10 Januar 2014

Sebastian Dumitru | 9. Januar, 2014    @nbachefkoch






Da geht er hin, mein selbstbewusster Preseason Most Improved Player Pick: Eric Bledsoe fällt nach einer Knieverletzung, die letztlich viel schlimmer ist als eigentlich erwartet, auf unbestimmte Zeit aus - im übelsten Fall für den Rest der Saison. Der explosive Suns-Guard hatte sich vor zehn Tagen in der Partie gegen die Los Angeles Clippers bei einem Drive zum Korb verletzt und war länger als üblich liegen geblieben. Die Suns und ihr ausgezeichneter Stab von Doktoren, Physiotherapeuten und Personal Trainern waren zunächst von einer Prellung ausgegangen, wie sie in der NBA häufig vorkommt, und Bledsoe in den vier Spielen seither geschont. Da die Probleme trotz Schonung nicht nachließen, sondern sich potenzierten, wurde genauer hingesehen, ehe vorhin die Hiobsbotschaft kam: möglicher Meniskusschaden, vielleicht ein Riss, definitiv OP, mehrere Monate Pause.

Wie schwer die Verletzung tatsächlich ist, darüber wollen die Suns solange keine Auskunft geben, bis am Freitag das Knie offen auf dem OP-Tisch lag und skalpellisiert wurde. Bledsoes Ausfall kommt mitten in einer Saison, in der Phoenix alle Erwartungen zerschreddert und entgegen jeglicher Prognosen nicht nur um die Playoffs mitspielt, sondern sich sogar aufmachte, einen Platz unter den Top-4 in der Western Conference anzugreifen. Mit 21-13 Siegen rangiert das Team von Coach of the Year Kandidat Jeff Hornacek derzeit zwar "nur" auf Rang 7, steckt aber in einem beinharten Dreikampf mit den Los Angeles Clippers (25-13) und Golden State Warriors (24-14) um die Krone in der Pacific Division. Der Division-Gewinner erhält bekanntlich eine automatische Playoff-Platzierung unter den Top-4 einer Conference, ganz gleich, wie die Bilanz in Relation zu den anderen Mannschaften in der eigenen Conference letztendlich aussehen mag.

Ob die Suns jemals realistische Chancen hatten, die bisherige hohe Schlagzahl über die volle Saison zu halten, darüber darf und wird mit Sicherheit gestritten werden. Fakt ist aber, dass das Team aus der Wüste eine Top-10 Offensive (Rang 9) mit einer soliden Defensive (Rang 11) kombinierte, und der kürzlich erst 24 Jahre alt gewordene Bledsoe vorne und hinten zu den Katalysatoren des Erfolgs zählte - wenngleich nicht so sehr, wie man das vielleicht vermuten würde. Mit 18 Punkten, 4.3 Rebounds und 5.8 Assists pro Partie zeigte Bledsoe in seiner ersten Vollzeit-Starterrolle nach mehreren Backup-Saisons hinter Chris Paul und bei den Clippers die mit Abstand besten Leistungen seiner Karriere. Vor allem Hornaceks mutige Entscheidung zu Saisonbeginn, seine beiden besten Spieler Bledsoe und Goran Dragic (19.1 PPG, 5.9 APG) zusammen auf's Parkett zu stellen, trug Früchte. Phoenix hatte zu jedem Zeitpunkt im Spiel zwei erste Optionen mit Ball, die abwechselnd attackieren, zum Korb ziehen, für sich oder andere kreieren und obendrein effizient scoren konnten, vor allem am Ring. Defensiv verbreitete das Paar Angst und Schrecken: Phoenix' Defensivrating lag mit Bledsoe und Dragic gemeinsam auf der Platte bei saustarken 98.5.

Interessanterweise zieht sich die Effektivität Bledsoes direkt neben Dragic nicht wie ein roter Faden durch die anderen Lineups weiter: unzählige metrische Werte suggerieren, dass Phoenix weder vorne noch hinten große Einbußen erlitt, wenn Bledsoe auf der Bank Platz nahm. Das kumulative Offensivrating mit Bledsoe beispielsweise lag bei 104, das defensive bei 102.1 - beides Werte unter den oben angesprochenen Gesamtratings der Suns in der bisherigen Saison. Das bedeutet freilich nicht, dass Bledsoe redundant ist. Nur, dass jemand wie Dragic für dieses Team zu diesem Zeitpunkt der weitaus wichtigere Spieler ist. Und, dass Phoenix' Erfolg eher vom Teamverbund, Hornaceks gutem Coaching und klar verteilten Rollen mit gesunden Hierarchien abhängig gemacht werden sollte.

All diese Faktoren sorgen in Phoenix für eine interessante Dynamik in den nächsten Wochen. Können sich die Suns ohne Bledsoe weiterhin nicht nur über Wasser halten, sondern ähnlich forsch weiter spielen wie in den ersten beiden Saisonmonaten? Bringt ein Neuzugang wie der kürzlich verpflichtete ex-Sun Leandro Barbosa (vorerst nur via 10-Day-Kontrakt) genug Zunder von der Bank, um gemeinsam mit dem bisher exzellent aufspielenden Gerald Green (15.7 PPG als Starter) einen Großteil dessen aufzufangen, was durch Bledsoes Ausfall verloren geht? Sinkt Bledsoes Wert in der Liga durch diese Episode vielleicht sogar so weit, dass die Suns im kommenden Sommer keine horrenden Qualifying Offers anderer Interessenten an ihren eigenen Restricted Free Agent abgleichen müssen, weil dokumentierte Knieverletzungen manchmal den Preis drücken?

So oder so: Phoenix ist, viel schneller als eigentlich vermutet, in einer strategisch ausgezeichneten Situation. Der Klub kann nun in Ruhe eruieren, ob Bledsoes Anwesenheit für den Erfolg in dieser Saison dringend notwendig ist (meine Einschätzung: sie ist!), wie weit man, basierend auf den nun gesammelten Indizien mit seinem künftigen Jahressalär ab '14/15 nach Norden gehen will, und wie sehr das Zwischenziel Postseason in Gefahr geraten wird. Der Westen ist wild, soviel ist bekannt. Eine ausgedehnte Dürre, und man rutscht innerhalb von zwei Wochen von einem Playoff-Platz in die Nähe der Kings und Jazz ab. Sollten die Suns, die gigantischen Cap Space und bis zu vier Erstrundenpicks im kommenden Draft 2014 besitzen (via Minnesota, Washington und Indiana), bald auseinander bröckeln, könnte Eric Bledsoes Hospitalisierung nur ein Vorbote für einen ganzen Batzen von Folgetransaktionen in Phoenix werden - und diese Franchise ironischerweise in eine langfristig noch beneidenswertere strategische Position befördern.