04 Dezember 2013

Niklas Dahl | 4. Dezember, 2013    @hoopcadabra






„Bloß nicht überreagieren“. Kaum eine Devise wird unter Blazers-Fans momentan öfter ausgetauscht als die Ermahnung, Ruhe zu bewahren. Versuchen, das Gegenwärtige in den richtigen Kontext zu bringen. Zu frisch ist sie noch, die Erinnerung an den Jänner 2012. Jener Monat, in dem man vom Sonnenthron auf die Westkonkurrenz hinabschaute. Jener Monat, in dem Jamal Crawford den Basketballterminus „Pass“ kannte und Raymond Felton ein klares „Nein“ zur intravenösen Einfuhr von Donut-Teig aussprach. Jener Monat, in dem man die Divisionskonkurrenz aus Oklahoma City deutlich geschlagen hatte und Erinnerungen an die Zeiten mit Brandon Roy, Greg Oden und LaMarcus Aldridge aufleben ließ. Es waren schöne Monate, gerade nach einer Zeit, die überwiegend durch Lockout-Pein gekennzeichnet war. Wie diese eigentlich wunderschön beginnende Geschichte ausging sollte dem Leser bekannt sein: Gerald Wallace wurde (durchaus meisterlich) nach Brooklyn abgeschoben, Crawford und Felton verließen die Blazers am Saisonende nach Los Angeles respektive New York City. Wenig später erreichte Damian Lillard den Nordwesten. Die neue Version der Portland Trail Blazers unter Führung von Neil Olshey ward geboren.

„Bloß nicht überreagieren“. Das fällt beim Blick auf die Bilanz und deren Einordnung in das Bild der Western Conference mitunter durchaus schwer. 15 Siege bei drei Niederlagen stehen auf der Haben-Seite, Westprimus gemeinsam mit den San Antonio Spurs, vor Teams wie den Thunder, den Rockets, den Clippers, den Warriors, den Grizzlies, et al. Eine Konstellation, die es zuletzt im Jahre 1999 gab, damals, als ein Team bestehend aus Rasheed Wallace, Steve Smith, Scottie Pippen, Jermaine O'Neal, Arvydas Sabonis, Detlef Schrempf und Damon Stoudamire bis ins Western Conference Finale vorstoßen konnte und sich dort nach sieben Spielen den Los Angeles Lakers geschlagen geben musste. Ja, Konservatismus fällt in solchen Zeiten schwer und doch soll dies als Versuch dienen, die bisherige Leistung der Portland Trail Blazers einzuordnen, zu bewerten und vorauszuschauen, auf das, was noch kommen mag.

Den ersten Kritikpunkt, den man Portland in diesen Tagen vorhält, ist der vergleichsweise einfache Spielplan, der die Nordwestmannen der USA möglicherweise bevorzugt. Und ja, mit den Pacers und Thunder kommen dieser Tage realere Schwergewichte auf die Blazers zu. Dennoch: Die 15-3 Bilanz nur anhand der Begegnungen festmachen zu wollen, ist nicht nur engstirnig, sondern auch falsch. Dass die Phoenix Suns vom Namen her nicht für die große Herausforderung stehen, ist legitim. Jedoch: Phoenix steht direkt bei der .500-Marke, spielt sowohl defensiv wie offensiv diszipliniert, engagiert und hart. Eine Einstellung, mit der man beispielsweise fast die als Meisterschaftsfavorit deklarierten Thunder aus Oklahoma City schlagen konnte. Drei Spiele, drei Siege da für Portland als gesetzt anzusehen, fällt mir persönlich schwer.

Außerdem: Ein vier Spiele in fünf Tagen umfassender Road-Trip mag für den Durchschnittszuschauer bei Teams wie den Raptors, Nets, Bucks und (mit Abstrichen) Bulls eher einfach erscheinen, ist tatsächlich aber eine der größeren Hürden, die man auf dem Weg in die Playoffs überwinden muss. Zu diesen Punkten gesellen sich ein klarer Sieg über die Spurs, das W gegen Indiana und ein herausragender Comeback-Sieg gegen die Warriors, der erstmalig den diesjährigen Charakter der Mannschaft einem breiten Publikum offenbarte. Dass man gerade im ersten NBA-Monat der prognostizierten Spielplanstärke ohnehin weniger Gewicht zugestehen sollte, als in späteren Monaten, sollte hoffentlich bekannt sein. Schließlich sind schon bessere Teams in den ersten Tagen an schwächeren Teams gescheitert (*Schwenk in Richtung Miami*).

Verlagern wir also den Blickpunkt vom Spielplan ohne echte Aussagekraft auf den Hardwood Court, und konzentrieren uns auf die spielerischen Unterschiede zur Vorsaison. Offensiv regiert bei den Blazers momentan ein von den Spurs inspiriertes Ball-Movement-System, welches stets den besser postierten Spieler sucht. Dazu das Portland’sche Spacing, welches stets mindestens drei valide Optionen von außen, sowie LaMarcus Aldridge aus der Mitteldistanz beinhaltet und wahrscheinlich eines der besten der Liga ist. Resultat sind viele offene Dreipunktewürfe, die gute Schützen wie Damian Lillard, Wesley Matthews, Nicolas Batum, Mo Williams und Dorell Wright zu versenken wissen (Portland liegt derzeit auf Platz 2 bei der Dreipunktequote).

Hier zeigt sich noch einmal, wie gut und wohlüberlegt die Akquisitionen von Williams und Wright im Sommer waren, die perfekt in Stotts‘ Offensive implementiert werden konnten. All diese Punkte resultieren in einer Offensive, die bislang wohl ohne große Übertreibung in den Top-3 der Association angesiedelt werden kann, darf und sollte. Doch dass die Blazers Anno 2013-14 eine gute Offensive stellen würde, war dem geneigten Beobachter schon vor der Saison bewusst. Wichtiger war da die Frage, ob Portland sich defensiv zu einem zumindest mittelmäßigen Team entwickeln könnte. Die Antwort zu diesem Zeitpunkt: Sie können.

Diese Behauptung manifestiert sich vor allem in der neuen Art & Weise, das gegnerische Pick & Roll zu verteidigen. Wurde in der letzten Saison in jener Spielsituationen häufig der gegnerische Ballführer „geblitzt“, also sowohl vom Big Man als auch vom nominell zugeordneten Verteidiger aktiv verteidigt, hat sich das Coaching-Team um Terry Stotts 2013 im Playbook der besten Verteidigungen der NBA -- Pacers, Grizzlies, Bulls -- bedient und wendet nun vorwiegend die ICE-Defense an. Hier bleibt der aushelfende Big Man stets „passiv“ in der Zone und macht den Weg zum Korb zu, zwingt den Ballführer also, einen unattraktiven Wurf aus der Mitteldistanz zu nehmen. Die Ziele: Sowohl gegnerische Dreipunktewürfe, die in der heutigen Zeit zunehmend an Bedeutung gewinnen, als auch einfache Würfe unterm Brett, zu unterbinden. Diese Taktik scheint bisher, auch dank Robin Lopez, aufzugehen, Portlands Gegner nehmen gegenwärtig die wenigsten Würfe von außen (288) bei den geringsten Quoten (33%). Dazu kommen individuelle Verbesserungen von Einzelspielern, vor allem zu beobachten bei Damian Lillard. Die Starting Five wird aller Voraussicht nach nie defensiv unter den Top-5 der Liga landen, aber die ersten Anzeichen stimmen durchaus positiv.

Bei all den positiven Aspekten, bei all den statistischen Parallelen zu 1999-00, hat Portland aber längst noch nicht alle Probleme der Vorsaison beseitigen können. Zwar konnte Olshey mit geringsten Mitteln die Bank der Blazers qualitativ und quantitativ aufpolieren, in mehr Spielanteilen für die Bank äußerte sich das bis jetzt aber noch nicht. Der Anteil der Starting Five an den Gesamtminuten ist auch heuer wieder bei knapp 70%, etwas über dem Schlusswert aus der Vorsaison. Ein deutlich verbessertes Minutenmanagement sucht man noch vergebens. Mit Hinblick auf die wohl entscheidenden Monate Februar, März und April kann ein ausgeruhter Körper die benötigten Siege mehr zur Konkurrenz einbringen. Stotts sollte also zeitnah sein Minutenmanagement überdenken.

Die Tatsache der Überbeanspruchung koaliert im Übrigen mit der zweiten Schwäche der Blazers: Zu oft lässt Portland seine Gegner zurück ins Spiel kommen, zu beobachten unter anderem gegen die Raptors, Knicks oder, aktueller, gegen die Lakers. Portland versäumt es gegenwärtig, Spiele schon im dritten Viertel zu entscheiden, trotz aller Möglichkeit, jenes Ziel zu erreichen - etwas, was erfahrenere Teams wie San Antonio voraus haben. Es bleibt schlussendlich zu hoffen, dass mit der Realisierung der letzteren Problematik auch erstere gelöst werden kann. Zugegeben, ein hehres Ziel. Doch eines, dass für die Zielerfüllung „Playoffs“ unabdingbar ist.

Zusammenfassend: Die Blazers machen Spaß. Die Blazers zeigen sich in einigen Nuancen klar verbessert, verfolgen ein klares Konzept. Noch fehlt mit CJ McCollum sogar ein elementares Puzzlestück der Kaderplanung, der der Offensive zusätzliche Frische und Diversität injizieren kann. Allerdings: Zu vermuten, dass die Blazers konstant bei dieser Schlagfrequenz bleiben können, also 60 Siege oder mehr einsammeln, ist bei all den Verbesserungen ein durchweg utopischer Gedanke.

Playoffs mit diesem Kader und ohne größere Verletzungen dagegen? Durchaus wahrscheinlich. Für mehr braucht es allerdings ein paar individuell bessere Spieler. Nicht umsonst wird schließlich Omer Asik nach Portland diskutiert, der den Blazers vielleicht sogar Heimrecht in den Playoffs bescheren könnte. Aber: jener Trade wird alsbald separat behandelt. Bis dahin bleibt folgendes: Sich an Portlands Leistungen ergötzen, Erwartungen auf ein realistisches Niveau herab senken, und auf dem heimischen Weihnachtsmarkt Glühwein Glühwein und die Blazers Blazers sein lassen.