18 Januar 2014

Sebastian Hansen | 18. Januar, 2014   






Sonntag, 22.12.2013, Chesapeake Energy Arena in Oklahoma City. Die Thunder spielen gegen Toronto, das Spiel ist knapp. Kevin Durant zeigt eine durchschnittliche Leistung, neben ihm bringt Russell Westbrook eines seiner besten Spiele in der Saison, kommt am Ende auf 27 Punkte, 9 Rebounds und 5 Assists bei 8-17 aus dem Feld. Trotzdem muss das Publikum in Oklahoma die erste Heimniederlage in '13/14 verkraften. 

Wechsel der Szenerie. Selber Ort, aber einen knappen Monat vorher. Da geht es gegen die Spurs, eines der besten und konstantesten Teams der Liga. Durant spielt ähnlich, Westbrook jedoch absolut unterirdisch. Für 6 Punkte braucht er 16 Würfe, trifft keinen Dreier und nur 2 von 4 Freiwürfen. Die Spurs fliegen am Ende des Spiels trotzdem ohne Zählbares zurück nach San Antonio. 

Doch weshalb? Warum gewinnt OKC gegen ein Topteam, obwohl mit Westbrook der Schlüsselspieler des Teams einen Tag zum Vergessen erwischt und verliert gegen Toronto trotz der Top-Leistungen der Stars? Der Grund dafür liegt in einigen Spielern, für die die Experten vor der Saison nach dem Abgang von Kevin Martin fast nur folgende Beschreibungen übrig hatten: zu unerfahren, zu jung, zu schlecht für einen Contender. Die Rede ist von der Bank der Thunder, bestehend aus den Youngstern Reggie Jackson, Jeremy Lamb, Perry Jones und Steven Adams. Flankiert werden sie von den erfahrenen Derek Fisher und Nick Collison. Die Second Unit ist neben Westbrooks Fitness für die Thunder der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg in dieser Saison.

Im Spiel gegen Toronto ging speziell bei Jackson gar nichts, er warf 1/11 aus dem Feld für 6 Punkte. Lamb war mit einem von vier Dreiern kaum besser. Gegen die Spurs dagegen hatte Jackson bis dato sein bestes Spiel für OKC, erzielte 23 Punkte, traf 10 von 14 Würfen. Lamb legte 12 Punkte obendrauf. Auch sonst lief es im bisherigen Saisonverlauf meist so: war die Bank gut, stand am Ende fast immer ein Sieg. Umgekehrt, gerade nach Westbrooks erneuter Verletzung, immer öfter nicht. Trotzdem zeigen insgesamt gesehen besonders die jungen Spieler, was in ihnen steckt und strafen die Kritiker lügen. Was macht sie so erfolgreich?

Reggie Jackson
Bis zu Westbrooks erneutem Ausfall war Jackson der sechste Mann der Thunder. Er sollte beim Scoring die Lücke füllen, die Kevin Martin hinterlassen hatte und gleichzeitig durch Playmaking und gute Defense glänzen - Eigenschaften, die Martin abgingen. Obwohl der US-Journalismus im Vorfeld daran gezweifelt hatte, legte RJ von der Bank aus stark verbesserte 12,8 PPG, 3,3 APG, 3,8 RPG bei Quoten von 47/33/94 auf und beging nur 1,8 Turnover pro Spiel. Dabei wirkte er oft genug als Katalysator in der Offense der Thunder und brachte das Team gerade durch seinen aggressiven Zug zum Korb voran. Doch Jackson ist niemand, der nur am Ring abschließen kann. Er trifft auch den Midrange-Jumper inzwischen einigermaßen konstant und seine Dreierquoten haben sich seit Saisonbeginn signifikant verbessert (zuletzt knapp 36% im Dezember). Jackson ist mittlerweile der viertwichtigste Spieler in OKC und die anfangs beschriebenen Spiele bestärken diesen Eindruck nur noch. 

Jeremy Lamb
Lamb hat das Pech, dass ihm wohl noch lange das Prädikat „Der Spieler, gegen den James Harden getraded wurde“ anheften wird. Doch das ist vollkommen unverdient. Vom No-Name hat er sich in den vergangenen Monaten zu einer ernstzunehmenden Waffe auf der Zwei entwickelt. Der Dreier sitzt. Und zwar nicht nur der komplett offene, Lamb muss auch ernst genommen werden, wenn der Verteidiger keine zwei Meter Abstand hält. Seine 9,9 Punkte und die guten Quoten aus dem Feld hatte ihm wohl vor der Saison keiner zugetraut und trotzdem liefert er an den meisten Abenden ab. Einige Off-Nights und die (noch) etwas zu schlechte Verteidigungsleistung trüben das Bild zwar ein bisschen, sind aber für einen Sophomore vollkommen normal. Und Lamb darf immer öfter am Ende des Spiels auf dem Feld stehen – und trifft dann auch die wichtigen Würfe.



Derek Fisher 
Als im Sommer sein Vertrag als dritter Point Guard für wenig Minuten und umso mehr Lockerroompräsenz um ein wohl letztes Jahr verlängert wurde, konnte noch niemand ahnen, dass Fisher nun über eine lange Zeitspanne hinweg den Backup auf der eins geben muss. Und Fishers Qualitäten in Sachen Einsatz und Defense in Ehren, aber er ist einfach inzwischen zu alt um ein Spiel wirklich organisieren und leiten zu können. Normal sollte er immer als Off-Guard neben Jackson oder Westbrook agieren, was er aufgrund seines Dreiers eigentlich auch kann. Doch seit seine Quote auf 31% gefallen ist, funktioniert auch diese Rolle nicht mehr. Deswegen ist er gerade offensiv oft eher Belastung als Hilfe. Und trotzdem muss er 16 Minuten spielen, Tendenz steigend. Leider hat Brooks zur Zeit keine andere Möglichkeit. Wenn Russ zurück ist, müssen Fishers Minuten jedoch wieder auf ein gesundes Maß absinken. 

Perry Jones III
Auch PJ3 gehörte vor der Saison zu den Youngstern, die keiner kannte. Zwar ist er für einen SF/PF mit 6'11 überproportional groß und wurde 2012 auch als Lottery-Pick gehandelt. Aber nach einer Saison '12/13 ohne nennenswerte Einsätze nahm niemand mehr Notiz von ihm. Auch jetzt steht er zu wenig auf dem Parkett, um sich wirklich in den Vordergrund spielen zu können (11,4 MPG in 28 GP). Aber wenn er spielt, dann zeigt er des öfteren auch ansprechende Leistungen, so wie gegen Utah, als er 13 Punkte erzielte, 5 seiner 7 Würfe traf und alle drei Dreier. Doch Jones ist zu unkonstant, um sich dauerhaft große Spielanteile zu sichern; seit RWs Ausfall spielt er mehr (17,7 MPG im Januar), aber ohne nachhaltige Leistungssteigerung. Das Potential ist da, er muss es nur nutzen!

Nick Collison
Collison ist der dienstälteste Spieler der Franchise und auch der einzige Rollenspieler derzeit, der zehn oder mehr Jahre ununterbrochen und seit seiner Draft bei seinem Team spielt. Er ist der Glue Guy der Thunder. Seine 4,4 Punkte und 3,5 Rebounds in 17 Minuten sehen zwar auf den ersten Blick nicht beeindruckend aus. Doch keine Statistik der Welt kann seinen wirklichen Wert ausdrücken: seine völlig unterschätzte Defense, seine Führungsstärke und seine Kämpfermentalität. Collison ist jemand, der sich komplett dem Team unterordnet und sich für seine Mitspieler völlig verausgabt. Die Basketballwelt huldigt spektakulären Rollenspielern wie J.R. Smith oder Jamal Crawford, aber für das Team sind Typen wie Collison viel wichtiger. Und deswegen ist er für die Thunder absolut unverzichtbar. 

Steven Adams
Als Adams Name am 27. Juni von David Stern verkündet wurden, gab es sofort die ersten Unkenrufe: der bringt ja erst in ein paar Jahren was, wenn überhaupt und nächstes Jahr spielt der maximal D-League. Ich gehörte zu den ersten, die das sagten. Asche auf mein Haupt, denn gleich am vierten Spieltag legte er gegen Detroit mit 17/10 ein monströses Double-Double auf und erhält seitdem konstant Minuten, die er auch nutzt. Klar, es gibt Durchhänger und klar, 4 PPG und 4,6 RPG sind keine Rookie of the Year Stats. Aber auch hier gilt: Adams bringt Dinge, die man mit Zahlen nicht messen kann. Besonders sind hier seine Spielenergie und gleichzeitige Seelenruhe hervorzuheben. Adams führt die Liga wohl in der Kategorie „Provozierte Technicals und Ejections“ an, sein letztes Opfer war vor einigen Tagen Larry Sanders. Zusätzlich hatte OKC noch nie einen so guten Offensivrebounder. Er ist ligaweit 15ter in ORB% und nur drei Spieler mit ähnlich vielen Minuten stehen vor ihm. Dazu kommt das beste Defensivrating des Teams, was beweist, wie gut die Mannschaft am eigenen Ende des Feldes ist, wenn Adams spielt. Auch hier gilt: Jetzt schon nicht schlecht, mit großem Langzeitpotential dahinter. Adams ist, wenn alles nach Plan läuft, nächstes Jahr ein Kandidat für die erste Fünf. 



Das waren die guten Nachrichten. Die schlechten: Seit Jackson starten muss, fehlt der Bank der Anführer mit dem Ball in der Hand. Fisher kann die Rolle nicht annähernd ausfüllen. Ob Royal Ivey, gerade mit einem 10-Tages-Vertrag ausgestattet, es kann, darf zumindest bezweifelt werden. Dazu gibt es ein entscheidendes Problem: Der Dreier. Nur Lamb trifft wirklich verlässlich, alle anderen nehmen zu wenige Würfe (Jones) oder treffen zu wenig (der Rest). Hier scheint ein Trade sinnvoll und vielleicht unausweichlich, wenn Presti den Titel dieses Jahr wirklich anstrebt. Würde man bspw. Jones und Thabeet für Mike Dunleavy abgeben, wäre dem Team wahrscheinlich sehr geholfen. Man hätte einen weiteren erfahrenen Spieler, der den Dreier exzellent trifft und 15-20 produktive Minuten bringt. Presti hat mit dem Trade, der Ryan Gomes nach Boston brachte, 2,3 Mio. $ unter der Tax freigemacht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass in punkto Shooting also noch etwas passiert zwischen heute und dem 20. Februar.

Weiterhin fehlt, besonders bei Jones, aber auch bei Adams und Lamb, die Konstanz. Das kann man vielleicht an Lambs letzten Spielen festmachen: Starke Phasen wechseln mit schwachen ab, auf ein gutes Spiel folgt ein schlechtes. Das ist in der Regular Season verschmerzbar, könnte in den Playoffs aber tödlich sein. Hier liegt weiterhin ein großes Fragezeichen: Fast alle der genannten jungen Spieler sind in der Postseason völlig unerprobt. Natürlich ist zu wünschen, dass sie auch dort eine ähnliche Entwicklung nehmen wie in den letzten Wochen. Das ist jedoch keinesfalls sicher. Wird es Brooks gelingen, die Bank sich so einspielen zu lassen, dass sie die Stars ab Mitte April entscheidend entlasten kann? Oder kommt doch ein Trade? Die Thunder brauchen konstant gute Leistungen aus der zweiten Reihe. Denn ohne verlässliche Bank gewinnt man nicht!