16 Februar 2014

Sebastian Hansen | 15. Februar, 2014    @sebh1995






Saison, Vertrag, Probleme, Lösungen 
Als kurz nach Weihnachten bekannt wurde, dass Russell Westbrook ein drittes mal in nur einem Jahr operiert werden muss, schrieben viele das Team schon ab. Platz 5 oder 6 bei der Rückkehr des Star-Point-Guards werde man belegen, vielleicht auch noch tiefer, so die weit verbreitete Meinung. Dass die Thunder die NBA zum All-Star-Break anführen, liegt natürlich am absolut überragend spielenden Kevin Durant und an Serge Ibaka, der sein Spiel ebenso auf ein neues Level gehoben hat. Auch die weiterhin starke Bank um Jeremy Lamb und Derek Fisher trägt ihren Teil bei. Derjenige jedoch, der für Westbrook in die Starting Five gerutscht ist, bringt dort Leistungen, die nach den Playoffs '12/13 zwar erwartbar waren, aber trotzdem nicht selbstverständlich sind. Dieser Mann ist Reggie Jackson

Als Starter legt er 14,3 Punkte und 5 Assists bei akzeptablen Quoten (42/30/82) auf. Jacksons große Stärke in der Offense ist der Drive. Er erzielt, hochgerechnet auf 48 Minuten, 8,3 Punkte aus Drives und ist damit 7. in der gesamten NBA (nur Spieler berücksichtigt, die bisher 50% der möglichen Spiele bestritten haben). Durch den Drive reißt er Lücken in die gegnerischen Verteidigungsreihen und ermöglicht so den anderen Spielern der Thunder offene Würfe. Außerdem schafft er Platz für Superstar Kevin Durant. Gerade nachdem Jackson in die Starting Five aufrückte war es wichtig, dass er hier mehr Verantwortung übernahm. Insgesamt nahm er als Starter knapp 3 Würfe mehr pro Spiel. Darunter litten jedoch seine Quoten: 46% FG% als sechster Mann stehen 42% FG% als Starter gegenüber. In den Spielen als Starter wurde sein größtes Problem immer wieder offensichtlich, nämlich seine Inkonstanz. Auf gute Spiele wie gegen die Spurs, wo er 27 Punkte aus 17 Würfen erzielte und 8 Assists verteilte folgten Abende wie in Philadelphia, wo er auf 5 Punkte kam und nur einen von neun Würfen traf. Ähnliches zeigt auch seine Shot-Chart: 

Es gibt Bereiche, da trifft er unglaublich gut und es gibt Bereiche, da trifft er unglaublich schlecht. Sein Jumper fällt aus der Mitteldistanz in manchen Spielen ganz gut, aber eben leider nicht konstant und auch nicht von überall. Zusätzlich hat Jackson nicht, wie z.B. sein "Vorgänger" James Harden, eine starke und eine schwache Seite, sondern Hot- und Cold-Spots, die scheinbar zufällig über den ganzen Court verteilt sind. Sein zweites großes Problem ist der Dreier. Nur 31% sind eigentlich viel zu wenig für einen Starting Point Guard. Ende Dezember/Anfang Januar hatte es den Anschein, als ob der Wurf von draußen sich gebessert hätte und nun fallen würde, doch das erwies sich als Trugschluss. Seit Mitte Januar geht wieder gar nichts mehr. Das Werfen von hinter der 3-Punkte-Linie scheint einfach nicht Jacksons Talent zu sein. Bei all seinen Schwächen: seine Stärken und seine durchaus noch vorhandene Upside sind genug Spekulationen vonseiten der Medien, dass OKC mit Jackson schon bald die nächste „Harden-Situation“ drohen könnte. Das heißt, OKC wäre gezwungen ihn zu traden, weil sie sein Gehalt in seinem zweiten Vertrag nicht bezahlen könnten. 

Warum das nicht stimmt aber ein Trade trotzdem sinnvoll sein könnte 
Um diese beiden Fragen zu klären, muss man sich erst folgende Dinge verdeutlichen: 

(1.) Jacksons Vertragssituation:
Reggie Jackson befindet sich zur Zeit noch in seinem Rookievertrag. Er verdient in dieser Saison 1,4 Millionen Dollar, in der darauf folgenden Saison 2,3 Millionen. 2015 endet sein Vertrag und die Thunder können ihm ein Qualifying Offer anbieten, das ihn zum Restricted Free Agent machen würde. Zudem kann Jackson schon im nächsten Sommer eine Vertragsverlängerung unterschreiben, die dann ab der Saison 2015/16 zieht. Bei Harden war das Problem, dass er zu viel forderte bzw. die Thunder aufgrund des viel zu hohen Vertrags von Kendrick Perkins einfach nicht mehr bieten konnte, ohne in die Luxussteuer zu driften. Harden wollte 12 Millionen Dollar pro Jahr haben und der freie Markt hätte ihm das spätestens in der Offseason 2013 wohl auch bezahlt. Oklahoma konnte das aber nicht stemmten, ging das Risiko, ihn für nichts zu verlieren, nicht ein und tradete Harden im Oktober 2012 nach Houston, wo er einen langfristigen Vertrag unterschrieb. Die Frage ist nun, wie viel Jackson erwarten bzw. verlangen kann. Dazu ist es zweckdienlich, sich die Verträge (Vertragsverlängerungen im nächsten Jahr) von Spielern anzusehen, die in den letzten beiden Jahren ähnliches leisteten: 



Berücksichtigt man, dass Jackson aufgrund seines Alters und des Status als RFA wohl etwas überbezahlt werden würde, sind runde 8 Millionen/Jahr für ihn bei einer Verlängerung im Sommer 2015 realistisch. Bei einer vorzeitigen Verlängerung sind die Konditionen für die Franchise meistens etwas günstiger. Sam Presti wird ihm also einen Vertrag von ca. 26-28 Millionen $ über vier Jahre anbieten, was zwischen 6 und 7 Millionen $ pro Jahr entspräche und meiner Meinung nach nach den gezeigten Leistungen auch absolut gerecht wäre. Die Frage ist natürlich, ob Reggie Jackson das Angebot annehmen würde. Ohne ihn genau zu kennen, ist das natürlich sehr schwer zu beurteilen. Der Einfachheit halber sei hier mal angenommen, Jackson würde die Offerte akzeptieren. 

(2.) Können sich die Thunder ihn überhaupt leisten?
Dazu muss man wissen, dass Sam Presti die Luxury-Tax um jeden Preis vermeiden möchte. Der Besitzer Clay Bennett gibt diese Ausrichtung nun einmal vor. Allerdings kann es sein, dass er angesichts des letzten Vertragsjahrs von Kevin Durant 2015/16 von diesem Grundsatz abrückt, um seinen Superstar mit einem Titel zum Bleiben in OKC zu bewegen. Egal, was letztendlich entschieden wird: um irgendetwas beurteilen zu können, muss man sich das Team-Salary OKCs genauer ansehen. 

In diesem Jahr liegt Oklahoma City knapp 2,3 Millionen Dollar unter der Luxury-Tax. Die Grenze wird zur nächsten Saison wohl angehoben werden, wahrscheinlich auf 74 oder 75 Millionen Dollar. Wenn keine Trades mehr erfolgen und die Standings so bleiben, wie sie sind, kann Presti wohl zur neuen Saison zwei neue Rookies begrüßen. Dazu könnte dann vielleicht auch Tibor Pleiss kommen. Allerdings muss Thabo Sefoloshas Vertrag erst noch verlängert werden oder (wahrscheinlicher) ein etwa 3-4 Millionen $ pro Jahr teurer Ersatz geholt werden.

Summa summarum wird das Team-Salary auch 2015/16 noch unter der Tax liegen. Jacksons Verlängerung würde sich dann ab der Saison 15/16 bemerkbar machen. Zu den garantierten 50 Millionen Dollar werden noch ca. 8 Millionen für die Team-Optionen von Lamb, Steven Adams, Andre Roberson und Perry Jones hinzukommen, dazu die Gehälter der neuen Rookies und des Sefolosha-Ersatzes. Zusammen werden alle Spieler also um die 63-66 Millionen Dollar kosten. Wir erinnern uns: die Luxussteuer-Grenze wird bei ca. 74-75 Millionen Dollar liegen. Selbst wenn man eng rechnet, kommt man auf eine Differenz von 8 Millionen $.

Das heißt: Ja, die Thunder könnten sich einen oben beschriebenen Vertrag für Reggie Jackson grundsätzlich leisten. Ein Harden-Szenario nur aus finanziellen Erwägungen ist nicht zu befürchten. Natürlich könnte man einwenden, dass irgendwann auch noch Lamb, Adams und co. bezahlt werden müssen, aber dies spielt sich alles 2016 und später ab. Dann muss auch Durant einen neuen Vertrag bekommen und die Situation ist noch so unklar, dass sie kaum als Grundlage für weitere Planungen benutzt werden kann. Jacksons Vertrag nicht zu verlängern, wäre dämlich, denn falls er dann zu teuer wird, könnte man ihn ja immer noch traden. 

(3.) Sollte OKC ihn sich aus sportlichen Gesichtspunkten leisten?
Diese Frage ist zwar in Teilen auch finanzieller Art, aber sportliche Aspekte sind hier für die Beurteilung deutlich wichtiger. Gesetz dem Fall, man gibt Jackson einen langfristigen, gut dotierten Vertrag, dann muss man ihn natürlich auch spielen lassen. Er wäre entweder als sechster Mann eingeplant, oder aber als Starter auf der Zwei. So oder so, seine Spielzeit würde sich auf ungefähr 28-32 Minuten belaufen. Da Westbrook als Starting-PG circa 35-37 Minuten pro Partie abreißt und man auch noch Spielzeit für den dritten PG einberechnen muss, werden Westbrook und Jackson runde 25 Minuten zusammen auf dem Feld stehen.

Das Problem hierbei ist, dass beide primäre Ballhandler sind, also den Ball in der Hand brauchen, um effektiv zu sein, und dass keiner der beiden sich in seiner Karriere bisher als Dreierschütze hervorgetan hat. Die Thunder hätten also in jedem Spiel knapp 25 Minuten einen Backcourt auf dem Parkett, der mit dem Treffen von Dreiern relativ wenig zu tun hat. Dieses Manko kann natürlich durch Spacing auf den anderen Positionen (z.B. Lamb-Durant-Ibaka als Restaufstellung) einigermaßen behoben werden - allerdings ist es sowohl bei der Teamzusammenstellung als auch beim Coaching schon eine Einschränkung, wenn man im Backcourt so gehandicapt ist. 

Leider ist die Sample-Size von Jackson und Westbrook zusammen in einer Lineup sehr gering. Bisher standen sie gerade einmal 122 Minuten gemeinsam auf dem Parkett, was die Beurteilung solcher Aufstellungen sehr schwer macht, zumal Westbrook im November auch noch nicht richtig fit war. Die verschiedenen Aufstellungen mit beiden spielten insgesamt ein Plus/Minus von +39 heraus und lieferten bei den eFG-Quoten teilweise gute, teilweise weniger gute Werte ab. Allerdings ist die Minutenanzahl einfach viel zu klein, um hier eine verlässliche Bewertung abgeben zu können.

Doch gerade das Zusammenspiel zwischen den beiden ist für die Zukunft Jacksons entscheidend. OKC kann sich weder viel Geld noch viele Minuten für Jackson erlauben, wenn dieser nicht zu seinem Star-Point-Guard passt. Westbrook ist der deutlich bessere Spieler, die NBA ein Business. Jackson müsste im Fall, dass es mit beiden nebeneinander nicht klappt, gehen. Wenn sich erweisen sollte, dass Jackson und Westbrook gut zusammenpassen (es gab einige Ansätze, die Hoffnung machen), ist alles bestens und dann wird Jackson seinen Vertrag und seine Spielzeit auch bekommen. Wenn nicht, muss Presti aber über Lösungen nachdenken.


(4.) Lösungen 
Ein Trade von Jackson wäre dann unausweichlich. Jedoch wird Presti mindestens bis zum Draft-Day 2014 abwarten, um während der restlichen Regular Season und den Play-Offs die Kombo Westbrook-Jackson zu bewerten. Danach wäre auch Perkins' Vertrag ein „Expiring“ und könnte so wahrscheinlich relativ einfach als Filler in künftigen Trades benutzt werden. Im Angesicht der Tatsache, dass OKC auch in den nächsten Jahren gerne Meister werden würde, ist das „Modell Harden“, also ein Trade gegen Assets, wahrscheinlich eine eher unbefriedigende Lösung. Besser wäre dagegen folgendes: 

A. Ein Trade gegen einen in etwa gleich guten und teuren Combo-Guard, der aufgrund eines vorhandenen Wurfes und anderen Fähigkeiten besser zu Westbrook passt und Jacksons (projizierte) Rolle eins zu eins übernehmen kann. Leider fallen mir hierzu kaum konkrete Beispiele ein, die in Frage kämen. Zwei Spieler, die ich grundsätzlich für geeignet halte, wären die bereits erwähnten Kyle Lowry und Goran Dragic, doch der Vertrag des einen läuft im Sommer aus und den anderen wird Phoenix kaum hergeben, weil er seine Leistungen noch einmal steigern konnte. Hier müsste Presti schon eine sehr überraschende Lösung aus dem Hut zaubern, um einen guten Deal zu machen. 

B. Ein Trade von Jackson und Perkins gegen zwei oder drei Spieler: ein billiger (lies: maximal 4 Millionen $), solider Point Guard, der die Minuten hinter Westbrook übernehmen und dank vorhandenem Dreier auch neben ihm spielen kann, sowie dazu ein Mittelklasse-Big Man (5-6 Millionen $), der idealerweise gut reboundet und verteidigt und zu Perkins im Frontcourt ein Upgrade darstellt. Optional könnte man auch noch einen ebenso billigen Flügelspieler mit gutem Wurf aufnehmen, der mithelfen kann, Sefolosha zu ersetzen. Man hätte also Jacksons Wert benutzt, um die Bank Oklahoma Citys noch einmal stark zu verbessern und zu vertiefen. Die klassische 6th-Man-Rolle würde dann Jeremy Lamb einnehmen, dessen Fähigkeiten sich auch sehr gut mit denen von Westbrook vertragen. Jacksons Ballhandling-Aufgaben übernehmen der neue Point Guard sowie Durant, der das ja bereits in dieser Saison schon sehr gut macht. Wenn Presti hier einen guten Deal aushandeln kann, müsste sich diese Lösung auch in keinem Fall vor einer Verlängerung Jacksons verstecken. Und so wie man Presti kennt, hat er mit Sicherheit keine Angst, einen Jackson-Trade durchzuziehen, wenn er dem Team langfristig hilft. 

Fazit
Die Causa Jackson ist insgesamt sehr knifflig und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Es gibt keine einfachen oder klaren Lösungen und es ist mitnichten „sicher“ was im Sommer passieren wird. Für die Medien ist das ganze natürlich ein gefundenes Fressen, um Auflage zu machen und ein Aufreger-Thema („Vertradet OKC den nächsten Leistungsträger?!“) zu haben. Ich persönlich glaube jedoch, dass Sam Presti das Thema in der Offseason ruhig analysieren und seine Schlüsse und Konsequenzen ziehen wird. Der GM wurde damals für den Harden-Trade hart kritisiert, doch im Endeffekt stehen die Thunder (wieder) an der Spitze der NBA, obwohl Westbrook langfristig ausfiel. Zudem besitzt die Franchise immer noch eine beachtenswerte sportliche und finanzielle Flexibilität. Meiner Ansicht nach wird Presti auch diesmal die richtige Entscheidung treffen, um die Thunder voran zu bringen.