06 Januar 2014

Anno Haak | 6. Januar, 2014    @kemperboyd





Die Hawks sind der Inbegriff der langweiligen Franchise. Sie sagt niemandem etwas. Niemand lästert über sie. Niemand feiert sie. Wird ein deutsches Point-Guard-Talent gedraftet, gibt es nach kurzem Hype allenfalls Mitleid. Ausgerechnet Atlanta! Dabei lohnt ein Blick auf die Falken durchaus. Eine Startbilanz mit Ausblick nach dem ersten Saisondrittel 2013/2014.

History: grau
Als ich Kind war, wurden auf einem später eingestellten, noch später wiedereröffneten Fernsehsender namens 'Tele5' in unschöner Dauerschleife grenzdebile Cartoons aufgeführt. Ich erfuhr erst später, dass Odysseus eine Sagengestalt der griechischen Antike war und keineswegs „Sternenstaub in den Galaxien“ aufwirbelte. Einer der Comichelden war „Bravestarr“ (nein, ist nicht falsch, so war die Selbstschreibung), eine Mischung aus Lucky Luke und Han Solo. Der konnte nach Bedarf (über)sinnliche Fähigkeiten entwickeln, unter anderen die Sehschärfe eines Falken („Eyes of the Hawk“). Und: eine meiner ersten Begegnungen mit der National Basketball Association fiel in jene Zeit, als ich Space Sheriffs auf elektrischen Pferden für der Geschichtenerzählungs Weisheit letzter Schluss hielt.

In der ZDF Sportreportage, einer dieser heute ausgestorbenen Sendungen, in denen Sport noch in einer Tiefe beleuchtet wurde, wie man es heute nur noch von Blogs wie – sagen wir…NBAChef – kennt, wurde zu jener Zeit in einem längeren Beitrag ein Mann vorgestellt wie ein Zirkuspferd, das auf einem Huf Seiltänze vorführt. Es war eine Zeit, in der die Basketball Bundesliga „above the rim“ für eine B-Side von Run DMC gehalten wurde und die hiesigen Korbballer ein Trampolin gebraucht hätten, um mit beiden Händen gleichzeitig auf Ringniveau zu gelangen. So schaute ich als athletisch durchschnittlich begabter Mitteleuropäer offenen Mundes zu, wie ein Farbiger, den sie „The Human Highlight Film“ nannten, alle möglichen Gliedmaßen um alle möglichen Achsen drehte, während er in der Luft stand, um am Ende dieser schier überhumanen Bewegungen das relativ schwere Spielgerät von oben durch die Reuse zu stopfen.

Er spielte für ein Team namens Atlanta Hawks. Hawk wie der Vogel, dessen Augen der Bravestarr aufsetzen konnte wie Nerds die geränderte Brille. Schicksal! Mein Team war gefunden. Oder auch nicht. Es folgten die Entdeckung von Showtime, MJ, Det the Threat, vor allem aber von The Glove und The Reignman, und die Liebe zu Atlanta verging wie Dominique Wilkins‘ Karriere in Griechenland. Die Hawks wurden für mich, was sie für jeden sind: langweilig. Der Inbegriff von Langeweile. Francis-Ford-Coppolas-neue-Filme-langweilig.



Als ich das nächste Mal näher Notiz von den Hawks nahm, verdarben sie im Jahr 2010 ohne Not die Preise und statteten den Mann mit den alliterativen Initialen mit einem Kevin-Garnett-Gedächtnisvertrag aus, den ihnen später der Russe aus dem Borough abnehmen sollte. Doch auch dieses kurze, schale Spotlight änderte nichts an der graumelierten Unscheinbarkeit der Falken. Gäbe es den League Pass und die Helibilder aus Hotlanta nicht, die Hawks wären das Bielefeld der NBA. Man hätte kaum Belege für die Existenz, würde sie jemand bestreiten. Die Hawks sind immer nur dabei statt mittendrin.

Immerhin war man seit 2007 sechs Mal infolge in den Playoffs und gewann drei Serien. Das ist eine Bilanz, für die James Dolan seine Mutter verkaufen würde. Aber als nach Joe Johnson in diesem Sommer auch noch der Ex-Slam-Dunk-Contest-Champion Josh Smith vom Hof gejagt wurde, da wurde Atlanta endgültig wieder die Franchise, von der zu wenige wussten. Zumal Tanking in ATL ein Fremdwort zu sein scheint. Statt am Riggin‘-for-Wiggins-Wettlauf teilzunehmen, meldete man sich mit den Investments in Paul Millsap, Elton Brand und Kyle Korver im Heat/Pacers-Erstrundenopferwettbewerb an. Milwaukee in rot und blau, so in etwa.

Gegenwart: Stat-Salat grün!
Dank der mausgrauen Historie und der Überbezahlung von Mittelklasse Free Agents gerät aus dem Blick, dass es gerade in dieser Saison ungerecht ist, die Mannen aus dem Dirty South mit Nichtachtung zu strafen. Und das nicht nur wegen Dennis Schröder. Mit neuem Trainer aus dem schier unerschöpflichen Reservoir des Sporen-Stalls, einem noch jungen Executive Danny Ferry als Kopf des Front Office und einer um Über-Egos (Smith, Johnson) bereinigten, aber tiefen Mannschaft ist Atlanta '13/14 ein spannendes Projekt. Und bisher werden sie den Erwartungen auch gerecht.

Auf den ersten Blick wachsen im Zahlenwald zwar tatsächlich durchschnittlich hohe Büsche. Knapp positive W-L-Bilanz (18-17 Siege), 102.1 Punkte pro Spiel (Platz 13), 100.8 kassierte Punkte pro Abend (Platz 19) bei knapp überdurchschnittlicher Pace (97.2, Platz 11). Grau, grau, grau blüht der ATLian. Dabei ist die Wiese in Georgia durchaus grüner als anderswo.

Zugegeben: dass man in Atlanta eines von nur drei Teams des Ostens hat, das mit einer Plus-.500-Bilanz ins neue Kalenderjahr startete, ist eher der biblischen Schwäche diesseits der Appalachen geschuldet. Aber in der Heimat des besten Centers der NBA wächst etwas heran. Das Defensive Rating ist immerhin Top-10-Material (Platz 11 mit 102.2). Der 13. Rang beim Offensivrating (103.5) sieht wieder eher nach Durchschnitt aus. Guckt man näher hin, sieht man, dass Coach Mike Budenholzer einer der gelehrigsten Gregg-Popovich-Schüler ist. Die eFG% der Hawks wird nur von sechs Mannschaften übertroffen, darunter Budenholzers Ausbildungsbetrieb in San Antonio. Warum?

Weil der Ball geteilt wird und sich Atlanta hochprozentige Würfe erspielt. 887 Assists in 35 Spielen (25.3 pro Spiel) sind NBA-Spitze, genau wie die Assist-Quote von 66.4%. Oder anders: zwei von drei getroffenen Würfen der Hawks sind assistiert. Trotz der vielen Pässe liegt die Turnover-Rate (15.6) genau im Ligadurchschnitt. Richtig ist, dass all diese Werte auf dem bisher zweitleichtesten Fahrplan der Liga erspielt wurden. Das SRS weist nur Platz 15 aus. Und: gegen die Top-Teams gab es bisher überhaupt nichts zu erben. Nur der Erfolg gegen die LA Clippers ließ aufhorchen. Die Bilanz von 1-6 gegen West-Teams über .500 ist Wasser im Hawks-Wein. Aber seit wann muss man sich für die Schwäche der Divisions- und Conferencerivalen entschuldigen?

Stars: check!
Wo sind die Stars? Wer soll die Trikots mit dem ATL-Schriftzug verkaufen? Wer dem kurzen Tagtraum von Chris Paul und dem einstigen Schüler der Southwest Atlanta Christian Academy, Dwight Howard, nachhing, dem mag die Verpflichtung von Paul Millsap wie das häßliche Stofftier in der Kirmeslotterie vorkommen, in der Kinder auf das zu gewinnende Fahrrad hoffen. „This‘ the shit“ statt „Yes! We! Did!“. Nur scheint mancher im smogigen Süden den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Falls jemand bei der Nummernkaskade kurz weggenickt ist: Atlanta hat den neben LaMarcus Aldridge am meisten unterschätzten Big Man der Liga in seinen Reihen. Sein Name: Al Horford.

Sehen wir mal ab davon, dass der Mann in praktisch allen relevanten Kategorien Karrierehöchstwerte auflegte, obwohl er so wenig spielte wie seit seiner Rookie-Saison nicht mehr. Welcher Center/Forward in der NBA tut, was Al Horford tut? Also 18.6 Punkte, 8.4 Rebounds, 2.6 Assists und 1.5 Blocks in gerade mal 33 Minuten pro Spiel auflegt? Kurz, knapp und bündig: niemand. Für marginal bessere Zahlen pro-36-Minuten werden LaMarcus Aldridge jeden Tag potentielle MVP-Kränze geflochten. 



Im Schatten des chronisch unterschätzten Horford gibt es weitere imposante individuelle Entwicklungen. Zum Leidwesen von Dennis Schröder wurde der 34. Pick von 2011, Shelvin Mack, zu einem validen NBA-Backup-Point Guard. Auf 36 Minuten liefert er fast 15 Punkte und 7 Assists bei nur knapp 1.5 Turnovers. Millsap, dem sie vor der Saison im Mormonenstaat nachriefen: „Geh mit Gott, aber geh!“, ist einer dieser raren Spieler, der macht, was man erwartet und kein Aufhebens darum macht. 17.6 PPG/8.7 RPG/2.7 APG sind wie die Hawks: Unaufgeregt, effektiv, solide. Bemerkenswert sind allerdings Millsaps Career High beim individuellen Defensivrating (100) und der in bescheidenem Umfang entdeckte Dreier (40.4% bei 2.6 Versuchen pro Spiel).

Ähnlich underrated ist Jeff Teague. Klar, den – nur nebenbei: immer noch erst 25-jährigen – Einser verwechselt auch in dieser Saison niemand mit Tony Parker. Aber ein letzter Ausflug ins Zahlendickicht: mindestens 16.9 PPG bei über 40% FG, 81% von der Linie und 8 oder mehr APG liefern sonst nur Stephen Curry, John Wall, Ty Lawson und ein gewisser Chris Paul. Für den deutschen Basketballfan verkörpert Dennis Schröder den Grund, sich für die vermeintlich grauen Falken die eine oder andere Nacht um die Ohren zu schlagen. Und dann ist da noch der Mann, der aussieht wie der bei der Geburt getrennte maskulinere Zwilling von Ashton Kutcher und der vor kurzem einen neuen, historischen Rekord auflegte: In mittlerweile 104 aufeinanderfolgenden Spielen versenkte Kyle Korver mindestens eine Bombe von Downtown. Das alles hat nichts mehr von „Human Highlight Film“, sondern ist eher was für B-Ball-Puristen. Aber Stars sind da. Man muss sie nur sehen wollen. Atlanta ist nicht langweilig. Jedenfalls nicht, wenn die Spurs interessant sind.

Zukunft: nicht rosig, aber…
Die nahe Zukunft heißt wohl Postseason. In der unterirdischen Eastern Conference könnte sogar Platz drei und die zweite Runde in Reichweite geraten. Wer sollte die Old-School-Ballteilermaschine daran hindern? Unter dem Strich sehen die Hawks aus wie in den letzten Jahren meistens. Solides Erst- bis Zweitrundenmaterial. Minus JJ-Iso-Ball und einen Small Forward im Körper eines Vierers mit unerwiderter Liebe zum Sprungwurf. Langweilig sind sie mitnichten. Die Frage ist nur: Wohin geht dieses Team dann? Der Sprung vom Postseason-Teilzeitler zum Contender ist schwierig und in Atlanta nicht absehbar.

Das Team steht im Kern – es gibt kein besseres Wort – solide da. Die Twin Towers für Einkommensschwache stehen bis 2015 (Millsap) bzw. 2016 (Horford) unter Vertrag, der noch nicht an die Potentialdecke gestoßene Teague und der vielleicht beste Schütze der Liga (Korver) haben sogar Deals bis 2017. Jenkins und Schröder könnte man per Teamoption ebenfalls noch drei bzw. vier Jahre in Georgia halten. Die Kontrakte der eher Kadertreibgut verkörpernden Elton Brand, Gustavo Ayon und Pero Antic laufen im Sommer aus. Man ist flexibel wie einst die Rockets. Allein 2014/2015 sind (Stand heute) mehr als 10 Mio. $ Cap Space zu vergeben. Aber dass sich ein (werdender) Free Agent aus dem Premiumregal, ggf. per Sign & Trade, nach Georgia verirrt, ist und bleibt unwahrscheinlich. 

So kann es nur um natürlich begrenztes, organisches Wachstum gehen. Das ist übrigens nicht die schlechteste Umgebung für die Entwicklung des Dennis Schröder, noch dazu mit einem deutschstämmigen Trainer, der Langzeitprojekte wie Tony Parker oder Danny Green mitentwickelt hat. Nur ein Superstar der Marke Tim Duncan in seiner Prime fehlt und wird wohl auch nicht zu haben sein. Dass Horford mit jetzt 27 Jahren den Schritt in den LeBron/KD/CP3/PG-Club noch macht, darf man bezweifeln. So bleibt Danny Ferry nur, die Salary-Struktur beweglich zu halten und den Markt zu beobachten. Auf dass er mit den Augen eines Falken eine Gelegenheit Marke James Harden erkennt. Und so die öffentliche Wahrnehmung von den Hawks endlich der durchaus guten Substanz seines Teams anpasst.


Edit: Ein von der furchtbaren NBA-Realität Edition 2013 rechts überholter Artikel. Mit Al Horford „out indefinetely“ nach der zweiten schweren Schulterverletzung seiner Karriere macht der einzige Hawks All-Star wohl bis Oktober 2014 kein Spiel mehr. So wird Atlanta in die Riege der Teams mit schönen Plänen eingereiht, deren vorsorgende, flexible Kaderplanung an irgendwelchen Bändern, Knorpeln, Muskeln und medizinischen Fachbegriffen zerschellt. Im Osten sollte es dennoch für die Postseason reichen. Ansonsten bleibt nur zu sagen: "Get well, Al!"