18 Februar 2014

Roman Schmidt | 18. Februar, 2014    @sch_rom






Die Trade-Deadline ist weniger als eine Woche entfernt. Die Gerüchteküche kocht über. Die recht klare Situation in der Liga mit no-brainer Contendern auf der einen und Teams im Tank auf der anderen Seite verspricht ein reges Feilschen und Tauschen in den verbleibenden Tagen bis zum 20. Februar. Grund genug für uns, bis dahin einen genaueren Blick auf die aussichtsreichsten Umzugs-Kandidaten 2014 zu werfen.
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Kyle Lowry hatte es während seiner Karriere nicht leicht. Er wurde 2006 von den Memphis Grizzlies gedraftet und 2009 zu den Rockets getradet. Wieder drei Jahre später landete er noch einmal per Trade-Express im kanadischen Toronto, damit die Rockets einen weiteren 1st Round Pick ihr eigen nennen konnten, der später tatsächlich beim Trade von James Harden zum Einsatz kam. Kyle hat bei jeder seiner vorherigen Stationen verbrannte Erde hinterlassen. Vor allem in Houston gab es immer wieder Berichte darüber, dass er einen schwierigen Charakter habe, der nicht teamfördernd sei. Außerdem musste er regelmäßig mit Verletzungen kämpfen, verstauchte und geprellte Knöchel gehörten über die Jahre häufig zu seinen Peinigern. Vor allem schien es, als würden seine Verletzungen immer dann auftreten, wenn er in Form kam und für seine Teams gute Zahlen auflegte. So verlor er auch, trotz guter Leistungen vor der Verletzung, im letzten Jahr in Houston seinen Starting Job an Goran Dragic. In der abgelaufenen Spielzeit 12/13 konnte er für die Raptors einen starken Dezember (15,9 Pkt, 5,9 Reb, 5,2 Ast pro Spiel) und Januar (15,1 Pkt, 4,4 Reb, 6,7 Ast) hinlegen. Nachdem er allerdings erneut mit Verletzungen zu kämpfen hatte, nahm seine Produktivität jeden folgenden Monat ab.

NBA-Fans, denen Lowry erst dieses Jahr aufgefallen ist, werden sich über den letzten Absatz womöglich wundern. Denn K-Low spielt dieses Jahr wie ein All Star. Nein, wenn Kyrie Irving oder Dwyane Wade nicht von den Fans in die Starting 5 gewählt werden, darauf wette ich Vieles, ist Lowry sogar ein All Star! Er ist gebaut wie ein Bulle und trotz seiner überschaubaren 1,83m niemand, der sich auf dem Court herumschubsen lässt. Kyle ist einer dieser Gegenspieler, den du hasst, weil er, während er auf dem Feld ist, keine Sekunde durchatmet, sein Gaspedal ist immer am Fußboden. Und er ist tough, verdammt tough. Er würde nicht einmal vor den Monstars zurückschrecken. Was viele nicht wissen, ist, dass er sich bereits auf dem College das Kreuzband gerissen hat. Lowry hat nur unmenschliche 3 Monate zwischen der Operation zur Reparatur seines Knies und der Freigabe zum Mannschaftstraining verstreichen lassen. Das sind Nanosekunden in Derrick-Rose-Zeit. Warte… Was?

Der Philly Native führt zurzeit ein Raptorsteam in Richtung Playoffs, welches mich zum Millionär gemacht hätte, wenn ich auf sie als Atlantic Division Sieger gesetzt hätte. Ohne den Raptors zu nahe treten zu wollen… aber ihnen mangelt es normalerweise an Talent. Doch das ändert sich schnell, wenn man sieht, dass Kyle Lowry ein Offensive Rating von 120,2 hat (Platz 8 ligaweit, 0,7 Punkte hinter Lebron James). Überhaupt ist er unter den Point Guards sowohl Zweiter beim Offensive Rating als auch bei den gesamten Win Shares. Außerdem führt er die Liga in angenommenen Charges an (22), was seine Bereitschaft für harte Defense unterstreicht. Seine individuellen Stats, wie seine knapp 17 Punkte und 7,5 Assists pro Spiel, oder dass er alle Point Guards bei den Rebounds anführt, schenke ich euch. Er hat in der Offseason die Entscheidung getroffen, die Verantwortung für ein junges Team zu übernehmen und anzuführen, was er bislang mit Bravur gemeistert hat. Wenn Mitspieler eine gute Aktion zustande bringen, ist er der Erste, der steht und das Handtuch schwingt. Niemand kann ihm in Sachen Teamfähigkeit etwas vorwerfen. Und dieser Spieler ist also keinen First Round Pick der Knicks im Jahr Zweitausendweißdergeierwann wert?

Okay, einen Schritt zurück. Wir stellen uns ein Paralleluniversum ohne Menschenrechte vor. Du hast eine Freundin. Sie hat den Ruf ziemlich schwierig zu sein und hat Ex-Freunde hinter sich, die sie abgeschossen haben. Teils, weil deine Freundin anstrengend und nicht das war, was sie gehofft haben, oder aber, weil sie auf Bärte stehen. Das letzte Jahr mit ihr fing vielversprechend an, doch es endete sehr ernüchternd. Dir wurde klar, sie ist nicht die Richtige. Du hast dir versprochen, dass du sie bis Silvester in die Wüste schickst. Als du deinen egoistischen Untermieter wechselst, merkst du, dass es plötzlich viel besser mit deiner Freundin läuft. Ja, es läuft sogar viel besser als du es am Anfang eurer Beziehung erwartet hast. War der Mitbewohner an der Misere schuld? Du traust dem Braten nicht. Vor allem, weil ihr Freundin-auf-Probe-Vertrag dieses Jahr ausläuft und nächstes Jahr teuer zu Feste-Freundin-Vertrag-Konditionen verlängert werden müsste. Wirst du den Vertag auslaufen lassen und riskieren, dass du am Ende mit leeren Händen dastehst oder versuchst du sie gegen etwas, das dir in der Zukunft helfen könnte - wie eine Startup-Aktie oder eine Playstation 4 - zu tauschen?

Du bist Masai Ujiri, Kyle Lowry ist deine Freundin, Rudy Gay dein Ex-Untermieter und der Typ, der auf Bärte steht, das sind die Houston Rockets. Spätestens, als Masai Rudy Gay getradet hat, war klar: Die Raptors haben in dieser Form keine Zukunft und werden in die Luft gejagt. Es war sogar die Rede davon, dass Lowry und auch DeMar DeRozan Toronto verlassen müssten. Ujiri machte keinen Hehl daraus, dass er dem Team ein neues Gesicht um Center Valanciunas geben wollte. Natürlich wollte er die Toronto Drakes auch in den Tank-Modus versetzen. Nun, die Raptors sind 22-12 seit dem Rudy Gay Trade. Der Raptors GM weiß allerdings ganz genau, dass sein Team, trotz derzeitigem Rang 3 im Osten, nicht genug besitzt, um die zweite, ja vielleicht sogar die erste Runde der Playoffs zu überstehen. Und Ujiri machte auch nie einen Hehl daraus, dass Lowry für den richtigen Preis zu haben ist.

Im Dezember 2013 haben sich die Knicks gemeldet und ihr ernsthaftes Interesse signalisiert. Es stellte sich heraus, dass Masais Vorstellung des richtigen Preises für Lowry zu hoch war. Die Raptors verlangten angeblich einen 1st Round Pick und die Knicks wollten diesen Preis (+ Felton) nicht zahlen. Um zu verstehen, weshalb das so verrückt - oder als Außenstehender lustig - ist, muss ich zwei Dinge erwähnen: Zunächst wäre der Knicks-Pick erst 2018 fällig geworden. Knicks-Owner Dolan glaubt jedes Jahr erneut, dass die Knicks Contender wären. Wäre ein Pick Ende der ersten Runde dann kein geringer Preis für einen starken Point Guard? Aber okay, selbstverständlich weiß jeder, dass der Draftjahrgang 2018 der beste aller Zeiten wird. Das wirklich erstaunliche ist, dass wir es hier mit der Franchise zu tun haben, die erst kürzlich für Andrea Bargnani einen 1st Round Pick abgab (2016). Dieser Satz müsste geschrien werden. WARUM IST BARGNANI EINEN 1st ROUND PICK WERT UND LOWRY NICHT?!

Ich kann es mir nur so erklären: Lowry wird im Sommer Free Agent. Jedes Team, das Interesse an ihm hat, kann ihm im Sommer einen Vertrag anbieten. Vor allem dieser Aspekt wird es Ujiri fast unmöglich machen, den Deal zu finden, den er sich wünscht. Die Bulls (Deng) und die Hawks (J-Smoove) werden ihm das bestätigen können.

Lowry wurde ebenfalls mit den Brooklyn Nets (Wow, die Nets sind an einem Spieler interessiert) und den Golden State Warriors in Verbindung gebracht. Golden State hat bisweilen allerdings Jordan Crawford verpflichtet und ist damit aus dem Rennen. Die Nets sehe ich hingegen als Dark Horse im Lowry-Poker, denn ihre Moves auf dem Spielermarkt sind weitesgehend irrational und sie haben noch einen 1st Round Pick für 2014 in der Hinterhand, den die Atlanta Hawks allerdings mit ihrem eigenen tauschen können. Während ich dies hier schreibe, gibt es außerdem Meldungen, dass New York einen 3-Team-Trade forcieren möchte, der Jeff Teague, Lowry und Shumpert umfasst. Ob die Hawks hingegen wirklich Teague und einen 1st Round Pick abgeben wollen (vermutlich hoffen die Knicks, dass sie dort ihren Pick für Toronto auftreiben können), halte ich für sehr fragwürdig. Es sei denn, die Bockers entscheiden sich tatsächlich dazu, Tyson Chandler fortzuschicken, wie es Teile der Fanbase lauthals fordern. Doch das sind zum jetzigen Stand Wunschträume.

Masai Ujiri ist in NBA-Kreisen als GM bekannt, der bei Trades immer das Maximum herausholt, was er unter anderem beim Bargnani-Trade eindrucksvoll bewiesen hat. Dieser scheint ihn nun jedoch heimzusuchen, denn die Knicks möchten sich offensichtlich nicht erneut vom Nigerianer über den Tisch ziehen lassen.

Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, dass Ujiri zu lange mit dem Lowry-Trade gewartet hat. Die Fans in Kanada dürsten nach den Playoffs und nicht wenige würden es ihm übel nehmen, wenn er auf halbem Weg die Handbremse zieht. Außerdem rückt das Ende von Lowrys Vertrag mit jedem verstrichenen Tag näher und macht ihn für andere Teams unattraktiver. Die New York Knicks werden möglicherweise bis zum 20. Februar einlenken und anbeißen, doch im Moment sieht alles nach einem Verbleib Lowrys in Kanada aus.

Manchmal bleibt einem eben nichts anderes übrig, als seine Freundin in den Arm zu nehmen und den Moment zu genießen. Egal, was morgen kommt...