29 Januar 2014

Rainer Ludwig | 29. Januar, 2013    @Sly_S04





Milwaukees Coach Larry Drew gehört momentan neben Tyrone Corbin in Utah zu den zwei umstrittensten Coaches der NBA. Der Shitstorm des eigenen Fan-Lagers gegen die Taktiken, Rotationen, Aufstellungen und Systeme des Bucks-Trainers will einfach nicht abklingen. Von der schwächsten, stupidesten und unausgewogensten Offensive aller Zeiten ist häufig die Rede. Man stellt sich oft die Frage, welchen Mehrwert dieser Larry Drew für die Hirsche überhaupt darstellt. Youngster kann er offenbar nicht entwickeln und aus den alten Haudegen holt er nicht das Maximum heraus. Ein System kann man selbst mit der Lupe nicht ausfindig machen. 

Ich für meinen Teil finden einen Großteil der Kritik an der Arbeitsweise des ehemaligen Hawks-Coaches unangebracht und unsachlich. Die Kritik trifft hier genau den falschen. Es gibt ganz andere Angestellte in der Bucks-Organisation, die für dieses Schlamassel verantwortlich sind. Man muss nur die Arbeitsweise und Philosophie der Verantwortlichen im Front-Office etwas näher betrachten und schon stellt man fest, dass sich die alte deutsche Weisheit "der Fisch stinkt immer vom Kopf" auch im Basketball oft bewahrheitet.  Um die Fehler des Front-Office soll es hier aber nur am Rande gehen. Statt dessen wollen wir diesmal ein paar der Vorwürfe an Drew genauer untersuchen. 

Vorwurf 1: 
Die Bucks-Offensive ist historisch schlecht, es ist kein System erkennbar und man spielt katastrophal anzuschauenden Basketball.

Ganz ehrlich: Was hat die Basketball-Welt denn erwartet ? Dass Drew aus diesem katastrophal zusammengewürfelten Haufen eine vielseitige Offensive á la San Antonio Spurs formt ? Eine Flow-Offensive benötigt intelligente Basketballer, die neue Spielsituationen intuitiv lesen können und sofort die richtige Entscheidung treffen. Sei es ein cleverer Cut, wenn es die Spielsituation erfordert, ein gut getimter Screen, wenn ein Mitspieler dabei ist sich freizulaufen oder ein smarter Pass, falls die Defensive eine Passlücke anbietet. Ich hab mir mal die Mühe gemacht und bin den ganzen Bucks-Kader durchgegangen, um einen Spielertypen zu finden, der exakt dieses Anforderungsprofil erfüllt, und ich suche immer noch vergebens. 

Caron Butler, der sofort auf den Abzugshahn drückt, sobald der Basketball seine Hände erreicht und der immer noch nicht erkannt hat, dass bei ihm Anspruch und Wirklichkeit nach über zehn Jahren Basketball in der besten Liga der Welt immer noch weit auseinander klaffen? Ersan Ilyasova, der in dieser Saison kein Scheunentor trifft und nur dank seiner Stretch-Four-Funktion eine Daseinsberechtigung in der NBA hat? Oder der noch nie für sein Decision-Making gepriesene OJ Mayo, den aufgrund seiner Mängel in dieser Komponente keiner mehr in Dallas sehen wollte? Wie wäre es mit Larry Sanders und John Henson? Sind das nicht die beiden Big Men, die gegnerische Defensiven ausserhalb der Zone überhaupt nicht respektieren müssen und sich folglich anderswo bemühen können? Stellte man sich nicht schon vor der Saison die Frage, wie ein Frontcourt aus Sanders und Henson (vom Spacing, der Fähigkeit, sich eine tiefe Post-Position zu verschaffen und dem Lesen der Verteidigung will ich erst gar nicht anfangen) ohne ein auch nur rudimentär vorhandenes Passspiel in den Post koexistieren kann?

Denn da wären ja auch noch die super-elitären (nicht) Pass-First-Point Guards Brandon KnightLuke Ridnour und Gary Neal. Weshalb wurden denn alle drei auf die Shooting-Guard-Position versetzt? Richtig, weil sie keine Verteidigung lesen können, Spielsituationen nicht erkennen, Bälle nicht durch Passlücken bringen, tonnenweise schlechte Entscheidungen treffen und ihre Mitspieler keinen Deut besser machen. Gerade dieser Aspekt ist doch signifikant, weiß man doch um die Notwendigkeit eines smarten Point Guards, um ein System, jedes System, zum Laufen zu bringen. Nicht von ungefähr setzte Drew vor der Saison alle Hebel in Bewegung, um seinen alten Schützling und Liebling Jeff Teague aus Atlanta nach Milwaukee zu lotsen. Das offer sheet der Bucks wurde von den Hawks gematcht, und nachdem sich auch noch Brandon Jennings in Richtung Detroit verabschiedete, stand Drew in Milwaukee ohne Einser da. 

Grundsätzlich sieht immer jeder Trainer schlecht aus, wenn er vom Management nicht das Personal zur Verfügung gestellt bekommt, welches für sein System unabdingbar ist. Man denke nur an Mike Woodson oder Mike Brown, die den Ruf genießen, miserable Offensiv-Coaches zu sein, dafür aber ein Team defensiv extrem standfest machen zu können. Fehlen aber beiden die Vollblutverteidiger, die sich defensiv reinhängen und hinten den Überblick behalten, endet der Plan in einem Fiasko - wie in diesem Jahr bei den Cavs und Knicks. Ähnliche Probleme hat momentan auch Milwaukee. Zu oft wird meiner Meinung nach von Experten gefordert, dass ein Coach drei oder vier Systeme auf Lager haben müsste, um sein System jederzeit an sein Personal anzupassen. Dabei wird mir jedoch zu oft vergessen, dass die Trainer zu meist auch nur Fachidioten sind, die eine Sache famos beherrschen und an neuen Dingen meist scheitern. "Schuster, bleib bei deinen Leisten," sag ich nur. 

Lange Rede, kurzer Sinn: Trainer können mit ihren System nur dann erfolgreich sein, wenn das Management ihnen das passende Personal zur Seite stellt. Diesen Anspruch haben die Bucks-Verantwortlichen im Sommer kläglich verfehlt. Frischlinge wie der "Greek Freak" Giannis Antetokounmpo oder Point Guard Nate Wolters können noch nicht den Impact bringen, den Milwaukee bräuchte. Nur weil der griechische Rohdiamant Antetokounmpo exzellente Anlagen besitzt und regelmäßig eins, zwei atemberaubende Dunks im Fastbreak zeigt oder im Open Court mit einem fein getimten Pass den Mitspieler findet, heißt das noch lange nicht, dass er einen Mehrwert im Half-Court-Spiel darstellt. Gerade da muss Giannis noch vieles lernen. Im Half-Court läuft er oft wie Falschgeld herum und zerstört dadurch sämtliches, mühevoll generiertes Spacing. Trotz all seines Talentes, seiner Antizipation und seines Spielverständnis ist der "Greek Freak" noch lange kein Playmaker oder Fokalpunkt einer Offensive. Das Verstehen einer NBA-Verteidung, sein Wurf, sein Post-Spiel und der ein oder andere Hesitation-Move müssen sich bei ihm erst noch entwickeln. Auch Wolters zeigt viele Rookie-Fehler, als Full-Time Einser ist er noch lange nicht soweit.



In Milwaukee sind also selbst die einfachsten Spielzüge nicht produktiv. Wie soll zum Beispiel ein Pick & Roll mit dem vorhandenen Personal jemals eine erfolgreiche Strategie sein, wenn die Center Schwierigkeiten haben, harte Screens zu setzen, praktisch kein Verständnis für ein gut getimtes Abrollen im richtigen Moment mitbringen und von der gegnerischen Defensive nur direkt unter dem Korb respektiert werden müssen? Die Folge aus diesem Dilemma ist natürlich, dass die gegnerische Defensive den Ballhandler doppeln und versuchen kann, diesen zu einer schnellen und schwierigen Entscheidung zu bewegen, was natürlich für einen Knight, Neal, Ridnour oder Mayo katastrophal ist, da alle vier mit genau dieser Spielsituationen nicht umgehen können und zu viele Mängel in ihrem Spiel aufweisen, um dieses Problem zufriedenstellend zu lösen. Selbst ein simples Post-Up entwickelt sich bei den Hirschen zur Mammutaufgabe. Sanders und Henson tun sich enorm schwer damit, gegen korpulente Big-Men eine tiefe Post-Position zu verschaffen. Gepaart mit der Malaise der Point Guards, die keine vernünftigen Entry-Pässe unter dem gegnerischen Druck der Verteidigung spielen können, kann Drew die meisten Offensivsets eigentlich fast vollständig aus seinem Playbook streichen. 

Vorwurf 2: 
Drew setzt zu wenig auf die jungen Spieler und diese entwickeln sich nicht weiter. Außerdem verändert er viel zu oft die Line-Ups.

Jeder sollte sich immer wieder die Direktive des Front-Offices vor Augen führen. Diese lautete: Aus dem aktuellen Kader das Maximum heraus holen und unter allen Umständen die Playoffs erreichen! Drew sollte einfach nur das vorhandene Personal so gewinnbringend wie nur irgend möglich einsetzen. So illusorisch das ganze auch klingt und so sprachlos einen diese Denke auch macht: Selbst nach dem Ausfall von Defensivanker Larry Sanders war man im Front Office überzeugt davon, eine Playoff-taugliche Mannschaft zusammengestellt zu haben. Folglich stand Drew von Beginn an unter enormem Druck. Es ging für ihn nie darum, junge Spieler zu entwickeln, sondern alles in die Waagschale zu werfen, um mit den Bucks die Playoffs zu erreichen - ein Ziel, welches für diesen Klub und seinen Besitzer überlebenswichtig ist. 

Ab diesem Zeitpunkt war eigentlich schon klar, dass Drew mindestens eine Seite enttäuschen würde. Würde er die alten Haudegen ans Werk lassen, die natürlich durch ihren Erfahrungsvorsprung einen klaren Vorteil genossen, um das Front Office zu besänftigen, würde er zwangsweise den Zorn der Bucks-Fans auf sich ziehen. Diese haben, im Gegensatz zum Front Office, nämlich keine Lust mehr auf jahrelanges Mittelmaß, Ich-AGs und einen schwachsinnigen Teufelskreis mit den immer selben Resultaten, und bestrafen die Führungsriege mit konsequentem Fernbleiben bei den Heimspielen, was das oft halbleere Bradley Center erklärt. (Andererseits: wer will den Mist denn freiwillig sehen?)

"You have to know who you are," lautet die Devise der Fans. Diese betrachten die Lage nämlich nüchtern: Über die Free-Agency wird kein elitärer Spieler jemals freiwillig den Weg ins kalte und langweilige Milwaukee finden, und sämtliche Trades endeten bisher fast immer in einem Fiasko (in Orlando und Golden State grinst bestimmt gerade wieder jemand über die Geschenke von Bucks-GM John Hammond, der Tobias Harris und Andrew Bogut für keinen verbliebenen Gegenwert veräußerte). 

Folglich fordern die Fans das einzig Richtige und Sinnvolle: Den Kader über den Draft mit jungen, talentierten Spielern verstärken und in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren ein vielversprechendes Team konstruieren, bei dem Zuschauen wieder Spaß macht. Man attestiert Hammond im Fan-Lager zumindest die Fähigkeit, clever und mit Weitsicht zu draften. Ein Kompliment, welches durch die Auswahl von Henson, Sanders und Antetokounmpo nicht allzu weit hergeholt ist. Man ist sich zwar uneins darüber, ob Sanders und Henson aufgrund ihres Charakters (Sanders) und ihrem spielerischen Potenzial (Henson) überhaupt noch weiter Teil dieses Projektes sein sollten, aber zumindest herrscht Einigkeit darüber, dass man im Laufe der verbliebenen Saison '13/14 nur noch die jungen Wilden einsetzen dürfte (Khris Middleton, Antetokounmpo, Knight, Wolters, evtl. Henson/Sanders). Die satten Veteranen würde man natürlich idealerweise gegen ein Anlagegut oder zwei (Draft-Picks, weitere junge talentierte Frischlinge) vom Hofe jagen. 

Drew trifft auch in Punkto Talententwicklung keine große Schuld. Er hat einfach nur wie jeder halbwegs vernünftige Angestellte gehandelt, der seinen Job behalten möchte und versucht, die Direktive der Bosse in die Tat umzusetzen. Die Veteranen sollten Drews Plan umsetzen und das Team in die Playoffs tragen. Dieses Vorhaben endete in einem Disaster, für das sicherlich auch Drew mitverantwortlich ist, zumal er ja mit großen Vorschusslorbeeren aus Atlanta akquiriert wurde und den Kader aufstellt. Letztendlich ist er aber auch irgendwo Opfer der widrigen Umstände geworden. Man kann Drew wohl kaum für folgende Prozesse verantwortlich machen:

1. ... dass Mayo all seine Motivation in Dallas gelassen hat und in der schlechtesten Form seines Lebens bei den Bucks auftauchte. Eine halbwegs vorbildliche Arbeitseinstellung sieht anders aus. Mayo hat ganz offensichtlich keine Lust auf Milwaukee, und die Fans haben keine Lust auf seine Bocklosigkeit. 

2. ... dass Ilyasova zwischenzeitlich kein Scheunentor mehr trifft und sämtliche gut herausgespielte, offene Würfe nicht vollenden kann. Bringt Ilyasova nicht mindestens diese Komponente ins Team ein, stellt er keinen Mehrwert für diese Truppe dar. Alle anderen Facetten, die man von einem Power-Forward in der NBA verlangen sollte, sind bei ihm ohnehin nur rudimentär ausgebildet. Es scheint so, als hätte Ilyasovas neuer Vertrag ihn gesättigt.

3. ... dass Butler sich ständig über mangelnde Spielzeit beschwert und sämtlichen Flow in der Offensive durch seine egoistische Spielweise im Keim erstickt.

4. ... dass die Veteranen eher durch Lustlosigkeit auffallen, anstatt den Youngstern mit ihrer Arbeitseinstellung als Vorbild zu dienen. Viele der alten Hasen sind vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Obwohl die Strategie des Front-Office im Sommer keine schlechte war, haben die Bucks die denkbar schlechtesten Veteranen für diese Taktik ausgesucht. Wie es richtig gemacht wird sieht man in Oklahoma City: Dort dienten Nick Collison, Thabo Sefelosha und Kendrick Perkins jungen Spielern wie Durant, Westbrook und Ibaka lange als Vorbild in Sachen Professionalität.

5. ... dass Sanders so lange ausfallen würde und sich nach seiner Rückkehr von der allgemeinen Lustlosigkeit anstecken lassen oder auf direkten Konfrontationskurs gehen würde. Mit dem Defensivanker aus dem letzten Jahr hat Sanders nicht mehr viel gemein. Die Defensive, die die Bucks letztes Jahr so stark machte und die ineffiziente Offensive von Jennings und Monta Ellis wenigtens kaschierte, existiert nicht mehr. 



Alles neu?
Wie reagierte Drew? Er stellt nur noch strikt nach dem Leistungsprinzip auf. Dieser sinnvollen Barriere fielen unter anderem Butler, Neal und Mayo zum Opfer, welche sich fortan mit einer Rolle von der Bank zufrieden geben müssen. Das Experiment mit Knight als Starter auf der Eins wurde schnell wieder ad acta gelegt (Gott sei Dank!), Knight wurde - zwar spät aber immerhin - auf die Zwei beordert, wo er sich als Scorer mit mehr Freiheiten deutlich wohler fühlt. Antetokounmpo erhält mittlerweile seine Chance als Starter auf der Drei, obwohl er eigentlich noch zu viele Mängel in seinem Spiel aufweist. Dennoch kann ihm und den Bucks diese frühe, intensive Lernphase nur gut tun. Middleton wird durch seine überraschend starken Auftritte und seine Fähigkeit von jenseits der Dreierlinie - ein Element, das die Bucks aufgrund mangelnder Alternativen im Front-Court so dringend benötigen - viel konsequenter am Ende von Spielzügen an seinen Lieblings-Spots mit Vorlagen gefüttert und dankt für das Vertrauen mit soliden Spielen, ohne negativ aufzufallen. Henson war der bisher konstanteste Big Man und profitierte von langwierigen Verletzungen bei Sanders und Zaza Pachulia, dessen baldige Rückkehr wenigstens ein bisschen Stabilität und Durchsetzungsvermögen in den Bucks-Frontcourt zurück bringen sollte.

Fazit
Die Bucks sind mies, und Drew trägt sicherlich eine Teilschuld an der Misere. Eine solch desolate Bilanz (8-36) und das chronisch unattraktive Spiel beim schlechtesten Team der Liga lässt sich nicht schön- oder gar weg reden, weder mit Verletzungspech noch mit anderen Faktoren. Allerdings trägt das Front Office die Hauptschuld für dieses Fiasko. Dieser Kader ist so inkompatibel zusammengestellt und so unfassbar schlecht, dass jeder NBA-Fan nicht einmal 20 Minuten braucht, um festzustellen, wie erschreckend limitiert und lustlos viele der Spieler in Weiss/Grün agieren. Es gibt zur Zeit keinen anderen Trainer in der Association, der unter derart miesen Umständen und mit derart vielen Restriktionen arbeiten muss, wie Larry Drew. Das sollte man sich unbedingt vor Augen führen, bevor man das nächste Mal Pauschal-Urteile trifft und wieder einmal das schwächste Glied in der Kette verantwortlich macht.