19 Januar 2014

Sebastian Dumitru | 19. Januar, 2014    @nbachefkoch





Schon vor dem Start dieser Saison hatten viele die Vorsehung, dass Danny Ainge in Boston mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den aktivsten General Managern des Jahres zählen würde. Bisher lässt er seinen Ankündigungen Taten folgen: die Celtics vollzogen Mitte der letzten Woche schon ihren dritten Trade seit dem Sommer und schickten ihren bisher drittbesten Scorer Jordan Crawford im Paket mit MarShon Brooks zu den Warriors. Die wiederum verschifften Backup-Point Toney Douglas nach Miami, von wo aus Joel Anthony und zwei respektive drei zukünftige Draft-Picks nach Beantown wanderten. Der Deal war sicherlich kein Erdbeben, sollte aber dank seiner Implikationen für zwei klare Playoff-Mannschaften mit Championship-Ambitionen nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Die Position der Celtics ist bekannt: das Team befindet sich im Umbruch, ohne klar erkennbare Langzeitausrichtung im Sinne von: "Welche Spieler werden auch in fünf Jahren noch in Grün auflaufen?" oder "Um wen will der Boss eigentlich den Kern seiner neuen Truppe aufbauen?" Der beste Spieler des Klubs, Rajon Rondo, war bis letzte Woche verletzungsbedingt ausser Gefecht. Der beste Scorer des Klubs, Jeff Green, hat seine Tauglichkeit als echter go to Spieler nie über einen längeren Zeitraum erbracht und kann diese Rolle wie man sieht nicht zufriedenstellend ausfüllen. Die besseren Youngster im Team (Avery Bradley, Jared Sullinger) sind nicht die Sorte Profi, die eine Franchise jemals werden tragen können, weil sie in ihrem Spiel zu limitiert sind - obwohl das ihre Tauglichkeit als Rotationsspieler nicht schmälern soll, denn beide sind und bleiben wertvoll.

Was Ainge folgerichtig versucht, habe nicht nur ich schon vor Monaten zu skizzieren versucht: er will den Kader in seine Einzelteile zerlegen, alles und jeden, der tradebar ist, auch tatsächlich aus der Stadt schicken, und im Vorbeigehen so viele Draft-Picks und Anlagegüter wie nur irgend möglich akkumulieren, um eines Tages zurück zu schlagen. Man sollte nicht vergessen, dass die selbe Taktik nicht nur ligaweit häufig von Erfolg gekrönt ist, sondern in Boston ja schon einmal bis zum absoluten Zenit geführt hat: 2007, als Ainge seine jahrelang angehäuften Tradechips für Kevin Garnett und Ray Allen in die Tischmitte warf und so über Nacht eine Championship-Truppe zusammen raffte. Der Weg zurück zu alter Glorie wird dieses Mal zwar ungleich schwerer, aber wer nicht erkennt, dass Ainge wieder genauso verfahren will, der sollte seine Dioptrien-Stärke nachjustieren lassen.

Joel Anthony ist der Preis, den Ainge und Boston unter'm Strich für die Akquisition mehrerer Draft-Picks bezahlen mussten. "Preis", weil Anthonys Vertrag noch ein weiteres Jahr läuft, bis 2015, wenn der Kanadier wie erwartet seine Spieleroption im Sommer zieht. Die Deals von Jordan Crawford und MarShon Brooks, die beiden Spieler, die Boston verließen, wären bereits in diesem Juli aus den Büchern verschwunden. So müssen die Celtics zwar einem 31-jährigen Center ohne echten Mehrwert für dieses Team 3.8 Mio. $ in 2014/15 überweisen, aber sie wären ohnehin nicht in der Position gewesen, massenhaft Cap Space an begehrte Free Agents verteilen zu können. Diese Möglichkeit hat Boston frühestens wieder 2015 - es sei denn, es findet für die Albatross-Kontrakte von Gerald Wallace und Jeff Green einen Abnehmer, was in etwa genauso wahrscheinlich ist, wie Rondo und Bradley im nächsten Three-Point Shootout zu sehen.

Die Draft-Picks, die aus Miami kamen, landen mit großer Wahrscheinlichkeit alle in der zweiten Runde, obwohl der Pick via Philadelphia (aus einem früheren Trade zwischen Miami und Philly) die theoretische Möglichkeit eines First Rounders mit sich bringt: sollten die 76ers in dieser Saison (HA!) oder der nächsten die Playoffs erreichen, wandert ihr First Round Pick nach Boston. Wahrscheinlicher ist wie gesagt, dass der Pick letztendlich als zwei Zweitrundenpicks in Beantown landet. Auch so bleiben diese Picks für Ainge aber ein wichtiges Anlagegut für die Zukunft. Die Celtics haben nun im Idealfall fünf Erstrundenpicks in den kommenden zwei Drafts und bis zu zehn zwischen 2014 und 2018. Und Ainge ist sicherlich noch nicht fertig, was die Dealerei anbelangt: neben den bereits genannten Green und Wallace wird er vor allem in Punkto Kris Humphries und Rajon Rondo Klinken putzen gehen.

Der Wegfall eines der produktivsten Celtics-Spieler in dieser Saison würde unter anderen Umständen sicherlich schwerer zu verschmerzen sein, aber weder sind die Cs daran interessiert, besonders viele ihrer verbleibenden 41 Partien zu gewinnen, noch wäre der Marktwert von Jordan Crawford angesichts der jüngsten Entwicklungen jemals wieder so hoch gewesen. Zum einen hat sein eigenes Spiel im Monat Januar nach sehr gutem Start in die Saison gelitten, zum anderen haben die Celtics Jerryd Bayless verpflichtet und Rondo wieder in der Mannschaft zurück empfangen. Die Celtics mussten also im Backcourt ausmisten. Dass als Gegenleistung für Crawford nichts ergiebigeres als ein paar Zweitrundenpicks drin waren, sollte in der modernen NBA, wo nicht einmal mehr für All-Stars First Round Picks über den Tisch wandern, längst nicht mehr überraschen. 



Für Golden State ist Crawford die dringend benötigte Verstärkung auf einer Position, die in der Bay Area seit der vergangenen Saison dahin darbte. Toney Douglas gab bisher den Backup auf der Eins, aber Douglas ist kein Point Guard. Das ist Crawford zwar auch nicht, aber im Gegensatz zu Douglas bringt er ein entscheidendes Element nach Oakland mit: er kann Offensive generieren. Der 25-Jährige wird sicherlich niemals mit Kevin Durant verwechselt werden, aber nach drei unberechenbaren Saisons in Atlanta, Washington und Boston schien er heuer erwachsener geworden zu sein. Zumindest verbesserte er seine Wurfauswahl und seine Entscheidungsfindung so sehr, dass ihm Celtics-Coach Stevens die Spielmacher-Rolle in Boston anvertraute. Nach gutem Start inklusive "Spieler der Woche" Auszeichnung krachte J-Craw im Januar wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigte wieder vieles von dem, womit er zwischen 2010 und 2013 jedem geistig gesunden NBA-Zuschauer paranoide Wahnvorstellungen beschert hatte.

Für die Warriors, deren Ersatzbank nach den Abgängen von Jarrett Jack und Carl Landry die inkompetenteste der Liga wurde, konstituierte Crawfords Ankunft trotz allem eine essentielle Talentinfusion, die sich auch in den Playoffs bezahlt machen dürfte. Die Bank der Warriors war bisher so schlecht, dass die Dubs im Prinzip das selbe Schicksal zu ereilen drohte wie vor einem Jahr die Portland Trail Blazers. Mit mickrigen 23 PPG bei peinlichen 39% FG rangiert Golden State sowohl beim Scoring als auch bei der Treffsicherheit weit abgeschlagen auf Rang 30 unter allen NBA-Klubs. Übersetzt hieß das bisher immer folgendes: egal wie groß der Vorsprung war, den die Startformation der Warriors erspielte, sobald Stephen Curry auf die Bank musste, war die Kacke am Dampfen. Vieles lag sicherlich auch an Mark Jacksons Taktik, der ganz nach alter Schule Curry und Andre Iguodala, seine beiden besten Ballhandler, zusammen vom und aufs Parkett beförderte und somit der Vorgeburt der Hölle Tür und Tor öffnete. Weder Toney Douglas noch Kent Bazemore waren, sind oder werden jemals in der Lage sein, als Backup das Spiel zu machen, geschweige denn als Scorer und Vorbereiter Akzente zu setzen. Warum Jackson das entweder nicht erkennen oder aber nicht adäquat kontern wollte, bleibt sein Geheimnis.

Genau hier kommt Crawford ins Spiel: Mit 13.7 Punkten und 5.7 Assists pro Partie in Boston machte er zwar mitnichten Chris Paul Konkurrenz, demonstrierte aber dennoch die Fähigkeit, für ein unterdurchschnittliches Celtics-Team wichtige Aufgaben als Spielgestalter zu übernehmen. Sollte ihm das bei den Warriors ähnlich gut gelingen, vielleicht dank mehr Spielanteilen gegen schwächere Bank-Units sogar ähnlich effizient wie als Starter im Dezember, haben die Dubs endlich wieder jemanden, der die Bank tragen, für sich und für andere Würfe erarbeiten und Curry als Ballhandler in wichtigen Phasen entlasten kann. Dass Golden State dieses Upgrade gelang, ohne etwas von Wert dafür abdrücken zu müssen (Douglas ist älter, schlechter und kostet fast genauso viel) ist der eigentliche Coup dieser Transaktion.

Douglas wanderte indessen nach Miami, wo er dank seiner Defensivstärke und dem soliden Distanzwurf zwar theoretisch gut ins Gesamtbild hinein passt, praktisch aber so gut wie niemals das haselnussbraune Parkett erblicken wird. Miami hat in Mario Chalmers und Norris Cole bereits zwei Spieler auf der selben Position, die alles, was Douglas kann, genauso gut oder besser erledigen können. Gut möglich also, dass Miami Douglas irgendwann sogar entlässt, um einen letzten Platz im Kader frei zu machen für eine sinnvollere Neuverpflichtung vor den Playoffs. Der Mehrwert für Miami, wo Joel Anthony schon längst keine Rolle mehr in der Rotation spielte und seither nur noch Totlast war, ist die finanzielle Entlastung, die dieser Trade mit sich bringt. Nicht nur, dass Douglas' Vertrag ein Jahr früher abläuft, die Einsparungen unter dem Salary Cap potenzieren sich zu insgesamt mehr als 10 Mio. $ in Luxusabgaben, die ja mit zunehmender Dauer doppelt und dreifach züchtigen. Finanzielle und personelle Flexibilität sind, auch für gefestigte Teams wie Miami, in der heutigen National Basketball Association das A & O. Dieser Deal demonstrierte einmal mehr, wieso.


nbachef meint: Vorteil alle