15 Februar 2014

Sebastian Dumitru | 14. Februar, 2014    @nbachefkoch





Der NBA Slam Dunk Contest polarisiert. Für die einen ist es das ikonische, mit Abstand wichtigste Event eines jeden All-Star Wochenendes - ein umwälzendes Must-See, bei dem Jahr für Jahr Geschichte geschrieben wird. Für die anderen verkörpert er heutzutage alles, was mit der NBA im Allgemeinen und dem All-Star Wochenende im Speziellen nicht mehr stimmt: zu viel Hype und Show, dabei aber viel zu wenig Substanz und null gesellschaftlicher Impact bei soviel wichtigtuerischem "Schaut-alle-Her" Gehabe auf einmal. Ein Großteil der Fans darf mittlerweile wohl gar gänzlich zu einer dritten Gruppe hinzu gezählt werden: dem Trupp der Gleichgültigen. Das ist schade.

Wenn am heutigen Samstag zum 29. Mal die All-Star Highflyer in luftigen Höhen clashen, werde ich - ohne zu verraten, welcher Contest-Konfession ich angehöre - endlich mal wieder gebannt zusehen. Warum? Nun, mir scheint, als könnte der heutige Wettbewerb endlich mal wieder neue Bahnen brechen. Die Gründe für meinen Optimismus liefere ich euch später.

Als die heute längst tote American Basketball Association im Jahr 1976 den ersten offiziellen Slam Dunk Contest aus der Taufe hob, schien die Idee dahinter ziemlich simpel: Wenn man schon die besten Basketballer der Liga auf einem Haufen versammelt hat, warum dann nicht gleich noch ein paar extra Spielchen einbauen? Das hält die Jungs auf Betriebstemperatur und die Laune/das Interesse bei den Fans oben. In Wirklichkeit aber stand die finanziell kaputte ABA damals kurz vor dem Kollaps. Der Dunk Contest war nur ein letzter, vergeblicher Versuch, um die Liga vor dem unvermeidbaren Bankrott zu retten. Wenige Monate später musste die ABA Insolvenz anmelden und sich von der NBA einverleiben lassen. Nur vier Teams überlebten.

Vier Teams, der Dreier und der Dunk, um deutsch zu sein. Neben den Spurs, Pacers, Nuggets und Nets adoptierte die National Basketball Association auch den Wurf mit dem extra Punkt und den Slam Dunk. Kein Witz: die beiden markantesten Merkmale des modernen, athletischen, spektakulären und global so beliebten Spiels in der besten Liga der Welt waren keine Erfindung der NBA, sondern ein 70er Jahre Marketinggeniestreich der direkten Konkurrenz. Das mit dem Marketing lief für die ABA nicht so gut. Die schiere Einflusskraft der Dunks und die knisternde Erwartungshaltung bei den Fans während des ersten und einzigen ABA-Contests 1976 in Denver, wo mit Julius Erving und David Thompson nicht nur die beiden besten Dunker, sondern gleichzeitig zwei der absolut besten Spieler der Welt aufeinander trafen, war an David Stern aber nicht unbemerkt vorbei gegangen.

Just als Stern im Februar 1984 die Amtsgeschäfte als NBA-Commissioner übernahm, wurde auch der Slam Dunk Contest reanimiert - während des All-Star Wochenendes 1984 in Denver, wo Larry Nance zum Sieg gegen einen bereits alten und ergrauten Dr. J flog. Die ersten Jahre waren originell und richtungsweisend. Ein junger Dominique Wilkins zeigte, neben seiner nie wieder erreichten Mixtur aus Grazie und Power, gleich zu Beginn jene zeitlose Eigenkreation, die bis heute zum Standard-Repertoire eines jeden guten Dunkers gehört: den Windmill. Bereits ein Jahr später, 1985, betrat ein junger Emporkömmling die Bühne und dekorierte sie, zusammen mit dem 'Human Highlight Film', zum ganz persönlichen All-Star Wohnzimmer um: Michael Jordan. Jordan brachte das "Come Fly With Me" Flugelement - ein Qualitätsmaßstab, der bis heute nicht mehr weg zu denken ist. 'Air vs. Nique', das war für den Dunk Contest wie Ali vs. Frazier, Beatles vs. Stones oder Mario vs. Luigi - sie prägten, sie dominierten, sie legitimierten den gesamten Wettbewerb erst und verhalfen ihm so zu ungeahnter Popularität.

Andere Sternchen folgten ihnen bereitwillig. Nie wieder erlebte der Dunk Contest eine ähnliche Dichte an Superstars und Franchise-Spielern. Ralph Sampson, Clyde Drexler, Tom Chambers, Michael CooperRon Harper - sie alle partizipierten selbstredend und gaben dem Event jene Durschlagskraft, die das All-Star Game zum absoluten Highlight eines jeden Kalenderjahres machte. "Jeder Star, der früher irgend etwas auf sich hielt, wollte unbedingt beim Contest mitmachen", erzählte mir der spätere Champion Dee Brown mehr als 20 Jahre nach seinem 'No Look'-Klassiker in Charlotte (ein echter No Look übrigens, kein Fake Augenbinden Cedric Ceballos Ripoff). Genau diese wunderbar-poetische Dramaturgie jener Gigantenkämpfe war es auch, die erst den Weg ebnete für unvergessliche Momente wie Spud Webbs Triumph 1986 - die Stunde Null für jeden Little Man Dunker dieser Welt - oder Kenny 'Sky' Walkers ästhetisch perfekte Choreographien 1989, nur wenige Tage nach dem tragischen Tod seiner Vaters. (checkt das Tape: Skywalkers Dunks sind die perfekte Mischung aus Style, Flair und Eigenkreativität. Einfach nur gut. Gegenbeispiele: Brent Barry).

Schon beim Namen Barry wird klar: in den 90ern kam die große Depression. Eingeschüchtert von der Brillanz eines MJ oder Dominique begannen die echten Stars, um den Contest einen großen Bogen zu machen. Manche erfanden Pseudo-Gründe wie "ein zu hohes Verletzungsrisiko." Die meisten waren aber einfach nicht kreativ genug und mussten feststellen, dass die finite Manipulierbarkeit des menschlichen Körpers in 100 Zentimetern Höhe es im Prinzip unmöglich machte, Jordan und Wilkins jemals zu überbieten. Was folgte, war eine ganze Dekade größtenteils erbärmlicher Wettbewerbe und deprimierende Typen wie Bob Sura, Darvin Ham, Darrell Armstrong, Rex Chapman oder Toney Dumas. Selbst die wenigen Lichtblicke wie der bereits angesprochene Brown, Isaiah Rider (mit dem Eastbay Funk Dunk, der Mutter aller Between-the-Legs), Harold Miner, Shawn Kemp oder ein rotznäsiger Kobe Bryant konnten den kränkelnden Patienten nicht mehr retten. Einmal pro Jahr joggen zu gehen, wenn man jede Woche komasäuft und zehn Päckchen Filterlose inhaliert, bringt dem vermodernden Körper auch nicht mehr viel. 1998 setzte die NBA ihn aus, 1999 fiel er Lockout-bedingt komplett ins Wasser... der Slam Dunk Contest war tot!

Bis er von einem Mann wiederbelebt wurde, der nur aus einem einzigen Grund auf diesem Planet wandert(e): um durch die Luft zu fliegen und den Ball von oben durch die Reuse zu dreschen. Februar 2000. Vince Carter kam, dunkte und siegte. 360 Windmill, Honey Dip oder Between-the-Legs-Oop - so etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. Es war nicht nur sein absurdes Repertoire und seine schier unmenschliche Athletik, die seine Visage für immer auf dem Mount Rushmore dieses Contests zementierte. Es war die Art, wie 'Half Man, Half Amazing' jeden Einzelnen der zig Millionen von Zuschauern, egal ob in Oakland oder irgendwo da draussen vor den Bildschirmen, in seinen Bann zog. 'Vinsanity' war Erde, Sonne und Wasser für das zarte Contest-Pflänzchen, das in den ersten Jahren N.C. (nach Carter) dank kreativen, kraftvollen Typen wie Jason Richardson und Desmond Mason wieder zu gedeihen begann, ehe es gegen Mitte der letzten Dekade von einer Monstrosität von Pierre the Pelican'schen Ausmaßen jäh erstickt wurde: Requisiten.



Nate Robinson, Dwight Howard, Gerald Green, Jeremy Evans und vor allem KIA Blake Griffin waren/sind allesamt fantastische Dunker. Aber sie waren nie die authentischen Showmänner ihrer Vorbilder und stehen - zumindest in meinem Buch - für das vielleicht dunkelste Kapitel in der jetzt fast 30-jährigen Historie dieses Showevents. Nicht nur, dass viele der vorher gesehenen Dunks plump kopiert wurden, ohne auch nur den Hauch einer eigenen Note hinzu zu fügen (Ausnahmen wie Andre Iguodala oder DeMar DeRozan bestätigten auch hier die Regel). Man überbot sich auch noch in der immer bizarrere Formen annehmende Einbindung von "Props", die den Wettbewerb unnötig in die Länge zogen, die Geduld Aller überstrapazierten und einige der lahmsten Dunks aller Zeiten produzierten.

Und wenn dann doch mal ein solider, stilistisch sauber ausgeführter Dunk gezeigt wurde, dann hatte man den von dem selben Typen entweder schon in der Runde direkt davor oder eben im Vorjahr gesehen ("er Nate Robinson-t den Contest" nannte man das). Dass Fans mittlerweile ihren "Sieger" per Post, Tweet und Brieftaube selbst bestimmen durften, machte nicht nur die Punktrichter obsolet (Shoutout an die kompetenteste Highflyer-Crew aller Zeiten um Mutombo, Hakeem & Yao), sondern ermöglichte auch das abgekartete KIA-gate 2011, bei dem Lokalmatador Blake Griffin in Los Angeles bereits als Sieger feststand, bevor der Contest überhaupt begonnen hatte (offizielle Pressemappen mit Griffin als Dunk Champ kursierten schon eine Stunde vor dem Event im und ums Staples Center).

Aber: alles ist dem steten Wandel unterworfen. Auch der Dunk Contest. Das birgt Möglichkeiten. Und bringt mich abschließend zu den Gründen für ein endlich wieder berechtigtes Spannungshäufchen vor dem morgigen Abend. Nicht nur, dass mit Paul George, Damian Lillard und John Wall zum ersten Mal seit 1988 wieder drei waschechte All-Stars im Aufgebot stehen, das vom amtierenden Champion Terrence Ross, Harrison Barnes und Ben McLemore komplettiert wird. Das Format wurde endlich neu überdacht und den Anforderungen unserer Zeit angepasst. Es wird im Team gedunkt, die Runden sind in "Freestyle" und "Battle" aufgeteilt, die Punktrichter und die bunten Kärtchen sind (endlich) Geschichte, und die Fans zwar nach wie vor ein Teil der Wahl, aber ohne die Gefahr, sie durch ihren Mangel an Objektivität zur absoluten Farce verkommen zu lassen. Viele erhoffen sich von diesen Änderungen die richtigen Impulse.

Es wird sicher nicht alles perfekt laufen. Und ja, eine gewisse Restgefahr besteht, dass die geplanten Neuerungen nicht ziehen werden und die Enttäuschung bei den Meisten am Ende wieder genauso so groß sein wird wie schon so häufig seit 2004. Ich glaube aber, dass der "neue" Dunk Contest eine Chance ist. Eine Chance, wieder etwas zu kreieren, dass uns durch die nächsten drei, vier Jahre trägt und YouTube Highlights beschert, die wir endlich wieder mit Erstaunen und Freude angucken können. Ich glaube, dass Typen wie George und Wall genug All-Star Power aufbringen, dass Ross ein würdiger Titelverteidiger ist, dass Little Man Lillard genug Russell Westbrook'sche "Leckt mich Underdog" Mentalität lebt und Barnes/McLemore die perfekten Wilcards sind, um zusammen mit den neuen Regelungen endlich wieder ein bisschen Zunder unter einem dahin glimmenden Wettbewerb entfachen zu können.

Es bedarf nur der richtigen Mischung aus historischem Wissen und Mut, Sampling und Eigenkreativität, Skill und Style, um die Zuschauer in ihren Bann zu reissen und Geschichte zu schreiben. So wie das Erving, Wilkins, Jordan und Carter getan haben. Vielleicht spielt alles letzten Endes gar keine Rolle, denn das Leben ging immer schon weiter - egal wie gut oder schlecht der NBA Dunk Contest auch war. Aber wenn wir ihn schon Jahr für Jahr ausrichten, warum dann nicht wenigstens so, wie er von Anbeginn intendiert war? Oder zumindest ohne völliges Desinteresse.