17 Januar 2014

Tobi Mannhart | 17. Januar, 2014   






Die Saison der Memphis Grizzlies ist bisher nicht das, was wir uns erhofft hatten. Lange war ich selbst nicht mehr in Kontakt mit den Leuten in Tennessee. Die gesamte Fanfraktion war enttäuscht von Nick Calathes, fühlte sich unglücklich wegen all den Verletzungen und hier und da wurde schon lautstark nach "Tanking" gerufen. Kurz gesagt: Die Grizz Nation war deprimiert, und ich war es auch.

Allerdings ist seit einem bestimmten Tag wieder ein Aufwind zu spüren: dem 16. Dezember, der Tag, an dem „Kid Dynomite“ aus der D-League nach Memphis kam. James Johnson war mehr oder weniger nur eine Notverpflichtung. Die Bären trafen wie immer keine Dreier und der beste Werfer aka Quincy Pondexter fiel die gesamte Saison aus. Dann kam Johnson, einer von mehreren X-Faktoren für den leisen Umschwung in Memphis, das fünf Partien in Folge und 10 von 14 gewonnen hat.

X-Faktor 1: James Johnson
Der ehemalige 16. Pick des Drafts 2009 hatte bis jetzt bei seinen Stationen wenig erfolgreich agiert. Weder Chicago noch Toronto waren zufrieden gewesen mit dem athletischen Forward. Bei den Grizzlies passt er aber wie die Faust aufs Auge. Seine Defense war schon immer ansprechend. Kein Wunder, immerhin hat er bei Defensepapst Tom Thibodeau gelernt. Allerdings weiß er auch mit seiner Offense und seinem Hustle zu überzeugen, seit er in Memphis zuhause ist. Er legt ein ordentliches Offensiv-Rating auf (112), trifft hier und da einen Dreier, rangiert mit seinem True Shooting in der oberen Hälfte des Teams und fühlt sich in der Mannschaft mehr als pudelwohl. Das Wichtigste aber ist gar nicht mit Zahlen zu bemessen: Er ackert, ackert und ackert. Er ist ansteckend für die ganze Mannschaft. Er wirft sich jedem Loose Ball hinterher. Er gibt in der Defense keine Sekunde nach und frustriert seine Gegenspieler. 1,4 Steals pro Spiel sprechen Bände. Natürlich kann man gute D nie allein an den Steals messen, aber sie geben trotzdem Aufschluss. Es spricht schon für Johnsons Qualität, dass der beste Flügelverteidiger der NBA alias Tony Allen nur um 0,5 pro Spiel besser ist. In einem Team, das die letzten Wochen ohne seinen Anker und amtierenden Verteidiger des Jahres Marc Gasol verloren wirkte am eigenen Korb, brachte JJs Intensität wieder Leben in die Verteidigung. Allgemein war er einfach ein wichtiger „Refresher“ für eine zu lange viel zu schlechte Grizzlies-Bank.

X-Faktor 2: Jon Leuer
Wo wir gerade von einer schlechten Bank sprechen: Jon Leuer ist ja schon länger in Tennessee. Im Zuge des Cap Space freimachenden Trade mit den Cleveland Cavaliers wurde der ehemalige Pick der Milwaukee Bucks zu den Grizzlies geholt. Angepriesen als Stretch Vierer, der das Spacing und die Reserve des Teams beleben sollte, bekam er letzte Saison kaum eine Möglichkeit, sich zu zeigen (nur 5,1 MPG in Memphis). Daher waren nicht wenige verwundert, als in diesem Sommer ein relativ langer, neuer Vertrag ausgehandelt wurde. Bis 2016 band Hollinger den Power Forward, der noch kaum Gelegenheit hatte zu spielen. Diese Saison war aber seine Zeit gekommen. In Abwesenheit des einen oder anderen Big Man zeigt Leuer, warum man ihn langfristig halten wollte: 47% von Downtown – so etwas findet man so gut wie nie bei den Stats der Grizzlies. Leuer ist noch vor Mike Miller der beste Distanzwerfer des Teams und greift dazu viele Rebounds. Seine Gesamtreboundrate von 14,4% übertrifft sogar Marc Gasols Wert. Leuer ist im Prinzip wie Kevin Love. Ok, wie der Kevin Love des sehr, sehr armen Mannes. Aber es ist gut zu wissen, dass wir neben Mike Conley noch einen Spieler bringen können, der nicht am Ring sein muss, um zu punkten.

X-Faktor 3: Courtney Lee
Apropos Dreierschützen: Was war das für ein Aufschrei, als wir Jerryd Bayless tradeten. Immerhin war es doch angeblich der einzige Spieler, der von außen für Gefahr sorgen konnte. Dieser Ruf eilt ihm seit seiner Verpflichtung voraus und genau dieser Ruf ist es auch, der nächstes Jahr ein Team veranlassen wird, ihn komplett überzubezahlen. Die Wahrheit ist eine andere: Nur 30,1% seiner Versuche von Außen fanden ihr Ziel. Abgesehen von den Big Men waren nur Calathes und Allen schlechter. Beides sind keine guten Werfer, das wissen wir. Doch die Vorwürfe gingen weiter: Memphis hätte einen wertvollen, auslaufenden Vertrag gegen einen Klotz am Bein getradet. Courtney Lee sei überbezahlt und überbewertet. Zweiteres widerlegt er gerade eindrucksvoll. Sowohl seine TS%, als auch sein Offensiv-Rating sind Team-Highs. Er spielt großartig. Er trifft Dreier (siehe die letzten beiden Off-Balance Buzzerbeater), verteidigt, kämpft und wird über kurz oder lang Tayshaun Prince in der Starting Five ablösen. Wer ihn trotzdem als überbezahlt ansieht, dem sei gesagt: Memphis ist keine attraktive Stadt. Kaum ein namhafter Free Agent würde freiwillig nach Tennessee kommen. Auch Lee hätte wohl in der Free Agency kaum in Memphis unterzeichnet. Wir müssen Spieler zu ihrem Glück zwingen. Sind sie erst einmal eine Zeit lang da, wollen sie nicht mehr weg. Daher nimmt man den längeren Vertrag gerne auf und sichert sich Lees Dienste als Verteidiger und Shooter bis 2016, anstatt Bayless ohne Gegenwert zu verlieren. Frei nach dem Motto: Jeder Spieler weint zweimal in Memphis – wenn er kommt und wenn er wieder gehen muss.

X-Faktor 4: Mike Conley
Der 26-Jährige hat nach einer starken letzten Saison und ohne den heuer lange verletzten Gasol noch eine Schippe drauf gelegt und sein Spiel auf ein völlig neues gehievt. Conley punktet mehr denn je (18.2 PPG) und assistiert gewohnt häufig (6.5 APG, Platz 11). Was aber verblüfft, ist die Effizienz, mit welcher er in dieser Spielzeit agiert und die auf dem höchsten Stand in seiner bisherigen Karriere ist. Obwohl Conleys Nutzungsrate so hoch ist wie noch nie (24.4%), haben sich all seine Werte (egal ob grundlegende wie FG% und Anzahl Freiwurfversuche oder fortgeschrittene wie TS% und eFG%) bei neuen Career Highs eingependelt. Conley spielt wie ein All-Star und ist bisher der klare MVP dieses Teams. 

X-Faktor 5: Die Mannschaft
Wie gesagt, die Saison begann schrecklich. Doch nach und nach läuft es wieder. Gasol ist endlich zurück und Allen wird in ein bis zwei Wochen auch wieder aktiv sein. Und plötzlich sind drei Spieler in der Rotation, die wirklich Impact von der Bank liefern. Ein unglaubliches Upgrade zu Bayless' teilweise konfusem Playmaking, noch mehr Hustle und verbessertes Shooting. Man möchte fast vergessen, dass Scharfschütze 'Q-Pon' die ganze Saison fehlt. Es wird spannend zu sehen sein, ob Memphis sich im harten Westen noch in die Playoffs schleicht. Der Rückstand schrumpft derzeit von Woche zu Woche und beträgt nur noch zwei Spiele. Sollte es gelingen, erinnern wir uns gerne an zwei Dinge: Erstens waren die Grizzlies letztes Jahr im Conference Finale. Und zweitens ist es noch nicht allzu lange her, dass ein gewisser 8th Seed aus Tennessee den Herren aus San Antonio in der ersten Playoffrunde die Leviten gelesen hat. 

Alles ist also nach wie vor immer noch möglich, trotz einer verkorksten ersten Saisonhälfte. Getreu dem “Grit and Grind” Motto der Grizzlies kämpft sich die Mannschaft weiter an Platz acht heran, dann werden die Karten neu gemischt. Man muss nur froh sein, dass man während keinem Zeitpunkt während der ersten drei Monaten ernsthafte Gedanken an Tanking verschwendet hat und auf Kurs blieb. Denn, wenn uns die Vergangenheit eines gelernt hat, dann dass die Grizzlies fast alles können, nur nicht hoch draften. In diesem Sinne: #GnG, Baby!