, anderen Teams junge Spieler abzunehmen, während Dengs Vertrag nur noch ein Jahr läuft. Man müsste also bei Teams anfragen, deren GMs sich auf dem Schleudersitz befinden und Moves durchziehen würden, die einfach nur Cleveland sind. Wieso also nicht gleich Cleveland? Deng wurde bereits als begehrter Gegenwert für Dion Waiters genannt und ein Tradepaket, das aus Waiters und Anderson Varejao besteht, würde im Bulls Frontoffice zumindest ein Meeting heraufbeschwören. Wenn wir jetzt noch ganz illusional werden, könnte dazu ja noch ein 1st Round Pick herausspringen. Cleveland will schließlich in die Playoffs.

3. Man behält Deng sowie Boozer, ist halbkonkurrenzfähig, hofft darauf, dass sich die Situation mit dem Small Forward von selbst löst und man Deng für einen günstigeren Deal verpflichten kann. Persönlich tendiere ich zu 2, 1 und 3, in der Reihenfolge. Dummerweise ist dem Frontoffice komplett zuzutrauen, dass sie sich stur an Variante 3 halten und schlicht nichts tun. Sicher, das erscheint zunächst unwahrscheinlich, wenn man bedenkt wie knauserig Bulls Owner Reinsdorf in der Vergangenheit war. Doch auch zu Rip Hamiltons Bullszeiten hat man angenommen, Rip würde getradet werden, um die Luxury Tax zu vermeiden. Passiert ist allerdings nicht viel, und so trat man in den letztjährigen Playoffs mit einem teuren Team an, das theoretisch keine Chance hatte, die erste Runde zu überstehen.  Es wird natürlich wieder gemunkelt, dass D-Rose am Ende der Season wieder zum Team stoßen könnte, doch darauf überhaupt nur im Entferntesten zu spekulieren, ist weder eine wirtschaftliche, noch eine kluge Herangehensweise.

Sollte die Trade-Deadline verstreichen und Deng trägt noch immer das rote Jersey, sollte sich niemand wundern. Sollte Deng in der Offseason dann zum Trostpreis für eine Franchise werden, die viel Capspace gehortet hat und keinen Starspieler verpflichten konnte, sollte sich wohl ebenfalls niemand wundern. Wundert euch einfach nur bei einem tatsächlichen Deng-Trade. Sollte der Brite tatsächlich Chicago - über welchen Weg auch immer - verlassen, macht man sich um einen Mann besonders Sorgen.

Was wird aus Tom Thibodeau?
Abseits von Dengs Eltern ist Tom Thibodeau vermutlich sein größter Fan. Wenn Thibs das Sagen hätte, würde die NBA nur aus Luol Dengs bestehen. Dass der stets heisere Coach kein gutes Verhältnis zu GM Forman hat, ist bestens bekannt, denn Tom Thibodeau interessiert sich nicht für Finanzen, Caps, Steuern und anderen Blödsinn. Außerdem spricht er sich bereits seit Monaten für einen Verbleib seines Small Forwards aus. Erst im September sprach er darüber, dass er „not happy“ sein wird, falls Deng Chicago verlassen sollte, was beinahe wie eine Drohung klang. In seinen Augen ist Deng der Klebstoff, der sein Team zusammenhält. Nicht wenige behaupten, dass Dengs Abgang Thibodeaus Zeit in Chicago endgültig beenden könnte.

Dem soll an dieser Stelle klar widersprochen werden, denn hier fehlt es einigen an Verständnis der Teamdynamik. Luol Deng mag zwar Thibs Patenkind sein - doch Derrick Rose ist sein Erstgeborener. Seit die beiden sich in Chicago getroffen haben, ist das Band zwischen ihnen unzertrennlich geworden. Die beiden teilen eine Basketballvernarrtheit, die selbst NBACHEF-Autoren ihre Grenzen aufzeigt. Wenn Thibodeau einen Geistesblitz hat, ruft er Rose mitten in der Nacht an. Dem ganzen setzt es die Krone auf, dass dieser abhebt. Als Thibodeau seinen ersten Vertrag in Chicago unterschrieb, war (und ist es sicherlich noch) Deng sicherlich die Kirsche auf dem Eisbecher, doch der ausschlaggebende Grund war ohne Zweifel Rose. Was für ein Mentor oder Freund wäre Tom Thibodeau, wenn er seinen Schützling in solch einer Situation im Stich lässt? In einer Situation, in der er ernsthaft um den restlichen Verlauf seiner Karriere bangen muss? Das würde allem widersprechen, wofür Tom „The Meatgrinder“ Thibodeau steht. Das Chicagoer Frontoffice müsste ihn eigenmächtig und auf Zuchtbullen reitend aus der Stadt jagen, wenn sie ihn loswerden möchten. Nichts desto trotz würde - sollte Deng tatsächlich getradet werden - die darauf folgende Zeit zur nervlichen Zerreissprobe für Bulls-Fans.

Ach ja, da war noch was. „Die Bulls sollen tanken!“, lese ich oft. Malen wir uns kurz aus, wie Tanking mit Tom Thibodeau aussehen könnte. Deng kriegt statt 40 Minuten nur noch 38,5 pro Spiel. Die Spieler dürfen nur noch aufs Parkett, wenn sie nichts Schlimmeres als eine Zerrung haben. Joakim Noah muss die Mindestvoraussetzung an Auszeit für seine Plantare Fasciitis einhalten. Boozer darf die vierten Viertel auf dem Court beenden. Es ist kein Klischee: Thibs kann nicht tanken. Im Gegenteil, er würde zwei Stunden weniger schlafen als sonst (womit wir bei drei Stunden pro Tag wären), um dieses Team in die Playoffs zu hieven. Und seien wir ehrlich, es ist in diesem Osten größtenteils schwieriger zu verlieren, als zu gewinnen. Selbst, wenn man noch an die Nets und Knicks glaubt, stehen dort unten Teams wie die Bucks, Magic, Sixers, Raptors, Celtics und Cavaliers, die zu einem Teil gar nicht daran denken, ihren Platz an die Bulls abzugeben und zum anderen Teil einfach schlecht geleitet werden. Es soll einfach nicht sein, Jabari. Aber wenn wir schon von Chicagoer Jungs sprechen, müssen wir vor allem über einen sprechen.

Oh weh, Derrick Rose
Sind die Bulls verflucht? Hat man mit Michael Jordan mehr Glück gehabt als erlaubt ist? Sicher, Rose ist bei weitem nichts widerfahren, was Jay Williams Ausmaße hat, doch alleine der Umstand, dass ich diese beiden Namen im selben Absatz nenne, sollte bei vielen die Alarmglocken schrillen lassen.

Sprechen wir es aus, wie es ist: Derrick Rose hat über ein Jahr gefehlt, weil er seinen Kreuzbandriss kurieren musste, kam zurück, spielte eine Hand voll katastrophal schlechter Spiele, riss sich den Meniskus im anderen Knie und wird nun die restliche Season fehlen. Er wird von 2011 bis 2014 ganze 177 Spiele verpasst haben. Und er wird vermutlich nie mehr an seine MVP-Form anknüpfen können. Das klingt nun hart, doch es ist genau das Thema, das die meisten NBA-Experten nicht aussprechen wollen, da er unter Analysten und Journalisten so beliebt ist. Aber: die Tage des Franchise Players Derrick Rose sind womöglich gezählt.

Michael Jordan war nach seinem Baseballintermezzo nie wieder derselbe Spieler wie vorher - und er war nicht verletzt. NBA-Spieler verpassen nicht so eine lange Anzahl an professionellen Basketballspielen und kommen zurück, als wäre nie etwas gewesen. Das hat man Derrick Rose bereits angemerkt, als er dieses Jahr zum Beginn der Regular Season verkrampft gespielt hat und sein Glück mit dem Kopf durch die Wand gesucht hat. Man muss sich ernsthaft fragen, ob wir es hier erneut mit einem Fall wie bei Penny Hardaway zu tun haben, dessen Karriere ohne Verletzungspech sicherlich in die Hall of Fame geführt hätte.

Wenn man Derrick Rose beim Spielen zusieht, ist es ein Akt der Gewalt. Wenn er sich bewegt, dann ist man zu gleichen Anteilen erstaunt und besorgt, denn normale Menschen bewegen sich nicht wie er. Seine Drives sind eine Ansammlungen von Hesitations und abrupten Richtungswechseln, die an ein Videospiel erinnern. Wenn er springt, dann ist es kein Fliegen oder Abheben, es ist eine Explosion. Dieser rücksichtslose Bewegungsstil musste zwangsläufig Folgen nach sich ziehen. Vor allem die vielen Hopshots und Korbleger sind Gift für jedes Knie. Bei einem dieser Hops hat ihn im vergangenen Jahr sein Kreuzband im Stich gelassen. Man muss erkennen, dass sein Spielstil nicht für die Ewigkeit gemacht ist und neuerdings nicht einmal mehr für die nahe Zukunft. Kann er sich einen schonenden Spielstil aneignen? Chris Paul zum Beispiel konnte es und dies trug und trägt offensichtlich Früchte.

Eine weitere Frage, die man sich stellen muss, ist, ob D-Rose Chicago zu einem Titel führen kann. Und zurzeit sieht es nicht danach aus. Um das Team tragen zu können, braucht er möglicherweise keine B-Option mehr, sondern schon eine 1B-Option. Gehen wir noch weiter, möglicherweise wird es sogar Zeit, von Rose als 1B-Option zu sprechen. Dieses Fiasko, in dem sich Rose und sein Team befindet, sollte dem Bullsmanagment mehr denn je zeigen, dass ein weiterer Star neben Rose unerlässlich ist für einen realistischen Run auf den Titel. Man darf nicht die Augen verschließen und hoffen, dass seine Verletzungen reines Pech waren und ab der nächsten Saison alles wieder ist wie '10/11. Es muss gehandelt werden und Verantwortung von Rose' Schultern genommen werden - zu seinem Besten.

Versteht mich nicht falsch: Rose kann mit Sicherheit immer noch ein guter Spieler sein. Doch die Vergangenheit zeigt unmissverständlich, dass solche Verletzungen – und den möglichen psychischen Schaden habe ich aus Platzmangel hier sogar ignoriert – Karrieren verschlechtern, verkürzen und sogar zerstören. Wenn Derrick im Herbst 2014 zurück kommt und alles und jeden Lügen straft, bin ich der erste, der das hier in den Papierkorb schießt und Samba tanzt. Bis dahin müssen wir allerdings warten und uns mit dem Schlimmsten abfinden. Die NBA könnte um eine „Was-wäre-wenn?“-Story reicher sein - und doch gleichzeitig ärmer.