19 Februar 2014

Philipp Rück | 19. Februar, 2014    @Poohdini76ers





Die Trade-Deadline ist weniger als eine Woche entfernt. Die Gerüchteküche kocht über. Die recht klare Situation in der Liga mit no-brainer Contendern auf der einen und Teams im Tank auf der anderen Seite verspricht ein reges Feilschen und Tauschen in den verbleibenden Tagen bis zum 20. Februar. Grund genug für uns, bis dahin einen genaueren Blick auf die aussichtsreichsten Umzugs-Kandidaten 2014 zu werfen.
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Jedes Jahr, wenn die Trade-Deadline kurz bevor steht, wird man das Gefühl nicht los, die gesamte Liga wartet auf den einen initialen Dominostein. Erst danach werden allmählich alle anderen Transfers eingefädelt und ein Stein nach dem anderen fällt.

Viele Experten vermuten, dass diese Initiation heuer von den Philadelphia 76ers ausgehen wird. Schließlich befinden sich in deren Roster drei glasklare Kandidaten für einen Vereinswechsel. Das Front Office machte kein Geheimnis daraus, dass Spencer Hawes, Evan Turner und Thaddeus Young auf dem Trading Block stehen. Die Telefonleitungen von GM Sam Hinkie sollen angeblich 24/7 laufen und Gespräche werden mit allen 29 Franchises geführt.

Gehaltssituation
Die Verträge von Turner (6,7 Mio) und Hawes (6,5 Mio) laufen zum Ende des Jahres aus. Der Wing kann aber im Sommer zum Restricted Free Agent werden, wenn man ihm die 8,7 Mio teure Qualifying Offer unterbreitet. Dies werden aber weder die Sixers noch das potentiell neue Team tun. Das bedeutet, dass beide Spieler Unrestricted Free Agents werden. Young verdient in diesem Jahr 8,6 Mio, sein Vertrag läuft aber noch bis 2016 (das letzte Jahr ist eine Player Option). In den kommenden zwei Jahren beträgt sein Verdienst 18,9 Mio Dollar.

Spielerische Situation
Der spielerisch wertvollste der Kandidaten ist eindeutig Young. Er kann so wertvoll sein, dass Sam Hinkie sehr diffuse Andeutungen macht. Mittlerweile möchte man ihn angeblich erst im Sommer abgeben, wenn überhaupt. Sein zumindest nicht günstiger Vertrag ist für das geringe Gesamtvolumen an Gehältern in Philly locker zu stemmen, ohne sich der Flexibilität zu berauben. Denn Young ist Sixer der ersten Stunde, ein vorbildlicher Arbeiter und Teamkamerad und ein Hustler auf dem Court. Seine spielerische Entwicklung scheint unter dem neuen Trainerteam noch lange nicht abgeschlossen zu sein. Seine Stärken sind außerdem seine gut ausgebildete Fußarbeit, die ihm im Post trotz fehlender Größe zu einer guten Scoringoption machen könnte. Außerdem hat er seit diesem Jahr den Dreier in seinem Repertoire (im November & Dezember über 40 %), was bedeutet, dass da weiterhin Potential nach oben besteht. Er könnte in einem funktionierenden Team als tertiärer Angreifer oder Bankmikrowelle eine wertvolle Ergänzung sein. Einen solchen Musterprofi könnte jedes Team gebrauchen. Young ist kein Lockdown-Defender am Perimeter, aber sein unermüdlicher Einsatz macht ihn defensiv nicht zum schwarzen Loch, wie so manch anderen Sixer.

Womit wir bei Evan Turner sind, dessen Name ich schon vor Wochen versuchte als Synonym für „schlechte Defense“ zu implementieren. Turner verteidigt einfach nur miserabel. Er verschläft Rotationen, ist unaufmerksam und sollte für jeden jungen Basketballer als negatives Anschauungsmaterial in Sachen „helping one pass away“ dienen. Sein Saisonstart war zugegebenermaßen höchst erfreulich. Es schien, als hätte Coach Brown ihm die Doug-Collins-Gedächtnis-Pull-up-Jumper aus 20 Fuß Entfernung ausgetrieben. „ET“ war aggressiv beim Zug zum Korb, was in vielen Versuchen von der Freiwurf-Linie endete (5,2 FTA/G). Diese Zahl fiel aber ebenso wie seine Feldquote und sein Punkteschnitt von Monat zu Monat. Waren es im November noch 21,1 Punkte bei 46% aus dem Feld, sind es im Februar nur noch 13 Punkte bei 40%, bei quasi linearem Abstieg in jedem Monat. Grund hierfür ist die Rückkehr seiner einzigen großen Liebe: der Jumper. Leider beruht diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit. Achso, den Dreier trifft er sowieso nicht, was für einen Flügelspieler eigentlich ein Todesurteil ist.

Aber noch sind bei ihm nicht Hopfen und Malz verloren. Turner kann die Offensivlast als primäre Angriffsoption nicht tragen, das hat diese Saison gezeigt. Er ist auch kein Franchise-Player. Das muss er auch nicht sein. Er kann in einem Team, das offensiv noch Unterstützung benötigt, durchaus als dritte oder vierte Offensivoption helfen. Für das junge, unerfahrene und mit Borderline-NBA-Spielern bestickte Sixers-Team hat er kaum Wert, da er hier die Hauptlast tragen muss. Für andere Teams könnte er hingegen einen Wert haben, solange diese Teams seine defensive Inkompetenz verstecken können. In dieses Profil (defensivstark, offensive Hilfe benötigt) passten beispielsweise die Charlotte Bobcats.

Der beste Distanzschütze in Philly ist Spencer Hawes. Er trifft den Dreier über die komplette Spielzeit mit knapp 41% bei fast 4 Versuchen, wobei nur die sieben Spiele im Februar seinen Schnitt ein wenig herunter gezogen haben. Der Center legt insgesamt 13,2 PPG und 8,6 RPG bei einer True Shooting Quote von 55% auf. Hawes kann aber noch mehr als nur das Spielfeld auseinander zu ziehen und Dreier tödlich zu versenken. Teams, die zusätzlich noch einen Back-Up auf den großen Positionen suchen, sind bei Spencer „Hawesome“ an der richtigen Adresse. Klar, er ist kein Defensivanker, aber einem Contender oder veritablen Playoff-Team könnte er mit seinem Shooting sowie seinem Rebounding und Verteidigen für 15-20 Minuten definitiv helfen. Bei ihm wie auch bei Turner gilt, dass die Last, die er in Philly tragen musste, zu schwer war. Mit kleinerer Verantwortung wird seine Produktivität wieder steigen.

Was ist der Preis?
Auch wenn Young durchaus eine Zukunft in Philly hat, ist er für einen mittleren Erstrundenpick oder einen jungen, talentierten Spieler zu haben.  Es kommt darauf an, wer bereit ist, diesen Preis zu bezahlen. Sein Vertrag ist hochdotiert, aber für Spieler seiner Klasse nicht überteuert. In der Welt des neuen CBAs gibt es aber kaum noch General Manager, die gern ihre First-Rounder abgeben, es sei denn, sie haben mehrere davon. Mögliche Tradepartner können daher Phoenix oder Charlotte sein.
Evan Turners Preis ist wesentlich geringer. Gerüchten zufolge ist er für eine DVD von „Sharknado“ und einen Sandsack zu bekommen, der direkt den defensiven Ersatz Turners in der Starting Five geben kann.

Hinkies Forderungen sind bei all seinen Trades Draft Picks und junge Spieler. Bei Turner ist dies höchst unwahrscheinlich. Wenn überhaupt, bekommt man für ihn noch einen ganz späten Ersrundenpick und/oder Salary Dump. Eine mögliche Hoffnung der Sixers ist es, dass man evtl. Spieler abgreifen kann, von denen die eigenen Teams enttäuscht sind. Das Interesse der Bobcats an „ET“ könnte bedeuten, dass man mit Michael Kidd-Gilchrist unzufrieden ist, den ich persönlich mit Kusshand in Philly empfangen würde. Oder aber man tauscht Turner gegen den mächtigen, aber auslaufenden Vertrag von Ben Gordon und den 2014-First-Rounder der Trail Blazers, der in Charlotte auf Vorrat liegt. Sollte kein adäquater Deal zustande kommen, wird Turner am Ende der Saison in die Free Agency entlassen.

Floor spacende Big Men sind in der NBA so wertvoll wie noch nie. Ein Verbleib von Hawes bis zum Saisonende bzw. darüber hinaus ist also durchaus sinnvoll. Insbesondere die Idee, ihn (im kommenden Jahr) mit dem defensivstarken, aber offensiv unausgereiften und nur in Brettnähe punktenden Rookie-Center Nerlens Noel zu paaren, ist eine potentiell ertragreiche: So ähnlich, wie Anthony Davis sich in New Orleans unter dem Korb in Ruhe entwickeln kann, weil ein anderer Big Man weiter außen agiert (Anderson).

Ein Interesse von einem Team wie den Clippers an Hawes sollte dennoch für keine Überraschung sorgen. Das Team aus LA sucht nach einem Back-Up-Big Man, der verteidigen und rebounden soll. Beides tut Hawes solide. Zusätzlich bietet er den Mannen um Chris Paul wichtiges Spacing am andere Ende des Courts. Hawes ist definitiv besser als jeder Ersatz-Big der Clippers (Jamison, Hollins etc.). Der zu zahlende Preis ist aufgrund des auslaufenden Vertrages auch relativ gering. In einer Welt, wo man nicht mal für Luol Deng einen Pick der ersten Runde erhält, kann man für Hawes nicht mehr verlangen. Wenn Hinkie bereit ist, im Gegenzug Altlasten der Clippers (Jared Dudley, Antawn Jamison etc.) aufzunehmen, springt vielleicht doch ein First-Rounder oder Rookie Reggie Bullock heraus.
Eventuell wird auch versucht, zwei der drei Trade-Objekte zusammen im Paket zu verhökern, um so die Attraktivität zu erhöhen. Insgesamt hat das Front Office aber den idealen Zeitpunkt für einen Transfer verpasst.

Der Joker in den Verhandlungen ist der Platz unter dem Salary Cap der Sixers. Aktuell stehen noch 11 Mio. Dollar zur Verfügung. Auch wenn GM Hinkie diese Möglichkeit negiert, so kann Philly in Trades für Erstrundenpicks prinzipiell auch länger laufendene Albatross-Kontrakte aufnehmen. In naher Zukunft stehen in den Büchern fast nur Rookie-Salaries, weswegen es kein Problem wäre, einen Stoudemire-ähnlichen Vertrag zu absorbieren - gesetzt den Fall ein wertvoller Pick ist im Paket enthalten.

Grundsätzlich sei aber gesagt, dass ich es als unwahrscheinlich erachte, dass alle drei Akteure zur Deadline wechseln. Sie sind die Veteranen im Team und geben dem jungen Roster wenigstens ein bisschen Führungspersönlichkeit und Erfahrung. Außerdem würde die Subtraktion von drei der vier besten Spieler die Sixers direkte ins sportliche Chaos stürzen. Das Team gehört jetzt schon zu den drei schlechtesten Mannschaften der Liga, ohne sie würde es wohl oder übel 40 Punkte-Blowouts en masse regnen. Eine Starting Five aus Michael Carter-Williams, Hollis Thompson, James Anderson, Arnett Moultrie und Lavoy Allen (LAVOY ALLEN!!!) wäre nicht einmal in der D-League konkurrenzfähig (von der Bank ganz zu schweigen). Ein solcher sportlicher Zustand wäre für die mentale Entwicklung von Coaches und insbesondere von Spielern absolut verheerend.

Vielleicht gehen Hinkie derartige Bedenken aber auch am Allerwertesten vorbei und er drückt sofort bei allen drei den Abzug, wenn man ihm nur genug junge Talente oder Picks offeriert.