12 Januar 2014

Sebastian Dumitru | 11. Januar, 2014    @nbachefkoch






Der Saisonstiefpunkt in Brooklyn kam in der letzten Woche vor dem Jahreswechsel: Hiobsbotschaft in Form von Brook Lopez' Fußfraktur, zwei derbe Klatschen gegen Indiana, ein peinlicher Auftritt vor der weltweiten NBA-Diaspora am ersten Weihnachtstag in eigener Halle gegen die Bulls, die 21-Punkte-Deklassierung in San Antonio an Sylvester, und obendrein verbale Nackenhiebe von Coach Jason Kidd und Veteran Kevin Garnett, der seinem Unmut in der Kabine vor versammelter Mannschaft Luft machte und das Herz seiner Mitspieler in Frage stellte. Seitdem der Kalender auf 2014 umgesprungen ist, haben sich die Brooklyn Nets auf Platz sieben im Osten vorgekämpft, Miami, Oklahoma City und Golden State geschlagen und sich mit 5-0 Siegen als heißestes Team des neuen Jahres - und der Liga - neuen Respekt verschafft.

Die Verletzung von Lopez dürfte ein Weckruf besonderer Art gewesen sein. Der Center wird nicht nur intern als wichtigster Mann in der Organisation angesehen. Soviel betonten alte und neue Nets-Spieler bereits während des Trainingscamps im Sommer. Coaches gegnerischer Teams scheinen ähnlich zu denken, zurecht. Lopez ist erst 25 Jahre alt, zeigte in den vergangenen beiden Jahren All-Star Leistungen und gilt dank seiner Mobilität bei gigantischen Maßen (2,13m und 130kg) mitsamt ausgezeichnetem Ball- und Wurfgefühl als bester Offensiv-Fünfer der Association.

Auch in dieser Saison war gebürtige Kalifornier auf direktem Wege zum Midseason-Klassiker nach New Orleans. 20.7 Punkte pro Partie waren ebenso neue Karrierebestleistung wie 56.3% aus dem Feld und 81.7% von der Linie. Die Anfangsprobleme der Nets waren nicht nur hier wohldokumentiert worden, aber Lopez und sein Game waren das geringste von Brooklyns vielen Problemen. Nicht nur, dass die hohen Meisterschaftsambitionen mit Lopez in der Mitte standen und fielen - er gab dem Team im Borough einen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber den Miami Heat und die überwältigende Länge der Indiana Pacers um Roy Hibbert. Sein erneuter Ausfall warf Fragen für die Zukunft auf.

Nachdem Lopez zu Beginn seiner Karriere unkaputtbar schien (246 von 246 möglichen Partien absolviert), hat er seither keine einzige Saison mehr gesund durchgestanden. Der Fußbruch am 20. Dezember gegen Philadelphia war bereits der zweite innerhalb von zwei Jahren, die OP bereits die dritte innerhalb kürzester Zeit. Sollte der Big Man, wie erwartet, erst zum Herbst wieder einsatzfähig sein, wird er 58% aller Partien seit 2011 verpasst haben. Um die Gefahr zu minimieren, eines Tages wie Yao Ming oder Bill Walton zu enden - beides Hall of Fame Center, deren Füße den enormen Belastungen letztendlich nicht standhalten konnten - wurde bei Lopez nicht nur der fünfte Mittelfußknochen repariert, sondern auch noch eine Repositionierung anderer Knochen im Fuß vorgenommen, um das Gewicht des Riesen in Zukunft besser verteilen und aushalten zu können. Ganz Brooklyn hofft, dass die Maßnahme Früchte tragen und Lopez in Zydrunas Ilgauskas Fußstapfen treten kann. Der Litauer hatte zu Beginn seiner Karriere ebenfalls pausenlos mit Fußproblemen zu kämpfen gehabt, ehe ihm eine ähnliche OP Linderung brachte und eine erfolgreiche Laufbahn ermöglichte. Die Nets wissen aber: sollte Lopez eine weitere Fraktur im selben Fuß erleiden, dürfte es das mit Basketball gewesen sein.

Das wäre mehr als blöd für Brooklyn, das seine Zukunft eng mit den fragilen Reifen von Lopez (noch 3 Jahre/47 Mio. $) und Deron Williams (noch 4 Jahre/82 Mio. $) verknüpft hat und ohne seine beiden Protagonisten all seine Langzeitziele verpassen wird. Daran würde auch eine Neuakquisition nichts ändern, die den Nets dank der ‘Disabled Player Exception’ theoretisch möglich wäre. Die Liga gewährt in Ausnahmefällen wie diesen einen gewissen Freibetrag, sollte besagter Spieler tatsächlich für den Rest der Saison außer Gefecht sein… was ja bei Lopez der Fall ist. Brooklyn hat nun theoretisch 5.25 Mio. $ extra zur Verfügung, um einen Free Agent seiner Wahl zu verpflichten oder via Trade zusätzliches Salär zu absorbieren. Dazu müssten die Nets aber nicht nur einen ihrer 15 Spieler im Kader entlassen, sondern auch noch weitere 15 Millionen Dollar an zusätzlichen Luxussteuern berappen. Dass Mikhail Prokhorov damit keine Probleme hat, wissen wir. Dass Impact Spieler zu diesem Zeitpunkt in der Saison aber nicht auf Bäumen wachsen, wissen wir ebenfalls. Ja, die Nets handelten in einer ähnlichen Situation schon einmal und holten via Trade einst Mehmet Okur aus Utah, nachdem sich Lopez 2011 den selben Fuß gebrochen hatte. Die Situation heute ist aber eine völlig andere. Obwohl GM Billy King natürlich den Markt sondiert und schon mehrere Gespräche hatte (u.a. mit den Lakers für Pau Gasol), werden die Nets den Ausfall ihres wichtigsten Mannes intern zu kompensieren versuchen.



Soweit, so gut. Kidd installierte eine kleinere Lineup. Mit ihr und dank der Rückkehr wichtiger Stützen wie Andrei Kirilenko und Jason Terry sehen die Nets wie ein völlig neues Team aus. Garnett rückte auf die Fünf, auf der er sich niemals so wohl fühlen wird wie auf der Vier, wo er aber weitaus besseren Basketball zeigt als in den ersten beiden Saisonmonaten - den mit Abstand schwächsten seiner Karriere. Obwohl KG von Kidd nach wie vor nie ganz von der Leine gelassen wird - aus Angst, den 37-Jährigen vor den Playoffs zu verheizen - war seine Weihnachts-Ansprache in der Kabine nach dem Spiel gegen die Bulls auch für ihn selbst ein dringend benötigter Wachmacher. Garnett wirkt viel agiler in der Defensive, orchestriert den Verbund wie zu besten Celtics-Zeiten und geht auch vorne sicherer in seine Jumpshots (62% FG in 2014).

Insgesamt scheinen alle Rollen im Team viel besser verteilt zu sein. Paul Pierce mimt den Smallball Power Forward, Joe Johnson ist die erste und wichtigste Anlaufstation im Angriff (18.6 PPG in 2014), Mirza Teletovic bekommt viel mehr Spielanteile als noch zu Beginn (18 MPG, 42% Dreier in 2014), und Kirilenko plus Shaun Livingston (der den immer noch angeschlagenen Williams als Point Guard ersetzt) bringen frustrierende Länge und Einsatzbereitschaft am defensiven Ende. Alles in allem wirkt dieses Team viel gefestigter, abgezockter und mental stärker, auch wenn es in Rückstand gerät oder der Gegner das Tempo anzieht.

Die Splits dieses Teams in 2013 und seit dem 1. Januar bestätigen den Augentest: Brooklyn ist vorne selbstbewusster und setzt die Forderungen des Head Coaches konsequenter um. Die kleinere Aufstellung bewirkt schnellere Ballbewegungen und smarteres Passspiel. Der größte Unterschied aber herrscht aber am defensiven Ende des Courts, wo die Nets plötzlich zu den besten Verteidigungen der Liga zählen, ihre Gegner unter 43% aus dem Feld halten und in diesem Kalenderjahr noch kein einziges Mal 100 Punkte kassiert haben - weder von den starken Offensiven der Thunder und Warriors, noch von Miami trotz Double-Overtime.

Es ist nicht alles im Lot in Brooklyn, wo man den hohen Erwartungen zu Saisonbeginn nach wie vor meilenweit hinterher rennt und ohne Lopez wohl auch die allerletzte Außenseiterchance auf die Meisterschaft eingebüßt hat. Die angesprochenen Siege kamen ausnahmslos gegen Teams zustande, die entweder auf einen ihrer Stars verzichten mussten (Russell Westbrook, Al Horford, Dwyane Wade) oder das hinterste Ende eines brutalen Auswärtstrips erwischten.

Aber auch Brooklyn hat mit Verletzungen zu kämpfen und spielt ohne seine beiden wichtigsten Spieler im Kader, Williams und Lopez. Man sollte nicht unter den Teppich kehren, dass diese Truppe - wie bereits vor Wochen vermutet - an den Widerständen gewachsen ist und so langsam aber sicher endlich weiß, wer und was es eigentlich ist. Genau dieser letzte Umstand ist es, der gute Teams letztendlich aus der Masse hervor hebt und nach oben drängen lässt: eine klare Identität und ein couragierter Charakter. Die Nets sind gerade dabei, sich beides anzueignen.