01 Februar 2014

Sebastian Dumitru | 1. Februar, 2014    @nbachefkoch





Bowling-Afficionado Andrew Bynum dürfte gut wissen, was beim Spiel mit der schweren Kugel und den Pins ein ‘Backup’ ist. Auch beim Basketball wird Bynum ab heute wieder mit Backups zu tun haben - als neuer Ersatz-Big bei den Indiana Pacers, die sich am Samstag die Dienste des 26-Jährigen mit einem garantierten Vertrag bis Saisonende sicherten.

Larry Bird, Indianas Macher, entschied sich nach mehrwöchigen, teaminternen Überlegungen für ein Engagement des ehemaligen All-Star Pivoten, der vor etwas mehr als einem Monat von den Cleveland Cavaliers erst suspendiert und kurz darauf nach Chicago getradet worden war. Chicago entließ ihn umgehend, bevor sein Restvertrag für diese Saison garantiert einrasterte. Bynum wurde Free Agent. Seither erwägten mehrere Teams hinter den Kulissen, ob eine Verpflichtung des ex-Elite-Centers die potentiellen Mühen wert seien, darunter die Miami Heat, Los Angeles Clippers, Brooklyn Nets und New York Knicks. Auch Indiana wurde immer mal wieder als mögliche Destination genannt, aufgrund der Bilanz (35-10), ihrer starken Teamchemie und der Existenz des besten Frontcourts der Liga meist aber nur ganz, ganz leise und unter Vorbehalt.

Wenn überhaupt, so die allgemeine Denke, würden sich die Pacers einzig und allein aus einem Grund zur Bynum-Akquisition hinreissen lassen: um den Heat, Nets oder anderen Teams ein Schnippchen zu schlagen und den Seven-Footer vom Markt zu nehmen. Hört man Birds Statement, scheint aber hinter der heutigen Entscheidung mehr zu stecken: “Wir sind froh, dass er uns beitritt. Er bringt zusätzliche Größe mit, ist ein spielstarker Big Man und hat Championship-Erfahrung. Egal, wie viele Minuten er spielen wird: eine wertvolle Addition für uns.”

Vielleicht haben Bird & co. in den privaten Workouts und den sicherlich mehrfach geführten Vier/Sechs/Acht-Augen-Gesprächen in Bynum das erkannt, was seine Befürworter in den letzten zwei Jahren fast mantraartig wiederholten: Bynum hat das Basketballspielen nicht verlernt, sondern war einfach nur in der falschen Situation. Wenn er mental fokussiert und individuell eingebunden ist, bringt er auch Leistung. In Cleveland kam Bynum in dieser Saison auf 8.4 Punkte und 5.3 Rebounds pro Partie, nachdem er sich für sein Comeback durch mehrere mühevolle Rehas gequält hatte. Differenzen mit Coach Mike Brown und einigen Cavaliers (unter anderem Kyrie Irving) führten dennoch zu seiner Entlassung. Was wirklich war, werden wir vermutlich erst in ein paar Jahren heraus finden. Lieber nicht.

Wer Bynum kennt, erzählt immer, dass er keinen Killer-Instinkt mitbringt, dass Basketball für ihn nicht Luft zum Atmen ist wie für das Alien in Oklahoma City Kevin Durant. Teil eines größeren Ganzen zu sein, einer Mission, damit kann er sich allerdings identifizieren, so wie damals bei den L.A. Lakers, als er mit einem partiellen Meniskusriss in den Playoffs auflief und half, die Meisterschaft nach Los Angeles zu holen. Oder später, als er in der Saison 2011/12 fantastische 18.7 Punkte und 11.8 Rebounds auflegte und ins All-Star Team gewählt wurde. Vielleicht haben ihn die Situationen in Philadelphia und Cleveland, wo er jeweils als Schlüsselspieler und Heilsbringer geholt und angepriesen wurde, in Kombination mit seinem sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand, in eine mentale Abwärtsspirale geschickt. Viele Menschen Mitte/Ende 20 sind verwirrt und wissen gar nicht, was sie eigentlich wollen. Warum sollte Bynum da eine Ausnahme sein? Eine Frage: Hätte er sich die Qualen nach seinen schweren Knieverletzungen angetan, würde er es heute noch versuchen, wenn ihm an Basketball gar nichts mehr läge?

Man muss Bynum nicht in Schutz nehmen. Seine besten Tage sind längst hinter ihm, ein All-Star wird er nie wieder werden. Diese Realisierung ist mit 26 in einem Sport, in dem man erst mit 28/29 seinen Leistungszenit erreicht, schmerzvoll genug. Bird und die Pacers müssen aber zur Überzeugung gekommen sein, dass eine Verpflichtung des “Problemmachers” keine negativen Auswirkungen auf die gefestigte, erfahrene Veteranen-Truppe im Hoosier State haben kann. Die Hierarchien in Indiana sind in blau-gelben Stein gemeißelt. Paul George ist der beste Spieler des Klubs, Roy Hibbert die All-Star Bahnschranke vor dem Ring, David West der Muskel und die lauteste Stimme in der Umkleide, Lance Stephenson der wilde, mittlerweile etwas gezügelte Mustang, und die George Hills, Danny Grangers, Luis Scolas und CJ Watsons dieser Welt komplettieren das vielleicht tiefste Team der Basketball Association. Bynum muss also nicht mehr tun als reinzukommen, Hibbert 10-15 Minuten pro Abend zu entlasten, und seinen Part zu spielen. Kein Fixpunkt im Angriff, keine Verantwortung als Defensivanker, erst recht keine Obligationen als Führungskraft.


Da Indiana nicht mehr anbieten kann als einen Restteil seiner Midlevel Exception (übrig sind noch knapp 2.1 Mio $), Bird aber um keinen Preis der Welt in die Luxussteuer vordriften wird - was das Maximalsalär auf weniger als 1.8 Mio. $ drückt, kann man davon ausgehen, dass Bynum weniger genommen hat, als er ursprünglich verlangte. Oder dass der Markt für ihn nicht mehr hergab. So oder so: Indiana fährt keinerlei finanzielles Risiko. Ein Roster-Spot war noch frei, alle Backup-Plätze ausser der Fünf sind zur vollsten Befriedigung gefüllt, und Bynum war der beste verfügbare Free Agent da draussen. No-brainer, aus personaltechnischen Überlegungen.

“Aber was ist dann mit Ian Mahinmi”, werden einige da draussen sicherlich kreischen. Nichts. Was soll sein? Mahinmi ist ja nach wie vor Teil des Klubs, Teil der Lineup, Teil der Rotation. Vielleicht bekommt er sogar in Zukunft mehr Minuten zugeteilt als Bynum. Defensiv hat der Franzose absolut seine Vorzüge, was ohnehin besser zum modus operandi dieser Truppe passt. Problematisch wird es nur, wenn man von Mahinmi irgend etwas anderes verlangt, als die Zone zu beschützen oder einen Pick zu stellen. Er kann nicht werfen, er kann nicht passen, und im Prinzip spielt man vorne 4-gegen-5, wenn Mahinmi auf dem Parkett steht. Nicht so mit Bynum. Er ist groß, kräftig (ist Mahinmi auch), verfügt dazu aber über gute Fußarbeit, Ballgefühl und ein (nicht mehr ganz so dominantes wie früher) back-to-the-basket Game. Bynum im Low Post, das kommandiert nach wie vor Double Teams und ermöglicht freie Passwege. Bynum mit dem Jumper aus der Mitteldistanz nach dem Pick & Pop ist zumindest eine dritte oder vierte Option, wenn die ersten go-to Plays im offensiven Set zusammen brechen. Und Bynum in der Defensive ist zumindest keine Titanic-Fahrt. Solange er keine weiten Räume abdecken muss, ist der Moloch in der Mitte nach wie vor solider Durchschnitt. 2,13m Länge, 130 Kilo, 2,35m Spannweite... das ist viel Mensch. Da sind zwar beileibe keine Franchise-Spieler-Qualitäten mehr - auch weil Bynum einen großen Teil seiner Beweglichkeit komplett verloren hat - aber immerhin noch ein paar Skills, die punktuell eingesetzt jedem Team helfen können - auch den Pacers. Nicht nur, wenn Hibbert und West mit Foul Trouble auf der Bank Platz nehmen müssen.

Wenn für Indiana alles perfekt zusammen kommt, haben sie ihn Andrew Bynum einen ehemaligen All-Star Center, der in kurzen Schüben nach wie vor effektiv sein kann. Wenn er das sogar bei einem Nicht-Team im Chaos, wie es die Cleveland Cavaliers eins sind, geschafft hat, dann erst recht in Indianapolis. Probleme ob seiner Rolle oder seiner minimalen Spielanteile wird es keine geben, denn zum einen ist das sicherlich schon vor dem Signing thematisiert worden, zum anderen hätte Bynum vermutlich auch andere Optionen (mit mehr Spielzeit) gehabt. Er wollte nach Indiana: “Es war keine schwere Entscheidung. Ich glaube, das passt, und ganz ehrlich: Ich glaube, wir haben hier die besten Chancen, um zu gewinnen. Ich freue mich, den Backup für Hibbert zu geben und mein Möglichstes für dieses Team zu tun.”

Den Einfluss von David West, eine der stärksten Spieler-Persönlichkeiten in der gesamten NBA, sollte man ebenso wenig übersehen wie den von Larry Bird, der aus einem noch viel größeren Problemkind (Lance Stephenson) einen Fast-Allstar geformt hat und seinen Klub mit harter, aber fairer und immens kompetenter Hand führt. Nochmal: wenn ein Andrew Bynum jemals wieder florieren kann, dann bei einer grundsoliden, erfahrenen, hart arbeitenden Mannschaft mit ausgezeichneter Kultur und einer Gewinnermentalität. Eine wie in Miami, Indiana, San Antonio, Oklahoma City, Memphis und noch einer Handvoll anderer NBA-Städte.

Wenn das Experiment spielerisch scheitern sollte, wenn Bynums mentaler und physischer Tank für immer leer ist, wird der Center einfach wieder nach Hause geschickt. Man hat's versucht, es hat nicht funktioniert, weiter geht's, als Top Seed in die Eastern Conference Playoffs. Eins bis zwei Millionen Dollar bis zum Saisonende sind für dieses Experiment gut investiertes Geld. Glaubt tatsächlich jemand, dass Bynums schiere Anwesenheit eine Meuterei auf Frank Vogels Schiff anzetteln und die potentielle Championship-Saison der Pacers deswegen Schiffbruch erleiden wird? Der Schaden, den ein Bynum-Signing in Miami oder Brooklyn potentiell hätte haben können, steht in keinerlei Relation zur dieser no risk/high reward Verpflichtung in Indiana. Und falls meine Worte nicht genügen: Im Zweifel für Larry Bird!

Edit: Die Vertragsmodalitäten für Andrew Bynum sickern jetzt nach außen. Es ist von 1 Mio. $ bis zum Saisonende die Rede. Alles was ich schrieb gilt doppelt und dreifach.