06 Dezember 2013

Wolfgang Stöckl | 6. Dezember, 2013    @WStckl






Auf der Suche nach dem Saisonziel 
Die Celtics haben soeben den brutalen November mit insgesamt 19 Spielen, 6 Back-to-Backs und unter anderem Gastspielen in Miami, San Antonio, Memphis, Houston und Heimspielen gegen die Blazers, Pacers und wieder die Grizzlies hinter sich gebracht. 

Es reichte immerhin für 7 Siege, so viele hatten ihnen wohl nur wenige Experten zugetraut. Vor allem die Tatsache, dass man in fast jedem Spiel die Chance hatte zu gewinnen, überraschte. Die Mannschaft von Brad Stevens zeigte, dass sie durchaus über einiges an Potential verfügt. Sie überzeugte vor allem durch eine solide Defensivleistung. Probleme gab es hauptsächlich beim Defensivrebound (20.), und die vielen Ballverluste (25.) machten der Mannschaft zu schaffen, was sich aber durch die Abwesenheit von Rajon Rondo erklären lässt. Generell fehlt der Mannschaft eine ordnende Hand im Angriff. Jordan Crawford (13.5 Punkte und 5.3 Assists pro Abend) erledigt den Job des Spielgestalters zwar erstaunlicherweise recht solide, aber Rondo ist als Spielmacher einfach eine andere Liga.

Da Rondo aber schon relativ weit mit seiner Reha ist, dürfte seine Rückkehr nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Damit sollte sich die Mannschaft in der zweiten Saisonhälfte noch einmal verbessern, so dass, keine größeren Trades oder Verletzungen vorausgesetzt, im schwachen Osten sogar die Playoffteilnahme drin sein könnte. Die Frage ist natürlich, ob es für ein Team im Wiederaufbau Sinn macht, den 7. oder 8. Platz zu erreichen und dann von den Heat oder Pacers als Vorspeise in der ersten Runde verputzt zu werden. Wäre es vielleicht nicht besser, die Playoffs zu verpassen und in dem starken Draft auf eine gute Position zu spekulieren?

Pro Tankstop  
Mit einem gezielten Tankstop in dieser Saison könnte es möglich sein, dem ohnehin talentierten Kader noch einen weiteren, zunächst günstigen, aber qualitativ hochwertigen Spieler hinzuzufügen. Die Mannschaft verfügt mit Rondo, Crawford, Avery Bradley, Jeff Green, Jared Sullinger, Kelly Olynyk und Vitor Faverani über mehrere talentierte Spieler, von denen keiner über 27 Jahre alt ist. Bisher ist zwar außer Rondo kein Star dabei, aber Sullinger legt zum Beispiel schon jetzt 20 Punkte und 10 Rebounds per36min auf und könnte eines Tages vielleicht sogar All-Star werden. Die Mannschaft hat bisher gezeigt, dass sie in der Liga kein Fallobst ist und vielen Teams Probleme bereiten kann. Anstatt sich via Trade, oder in der nächsten, nicht sehr ertragreichen Free-Agent-Periode durch teure Verpflichtungen den Gehaltsspielraum zu verbauen, könnte man die Mannschaft vor allem durch einen hohen Pick entscheidend verstärken. 

Da man in Boston niemals "offiziell tanken" würde, könnte das Fernziel am ehesten durch geschickte Trades erreicht werden. Spieler wie Brandon Bass, Courtney Lee oder Kris Humphries zeigen bisher solide Leistungen und sollten von Danny Ainge veräußert werden. Erhält Boston im Gegenzug auslaufende Verträge von Spielern, die nicht spielen werden, dann wird sich das Team automatisch verschlechtern, ohne dass es seine guten Spieler auf die Bank setzen oder Verletzungen vortäuschen muss. Vergessen werden darf auch nicht, dass die Celtics 2014 einen zusätzlichen Erstrundenpick aus Brooklyn erhalten werden (die Atlanta Hawks haben das Recht, zuerst ihren Pick mit dem der Nets zu tauschen, so dass die Celtics also letztendlich den niedrigeren Pick erhalten werden), aber es wird sicherlich auch zwischen den Positionen 15 und 25 noch einige gute Talente geben. 

Die Celtics könnten also mit einer Menge Talent an Bord in die neue Saison 2014/15 gehen. Selbst wenn der absolute Kracher im Draft ausbleibt, hat man anderen Teams in potentiellen Trades dann eine Menge anzubieten. Junge, talentierte, günstige Spieler, auslaufende Verträge und einen ganzen Batzen First Round Picks zwischen 2015 und 2018, mit diesen Zutaten ist schon der ein oder andere Blockbuster eingefädelt worden. Ihr seht also: mit ein bisschen "Abstinken" könnte Boston seine ohnehin schon günstige Situation noch weiter verbessern und wäre für die Zukunft noch besser aufgestellt. 

Contra Tankstop  
Man muss sich nur mal die Geschichte genauer zu Gemüte führen um zu sehen, dass es für jeden erfolgreichen Tankstop ungefähr zehn gibt, die überhaupt nicht hinhauen. Wo sind die Spieler, die hoch gedraftet wurden und dann mit demselben Team auch einen Ring gewonnen haben? Klar, die San Antonio Spurs mit Tim Duncan, Dwyane Wade in Miami, und sonst…niemand. Ein Kevin Durant könnte es noch schaffen, und das Modell OKC ist sicherlich gelungen, aber selbst dort ist der Erfolg nicht garantiert. Was ist mit Teams wie den Charlotte Bobcats oder Sacramento Kings, die seit Jahren einfach nicht unten rauskommen? Andere Teams, die einst getankt haben, versinken schon seit Jahren im Mittelmaß, ohne mal wirklich die Chance zu haben, wenigstens die zweite Playoff-Runde zu erreichen. Beispiele gefällig? Toronto, Washington, Cleveland, Milwaukee, New Orleans, Minnesota, und so weiter. Die Chancen, dass dieses Konzept einen Klub zum Titel führt, sind also nie allzu groß.

Und es kann einem Team im schlimmsten Fall so gehen wie den Celtics 1997 oder 2007, als in Boston knallhart getankt wurde, aber sie einfach Pech in der Draft-Lotterie hatten und keinen ihrer begehrten Spieler bekamen ('97 Chauncey Billups an #3 und '07 Jeff Green an #5). Letztlich bauten die Celtics dann via Trade ihre spätere Meistermannschaft zusammen. Wenn ein Team so schlecht ist, dass es für eine Draftposition von 1 bis 5 in Frage kommt, ist dort in der Regel extrem wenig Substanz vorhanden. Die Gefahr einer sich in der Mannschaft verbreitenden Verlierermentaliät, die auch echte Profis hinunter zieht, ist groß. Teams, die wissen, dass es um absolut nichts geht, arbeiten bei weitem nicht so hart und ehrgeizig, wie solche, die etwas erreichen wollen. Hat sich so eine Mentalität, gepaart mit wenig Talent in der Mannschaft, erst einmal festgesetzt, benötigt man schon besondere Spieler, um diese Situation wieder zu korrigieren. Und das muss schnell passieren, denn wenn Jahre vergehen und die Mannschaft nicht entscheidend vorangekommen ist, kann es gut sein, dass Leistungsträger die Geduld verlieren und via Free-Agency abwandern. Dann geht das Spiel wieder bei Null los. 

Für Boston könnte es also erfolgsversprechender sein, ein junges, hungriges Team aufzubauen, darauf zu hoffen, dass sich die Talente gut entwickeln und Rondo und Coach Stevens das Team zum Erfolg führen. Ein junger Kader, der schon früh Playofferfahrungen sammelt, ist auch für potentielle Free Agents wesentlich attraktiver, als ein Lottery-Team. Und Gehaltsspielraum werden die Celtics in den nächsten Jahren wieder ausreichend haben. Wenn sich der ein oder andere Youngster weiter entwickelt und Ainge seinen Kader mit eins, zwei klugen Verpflichtungen verstärkt, könnten die Celtics schon in relativ kurzer Zeit wieder ein Team sein, das um den Titel spielt. 

Fazit 
Im Moment weiß man aus Sicht der Celtics nicht so richtig, was man mit dieser Saison anfangen soll. Derzeit ist man auf Playoff-Kurs (Platz 4 im Osten), kann diese aber genauso gut knapp verpassen wie sie knapp zu erreichen. Beides wäre nicht ideal, weil man sich hier im gefürchteten NBA-Niemandsland bewegt. Um den Titel mitspielen oder weit in die Playoffs vorzudringen, ist ausgeschlossen. Wenn man sich aber Teams wie Utah oder Sacramento anschaut, wird gleichzeitig klar, dass es Teams gibt, die einfach noch mehr abstinken können und werden, als die Celtics. Was soll Boston also tun, um sich für die Zukunft ideal aufzustellen? Die Lösung könnte ein softer Tankstop sein.

Das würde heißen, Rondo kommt vor Januar definitiv nicht zurück. Aktuell sieht es so aus, als könnte das auch so eintreffen. Vor der Trade-Deadline werden ein paar Spieler getauscht. Namentlich Bass und Lee und wen man sonst noch losbekommt (Gerald Wallace, Keith Bogans und Humphries natürlich, falls es für sie Abnehmer geben sollte... ein großes "falls"). Bass und Lee gehören bisher zu Stevens' Leistungsträgern. Ihr Weggang sollte die Mannschaft genug schwächen, um die Playoffs letztendlich zu verpassen. Mit etwas Glück bekommt Ainge im Gegenzug vielleicht noch ein brauchbares Talent oder sogar einen Draftpick. Das würde die Celtics zwar nicht zum Bodensatz der Liga machen, aber ihnen doch eine passable Draftposition in einem tiefen Draft einbringen. Dazu hat man neben dem eigenen Pick auch noch den der Nets bzw. wohl eher der Hawks (siehe oben). Mit diesen zwei First Roundern im Gepäck sollte es möglich sein, im diesjährigen Draft zumindest einen guten Spieler abzugreifen, womit der Kader langsam aber sicher Form annehmen dürfte. Theoretisch könnte Ainge seine zwei Picks sogar dazu einsetzen, sich im Draft hoch zu tauschen. 

Das, gepaart mit dem frei werdenden Gehaltsspielraum ab 2015, sollte die Celtics dann in absehbarer Zeit wieder zu einem Powerhouse im Osten machen. Einen einigermaßen guten Pick - und damit die Aussicht auf einen möglichen 1B Star - sollten sich die Celtics in diesem Draft nicht entgehen lassen. Projizierte Franchise-Spieler wie Jabari Parker, Andrew Wiggins oder Julius Randle wären zwar toll, aber um die zu bekommen, müssten vermutlich Spieler wie Sullinger, Rondo, Green oder Bradley weggeschickt werden, um sich in solch luftige Draft-Höhen zu traden. Das würde kaum Sinn machen, denn dann hätte Ainge zwar ein Supertalent, aber um dieses herum erstmal nur Schrott. Das würde den geplanten Wiederaufbau eher wieder verlängern. 


Saisonziel der Celtics: Soft-Tanking, Platz 10-12 im Osten