09 Dezember 2013

Sebastian Dumitru | 9. Dezember, 2013    @nbachefkoch





Torontos Basketballklub hat sich nach weniger als einem Jahr von Rudy Gay getrennt, und Raptors-Fans hätten direkt nach Bekanntwerden der Nachricht ekstatischer nicht sein können. Der 27-jährige Forward wechselt zusammen mit Aaron Gray und Quincy Acy nach Sacramento. Im Tausch kommen Greivis Vasquez, Patrick Patterson, John Salmons und Chuck Hayes ins kalte Kanada, wo sie kurz bis gar nicht verweilen werden. Dazu gleich mehr.

Über Rudy Gay und seine Augenbälle- und Gehirnzellen-verätzende Spielweise ist nicht nur in diesen Gefilden mehr als genug erzählt worden. Er ist, was er ist: ein physisch gesegneter Wing, dessen Karriere-PPG Wert (18.0) auf den ersten, flüchtigen Blick besondere Begabung als Scorer suggeriert. Dann wälzt man Statistiken (nicht Rudy - der hatte Stat Sheets in der Raptors-Umkleide verboten, weil sie "Egoismus fördern würden") oder - schlimmer noch - schaut Gay beim Basketballspielen zu, und registriert zweierlei: für knapp 20 Punkte benötigt er gefühlt 10000 Wurfversuche. Und er zieht seine Teams in einen dunklen Schlund aus ineffizientem Isolationsbasketball, statischem Herumstehen/Zuschauen, hängenden Schultern und egoistischer jetzt-bin-ich-dran-Spielweise. Es ist kein Zufall, dass Toronto in dieser Saison die mit Abstand wenigsten Assists spielt (17.4 APG) oder die fünftmieseste Trefferquote der gesamten Basketball Association (42% FG) an den Tag legt.

Der Metastasen-ähnliche Gay hat seinen absoluten Leistungstiefpunkt erreicht. Er nimmt in der neuen Spielzeit mehr Würfe als je zuvor (18.6 pro Partie) und dominiert den Spalding mit einer aberwitzigen Usage-Rate von über 30 Prozent (30.4). Das ist mehr als LeBron James, Paul George, James Harden oder Stephen Curry. Viel rum kommt dabei, wie gewohnt, nicht. Seine Saison-Trefferquote liegt bei da-muss-ein-Fehler-beim-Anschreiber-vorliegen lächerlichen 38.8 Prozent. Die Tatsache, dass die Raptors in dieser Saison nur ein Drittel ihrer Partien mit Gay gewannen, könnte in direkter Relation dazu stehen.

Potenziert wird der spielerische Schaden, den Gay einem Kader zufügt, durch sein Jahressalär. Natürlich "kann er nichts dafür", dass er mit 17.9 Mio. $ der am meisten überbezahlte Spieler der NBA ist (sagen wir fast: Gilbert Arenas "verdient" in dieser Saison immer noch 22.3 Mio. $ für's Herumsitzen), aber das schmälert die Torpedierung der sportlichen und finanziellen Aussichten aller NBA-Klubs, die jemals mit ihm zu tun hatten, nicht im Geringsten. Ex-Raptors-GM Bryan Colangelo versuchte vor knapp einem Jahr, um jeden Preis seinen Kopf zu retten und tradete für Gay - ein Move, den ich damals scharf kritisierte und von dem man sicher sein konnte, dass er sein Ziel verfehlen wird. Spätestens, als Masai Ujiri im Sommer Colangelo ersetzte, war endgültig klar, was mit Gay passieren würde.

Ujiris Mission in Toronto war und ist, zumindest in Jahr eins, nur die: alle Fehler, die Colangelo in seiner Amtszeit begangen hat, so gut und so schnell wie möglich auszuradieren. Dafür, dass er innerhalb weniger Monate die zwei grössten Hirnfürze seines Vorgängers bereits getilgt hat, sollte man Ujiri in T-Dot eine Statue errichten. Die Abgänge von Andrea Bargnani und Gay haben Toronto nach Jahren des Missmanagements und der Gefangenheit im NBA-Niemandsland endlich wieder eine klare Richtung gegeben.

Gays Abgang ist allein schon aus sportlicher Sicht ein Gewinn: mehr Ballbesitze für Youngster wie Jonas Valanciunas und Terrence Ross, ergo Entwicklungsspielraum; mehr Würfe für DeMar DeRozan, Amir Johnson und sogar Kyle Lowry (zwar wird keiner von ihnen jemals LeBron-mäßige Quoten auflegen, effizienter als Gay sind sie aber allemal); mehr Ballmovement, mehr Teamwork, und damit fast zwangsweise ein besseres Basketballprodukt, das auch Fans lieber feiern werden als Midrange-Solo-Backsteinpartys. Haltet den Raptors-Basketball-Gedanken kurz fest.

Finanziell entledigt sich Ujiri seines teuersten Spielers und bereitet den Tisch für das erste üppige Free Agency Mahl in Toronto seit Jahren. Die Frage, warum Ujiri Gay gerade jetzt getradet hat, für fast keinen Gegenwert, ist schnell beantwortet: niemand will Gay haben. Die Liga bereitet sich auf einen der besten Draft-Jahrgänge aller Zeiten vor. Die Wertschätzung von Draft-Picks und finanziell verantwortungsbewusstes Handeln genießen einen höheren Stellenwert als je zuvor. Da passt ein egoistischer, überbezahlter Chucker wie Gay in keine Kurz- oder Langzeitplanung. Um's Verrecken nicht. Zumal er im Sommer die Option hat, seinen Deal um ein weiteres Jahr und (würg) 19.3 Mio. $ zu verlängern. Ujiri nahm das beste ihm unterbreitete Angebot an - und tat damit genau das Richtige.

Die Raptors hatten sich vor der Saison knapp zwei Monate selbst Zeit gegeben, um diesen Kader auf dem Parkett zu evaluieren. Die Ergebnisse waren ernüchternd, und es wurde schnell klar, dass es selbst in einer katastrophalen Eastern Conference schwer werden würde, die Playoffs zu erreichen. Gays Abgang signalisiert unmissverständlich, dass Ujiri dieses Team bis auf sein Grundgerüst niederreissen und dann neu aufbauen wird. Über die Free Agency (je nachdem, wie Toronto seine Optionen verwaltet, könnten mehr als 15 Millionen Dollar unter dem Cap frei werden), über den Draft, und über die wenigen jungen Perspektivspieler in der Lineup. Das heisst also auch, dass die Neuzugänge Vasquez, Patterson und Salmons noch in dieser Saison weiter verscherbelt werden könnten (Salmons' Deal ist für '14/15 nur partiell garantiert, Vasquez und Patterson werden im Sommer Free Agents). Gleiches gilt für Lowry, dessen Skills und auslaufender, moderater 6 Mio. $ Deal ihn zum perfekten Tradechip machen. Interessant wird sein, ob Ujiri auch den noch jungen DeRozan veräußern wird, oder ob dessen Leistungszuwachs ihn zusammen mit Valanciunas zum Baustein für die Zukunft gemacht hat.

Ihr seht also: Ujiri hat multiple Optionen, und die wird er in den nächsten Monaten auch nutzen, um dieses Team, das in den ersten Tagen und Wochen post-Trade vermutlich sogar besseren Basketball spielen wird als zuvor (Vasquez ist der ideale Backup-Point, DeRozan als go to Option auf dem Flügel effizienter als Gay und die dünne Frontcourt-Rotation jetzt mächtig aufgepolstert), nachhaltig zu schwächen. Lasst euch nicht blenden: Toronto will mit den Playoffs absolut nichts zu tun haben, sondern lieber in einem tiefen Draft absahnen und, falls irgendwie machbar, mit Lokalmatador Andrew Wiggins in eine neue Zukunft starten. Das Raptors U-Boot hat hiermit offiziell das Periskop eingezogen und begibt sich in die dunklen Tiefen von Tankapalooza, wo es hingehört.

Die Zukunft läuft in Sacramento bereits, seitdem die Kings den Umzug der Franchise nach Seattle in allerletzter Sekunde verhindern konnten. Der neue Teambesitzer Vivek Ranadivé kündigte sofort nach Amtsübernahme an, nach Jahren des Maloof-Miefs inklusive geiziger Personalpolitik und schlechter sportlicher Perspektiven den gebeutelten Fans etwas zurück geben zu wollen. Mike Malone und Pete D'Alessandro wurden als vielversprechendes Coach/GM Tandem installiert, eine neue, moderne Halle entsteht, DeMarcus Cousins bekam im Sommer eine lukrative Vertragsverlängerung, Derrick Williams wurde aus Minnesota verpflichtet, und jetzt greift Ranadivé für Gay tief in die Taschen. 18 respektive 19 Millionen für einen einzigen Spieler sind keine Peanuts.

Die erste, verständliche Reaktion aus Kings-Fan-Sicht: Was bringt uns der Deal, neben einem der ineffizientesten Spieler der Liga, eigentlich noch ein? Eine gute Frage. Dass Sacramento hier den talentiertesten Akteur im Tausch für Rollen- und Ersatzspieler abgreift, liegt auf der Hand. Aber wie immer bei Gay: was auf den ersten Blick Effektivität und Geschmeidigkeit verspricht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als unhandlich-missliches Problem.


Head Coach Malone wird das neue Überangebot auf dem Flügel irgendwie maximieren müssen. Es wird bereits gemunkelt, dass er Gay neben Williams und Cousins im Frontcourt auflaufen lassen will, als de facto Strech Vierer. So abwegig ist das nicht: Malone war vorher Assistenztrainer in Golden State und dort durchaus angetan von kleinen, athletischen Lineups, wie wir sie auch in Sacramento sehen könnten. Aber die Warriors hatten Shooting satt, von fast allen Positionen. Die Kings? Nicht so sehr (siehe oben). Neben der defensiven Problematik eines Cousins-Gay-Williams Frontcourts stellt sich noch eine weitere Frage, die unterhaltsame Popcorn-Nächte vor dem League Pass verspricht: wieviele Spaldings dürfen die Kings auf's Spielfeld schmuggeln?

Gays astronomisch hohe Nutzungsrate wird von Cousins locker überboten (34.7%). Auch der neue Starter auf der Eins, Isaiah Thomas (der sich damit leider aus dem jetzt schon fast gewonnenen Sixth Man of the Year Rennen verabschiedet), kommt auf 28.7% und damit ebenfalls einen Platz unter den Top-10. Irgend jemand wird also ob der neuen Konstellation Abstriche machen müssen. Der Abgang des besten Passgebers (Vasquez, 5.3 APG) bedeutet auch, dass beim Playmaking ein noch größeres Vakuum herrscht als ohnehin schon. Wenn jemand dieses ausfüllen kann, dann Thomas, der hier die Chance hat, als All-Around Playmaker zu wachsen - wenn ihn die anderen lassen.

Eines wird dieses neue Kings-Team definitiv in die Sleep Train Arena bringen: Speed, Athletik, Dunks und jede Menge Begeisterung. Mit Cousins, Gay, Williams, Thomas und Ben McLemore hätten die Kings auf allen fünf Positionen überdurchschnittlich gute Athleten, falls sich Malone tatsächlich für diese Lineup entscheiden sollte. Die Backup-Minuten müssen angesichts des Aderlasses neu verteilt werden, zwischen Jason Thompson, Marcus Thornton, Travis Outlaw, Jimmer Fredette, Ray McCallum und Carl Landry, wenn er wieder kommt. Die neuen Kings werden in dieser Western Conference trotz ihrer neuen Konstellation nichts gewinnen und die Playoffs wieder einmal um Meilen verpassen, aber die Bedeutung des Fan-Begeisterungs-Faktors nach der Vorgeschichte und sieben schweren Jahren darf nicht unterschätzt werden.

Finanziell bürden sich die Kings 12 Mio. $ extra auf, die aber erst nächste Saison ins Gewicht fallen werden, wenn Gay - und davon sollte man ausgehen - seine Spieleroption zieht. Zwar bleibt die Chance, dass er aussteigt und einen längeren Deal anstrebt, aber das wäre, zumindest aus seiner Sicht, töricht. Den 4-/5-Jahres Deal bekommt er auch noch 2015. Das heisst also, dass Sacramento sich, ähnlich wie im Fall Williams, bereitwillig für eine potentiell fehlgeleitete Talentinfusion und dieses zweijährige Experiment entschieden hat, anstatt mit geringem finanziellen Spielraum in die Free Agency 2014 zu gehen. Mit Gay und Williams hat Neu-GM D'Alessandro seine großen Moves für diese Saison getätigt. Er könnte noch eins, zwei kleinere hinterher schieben (Thompson, Landry), um Kapazitäten für die anstehende Verlängerung mit Thomas frei zu schaufeln und/oder die schief hängende Rotation auszubalancieren. Insgesamt sind dies aber die neuen Sacramento Kings, die, seien wir ehrlich, sehr stark wie die alten Kings aussehen. Oder, wie jemand gestern direkt nach dem Trade anmerkte: "Gay? Da hätten sie ja auch gleich mit Tyreke verlängern können."


nbachef meint: Vorteil Toronto