23 Januar 2014

Sebastian Dumitru | 23. Januar, 2014    @nbachefkoch





Die Zeit beginnt den Milwaukee Bucks davon zu laufen wie Hirsche, die ein Atmen im Walde vernehmen. Nicht auf dem Parkett. Da ist in dieser Saison schon längst Bast auf Geweih verloren. Zur Halbzeit 2013/14 haben die Bucks noch nicht einmal zehn Siege errungen. Ihre Negativbilanz von 8-33 ist die mit Abstand schlechteste der Liga. Verletzungssorgen, fragwürdiges Coaching, unklare Rollen und interne Querelen (wer will's den Spielern bei soviel angestautem Frust verdenken?) haben zu vielen Fragen geführt. Eine von ihnen ist sicherlich, ob die mieseste Bucks-Saison aller Zeiten (20-62, aufgestellt in '93/94 von einem Haufen, aus dem Frank Brickowski als der mit Abstand beste Spieler heraus ragte) von der diesjährigen Edition locker unterboten werden könnte. Zur Zeit sieht es ganz danach aus.

Schlimmer noch als die verlorene Saison auf dem Hartholz ist aber die herunter tickende Zeituhr bei der Arenafrage, die schon bald zur alles entscheidenden werden wird. Der aktuelle Leasing-Vertrag mit dem Bradley Center (dessen Namensrechte 2012 an die BMO Harris Bank verkauft wurde) und der Stadt Milwaukee läuft noch bis 2017. Schon zwei Jahre vorher allerdings, 2015, muss eine Entscheidung seitens der Teamverantwortlichen fest stehen, wie es in Zukunft mit den Bucks und Milwaukee weiter gehen soll. Denn, und das habt ihr hier an dieser Stelle schon häufiger gelesen/gehört: das Bradley Center ist in der aktuellen Verfassung nicht mehr tragbar für die Basketball Association.

Das Bradley Center, erbaut 1988 vor Christus, gehört zu den ältesten Arenen der Liga (nur der Palace of Auburn Hills in Detroit und der Madison Square Garden in New York sind noch älter, aber beide wurden mehrfach renoviert) und wird allgemein als schäbigste Hütte weit und breit beschrieben. Zurecht. Die NBA sieht gar nicht gerne, wenn ein Standort seine Profitabilität verliert, denn es geht ihr natürlich in allererster Linie darum, Geld zu machen. Wenn die Arena nicht mehr zeitgemäß ist, wenn das Zuschauerinteresse nachlässt, wenn die korrodierende Infrastruktur zulasten des Verdienstes geht, dann sieht sich die Liga gezwungen zu handeln. Der Markt ist hart umkämpft, und zu jeder Zeit stehen mindestens fünf Städte parat, die das liefern können, was die NBA sehen will. Der neue Commissioner Adam Silver mahnte vor der Saison: "Eines der größten Probleme, die auf uns zukommen werden, ist zweifelsohne die Sache mit der neuen Arena in Milwaukee. Die Halle ist zu klein."

Die Sacramento Kings steckten lange Zeit in derselben Zwickmühle und konnten nur in allerletzter Sekunde verhindern, dass der Klub in diesem Sommer nach Seattle umsiedelt. Seattle, da war doch mal was!? Richtig: auch die Stadt im äußersten Nordwesten der USA verlor ihre NBA-Mannschaft einst an einen Investor, Clay Bennett, der nach geplatzten (und abgekarteten) Arena-Verhandlungen mit dem Team in eine andere Stadt zog - nach Oklahoma City, wo er lebt und arbeitet.

Die gute Nachricht für Milwaukee: das Team gehört nach wie vor dem ehemaligen US-Senator Herb Kohl, einem Multimillionär, der dort geboren und aufgewachsen ist und keinerlei Intentionen hegt, den Klub an jemanden zu veräußern, der nicht langfristig in der Bierstadt bleiben möchte. Kohl weiss, wie wichtig die Bucks für die kleine US-Metropole sind, wie wichtig ein neuer Sport- und Entertainment-Komplex in der Stadtmitte für die lokale Wirtschaft letztendlich wäre: "Als ich das Team 1985 kaufte, tat ich das aus einem einzigen Grund - um das Team hier zu behalten. Diese Priorität habe ich auch heute noch, wie schon mein Vorgänger Jim Fitzerald. Es wäre verheerend für Milwaukee und die Umgebung, wenn wir unsere NBA Franchise verlieren würden, ein gigantischer Rückschritt für unsere Gemeinde. Das will ich nicht. Ergo steht dieses Anlagegut für Außenstehende nicht zum Verkauf."

Kohl ist nun dazu übergegangen, aktiv nach neuen Co-Investoren zu suchen. Sowohl für den Klub, dessen Anteile er zu einem gewissen Teil bereit ist, abzustoßen. Als auch für den Bau einer neuen Arena, eingebettet in einen ganzen Komplex, der Restaurants, Bars, Shopping-Malls und Konzerthallen mit einschließt. Die synergetischen Effekte solcher "Entertainment-Center" für die jeweiligen Gemeinden sind nachhaltig bekannt. Problematisch wird es nur, wie so oft, wenn's an die Peseten geht. Die neue Arena in Downtown Sacramento, deren Finanzierung erst in letzter Sekunde gewährleistet werden konnte, wird zum Beispiel mindestens 450 Millionen Dollar kosten. Das ist ein Brett. Bürgerrechtler und Parteien in Milwaukee haben bereits harten Widerstand gegen eine geplante Zusatzsteuer angekündigt, mit der man, wie eigentlich üblich, öffentliche Gelder anzapfen will. Man hat ganz andere Probleme, egal ob auf infrastruktureller, kultureller oder Bildungsebene. Das Budget ist eng.


Der Segen könnte auch hier Kohl heißen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Obwohl er selbst bei einem (Teil-) Verkauf (der Wert der Franchise wird auf 400 Mio. $ geschätzt) offensichtlich bereit wäre, mehr als 100 Millionen Dollar aus eigener Tasche zu spendieren, um den Fortbestand der Bucks in seiner Stadt zu garantieren, gehört er zu den "ärmsten" Besitzern der Association. Wir sind hier also ganze Galaxien vom Planeten Prokhorov entfernt - und das nicht nur, weil Milwaukee einer der kleinsten Märkte der USA ist. Forbes hat die Bucks zum dritten Mal in Folge als "am wenigsten wertvolle" NBA-Team evaluiert, obwohl auch dieser Klub von den ständig steigenden Mehreinnahmen aus TV- und Werbeverträgen profitiert und seinen Wert im letzten Jahr um mehr als ein Drittel erhöht hat. Der schlechte Zuschauerzuspruch (Platz 29, zum dritten Mal in Folge unter den schlechtesten Fünf) und der in dieser Saison unterirdische Basketball tragen auch nicht gerade dazu bei, die Marke "Bucks" nachhaltig zu stärken.

Noch hat Milwaukee ein wenig Zeit. Knapp ein Jahr bleibt Kohl noch, um eine Investorengruppe um sich zu scharen und der Basketball Association zumindest eine Teilverbesserung in Aussicht zu stellen, mit der sich Commissioner Stern Silver & co. dann zufrieden geben können. Neueste Entwicklungen prophezeien sogar eine Einigung vor dem Stichtag Anno 2015. Es sollen mindestens vier Handelspartner zur Verfügung stehen, die Kohls Anforderungen erfüllen würden. Einer von ihnen könnte sogar Caron Butler sein, der seine Laufbahn allerdings beenden müsste, um Anteile an einer NBA-Franchise erwerben zu können. Ob all diese Interessenten allerdings nur die Bucks erwerben möchten als de facto Aktie, die angesichts des bald zu verhandelnden neuen TV-Deals der NBA schon bald doppelt so viel Wert sein dürfte - oder sich dann auch bereitwillig mit den immer langwierigeren und komplexeren Verhandlungen für eine neue Arena auseinander setzen oder im Notfall sogar den Bau selbiger mitfinanzieren, das wird erst die Zukunft zeigen. Unter'm Strich, soviel steht fest, geht es für das schlechteste Team dieser Saison um mehr als einen hohen Pick im nächsten Draft. Nochmal Kohl: "Ohne neue Investoren und ohne neue Arena, würde Milwaukee sein Team verlieren? Ja!"