17 Februar 2014

Daniel Schlechtriem | 16. Februar, 2014   







Die Trade-Deadline ist weniger als eine Woche entfernt. Die Gerüchteküche kocht über. Die recht klare Situation in der Liga mit no-brainer Contendern auf der einen und Teams im Tank auf der anderen Seite verspricht ein reges Feilschen und Tauschen in den verbleibenden Tagen bis zum 20. Februar. Grund genug für uns, bis dahin einen genaueren Blick auf die aussichtsreichsten Umzugs-Kandidaten 2014 zu werfen.
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Wie auch immer seine weitere Karriere verläuft, gemessen werden wird Jeremy Lin immer an den sagenhaften Wochen im Winter 2012, in denen er vom Niemand zum Massenphänomen aufstieg und 'Linsanity' die Basketballwelt aus der Fassung brachte. Zwei Jahre später ist dieser Ausnahmezustand nur noch eine ferne Erinnerung, stattdessen Realität eingekehrt.

Für Lin selbst war 'Linsanity' Fluch und Segen zugleich. Letzteres, weil ihm diese Wochen den 25 Millionen Dollar schweren Vertrag bescherten, dessen größtes Stück er erst noch erhalten wird, von Sponsorengeldern und ähnlichem ganz abgesehen. Doch diese Popularität hat auch ihre Schattenseite, denn sie steht in keinem Verhältnis zu Lins Fähigkeiten auf dem Feld. Wenngleich seine eifrigsten Anhänger in ihm immer noch einen der besten Aufbauspieler sehen und ihn in einem Atemzug mit Chris Paul oder Tony Parker nennen, steht der Harvard-Absolvent unter der ständigen Erwartungshaltung der Leistungen in besagtem Zeitraum. Und spätestens seit diesem Jahr sollte klar sein, dass Lin an diese nicht mehr anknüpfen kann – zumindest nicht unter den Gegebenheiten in Houston.

Die Diskrepanz zwischen Popularität und Leistung, zwischen hoch dotiertem Vertrag und Inkonstanz auf dem Parkett machen den 25-jährigen zu einem der Trade-Kandidaten zur bevorstehenden Deadline. Den internen Kampf um die Starterrolle bei den Rockets hat Lin längst gegen einen Spieler mit ähnlichem Werdegang verloren: Patrick Beverley kam ebenso aus dem (basketballerischen) Nichts, hat sich jedoch mit seinem hohen Einsatz, seiner Zähigkeit und seiner Furchtlosigkeit – allesamt Eigenschaft, die Lin in diesem Ausmaß kaum aufs Parkett bringen kann – nicht nur in die Herzen der Fans im Toyota Center, sondern auch in die Position des Aufbauspielers neben James Harden gekämpft. Sämtliche Zahlen belegen, dass die Rockets mit Beverley in der Starting Five wesentlich besser sind, als mit Lin.

Zwar bringt der Asiaamerikaner als sechster Mann ordentliche Zahlen aufs Scoreboard und ist auch ein solider Ersatz, falls Harden oder Beverley ausfallen, für einen Spieler seiner Qualitäten ist er aber dennoch überbezahlt. Als Vergleichswert erscheint Jamal Crawford von den L.A. Clippers geeignet, der von der Bank kommend starke 18,6 Punkte und damit bei etwa gleichen Minuten über fünf Zähler mehr als Lin (13,3) auflegt, im Schnitt jedoch auch drei Millionen Dollar weniger pro Jahr aufs Konto überwiesen bekommt. Und genau das sorgt für rauchende Köpfe im Front Office der Rockets.

Denn Lin ist zwar ein solider Spieler, ein guter Teamkamerad und darüber hinaus für die Marketingabteilung exquisites Material – doch sein Vertrag wurde abgeschlossen, als man in Houston davon ausging, erst in ein paar Jahren in den Win-Now Modus zu schalten, der jedoch spätestens mit der Verpflichtung Dwight Howards vergangenen Sommer gestartet wurde. Rockets Eigentümer Les Alexander hat zwar kein Problem damit, für die Jagd auf eine weitere Championship den Salary Cap auszureizen und die Luxussteuer zu bezahlen, doch Houston ist noch wenigstens einen Schlüsselspieler davon entfernt, ein wirklich ernstzunehmender Contender zu sein – da kann man es sich nicht erlauben, einen inkonstanten Bankspieler überzubezahlen. Erst recht, weil in Aaron Brooks der prozentual beste Dreierschütze der Rockets (41,2%) als Ersatz bereits im Kader steht und die Rockets folglich nicht zwingend einen Point Guard als Gegenwert für Lin fordern müssen.

Zur erwähnten Unbeständigkeit kommt noch etwas hinzu, was Lin nicht ist, man in Houston aber unbedingt sein sollte: clutch. In der Crunchtime trifft er wichtige Würfe nicht oder verlegt Lay-Ups, seine ständige Anfälligkeit für teilweise haarsträubende Turnover (insgesamt 2,7 pro Spiel in durchschnittlich 31,1 Minuten) oder immer wiederkehrende leichte Fehler (Fuß auf der Linie beim Dreier) sind ebenfalls keine Hilfe. Lin funktioniert dann am besten, wenn die Offensive – wie damals in New York – auf ihn zugeschnitten ist. Aber das wird gemeinsam mit James Harden und Dwight Howard in Houston nicht mehr passieren.

Lin wird also verfügbar werden und auch wenn nun einige Gründe genannt wurden, die die GMs der Liga dazu bewegen könnten, den Hörer sofort wieder aufzulegen, sobald Daryl Morey seinen Aufbauspieler auch nur erwähnt, wäre er vor allem für Small Market Teams oder Tanker ein starker und sinnvoller Neuzugang. Wo auch immer im Land die Rockets zu Gast sind, finden sich Fans in roten Trikots, die in den allermeisten Fällen die Nummer 7 und Lins Namen tragen. Wie im oben verlinkten Artikel erwähnt thematisieren vier der fünf meistgeklickten Videos auf der größten Rockets-Fanpage clutchfans.net Jeremy Lin. Absurderweise erhielt er sogar beim All-Star Voting mehr Stimmen als sein Teamkollege Harden.

'Linsanity' bringt demnach genau die Aufmerksamkeit von Fans und Medien sowie die Ticket-/Trikotverkäufe, die beispielsweise die Milwaukee Bucks dringend bräuchten, um ihr Team in Wisconsin halten zu können. Als Harvard-Absolvent wäre er auch in Boston Garant für einen vollen Garden, solange die Kelten in absehbarer Zeit lediglich um eine hohe Position im Tank Ranking „streiten“. Auch für die Toronto Raptors würde eine Akquisition Lins sehr viel Sinn ergeben, sollten sie ihren Borderline All-Star Kyle Lowry doch noch abgeben wollen. Über 12% der Einwohner Torontos haben asiatischen Wurzeln, daher wäre Lin ein zugkräftiges Aushängeschild im Nordosten. Darüber hinaus haben die Raptors für die kommende Saison voraussichtlich sehr geringe Personalkosten, sodass sie Lins wuchtiges Gehalt von realen 15 Millionen Dollar schmerzfrei stemmen können. Aber auch das Gedankenspiel über eine Rückkehr in den Madison Square Garden ergibt sehr viel Sinn. Die Knicks suchen verzweifelt nach einem Spielmacher, angesichts der „Leistungen“ Raymond Feltons wünschen sich nicht wenige 'Linsanity' sehnlichst zurück. Eine Neuauflage dieser, wenn auch nur in der Light Version, könnte den New Yorkern eine Menge Rückenwind geben und womöglich einen Wendepunkt in der bisher mehr als enttäuschenden Saison markieren.

Ein Markt für Lin ist also vorhanden, zumal er nicht nur als Merchandisefigur, sondern durchaus auch sportlich seinen Wert für genannte Teams hätte. Lin ist an jedem Abend und gegen jeden Gegenspieler für 20 Punkte und mehr gut, er hat seinen Dreier über den Sommer verbessert, seine Drives öffnen Freiräume für die Mitspieler, und wie gefährlich er im Pick and Roll sein kann, hat er bereits vor zwei Jahren im Zusammenspiel mit Tyson Chandler bewiesen. Seither hat sich auch seine Defensive verbessert, die zwar nie großartig sein wird, aber wenigstens solide. Neben der erwähnten Teams haben in diesem Jahr einige mehr Tanking-Ambitionen und können Lins Arbeitspapier bei ausbleibenden sportlichen Leistungen im Sommer 2015 einfach auslaufen lassen, oder gar vorher für einen Gegenwert weiterverschachern: Ein auslaufender acht Millionen Dollar Vertrag findet in der NBA immer Interesse.

Für Lins Karriere wäre ein Abgang aus Houston ebenfalls positiv. Auf Dauer kann er zusammen mit Harden auf dem Parkett ebensowenig koexistieren wie Dwight Howard mit Ömer Asik. Den Platz des Starters hat Lin verloren und selbst seine Rolle des sechsten Mannes ist nicht in Stein gemeißelt: Der bereits erwähnte Brooks bringt mehr Erfahrung und einen zuverlässigeren Dreier mit, zudem schart Youngster Isaiah Canaan, der in der D-League regelmäßig heiß läuft, bereits mit den Hufen und wird spätestens nächste Saison seine Chance bekommen. Lin hingegen scheint die Sicherheit und das Vertrauen zu benötigen, die ihm möglicherweise ein kleiner Markt ohne den Druck einer Metropole wie New York respektive jenem, Abend für Abend an der Seite von zwei legitimen All-Stars liefern zu müssen, geben kann. Ohne diese Komponenten und mit regelmäßiger Spielzeit findet er womöglich einen Weg, seine Mängel auszumerzen und wenigstens an manchen Abenden wieder 'Linsanity' aufs Feld zu bringen.