08 Dezember 2013

Anno Haak | 7. Dezember, 2013    @kemperboyd





Wie Draft Busts gemacht werden
Anthony Bennett. Ein Vor- und ein Nachname, die zum Synonym für ein Draft-Desaster zu werden drohen. Ein Verhängnis in ausgewählten Zahlen.


Es ist noch früh in der Saison, erst recht in der Karriere des Anthony Bennett. Aber er wäre nicht der Erste, der als künftiger All Star in die Liga kommt (nichts anderes wird man wohl von einem First Overall Pick erwarten dürfen) und ein uneingelöstes Versprechen bleibt.

Die Flop 5/10/15-Listen mit knapp zwei Meter großen Wahlrechtsverschwendungen sind zahllos. Man muss nur die Namen Michael Jordan und… ach irgendeinen Bobcats-Draftpick in einem Satz verpacken und darf sich Sporthumorist nennen. Es lacht sich gut im Rückblick. Mit dem Wissen von heute lassen sich Re-Drafts für zwei plus x Jahre zurück erstellen, bei denen kein Ping-Pong-Ball auf dem anderen bleibt.

Nur ist die Auswahl eines Draftees die wohl schwerste Entscheidung, die ein General Manager zu treffen hat. Die heutigen Scouting-Tools sind zahllos. Die bereits ab dem Freshman-Jahr in der Highschool geführten Statistiken helfen. Und die Workouts vor der Draft-Nacht mögen Rückschlüsse aus dem persönlichen Eindruck zulassen. Aber am Ende des Tages ist fast jede Auswahl das, was die Wahlrechtsverteilung selbst ist. Eine Lotterie. Man kann sich einer verlässlichen Prognose nähern. Mit irgendeiner Gewissheit voraussagen, wie sich ein ca. 20-jähriger Sportler in den folgenden eins bis zwei Dekaden Jahren entwickelt, kann man nicht. Wie aber entstehen krasse Fehleinschätzungen am Draft-Tag oder in den Wochen davor? Der Versuch einer (unvollständigen) Kategorisierung.

Tragic Bronson - Schuldlos schuldig
Es gibt sie, die Entscheidungen, bei denen man Jahre später die Hände vor das Gesicht schlagen will. Weil es wehtut. Weil es unnötig war. Und doch kaum zu verhindern. Weil es ex ante richtig schien, nur um dann richtig in die Grütze zu gehen.

Ob Bennett einst hierher gehören wird, darf man bezweifeln. Der Draft-Jahrgang 2013 war einer der merkwürdigeren. Einen zukünftigen Superstar wollten die Auguren unter den Top Prospects nicht ausmachen. Drei oder vier Mock Drafts zu lesen, konnte einen zum Sprung aus irgendwelchen Fenstern treiben. Soviel Kakophonie, auch unter sogenannten Experten, war selten. Auch auf einen Nummer-1-Pick konnte man sich nicht einigen.

Der (vermeintlich und mutmaßlich) beste Spieler des Drafts, Nerlens Noel, hatte diesen unschönen Eintrag in der Krankenakte. Bei den anderen Big Men (Cody Zeller, Alex Len) standen Fragezeichen in der Spalte „NBA ready“ auf dem Scouting-Bogen. Der gelegentlich als Top Pick gehandelte Ben McLemore trug das „Volume Shooter“-Label.

So wird im Cavaliers-Front Office wohl ein Geist gespukt haben. Ein Geist, der ein wenig wie Rudy Gay aussah und das Trikot von Greg Oden trug. Trotzdem bleibt die Wahl von Bennett unverständlich. Und deshalb auch nicht tragisch. Sondern einfach falsch. Aber dazu am Ende.

Anders war das im Falle von Len Bias. Er war das Draftziel von Celtics-GM-Legende Red Auerbach. Spätestens nachdem der Mann, der seit 1984 offiziell nur noch als Präsident der Kobolde fungierte, Bias in seinem Sommercamp 1985 gesehen hatte. In der NBA, in der noch nicht die Nerds, dafür das weiße Pulver herrschte, kam es vor, dass der amtierende NBA-Champion an Position zwei draften durfte. So kam es 1986. Die Worte „protected“ und „Draft Pick“ waren im Manager-Handbuch der NBA noch nicht zusammengeführt. Der Preis war ein Mann namens Gerald Henderson, der 1984 im Tausch für den '86er Erstrundenpick nach Seattle verschifft wurde.

Bias war die Hoffnung auf die Verlängerung der Celtics-Hegemonie an der NBA-Spitze. Larry Bird war hin und weg. Auerbach war elektrisiert. Im Workout begeisterte Bias. Und bestand dem Vernehmen nach einen Drogentest. Es funktionierte. Am ehemaligen deutschen Nationalfeiertag im Jahre des Herrn 1986 setzte Bias die grüne Kappe auf. Zwei Tage später war er tot. Das pudrige weiße Gift hatte eines seiner prominentesten Opfer gefordert. Bias gilt heute als einer der besten Basketballer aller Zeiten ohne Profierfahrung. Die Celtics warteten 22 Jahre auf ihren 17. Titel.



Nicht ganz so dramatisch, aber auch tragisch, liegt der Fall des Gregory Wayne Oden. Es war eine Glaubensfrage für die Basketballgemeinschaft des Jahres 2007. Oden oder Durant? Der klassische Weg, ein Team um einen Center aufzubauen oder doch lieber der Scorer mit den endlos langen Armen? Der Jahrzehnt-Pivot oder der erste Freshman mit der Naismith-Trophy im Schrank? Sam Presti hat es nie zugegeben. Aber er dürfte froh gewesen sein, dass die Tischtennisbälle ihm die Entscheidung abnahmen. So hatten die Blazers die Qual der Wahl und griffen ins Klo.

Während der Texas-Alumnus sein Spiel binnen weniger Jahre auf MVP-Niveau schraubte, wurde Oden Objekt von Artikeln in medizinischen Fachzeitschriften. Zweieinhalb Jahre nach dem Stern-Handschlag war die Karriere praktisch vorbei. Keine 100 Spiele hatte er gemacht. Die Blazers hatten die Lotterie gewonnen und doch verloren. Weil sie sich, Brandon Roy vor Ort, an eine alte NBA-Regel hielten…

You can’t teach height
“That’s exactly what I would do, too.” sagte Red Auerbach zum damaligen Cavs-GM Harry Weltman. Es ging um den erwähnten Draft 1986. Brad Daugherty war das Objekt der an eins wählenden Cavaliers-Begierde. Doch Weltman war sich unsicher. Man darf ihm wohl provinzielle Naivität unterstellen, ausgerechnet Auerbach um Rat zu fragen. Der riet ganz „altruistisch“ zum Big aus North Carolina und ergatterte Bias.

Die NBA generell macht sich die Menschen, wie sie sie braucht. Die Trainergilde kann zwar nicht übers Wasser gehen oder aus einem Ackergaul ein Rennpferd machen. Aber Aufnahmebedingung ist die Überzeugung, aus jedem passablen College-Spieler ein geachtetes NBA-Mitglied machen zu können. Nur eins kann eben auch der beste Coach einem noch so talentierten Spieler nicht beibringen: Länge. An diesen Reflex hatte auch Auerbach mit Erfolg bei Weltman appelliert. Und wer sollte es besser wissen als der Architekt von Meisterteams mit Bill Russell und Robert Parish in der Mitte?

Vielleicht hingen zu viele NBA-Personaler bis vor wenigen Jahren an den Lippen des Mannes mit der Zigarre. Natürlich waren die Clippers nie die intelligenteste Franchise der Liga. Aber Michael Olowakandi 1998 an Nummer eins zu ziehen, konnte nur Grund Nr. 214 (cm) haben. Der Mann, den die Clippers Dirk Nowitzki, Paul Pierce oder Antawn Jamison vorzogen, hatte mit 18 (!) erstmals organisiert Basketball gespielt.

Viel mehr als Größe hatte auch der zweite Pick von 1993 nicht zu bieten. Es sei denn man steht auf die Athletik eines Strichmännchens und ein Post-Move-Arsenal, das DeAndre Jordan wie Shaquille O‘Neal aussehen lässt. Shawn Bradley war größer als Penny Hardaway oder Allan Houston. Aber auch ein Karriereschnitt von 2,5 Blocks pro Abend kann die damalige Entscheidung der Philadelphia 76ers eigentlich nicht erklären. Zumal „Shawn Bradley posterized“-Clips bei Youtube mehr Klicks haben dürften als „Leben und Tod des Kenneth Glöckler.“

Bleibt ein Mann, dessen Trikot bei der renommierten Kentucky Universität unter der Hallendecke baumelt. Der in zehn Jahren einen Karriereschnitt von 10,9 PPG/7,5 RPG/2,1 APG/1,8 BPG hatte. Das ist eine anständige NBA-Karriere, auch wenn niemand nach der Ruhmeshalle ruft. Auch wenn solche Zahlen für einen zweiten Pick nicht grandios sind. Die Tragik des 1984 von den Blazers gewählten Pivoten Sam Bowie hieß Michael Jordan. Er wurde zum Opfer von Nummer 23, als Bryon Russell noch das Trömmelchen um den Christbaum trug. Komplettiert wird das hiobsche Schicksal der ganzen Franchise vom verlorenen Münzwurf, der den ersten Pick 1984 nach Houston brachte. Und mit dem die Rockets einen Mann namens Hakeem Olajuwon verpflichteten.



Es wäre viel zu einfach, von sieben Meisterschaftsbannern im Rose Garden zu fabulieren. Und ja, Clyde Drexler war schon in Rip City. Aber statt dem Lehrsatz von der Größe zu folgen, die man nicht beibringen kann, wäre wohl die alte Formel „Talent vor Bedarf“ die bessere Handlungsanleitung gewesen. Und die Blazers hätten es besser wissen müssen. LaRue Martin war ihr Pick der ersten Wahl 1972 gewesen. Seven Feet, aber kein bisschen mehr.

Just clownin‘ - Nicht zu verstehen
Und dann sind da die Picks, die mit noch so viel Verständnis einfach nicht zu erklären sind. Was Kwame Brown qualifizierte, vor Pau Gasol und Tyson Chandler und noch dazu an eins gewählt zu werden, bleibt genauso enigmatisch wie die Tatsache, dass sich Brown seit 13 Jahren in der Liga hält. Konsequenterweise verschenkte Michael Jordan, GM der Washington Wizards 2001, Chandler später in gleicher Funktion bei den Bobcats praktisch an die Mavericks. Im Gegenzug gab es (den auslaufenden Vertrag von) Erick Dampier.

Point Guard ist die am schwierigsten zu erlernende Position im Basketball. Das gilt in der Kölner Bezirksliga, und erst recht in der NBA. Insofern ist Skepsis gegenüber College-Stars auf der Eins berechtigt. Das entschuldigt aber nicht den zweiten Pick der Atlanta Hawks von 2005, ein gewisser Marvin Williams. Für dessen Karriere-Statistiken hat man Sam Bowie geschlachtet. Ja, die NCAA-Championship der Tar Heels hatte eine Hype-Blase kreiert. Und ja, eine Front Court-Rotation mit Josh Smith, dessen Namensvetter Childress, Al Harrington in seiner Prime und Zaza Pachulia verwechselt niemand mit den Celtics der 80er. Aber sie sind näher dran als Tyronn Lue und der damalige Sophomore Royal Ivey an auch nur durchschnittlichen NBA-Point-Guards. Wer nach Marvin Williams über die Theke ging? Chris Paul, Deron Williams und Raymond Felton. 2007 dürften sich alle zwei Hawks-Fans in den Schlaf geweint haben. Ihr Management hatte sie um eine Starting Lineup aus Paul, Joe Johnson, Smith, Harrington und Horford betrogen.

„Nihil nisi bene“, sagt der Lateiner. „Über die Toten nur Gutes“, sagt der deutsche Doppelnegationsallergiker. Nur die Fakten, sage ich. Die Mavs drafteten 1998 im Auftrag der Bucks den mittlerweile verstorbenen Robert Traylor an Nummer sechs. Um ihn noch in der Draft-Nacht gegen den neunten (Auftrags)Pick zu tauschen. Einen gewissen Dirk Werner Nowitzki. Der Rest ist bekannt.



Ausgerechnet Bad Boy Joe Dumars draftete im Jahrhundert-Jahrgang 2003 die Verkörperung von „soft“. Das Beste was man über die Wahl von Darko Milicic sagen kann: das Wahlrecht war im August 1997 für den damals 35-jährigen Otis Thorpe aus Vancouver quasi gratis gekommen. Was aber noch lange kein Grund ist, den zweiten Pick zu verschleudern. Milicic ist der junge Gottvater der Draft Busts. Ihr wollt Big Men? Wie wär’s mit Chris Bosh (Nr. 4), Chris Kaman (Nr. 6), David West (Nr. 18 (!)), Nick Collison (Nr. 12), Boris Diaw (Nr. 21) oder Kendrick Perkins (Nr. 27)? Einfach den Front Court verstärken, Hauptsache begabt? Äh… Carmelo Anthony (Nr. 3), Mikael Piétrus (Nr. 11), Travis Outlaw (Nr. 23) oder Josh Howard (Nr. 29)? Wenn noch Pistons-Fans ohne Tränen in den Augen dabei sind und Ihr einfach nach Potential fragt: Dwyane Wade (Nr. 5), Kirk Hinrich (Nr. 7), Luke Ridnour (Nr. 14) und mein persönlicher Favorit: Kyle Korver (Nr. 51 (!)). Einfach unbegreiflich. Damals, heute und in Zukunft.

Ich lasse Adam Morrison und Andrea Bargnani in Frieden, um abschließend nochmals auf Bennett zurückzukommen. Er muss nicht Milicic 2.0 werden. Aber unverständlich bleibt der Pick trotzdem. Geht es nach Größe, wären Noel, Len und Zeller zu haben gewesen. Fragezeichen hin oder her. Ein Talent-zuerst-Draft hätte Victor Oladipo, Otto Porter, McLemore oder Michael Carter-Williams an den Erie-See bringen müssen. Wie man es auch dreht und wendet: die Cavs haben wenig Argumente. Aber wenigstens machen sie Geschichte. Bennett dürfte bald der erste Nummer-1-Pick sein, der in einem Satz mit der D-League genannt wird, ohne dass man einen Lachanfall bekommt.