02 Dezember 2013

Philipp S | 1. Dezember, 2013   






Einen Monat durften wir bereits reinschnuppern in die laufende NBA-Saison. Neben einigen Enttäuschungen wie den New Yorkern oder Derrick Roses Verletzung, gab es auch einige erfreuliche Überraschungen – als passendes Beispiel hier ganz in eigenem Sinne die Indiana Pacers. 15-1 zeigen die Standings an beim Wechseln in den Dezember an. Dass dieser überragende Saisonstart einige Franchise-Rekorde mit sich brachte, versteht sich von selbst. Doch schauen wir ein wenig hinter die Fassade.

Zwar war es zu Beginn der Saison nicht so erwartet, doch hat sich der November-Spielplan der Pacers als besonders leicht herausgestellt, vor allem auch weil vermeintliche Konkurrenz, wie die Nets oder Knicks, bisher eben keine ist. Eine kombinierte Bilanz von 79-132 wiesen Indianas bisherige Gegner auf (Stand 29.11.). Es gab also eine Menge Kanonenfutter und wenig wirkliche Herausforderungen für die Jungs in Blue & Gold. Doch was ist daran auszusetzen, wenn ein Titel-Contender alle vermeintlich sicheren Spiele auch tatsächlich gewinnt? Abgesehen vom totalen Komplett-Ausfall in Chicago wurde jedes weitere Spiel gewonnen – und das fast immer mit einer extremen Dominanz. Besonders beeindruckend ist, dass dieses Team bereits seit dem ersten Spiel der Saison voll dabei ist – und das auch unterwegs in fremden Städten. Die Art und Weise wie man sich auf den 1. Platz im Osten spielen konnte und nun die Miami Heat in Zugzwang bringt, macht diese Bilanz von 15-1 erst so bedeutsam.

Trotzdem ist nicht alles ist perfekt im Staate der Hoosier. Um tatsächlich auch weiterhin vor den Heat bleiben zu können, muss sich noch etwas tun. Aber die Saison ist noch lang. Genießen wir also erstmal einen Rückblick auf die letzten Wochen.

Grind it out!

Die Pacers spielen eine starke Defense – das weiß so ziemlich jeder NBA-Fan. Doch wie gut wirklich? Historisch gut sind jedenfalls die Zahlen: Ein DefRtg von 88.8 bei einer Opponent FG% von 38.7% - so etwas hat die Liga seit Aufzeichnung der Advanced Stats noch nicht gesehen. Natürlich ist es noch früh in der Saison und die Pacers haben noch nicht viele West-Teams gespielt. Doch die bisherigen Gegner taten sich sichtlich schwer, gegen Indiana auch nur ansatzweise vernünftig zu scoren. Einfache Layups, offene Dreier oder sogar Fastbreak-Punkte? Eine Rarität auf Seiten der Gegner. Bisher flüchteten sich die Gegner ins Pick & Roll mit Abschluss aus der Midrange. Außerdem taten sie sich schon schwer genug, überhaupt nur ein Setplay begonnen zu haben, bevor die Shot-Clock zehn Sekunden anzeigte. 

Dabei griffen bisher alle Zahnräder ineinander. Roy Hibbert fungierte selbstverständlich als bester Rim-Protecter der Liga – dies belegen auch die Zahlen: 3.8 Würfe schickte er pro Spiel in die entgegengesetzte Richtung, außerdem verwandelten seine Gegner nur mickrige 36% am Korb. Neben den restlichen guten Verteidigern agierten besonders Paul George und George Hill stark in der Defensive. George hielt seine Gegner bei 33% außerhalb der Restricted Area und klaute zudem 2.1 mal pro Spiel den Ball. Hill's Defensive hingegen mag nicht so offensichtlich erscheinen, aber John Wall, Kyrie Irving, Mike Conley und Derrick Rose durften allesamt schon einen Ausflug ins Land der Ineffektivität machen.

Auf der anderen Seite des Courts lief es größtenteils wie noch im vergangenen Mai. Allerdings mit dem Unterschied, dass George häufiger das Pick & Roll läuft und Midrange-Isolationen sucht – und auch verwandelt. Außerdem hat Luis Scola mitsamt seiner konstanten Offensive bisher sehr geholfen, bedenkt man doch, wie unglaublich wenig diese Bank scoren würde, fielen Scolas Punkte weg. Zwar war das Spacing und das Ballmovement sowohl quantitativ als auch qualitativ besser als im letzten Jahr, jedoch war die Pacers-Offense auch im November noch keine super-effektive, gut geölte Maschine.

Letzteres war bisher aber kein Problem, denn die Devise lautete ohnehin 'Grind it Out.' Den Gegner kontinuierlich zu schlechten Würfen zwingen, ihm dank der Verteidigung so viel Energie rauben, dass am Ende die Puste und vielleicht auch etwas die Lust vergeht. Denn früher oder später passierte es: Irgendein Pacer fing Feuer und ließ das Scoreboard explodieren. Meistens übernahm Paul George diesen Part, der die NBA immer noch mit den meisten Punkten nach der Pause anführt (14.8 PPG). Aber auch andere sorgten für den entscheidenden Scoring-Punch: Mal war es Stephenson, der drei bis vier schnelle Körbe erzielte, dann war es wiederum Hill, der in Windeseile Dreier versenkte und den „Attacke-Modus“ aktivierte. Und manchmal ist es eben ein C.J. Watson, der fünf Dreier in Folge einschenkt.

Wie man es wendet und dreht, irgendjemand hat bisher fast immer (minus L in Chicago) für den Closing-Scoring-Punch gesorgt. Dass es sich dabei potenziell um sieben verschiedene Spieler handeln kann, machte es dem Gegner nicht unbedingt einfacher, diese Pacers in der zweiten Hälfte zu verteidigen.

Überraschung des Monats

12.9 Punkte, 6.6 Rebounds und 5.2 Assists pro Spiel. Zu wem diese Statline gehört? Richtig – Lance Stephenson. Der aufgedrehte Guard erlebt in seinem vierten Jahr einen erneuten Durchbruch. Er macht genau da weiter, wo er letzte Saison aufgehört hat. Im vergangen Monat war er der mit Abstand beste Rebounder unter den Guards und holte mal eben so zwei von drei überhaupt möglichen Rebounds (per PlayerTracking). Auch seine Drives sind noch einmal deutlich besser und vor allem effektiver geworden. Egal ob zwei oder drei Gegenspieler – Lance findet eine Lücke. Doch dies ist alles bekannt – warum überraschte uns Lance also? 

Dies hat zwei Gründe: Zum einen, weil Lance im November doppelt so viele Assists verteilte wie noch ein Jahr zuvor. Es ist aber vor allem die Art und Weise, wie er dies tut. Mal abgesehen von den verrückten Pässen, die  - Highlight-Videos sei dank - mittlerweile jedem bekannt sein sollten, zeigt er eine erstaunliche Entwicklung in seiner Übersicht. Aus seinen kräftigen Drives findet er nun eben auch seine Mitspieler per Kickout-Pass. Insbesondere die Stephenson/Scola – Connection hat sich zu einer effektiven Waffe entwickelt. Doch damit nicht genug: Zu allem Übel für die Gegner hat sich Lance in der Offseason auch noch einen Dreier-Wurf angeeignet. Zwar hadert dieser im Moment, doch über den Monat gesehen verwandelte Lance eben 43.5% seiner Catch-and-Shoot Dreier (per PlayerTracking).

Natürlich überdreht er noch hin und wieder und auch in der Defense wirkt er manchmal schläfrig, doch nach einem starken Monat kann man sehen, dass aus dem hyperaktiven „zwischen Himmel und Hölle“ Stephenson eine rollende Triple-Double-Maschine geworden ist. Zugegeben: Hyperaktiv ist er immer noch.

Enttäuschung des Monats

Es ist natürlich immer etwas unfair auf Verletzten herum zu hacken. Dennoch: In Indianapolis hatte man sich zu Beginn der Saison mehr von Danny Granger erhofft als seine wiederholten Verletzungen, die er einfach nicht los wird. Die rosarote Enthusiasmus-Brille weicht langsam aber sicher der blanken Realität. Angefangen hat alles mit einer Wadenzerrung in der Preseason. Damals hieß es, er würde zwei Wochen ausfallen. Mittlerweile sind fünf Wochen vergangen und entgegen der Meinung vieler Gerüchte steht Granger eben nicht kurz vor der Rückkehr. Wenn er sich von einer vermeintlich harmlosen Wadenzerrung schon nicht anständig erholen kann (zurzeit beschränkt sich sein Training auf Wurf-Drills), stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch einmal etwas von ihm erwarten kann. Sicherlich wäre es eine schöne Feel-Good-Story, wenn Danny zum Abschluss seiner Karriere in Indiana (und das ist sicher) noch einmal mit seiner Franchise in die Playoffs-Schlachten ziehen darf. Im besten Fall kommt Danny im Januar oder später gesund zurück und ist für die Playoffs bereit. 
Doch die Skepsis wird mit jedem Tag größer. So hat man sich Danny's Rückkehr jedenfalls nicht vorgestellt.

Die Bench-Unit als Baustelle 

Die Bank sollte durch die Offseason-Verpflichtungen zu einer der besseren der Liga gehören. Doch davon war im November nur stellenweise etwas zu sehen. Zwar agierte die 2nd-Unit defensiv sehr solide (DefRtg: 90.6), jedoch muss man bedenken, dass stets 1-2 Starter zusammen mit den Reservisten auf dem Platz standen. Offensiv sah das ganze noch bescheidener aus: Nur 24.3 Punkte pro Spiel lieferte die Bank. Dass überhaupt Punkte entstanden, lag zum großen Teil an Lance Stephenson, der regelmäßig früher ausgewechselt wurde, um später als Ballhandler und go to guy der Bench-Unit zu agieren. Ohne ihn täte sich die Bank verdammt schwer, auch nur irgendeinen Ball in den Korb zu befördern.

So kam es regelmäßig dazu, dass die Bank im 2. Viertel Vorsprünge verloren hat. Doch überraschenderweise geschah dies im 4.Viertel fast nie. Dort baute die Bank die Führung meist sogar noch aus. Fakt ist auf jeden Fall, dass die Bankspieler alle ihre Rollen gut ausfüllten: Ian Mahinmi gab meist einen sehr soliden Hibbert-Ersatz ab, Scola sorgte für Punkte aus dem P&R oder Low-Post und Watson war als Spielmacher zumindest relativ fehlerfrei.



Doch war die Bank der Pacers immer noch keine Waffe, vor der sich der Gegner fürchten müsste. Bisher war die Bench-Unit vielmehr eine kleine Verschnaufpause für die Gegner. Abhilfe könnte natürlich ein gesunder Granger schaffen, der der Bank das nötige Volume-Scoring bringt und den gegnerischen Coach dazu zwingt, seine besten Verteidiger auf dem Platz zu lassen. Doch auch Chris Copeland kann diese Rolle ausfüllen, sollte er wieder zu seinem guten Touch finden. Ebenso Orlando Johnson, der zwischenzeitlich sehr gute Ansätze zeigte.

Insgesamt überwog dann doch der Eindruck eines „Sich über die Zeit Rettens“. Noch ging es stets gut aus, doch wenn die Starter mal einen schlechten Tag erwischen, gibt es de facto niemanden, der das Spiel nach Hause schaukeln kann. Wollen die Pacers im Mai nicht wieder die gleichen Probleme wie letztes Jahr erfahren, muss die Bank gefährlicher werden.

Was sonst noch aufgefallen ist:

Plus
- Turnover bereiten immer noch Bauchschmerzen. Außerdem stagniert die Offense mangels Motion häufig, jedoch wird das generelle Ballmovement immer besser. Insbesondere das Inside-Out-Game nach Double-Teams und Help-Defense im Post generiert viele offene Würfe
- Missmatches werden konsequent ausgenutzt – und zwar auf allen Positionen. Nicht selten sieht man George Hill im Post gegen deutlich kleinere Guards. Es ist aber vor allem David West, der jegliche Missmatches aussaugt, die ihm auf den Court gestellt werden.
- Zwar ist er gegen Drives aus dem Elbow machtlos, jedoch verteidigt Scola im Post bisher viel besser als erwartet: enge Positionierung, wenig Fouls und Hände im Gesicht. Die Defensiv-Mentalität der Pacers hat auch auf den Argentinier abgefärbt
- Scola bringt eine Menge Energie mit ins Spiel. So agiert er defensiv – vor allem im P&R – stets agressiv und forciert Fehler. Außerdem ist er nicht selten der zweite Pacer, wenn es darum geht, im Fastbreak nach vorne zu laufen
- Watson macht einen guten Job als Backup-Spielmacher: Umsichtiges Dribbling, gute Penetration und immer wieder das Auge für den freien Mitspieler

Minus
- Hibbert wirkt offensiv gegen kräftige Center limitiert. Er hat Probleme damit, in eine gute Position zu kommen. Ein paar Finish-Moves mehr und eine bessere Fußarbeit könnten Abhilfe schaffen
- Zuletzt gab es deutliche Probleme am eigenen Brett. Wegen inkonsequenten Ausboxens und Mangels Einsatzes kommen die Gegner immer wieder zu zweiten und dritten Chancen.
- Orlando Johnson, Solomon Hill oder Chris Copeland – keiner von ihnen konnte so richtig als Backup-Wing überzeugen. Hill mangelt es an Treffsicherheit, Copeland und Johnson hingegen wirken in der Defensive oftmals überfordert. Eine endgültige Muster-Lösung ist also noch nicht gefunden.

Watchlist

Zu beobachten gilt zunächst die Genesung von Granger. Es ist gut möglich, dass er in den nächsten Wochen endlich wieder auf dem Court steht. Wie Frank Vogel ihn in die Rotation integrieren möchte, ist noch nicht ganz klar, jedoch werden Johnson und Hill dann wohl keine Minuten mehr sehen. Für sie gilt es also, sich in den nächsten Wochen noch einmal abschließend für einen festen Rotations-Platz zu bewerben.


Interessant bleibt auch die Frage, ob George sein gutes Shooting aufrecht erhalten kann. Im Moment trifft er aus der Mitteldistanz noch ziemlich sicher – selbst schwierige Würfe fallen regelmäßig. Doch ist die Effizienz von Midrange-Jumpern allseits bekannt. Es werden also auf lange Sicht wohl entweder die Punktausbeute (da weniger schlechte Looks genommen) oder die Wurfquote sinken. Vielleicht stellt uns George aber auch eine dritte Alternative vor.

Vogel ist quasi in Zugzwang was die Rotation angeht: Scola spielt so gut, dass er  durchaus noch mehr Minuten sehen könnte. Allerdings ist Scola defensiv ein Risiko und kann z.B. nicht mit Copeland kombiniert werden. Daher werden wir im Dezember wohl häufiger David West und Luis Scola zusammen auf dem Feld sehen, sodass Scola nicht nur mit Hibbert oder Mahinmi zusammenspielen muss. Denn eins ist klar: Scola war bisher einer der effektivsten Pacers.

Upcoming

Nach dem nun doch etwas einfacheren November wartet auf die Pacers ein brutaler Dezember-Spielplan, der sie endlich vor eine wahre Probe stellt und zeigen wird, wie gut dieses Team wirklich ist. Los geht es mit einem heftigem Westcoast-Road-Trip, in dem Back-to-Backs mit den Clippers/Blazers und den Spurs/Thunder warten - dazwischen liegt noch ein Spiel im Mormonen-Staat bei den Utah Jazz, bei denen die Pacers schon sehr lange nicht gewinnen konnten. Als wäre das nicht genug, findet zwei Tage später das erste Rematch mit Meister Miami statt – und das zuhause im Bankers Life Fieldhouse; gut eine Woche später dann das zweite Match in Miami. Ansonsten wartet noch ein Match gegen die Rockets und zwei Begegnungen mit den Nets. Einziger Lichtblick ist wohl die 5-Tages-Pause um die Feiertage herum – eine wohl herzlichst empfangene Pause für die Familie.

Dass im nächsten Monat wohl mehr als nur ein Spiel verloren wird, liegt klar auf der Hand. Es wird auf jeden Fall spannend zu sehen, ob Indiana auch gegen die Top-Teams aus dem Westen seine defensive Schiene fahren kann und sich ein paar Spiele „on the road“ schnappt. Gelangt man mit positiver Bilanz aus dem harten Road-Trip und nimmt Miami ein Spiel ab, ist der Contender-Status wohl bestätigt und die Position im Osten mehr als gerechtfertigt.