08 Dezember 2013

Anno Haak | 8. Dezember, 2013    @kemperboyd





Wie soll ein Lakers-Fan heutzutage wirklich Freude entwickeln? Der eigene Kader ist höchstens Durchschnitt, Kobe kehrt von einer potentiell verheerenden Verletzung zurück, und die Meisterschaft ist in weitere Ferne gerückt als das schicksalhafte Stern-Veto vor genau zwei Jahren. Vielleicht, indem er dem „Früher war alles besser“-Gefühl nachgibt. Youtube angeschmissen, „Showtime“ ins Fenster eingegeben. Irgendwo zwischen einem Behind the Back von Magic und einem Sky-Hook von Kareem nickt der Fan kurz weg. Im Traumland macht er eine Zeitreise. Eine Zeitreise in den Dezember 2011, in den Mai 2012 und in den Sommer 2013. Es war einmal im Lalaland…

Nemesis in türkis?
NBA Western Conference Finals 2013. Spiel 7. Chesapeake Energy Arena, Oklahoma City ist das Zentrum der Basketballwelt. Thunder. Lakers. 91:89. 7,6 Sekunden auf der Uhr. Auszeit Lakers. „Beat LA! Beat LA!“ 18.203 Kehlen am Anschlag. Phil Jackson hat die schmerzende Totalendoprothese aus dem Sitz gewuchtet. Er brüllt gegen die Masse an. „More than enough time, guys.“ Eingeschüchtert vom Lärm auf den Rängen hinter ihm, zugleich gelangweilt von der Szenerie vor ihm, steht am Ende der Bank Devin Ebanks. Unter dem lilafarbenen Trainingsanzug sieht man sein Trikot nicht. Auf dem Trikot eine golden gerahmte weiße Nummer. Die 66. Seit den Tagen an der West Virginia University hatte der Foward die 3 getragen. Zu Saisonbeginn 2011 musste er sie wechseln. Die gewünschte 33 ist retired für den Mann, der als Lew Alcindor geboren wurde, Kareem. Zwei mal drei ist 6. Doch die gehört Josh McRoberts. 33 mal zwei ist 66. Alles über 50 braucht eine Genehmigung der NBA. Doch David Stern ist ja immer gnädig mit der Vorzeige-Franchise vom Pazifik. Quod esset demonstrandum.

Ebanks‘ Zahlensalat ist ein Kollateralschaden des Trades, der die Welt schockte, den die NBA genehmigte. Jetzt sucht Phil Jackson, während er ohne hinzusehen irgendein Dreieck auf das Flipchart malt, Augenkontakt mit dem Mann, auf dessen Trikot die „Drei“ leuchtet. Sein Trainingsanzug ist weit weg. Es ist Christopher Emanuel Paul. Die Taktik-Stunde ist beendet. Die Sirene geht. Nur Joey Tempest kann die Thunder-Fangemeinde noch überdröhnen. „It’s the final countdoooown!“ Jackson nimmt seinen Point Guard in den einen, Kobe Bryant in den anderen Arm. Chris Paul spielt um seine Legacy. Jackson weiß das. „Focus. Do what you do best. Just have fun.“

Twelveeight
Es ist die Ruhe von elf Meisterschaften. Die Zen-Magie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diese 7,6 Sekunden entscheiden über die Zukunft der ruhmreichsten Franchise der NBA. Fernseh-Experte Shaquille O’Neal sitzt auf dem Medien-Plateau in Oklahoma City. Der Erbauer der Jahrtausendwende-Dynastie thront wie das Orakel von Delphi über den Dingen.

„Get a ring first!“, hatte der Koloss dem Hype entgegnet. Dem Hype vom 8. Dezember 2011. Wie immer hatte Woj es zuerst getweetet. Unspektakulär wie eine Boris-Becker-Schlammschlacht. „The LA Lakers acquire Chris Paul from the Hornets in a three-team-deal for Pau Gasol, sources tell Y!Sports“. Die Quellen hatten recht. Der beste Point Guard der Liga wechselt zum Champion von 2010. Die Hornets bekommen Lamar Odom, Kevin Martin, Luis Scola, Goran Dragic und den Knicks-Firstround-Pick 2012, der im Rockets-Tresor liegt. Houston bekommt Pau Gasol und hat endlich wieder einen Star. Nur in der NBA-Zentrale kann der Deal noch verhindert werden. Die Hornets stehen unter Zwangskuratel. Aber soll man die Chance vergeben, im größten Markt der Liga ein Monster aufzubauen, das es mit den Heat aufnehmen kann? Das den Lockout vergessen lässt? Bei der Aussicht auf die Finals 2012 zwischen LeBron, D-Wade und Chris Bosh hier, Kobe, CP3 und Bynum dort kriegt David Stern feuchte Augen. Formsache. Approved.

Paul und die Black Mamba im Backcourt. Nicht am All Star Weekend. Jede zweite Nacht. Der Champion aus der Football-Hauptstadt in Texas hatte sich selbst demontiert. Die Spurs? Zu alt. Thunder? Drei Jahre mindestens bis zum Contender-Status. Im Westen nur Opfer. Die Messlatte waren die Heat. Niemand sonst. Chris Paul und Kobe Bryant bildeten das zweiköpfige Monster an der Spitze der nächsten Dynastie. Daran bestand kein Zweifel im Dezember 2011. Doch die Realität hält der Phantasie wieder einmal nicht stand. Im Mai 2012 scheint die Dynastie unterzugehen, bevor sie angefangen hat. Kevin Durant und Co zeigen den alternden (Kobe) bzw. nervösen (Paul) Magic-Erben, wo der Barthel den Most holt. Durant dreht Kreisel um the Man formerly known as Ron Artest. Westbrook scheint einfach durch Paul hindurchzupenetrieren. Und Kobe kann den X-Factor Harden nicht vor sich halten. Die Thunder ziehen mit 4:1 gegen die Lakers in die Finals ein und gegen die Heat den Kürzeren.

Das Imperium schlägt zurück
Der Sommer 2012 droht die Lakers zu zerreißen. Chris Paul wird in einem Jahr Free Agent. Early extension? Thanks, but no thanks. Kobe Bryant mosert. Wo ist die Perspektive? Mit diesem Team ist nichts zu holen. Chris Paul weiß, wie man spielt. Aber weiß er, wie man gewinnt? Der verletzungsanfällige Bynum ist selbst als dritte Option zu unzuverlässig. Und wer, wer um Himmels Willen soll eine halbwegs ernstzunehmende Bedrohung von Downtown geben? Schaut nach Miami. Die machen es richtig. Das ist die Benchmark. Mitch Kupchak hat verstanden. Er zieht den letzten Trumpf.

Das Wort hat Adrian Wojnarowski: „The Lakers aquire Dwight Howard in a four way deal, sources…”. Bang! Die Liga fällt von einer Ohnmacht in die nächste. Jetzt wird klar, warum sich Cuban und all die anderen Owner so gegen den Paul-Trade gewehrt hatten. Die Gerüchte um Paul, Howard und die Lakers gab es lange. Aber allen war klar: um einen der beiden zu kriegen, müssen Gasol und Bynum im Paket verschifft werden. Oder auch nicht. Jetzt ist es zu spät. Die Magic sind nicht in Händen der NBA. Es gibt kein Mitspracherecht der Liga. Der Hydra Los Angeles ist der nächste Kopf gewachsen. Mark Cuban bloggt 5.198 Wörter. Über die Lakers.



The Greatest Show on Earth
Fehlt nur noch ein Schütze, der die Penetrationen von Paul nutzt und das Doppeln gegen Howard bestraft. Kobe Bryant hat noch die Nummer von Ray Allen in seinem Kurzwahlspeicher. Er simst: „Chillin’ in Dusseldorf. I’m a pain in the ass, too, but I got fo' mo' rings on me than Rondo!” Allen zögert. LeBron hatte schon ein Bild von Jesus im Heat-Trikot gezwitschert. Das Geld spricht für Miami. Aber es sind die Lakers. Ein paar Meilen vom eigenen Geburtsort entfernt. Wie viele Autos kann man gleichzeitig fahren?

Einen Minimumvertrag später gehört die Larry O’Brien-Trophy praktisch den Lakers. Las Vegas setzt die Over-Under-Rate auf 72½. Kevin Garnetts Twitter-Account wird wegen exzessiver Flucherei gesperrt. Magic Johnson grinst wie der Joker. Michael Jordan sagt, er wette, dass er die Diva-Truppe im One on Five besiegen würde. 400 akkreditierte Journalisten fragen am Media Day nur, wie hoch man die Heat in den Finals 2013 schlagen wird und ob 80 Siege möglich sind.

Don’t believe the hype! Howard ist bandscheibengeschädigt und verpasst das training camp. Ray Allen ist unzufrieden. Beantown Big Three war gestern. Jetzt soll er die Brotkrumen aufsammeln, die Kobe Bryant vom Tisch fallen lässt. Und dann ist da der Trainer: Mike Brown, der mit dem riesigen Waffenarsenal nichts anzufangen weiß. Als hätte man einem Fahranfänger einen Ferrari hingestellt. Die Pre-Season wird ein Desaster. 1 und 5. LBJ tweetet „#not80not70not60“. Mike Brown wird gefeuert. Kevin Garnett grinst wie der Joker. MJ zieht seine Wette zurück. „I found compassion in me“, lässt er zur Begründung wissen.

Bei der Suche nach Browns Nachfolger wird Jeanie Buss im eigenen Haushalt fündig und setzt sich gegen ihren missratenen Bruder durch. Der Heiland mit dem graumelierten Bart erscheint. Phil Jackson ist da. Jetzt sitzt der fünfte Reiter der NBA-Apokalypse auf dem Pferd. Bis April 2013 verlieren die Lakers noch 15 von 76 Partien. In der ersten Runde geht es gegen die siebtplatzierten Clippers. Chris Paul beweist, wie belastbar Eric Gordons Knöchel wirklich sind. Kobe spielt 22,7 Minuten im Schnitt. Average-gap 21,4. Sweeeeep. Skip Bayless fabuliert, er hätte sich als Clippers-GM 2011 um Paul bemüht.

In der zweiten Runde warten die Spurs. Der Postseason-Zombie nimmt einen letzten Anlauf. Was mal ein Duell auf Augenhöhe war, wird eine Hinrichtung. Im vierten Spiel nutzt Kobe Bryant einen Block von Howard und zieht zum Korb. Der MIP 2013 Kawhi Leonard kommt zu Hilfe und wird posterisiert. Von wegen Generationswechsel. Die Sporen kriegen den Besen.

Zurück auf Anfang…
…in den Mai 2013. In der Hölle von Oklahoma City läuft vor Chris Pauls Augen ein Film von all dem ab. Jetzt, wo auch der zweite Versuch zu scheitern droht. Er und Kobe gucken in einen Abgrund. Jetzt wird jedem klar, wie riskant die gefeierten Trades für Paul und Howard waren. Beide werden im Sommer Free Agents. Kobes Vertrag wird 2014 auslaufen. Die Mannschaft könnte auseinanderfallen. 7,6 Sekunden bis zur Rückkehr in die Sterblichkeit.

Denn als alle von 16 und 0 zu reden begonnen hatten, kippten wieder die Thunder Wasser in den lila-goldenen Wein. Angeführt von einem, der eigentlich schon weg war. Sam Presti hatte 2012 so lange mit einem Maximalkontrakt-Angebot zugewartet, dass James Harden wegwollte. Doch die einzige interessierte Franchise, die Houston Rockets, hatte in dem vom Gasol-Trade ausgeräuberten Roster keinen Gegenwert gefunden, der den Thunder einen Deal hätte schmackhaft machen können. Darryl Morey ist nur ein Draft-Pick-Sammler.

Also sprach Clay Bennett, der die Luxussteuer scheut wie Clay Bennett das Weihwasser, ein Machtwort. Harden blieb nolens volens. Immerhin lockte 2013 der Zahltag der Restricted Free Agency. In Vorfreude auf 80 Millionen Dollar und besessen davon, die Scharte der Finals 2012 auszuwetzen, hatte "The Beard" in sechs Spielen 28/7/6 und 2,1 Steals aufgelegt. Nur er hatte die Thunder in der Serie gehalten. Nur er hatte ihnen über den schwächelnden Kevin Durant hinweggeholfen. Skip Bayless fabuliert, die Lakers hätten sich in 2012 um Harden bemühen müssen. Dass die Lakers den letzten Stich hatten, konnte aber auch der Bart nicht verhindern.

Also dann: ein Königreich für einen Dreier. Ein Angriff zwischen Immortality und totalem Desaster. Werden die Thunder für Bryantaul, was die Pistons für MJ nur zu werden drohten? Eine Nemesis in türkis? Chris Paul geht auf seinen Spot. Hinter ihm Kobe Bryant. Neben ihm Ray Allen. Lippenleser wollen „I’ll be ready“ erkannt haben. Steve Kerr hyperventiliert. „D-Fense! D-Fense!“ schallt es in 116 Dezibel den Lakers entgegen. Kevin Garnett betet in seiner Sommerresidenz in LA vor dem Fernseher: „One more stop!“ Dwight Howard hat die Trainingsjacke angezogen. Was heißt schon „No rebounds, No rings?“ bei Freiwurfquoten im Fehlertoleranzbereich? Der Pfiff des Schiedsrichters geht unter.

„D-Fense! D-Fense!“ Metta World Whatever mit dem Spalding. KD macht den Hampelmann. Die Arme scheinen unendlich lang. Jordan Hill hatte im Sommer 2012 auf viel Geld verzichtet. Für diese Chance. Für diesen Moment. Er stellt den Block für Paul. Westbrook schält sich herum. Einwurf. Spalding bei Paul. Crossover Nummer eins. 6,9 Sekunden. Crossover Nummer zwei. 6,2 Sekunden. RW0s Hand im Gesicht. Kobe nutzt Hills zweiten Block. Ball zu Nummer 24. Bryant gegen Durant. Das Neue überwindet das Alte. Oder nicht? Kurzer Pumpfake. 5,1 Sekunden. Dank geschonter Achillessehne ein erster Schritt wie der eines Achtzehnjährigen. Zwei Dribblings später ist die Mamba am rechten Zonenrand. Durant hauteng dran. 3,1 Sekunden. Jeder meint zu wissen, was jetzt kommt. Der Zwilling von „The last shot“. Dann Overtime.

Aber nicht mit Harden. Nummer 13 stürzt aus der Ecke zur Hilfe. Hände in Kobes Gesicht. 1,8 Sekunden. Bryant nimmt den Ball auf. Er sieht nur Arme und Thunder-Trikots. Und im Augenwinkel den Mann, den sie in Boston Judas nennen. Ball ins Eck. Der Pass seines Lebens. Allen steigt hinter der Dreierlinie hoch. Ein Bild von einem Wurf. Ball in der Luft. 18.203 Kehlen vor dem Erstickungstod. Die Uhr springt auf 0,00. Das Backboard leuchtet rot. Nichts. Als. Netz. 92:91. 4:3. Zahlen, die Felsbrocken von Chris Pauls Herzen fallen lassen.

Phil Jackson flüchtet vor der Jubeltraube. Das würde sein Rücken nicht mitmachen. Irgendwo aus dem Gewühl ragen sechs Finger von Kobe heraus. Chris Paul grinst wie der Joker. In den Finals werden die Heat 4:2 abgemeiert. Lakers-Banner Nummer 17 unter Dach und Fach. Kevin Garnett weiß nicht, ob er lachen oder weinen soll. Michael Jordan sagt: „Still, six of six is better than six of eight!“


Aftermath
Im Sommer 2013 ist dann natürlich alles gut. Paul und Howard verlängern für fünf Jahre. Die Familienkasse der Buss‘ dünnt aus. Harmonie in Hegemonie. Bennett lernt die Luxussteuer lieben und bindet Harden bis 2018. Die Rockets überlegen, wie sie diesen alternden Spanier wieder loswerden, auf dessen Lohnzettel 20 Millionen Dollar pro Jahr bis 2014 stehen. Die Hornets, die mittlerweile Pelicans heißen, spielen mit Tyler Zeller neben Anthony Davis die Twin Towers nach. Sie hatten über Royce White mit dem aus Houston ertradeten sechzehnten Pick nachgedacht, sich dann aber für den Center entschieden. Dirk Nowitzki kennt Neu-Pelikan Lamar Odom nur vom Hörensagen…

Der Lakers-Fan erwacht. Auf Youtube gemahnen verwackelte NBC-Bilder an Showtime. Verdammt sei der 8.12.2011, denkt er. Der Tag, an dem David Stern Mr.  No wurde und das Schicksal sich gegen die Lakers wandte. Chris Paul führt heute die Clippers an. Gecoacht von Doc Rivers. Das Lakers-Roster dagegen enthält Namen wie Steve Blake, Nick Young, Chris Kaman oder Wesley Johnson. Mike D’Antoni coacht. Phil Jackson meditiert in Montana. Vorfreude? Vielleicht nächstes Jahr…