17 Dezember 2013

Sebastian Dumitru | 16. Dezember, 2013    @nbachefkoch





Die neue Saison ist längst nicht mehr neu. Mehr als ein Viertel der regulären Spielzeit ist bereits verstrichen. Enttäuschungen gibt es bisher wie Sand am Meer, von den kleinen über die mittelschweren bis zu den ganz grossen. Gemessen an den kollektiven Offseason-Erwartungen steckte bisher aber kein Klub tiefer in der Scheisse als die Brooklyn Nets. Wie immer, wenn die öffentliche Phrasendrescherei innerhalb weniger Wochen von "Ganz klarer Championship-Kandidat" zu "Ich hab's euch allen gesagt, die Nets stinken und können nix!" umschlägt, ist Vorsicht geboten. Vorsicht im Umgang mit halbgaren Möchtegern-Analysen und Stammtischdiagnosen, die in den meisten Fällen sowieso immer nur aus einer Richtung kommen: von jenen, die zwischen sensationsgeiler Meinungsmache und gefährlichem Halbwissen hin und her schwanken. Dass der Saisonstart im "Borough" richtig mies war, sah jeder. Die wahren Gründe dahinter erkannten nur die Wenigsten.

Gestern
Noch vor acht Tagen rangierten die Nets mit mickrigen 5-14 Siegen im Keller der Eastern Conference. Sie hatten sechs Heimspiele in Folge verloren, darunter vier im zweistelligen Bereich und zwei in Folge mit mehr als 30 Punkten Unterschied - letzteres ein neuer NBA-Negativrekord. Das Team von Jason Kidd verteidigte nicht, punktete nur sporadisch, spielte das langsamste Tempo der Liga und ließ sich Abend für Abend zur Schlachtbank führen. Die Nets waren nicht einfach nur schlecht. Sie waren das deprimierendste Team der Liga, mehr noch als der Stadtrivale New York Knicks. Der Nets/Knicks Podcast von Rob und Seb war so dermaßen traumatisierend, dass beide erst allmählich und nach intensiven Therapiesessions wieder in den Alltag zurück fanden.

Die Häme, die von allen Seiten auf Brooklyn herein prasste, war groß. Erst recht, nachdem Jason Kidd erst seinen Eistee fallen ließ und kurz darauf seinen führenden Assistant Coach Lawrence Frank aus der Halle und tief in die Barclays-Katakomben verbannte. Die offizielle Erklärung "Frank arbeitet weiter und schreibt jetzt Berichte" war natürlich nur Teamsprech für "Frank ist gefeuert, aber wir müssen erst noch legale Details klären, bis wir ihn endgültig vor die Tür setzen können." Wer denkt, dass Kidd auch nur einen einzigen dieser Berichte nicht lesen wird, die sein ehemaliger Assistent nicht schreibt, der hat absolut Recht.

Gründe für die Degradierung gab es zahlreiche. Dass Kidd einen Sündenbock für die miesen Leistungen des Teams suchte, ist keiner von ihnen. Sicherlich darf die Frage gestattet sein, warum Kidd im Sommer, als er sich direkt nach seiner aktiven Hall of Fame Karriere als neuer Nets-Cheftrainer ins Gespräch brachte, seinen ehemaligen Coach/Freund so massiv pushte und um jeden Preis mit an Bord haben wollte. Ja, er brauchte einen erfahrenen Mann, der ihm die Nuancen des Coachings nach und nach näher bringen, ihn also im Vorbeigehen belehren sollte. Wieso sich Kidd ausgerechnet für Frank entschied, wieso Frank gleich mit solchen Privilegien ausgestattet wurde, wieso ihn Brooklyn gleich zum bestbezahlten Assistenztrainer der NBA machte (6 Mio. $ für 6 Jahre inkl. Position im Front Office ab 2019), all das bleibt unklar.

Was dagegen recht schnell klar wurde war, dass die ehemaligen Weggefährten Kidd und Frank, die früher als Coach und Franchise-Spieler in New Jersey zusammen arbeiteten, in dieser neuen Konstellation absolut nicht zusammen passten. Frank ist in NBA-Kreisen als kleiner Diktator mit Napoleonkomplex verschrien - zwar respektiert als harter Arbeiter, aber mitnichten hoch angesehen als jemand, der als Cheftrainer den Unterschied macht (All-Time Bilanz: 279-335). Seine zappelige, lautstarke Art kam vom ersten Tag nicht gut an, zumal Frank sich ob seiner Kompetenzen und in seiner Rolle als Kidd-Mentor selbst höher einstufte, als für ihn gesund war. Dass ihn Kidd, der die ersten beiden Saisonspiele gesperrt aussetzen musste, bei der Wahl des Interim-Cheftrainers zugunsten von Joe Prunty übergangen hatte, war für Frank nicht zu entschuldigen. Er hörte fortan nicht mehr auf zu reden, auch oder vor allem hinten herum, riss zunehmend die Kontrolle an sich und zog sich damit nicht nur den Groll der anderen Assistenten, sondern auch vieler Spieler zu.

Man kann Frank vielleicht keinen Vorwurf machen, dass er sich als junger ex-Cheftrainer (43) insgeheim natürlich immer Hoffnungen auf den nächsten offenen Head Coaching Gig macht(e), aber seinen Vorgesetzten Kidd systematisch aushöhlen zu wollen, wird ihm bei seinem nächsten Stellengesuch nicht allzu gut zu Gesicht stehen. Zumal er die Aufgabe, die ihm eigentlich zugetragen war - die des Defensivkoordinators der Nets - ungenügend bis sehr schlecht erledigte. Brooklyn rangierte vor dem Heimdebakel gegen die Knicks vor zehn Tagen auf Rang 29 bei der defensiven Effizienz und fing sich unter Frank 102,8 Punkte pro Abend ein - der drittschlechteste Wert der Liga.

Eine der größten Lügen der modernen NBA ist ohnehin die Mär von Lawrence Frank als Defensiv-Savant. In seinen acht vollen Jahren als Cheftrainer platzierten seine Teams nur zwei Mal in der oberen Hälfte, aber fünf Mal im unteren Sechstel der Defensivtabelle. Die Detroit Pistons, die Frank im Sommer nach zwei erfolglosen Jahren feuerten, kamen über Platz 23 in der Verteidigung nicht hinaus. Franks Mannschaften fingen sich routinemässig die meisten Dreier der Liga ein - das war auch heuer so: Brooklyn ließ die höchste gegnerische Dreierquote in der NBA-Geschichte zu, ganz wie Frank das konzipiert hatte. Dass Kidd und sein Assistent sich in den letzten Wochen also abseits ihrer sonstigen Differenzen auch bei Themen wie Pick & Roll Coverage, Rotationsprinzpien, Double Teams und generellen Defensivschemata in die Wolle kriegten, kam nicht von ungefähr.

Im Endeffekt traf Kidd die einzig richtige Wahl, als er seinen Assistant Coach vor die Tür setzte: nicht nur, dass ihm Frank vom ersten Spieltag an eine Grube grub. Die Mannschaft war vom internen Zwist auch sichtlich zerrüttet und tat nicht das, was vor der Saison alle von ihr erwartet hatten. Die Moral war im Keller. Hätten sich Kidd und Frank aussprechen und wieder zueinander finden können? Vielleicht. Die Tatsache aber, dass Kidd das volle Vertrauen seines Teams, seiner anderen Assistant Coaches und der Klubführung genießt, gab ihm letztendlich das Recht, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Und sein Gutdünken sagte ihm: Weg mit Frank!

Was viele immer noch nicht zu verstehen scheinen: Kidd war und ist nach wie vor Brooklyns Wunschcoach. Er ist der ikonischste und erfolgreichste Spieler der jüngeren Geschichte, das Gesicht der Nets. Nicht umsonst zogen sie seine Nummer Fünf am ersten Heimspieltag der neuen Saison unter's Hallendach. Natürlich hätte es sowohl für einen Klub, der innerhalb eines so knappen Zeitfensters um die Meisterschaft mitspielen will, als auch für Kidds organische Entwicklung über mehrjährige Assistenzstationen zum Head Coach mehr Sinn gemacht, wenn man im Sommer nicht zueinander gefunden hätte. Aber Kidd wollte unbedingt diesen Job, und die Brooklyn Nets wollten unbedingt Kidd. Mikhail Prokhorov und Billy King wussten nur zu gut, worauf sie sich einließen. Sie wussten, dass noch niemals ein Rookie-Coach die NBA auf den Kopf gestellt hatte. Alle mussten bisher Lehrgeld zahlen, die Doc Riverse, Marc Jacksons und Larry Birds dieser Welt, und das, obwohl sie nach ihrer aktiven Karriere sogar ein paar Jahre Pause eingelegt hatten. Das wird Jung-Coaches generell empfohlen, direkt aus NBA-Kreisen, um Abstand zu gewinnen, um aufzutanken, um eine neue Perspektive zu bekommen, bevor man wieder zurück ins Game und auf den Trainerstuhl kommt. Kidd hingegen wurde gleich ins kalte Wasser geschmissen, oder er sprang selbst. Und nicht einmal die mickrigen Schwimmärmelchen funktionierten.

Aber Kidd krault weiter, egal wie rau die See ist. Das wird ihm in Brooklyn hoch angerechnet. Was ebenfalls für ihn spricht ist, dass er sich seiner Position und seiner Rolle in der Nets-Organisation bewusst ist und sich nicht scheut, unpopuläre oder zweifelhafte Entscheidungen zu treffen. Er weiss, dass Erfolg oder Misserfolg dieser Truppe eng mit ihm verknüpft sein wird. Warum also nicht das tun, was er selbst für richtig hält? Zahlreiche Stimmen bestätigten nach der Entlassung des Assistenten, dass ein Großteil der Mannschaft Franks dauernörgelnden Art längst überdrüssig geworden war und lieber von Anfang an nur eine Stimme in Training und Huddles gehört hätte - die von Kidd.

Der Vorstand und allen voran Prokhorov stehen zu 100 Prozent hinter dem Rookie Head Coach. Wer glaubt, dass Kidd in Brooklyn trotz ähnlich miesem Saisonstart auf einem nur halbwegs so heißen Stuhl sitzt wie sein Pendant auf der anderen Seite des Hudsons, Mike Woodson, der hat weder den Unterschied zwischen Knicks und Nets, noch zwischen Prokhorov und James Dolan verstanden. Jason Kidd war, ist und bleibt der Head Coach dieses Teams - komme was wolle! Die Situation erinnert schon ein wenig an Marc Jacksons Auftakt in Golden State. Die Dubs kamen 2011/12 unter ihrem neuen Head Coach nie so richtig in Tritt, verloren 14 ihrer ersten 22 Partien. Die Stimmen, die dem ehemaligen Point Guard Jackson Unfähigkeit vorwarfen, wurden von Woche zu Woche lauter. Nur eine Saison später hatten die selben Warriors mit dem selben Marc Jackson an der Seitenlinie den 5.2 Sekunden NBA-Champ San Antonio am Rande einer Playoff-Niederlage im Conference Halbfinale. Was mal wieder beweist, wie essentiell in der NBA zwei Dinge sind: Zeit. Und Glück.

Ja, Kidd steigt bei vielen Details noch nicht ganz durch. Er klatscht zu viel und zeichnet bisher zu wenige Plays auf, die den Unterschied ausmachen. Für die größten Probleme der Nets in dieser Saison kann Kidd aber überhaupt nichts. Jedes Team in der NBA hat mit Verletzungen zu kämpfen. Kein anderer Klub wurde bisher aber schwerer von signifikanten Verletzungen heimgesucht als Brooklyn. Der einzige Starter, der bisher alle 24 Partien absolviert hat, ist Joe Johnson. Die restlichen vier, plus die beiden wichtigsten Bankspieler, haben bisher versäumt: Kevin Garnett 2, Paul Pierce 5, Brook Lopez 9, Deron Williams 11, Jason Terry 13 und Andrei Kirilenko 20 Partien.



Was in der Folge passierte, war leicht abzusehen, aber für dieses Team verheerend: anstatt fünf All-Stars auf's Parkett zu stellen, die insgesamt 35 Teilnahmen am Midseason-Classic zustande bringen, musste Kidd Spieler wie Tyshawn Taylor von Beginn aufstellen und D-Leaguer wie Tornike Shengelia mehr als 10 Minuten pro Abend einsetzen. Anstatt punktuell Lücken zu stopfen, mussten Rollenspieler wie Alan Anderson und Shaun Livingston effiziente Offensive kreieren. Anstatt komplementär zu verstärken, mussten Veteranen wie Pierce und Garnett die Hauptlast im Angriff tragen. Anstatt die erste und zweite Garde als Scorer anzuführen, mussten Johnson und Andray Blatche in der Defensive gegen die besten Spieler des Gegners ackern. Das alles ging schiefer, als so ein Plan überhaupt schief gehen kann. Brooklyns Angriff brachte peinliche 94.6 Punkte pro Spiel zustande (Def. Eff. 99.3), die Defensive war offener als ein Scheunentor (Def. Eff. 108.6). Egal, was Kidd versuchte (10 verschiedene Starting Lineups), das Resultat war ohne die Schlüsselspieler stets das gleiche: der Angriff lahmte und Spieler mussten Rollen ausfüllen, die sie nicht ausfüllen können. Die Defensive war ein Scherbenhaufen - trotz des extra dafür eingestellten "Defensivkoordinators" Frank.

Heute
Saisontiefpunkt in Brooklyn war sicherlich die peinliche 30-Punkte Klatsche daheim gegen die ebenfalls funktionsgestörten New York Knicks. Frank war erst kurz vor Spielbeginn herabgestuft worden. Nach der Pleite folgten drei Siege in Folge, darunter der landesweit ausgestrahlte Showdown vergangenen Donnerstag gegen die Los Angeles Clippers, als die Nets ihre beste Saisonleistung zeigten. Am Samstag hätte es auch in Detroit fast zum Sieg gereicht, aber eine Fehlentscheidung der Refs kurz vor Schluss (die als ultimativer Beweis dafür diente, warum die Replay-Monitor-Regelung dringender Überarbeitung bedarf) bremste eine furiose Aufholjagd in Halbzeit zwei aus. Dennoch: der Kampfgeist und Zusammenhalt der Truppe war neu und in dieser Form so noch nicht da gewesen in dieser Saison. Selbst, wenn Franks Entlassung nur eines bewirkt haben sollte, dann wenigstens einen neuen Spirit bei den Nets, die diesen Weckruf offensichtlich gebraucht haben.

Was sonst ist neu? Zum einen, ganz klar, Deron Williams, der nach (hoffentlich) überstandenen, fast schon chronischen Sprunggelenksverletzungen seit dem Sommer endlich wieder in der Lineup ist und diesem Team offensiv das gibt, was es braucht: einen Speedster, einen, der das Tempo anzieht und mal in die Schnittstellen der Defensive dringt, um mal Räume und Ballmovement zu generieren. Ohne Williams glich das Nets-Spiel Standbasketball aus den 50ern. Alt. Langsam. Schlecht. Es gab keine definierte Hackordnung und es dauerte meist Stunden, bis die Nets auch nur ansatzweise in ihre Sets fanden - wenn überhaupt. Von gutem Passspiel ganz zu schweigen. Mit Williams läuft das Pick & Roll wieder, der Gegner muss öfters aushelfen, Spieler bekommen wieder freie Looks. Der ohnehin schon eklatante On/Off Unterschied vom Saisonstart (als Williams noch ein Schatten seiner selbst war) war in den letzten drei Partien gigantisch. Der Angriff erzielte unter Williams 119 Punkte pro 100 Ballbesitze, was gut genug für Rang eins ligaweit wäre, rechnete man es auf eine komplette Saison hoch. Je besser Williams in Tritt kommt, desto geringer werden auch die Offensivprobleme der Nets werden.

Änderung Nummer zwei, und auch hier war wieder die Verletzungsmisere Schuld: Brook Lopez' ist wieder da (so irgendwie halt), nach anhaltenden Wehwehchen, auch bei ihm mit den chronisch fragilen Sprunggelenken. Ohne den All-Star Big fehlt Brooklyn nicht nur die wichtigste Post-Option und der wichtigsten Antagonist zu Williams' Drive-Game, sondern auch der Defensivanker und - kein Witz - einer der besten Ringbeschützer der Liga. Lopez' soft-filigrane Spielweise wird ihm oft negativ ausgelegt und verschleiert, dass er in dieser Saison am defensiven Ring mehr Einfluss hat als Roy Hibbert oder Tyson Chandler (Gegner treffen nur knapp 40% ihrer Würfe in Ringnähe, wenn Lopez spielt). Das Defensivrating der Nets ohne Lopez ist mehr als 10 Punkte pro 100 Ballbesitze schlechter als mit ihm - in etwa der Unterschied zwischen der top-platzierten Defensive der Indiana Pacers und den Dallas Mavericks an Position 20. Ohne Lopez muss Garnett hinten den alleinigen Anker und Staubsauger geben - eine Rolle, mit der der bald 38-Jährige schon längst überfordert ist. Spielt Lopez, kann KG herumstreifen, aushelfen, kommandieren und sein elitäres Know-How im Team-Defense Bereich in 25 effizienten Minuten gewinnbringend einsetzen. Ohne Lopez müssen Garnetts fragile Knochen viel zu viel Arbeit verrichten - das geht nach über 50000 absolvierten NBA-Minuten (inkl. Playoffs) einfach nicht mehr.

Eine dritte, möglicherweise nur vorübergehende Änderung, ist Pierce als Sechster Mann. Der First Ballot Hall of Famer kam nach seinem Handbruch die letzten vier Partien von der Bank - mehr als in seinen ersten 15 NBA-Saisons zusammen genommen (3). Einerseits will ihn das Team so langsam wieder heran führen, andererseits mag Kidd den Scoring Punch, die Stabilität und die Führungsqualität, die der Veteran von draußen ins Spiel bringt. Pierce hat mit seiner neuen Rolle kein Problem, solange er am Ende der Partie auf dem Parkett steht. Das war bisher immer der Fall und wird auch in Zukunft so bleiben. Es sind diese Arten von Opfern, die Spieler wie Pierce in einem so tiefen Kader (und genau das sind die Nets eigentlich) bringen müssen, wenn die hohen Ziele realisiert werden sollen.

Morgen
Bisher war Mikhail Prokhorovs 180-Millionen-Kader, der teuerste jemals zusammen gestellte, eine einzige Enttäuschung. Soviel ist klar. Aber Erfolg in der NBA ist immer ein delikates Balance-Spiel. Eines, das allen voran auf klaren Rollen, etablierten Identitäten und der stets so zart-zerbrechlichen Teamchemie beruht. Die Brooklyn Nets hatten bisher keine Chance, Erfolg zu haben, weil die Spieler noch nicht einmal Zeit hatten, sich in ihren jeweiligen Nischen zu akklimatisieren, geschweige denn, an ihren Aufgaben zu wachsen. Diejenigen, die viel spielen sollten, spielten zu wenig bis gar nicht. Und diejenigen, die kaum spielen sollten, spielten zu viel. Feste Hierarchien wie bei Königinnen und Arbeitsbienen? Keine Chance.

Von Anfang an war klar, dass dieses Team nur soweit kommt, so weit es Williams und Lopez, die beiden mit Abstand besten Spieler im Kader, tragen können. Pierce und Garnett waren nur als Ergänzungsspieler vorgesehen, das hatten sie selbst gesagt. Terry und Kirilenko waren als essentielle, erfahrene Reservisten vorgesehen. Und Kidd sollte, unter dem Schutzmantel all der geballten NBA-Erfahrung in dieser Truppe, nach und nach Know-How einsammeln und in Ruhe dazu lernen. Bisher lief alles falsch. Aber: die Protagonisten dieses Kaders sind immer noch die selben. Die Prognosen, die wir vor der Saison abgegeben hatten und vor allem die Gründe, warum wir die Nets zu den Mitfavoriten zählten, sind ebenfalls noch die selben. Dass ein Veteranen-Team trotz anfänglichen Startschwierigkeiten zusammen kommen kann, haben sogar die letztjährigen Lakers bewiesen, die 26 ihrer finalen 37 Partien vor den Playoffs gewannen - und die Lakers waren, im Vergleich zu diesen Nets, wie die "Itchy und Scratchy Show" auf Crack zur Sesamstraße bei Kräckern.

Es ist erst Mitte Dezember, und Brooklyn hat schon mehr als einen kompletten Saisonanteil an lädierten Knochen, DNPs und hinter-den-Kulissen-Zirkus erlebt. Kidd und die Spieler hatten daran sicherlich ihren Anteil, vor allem was die uninspirierten Leistungen und erbärmlichen Blowouts anbelangte. Mindestens ebenso viele Dinge, die diese "Nets-Krise" überhaupt auslösten, waren allerdings außerhalb ihres Einflussbereichs. Unter'm Strich wird dieses Team am kollektiven Gegenwind der ersten sieben Wochen gewachsen sein und ihn als Rückenwind für die restliche Saison nutzen. Es ist erst Mitte Dezember, und Platz eins in der armseligen Atlantic Division ist für Brooklyn - trotz allem - nur zwei Siege entfernt.