09 Dezember 2013

Clemens Boisseree | 10. Dezember, 2013    @bvboisseree






Der eine Schwererziehbare, mit der Neigung für möglichst schwierige Würfe und überflüssige Ballverluste, war kaum aus dem Haus, da stand sein Nachfolger schon in der Tür: Ballverliebt. Wurfverliebt. No-Defense. Drei Eigenschaften, die jeder Basketball-Fan wohl automatisch mit Monta Ellis assoziiert. 

Kein Wunder also, dass sie in Dallas keine Purzelbäume vor Freude schlugen, als Marc Cuban im Sommer ausgerechnet diesen Ellis für acht Millionen Dollar Jahresgehalt und als zweite Scoring-Option hinter Nowitzki holte. Die Meinungen gingen auseinander: der wurfgeile Egomane hier, der spielmachende Guard-Allrounder da – wohl jedes Magazin, das sich mit den Mavs beschäftigt, führte diese Pro & Contra-Debatte. Wenige Monate und knapp 20 Spiele im Mavs-Outfit später sind die Mayo-Vergleiche seltener und die Kritiker leiser geworden. Doch es gilt aufmerksam zu bleiben, noch ist Monta Ellis ein Pubertierender in der Spätphase.

In Milwaukee ließen sie Ellis vergangene Saison gewähren, wie Eltern, die ihren Jungen nicht mehr im Griff haben. Der Guard hätten den Videowürfel vom Hallendach schießen können und im nächsten Angriff wäre er wieder an den Ball und zum Abschluss gekommen. 30 Mal nahm Ellis 2012/2013 mindestens 20 Würfe. Coach Carlisle ist da anders, wie der strenge Vater kontrolliert er Ellis’ Verhalten auf dem Feld. Mehr als 19 Würfe durfte der 28-Jährige für die Mavs bislang nur ein einziges Mal nehmen. Stattdessen lernt der Guard endlich Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen und sein eigenes Ego dem Teamerfolg unterzuordnen.  

Beispiel? Ende November fallen für Ellis im Duell mit Golden State nur zwei seiner 16 Versuche, doch statt weiter Abschluss für Abschluss zu erzwingen, stellt der Guard sein Spiel um und lieferte am Ende zehn Vorlagen. Coach Carlisle lobt anschließend: „Er hat das ganze Spiel über nicht seinen Wurf gefunden, das hat ihn aber weder defensiv noch in der Spielorganisation beeinflusst.“ Ähnlich läuft es Anfang Dezember gegen New Orleans, als Ellis gerade mal 13 Würfe nimmt (5-13 FG), mit zehn Vorlagen, sechs Rebounds und drei Steals dennoch bester Mann auf dem Feld ist. Beide Partien gewinnen die Mavericks. 

Diese Entwicklung im Spiel, die sich am stärksten an der verbesserten Wurfauswahl zeigen, kommt gut an: die NBA nominierte Ellis im Westen für den Spieler des Monats November, die Leser auf ESPN.com kürten ihn in einer Umfrage mit 62 Prozent der Stimmen zum bisherigen MVP der Mavs-Saison. 

Natürlich hat Ellis längst keine vollständige Metamorphose zum sicheren Ballbringer und Spielorganisator abgeschlossen. Noch immer nimmt Ellis gerne den eigenen Wurf, 16,4 Abschlüsse pro Partie bedeuten auch 2013/2014 wieder einen Platz in der Statistik-Spitze, doch nie traf Ellis diese Würfe effektiver (56,3% TS). Die Zahl seiner Dreierversuche hat er im Gegensatz zum Vorjahr fast halbiert, dafür stieg die Quote vom Perimeter auf ein neues persönliches Rekordniveau.

Der Guard hat im Alter von 28 Jahren endlich verstanden, dass es nicht immer 30 Punkte von ihm braucht, damit sein Team gewinnt, sondern eher die richtigen und wichtigen Würfe. Endlich nutzt Ellis seine Schnelligkeit aus, um konsequent in die Zone zu ziehen und dort wesentlich hochprozentiger abzuschließen, als er es aus der Distanz je tun wird. Fast jeder zweite seiner Abschlüsse erfolgt unmittelbar am Ring, wo er in 49% der Fälle erfolgreich ist und zu den produktivsten Spielern der Liga zählt. Der stetige Drive zum Ring hat außerdem zum Vorteil, das Ellis so häufig wie nie zuvor in seiner Karriere an die Freiwurf-Linie darf (6,3 Versuche pro Spiel, 84,4% Trefferquote).

Mit dieser Symbiose aus cleverem Abschlussverhalten und dem offenen Auge für den Mitspieler beeinflusst Ellis das Spiel der Mavericks bislang, wie vor der Saison von der Pro-Seite erhofft. Doch Luft nach oben ist noch massig. Defensiv wird der 1,91 Meter-Mann wohl schon alleine wegen seines Größen-Nachteiles auf Shooting Guard niemals zur Waffe werden, aber ein Defensiv-Rating von 106 ist selbst für ihn kaum akzeptabel. Somit ist es nicht verwunderlich, dass kein Mavs-Duo mehr gemeinsame Spielzeit bekommt, als Leichtgewicht Ellis neben Defensiv-Experte Shawn Marion. 

Auch am anderen Ende des Feldes hat Ellis nicht behobene Schwachstellen. Neben der bereits erwähnten Dreierschwäche muss hier vor allem sein Ballhandling genannt werden. Immer wieder rennt er im Ballbesitz wie ein junger Wilder Richtung Korb – und verliert dabei die Kontrolle über die Gummiblase. Gleiches gilt für sein Passverhalten, das gerne durch riskante Pässe – böswillig könnte man auch „dumme Pässe“ sagen – auffällt. Als Resultat stehen für den Combo-Guard bislang 3,6 Ballverluste pro Partie und eine Turnover-Ratio von 12,6 – wenig ruhmreiche Spitzenwerte in Ellis’ Karriere.


Trotz dieser Makel dürften sie in Dallas mit dem ersten Saisonviertel der Nummer elf mehr als zufrieden sein. Anders als sein Vorgänger O.J. Mayo (s. Tabelle) entwickelt sich das neue Problemkind stetig in die richtige Richtung und bietet den Mavericks damit nicht nur die dringend benötigte sichere zweite Scoring-Power, sondern auch neue Möglichkeiten in der Crunch-Time. Konnte sich der Gegner bislang sicher sein, dass Coach Carlisle den entscheidenden Wurf an Dirk Nowitzki gibt, so besteht 2013/2014 bei den Mavs immer eine zweite, gute Option. Fragt zum Beispiel mal in Portland nach.

Monta Ellis scheint als Basketballer in Dallas tatsächlich gewachsen zu sein. Kann er diese Leistungen konservieren, darf man bei den Mavericks im Frühjahr vielleicht sogar Playoff-Rückkehr feiern – und dem dann 29-Jährigen nach elf Jahren in der Liga endlich sein Basketball-Abitur verleihen.