13 Februar 2014

Rainer Ludwig | 12. Februar, 2013    @Sly_S04






Noch heute schwärmen die alten Haudegen in New York vom Sommer 1984, von legendären Playoff-Schlachten gegen Isiah Thomas und Larry Bird, von drei Monaten, in denen "ihr" Bernard King in 40 Spielen außerirdische 30 Punkte und eine atemberaubende Feldquote von 59,7% FG auflegt, von 60 Punkten an Weihnachten gegen die Nets und von den aufeinanderfolgenden 50 Punkte-Shows im Februar. Noch heute ärgert man sich am Big-Apple über das MVP-Voting jener Saison. Bird hat mit seinen Celtics zwar gerade die bessere Bilanz aufgestellt, aber man soll sich doch bitte mal vor Augen führen, welche Mitspieler ihm zur Seite stehen: Robert Parish, Cedric Maxwell, Kevin McHale und Dennis Johnson. Vier Hall-of-Famer, die allesamt talentierter sind als der gesamte Knicks Supporting Cast zusammen genommen.

Kein Spieler ist für sein Team in diesem Jahr so wichtig, wie Bernard King für New York. 47 Siege mit einer Truppe, in der Bill Cartwright (ja, der Bill Cartwright) als zweite Option fungieren muss, klingen fast wie ein siebtes Weltwunder, wenn man bedenkt, wie historisch stark der Osten zu jener Zeit ist. Die legendären Celtics, die Sixers um Moses Malone, Julius Erving und Maurice Cheeks, die Pistons um Isiah Thomas in seiner Blütezeit, die Hawks von Dominique Wilkins und die längst vergessenen Milwaukee Bucks um Marques Johnson (der zu der Zeit mit Bird und Erving verglichen wird), Sidney Moncrief und Trainer-Legende Donnie Nelson müssen Abend für Abend geschlagen werden.

King wird zu dieser Zeit von seinen Kollegen bewundert und gefürchtet. In jenen Jahren gibt es keinen Scorer, der mehr Angst in gegnerischen Defensiv-Reihen auslöst als das Low-Post-Wunder aus dem Big Apple. Larry Bird beschreibt ihn als "besten Power Forward der Liga", Julius Erving als "toughesten Gegner seiner Karriere." Dominique Wilkins charakterisiert ihn als "einzigen Typen der mir immer eine Scheiss Angst eingejagt hat", und Thomas und seine Pistons "bewundern ihn einfach nur. So einen hast du einfach noch nie gesehen."

Leider zählt Bernard King zu jener bedauernswerten Spielersorte, deren Talent vom Coach nie voll ausgereizt und richtig genutzt wird. Damals steuert Hubie Brown die Geschicke der Knicks. Brown gehört zwar zu den besten Fachmännern, die der Basketball-Sport je erleben durfte, aber im Umgang mit Superstars fehlte es dem sturen Bock meistens am nötigen Fingerspitzengefühl - wie auch ein Pau Gasol in seiner Memphis-Zeit häufiger erfahren musste. Schon in den 80ern gilt: Brown steht über allem, gibt jeden Spielzug vor und favorisiert das langsame und strategische Set-Play. Eine schnelle Pace und einen wilden und überraschenden Fastbreak-Stil lehnt der Dirigent vehement ab. Man braucht nicht lange zu überlegen, um sich darüber im Klaren zu werden, welche Konsequenzen diese Ausrichtung für King hat, der zu den besten und gefährlichsten Fastbreak-Akteuren seiner Zeit gehört. Brown beraubt ihn seiner größten Stärke und drückt seinen Einfluss ungewollt nach unten.

Denn, die zweite große Devise des Hubie Brown lautete stets: "Das Team ist größer als der Star." Klingt zunächst zwar ganz vernünftig und sinnvoll, aber wenn man es mit dieser Devise übertreibt und dem mit Abstand besten Spieler im Team an manchen Abenden nur einstellige Wurfmöglichkeiten gewährt, hat das für eine Mannschaft schwerwiegende Konsequenzen. Weniger talentierte Spieler müssen schlechtere Würfe nehmen, die Quoten sinken, die Offensive verschlechtert sich. An manchen Nächten gibt es sogar lautstarke Pfeifkonzerte in New York, weil der Star nach Meinung der Zuschauer zu wenig in das Spiel eingebunden wird.

Trotz aller Widerstände brennt Bernard King damals ein wahres Feuerwerk ab. 1984 schießt er, nach 26,4 PPG in der regulären Saison, die Pistons in der ersten Playoff-Runde mit unfassbaren 42,6 Punkten pro Partie ab. Seine Effizienz ist unglaublich (60,4% FG). In Spiel 5 trägt er sein Team trotz hohem Fieber, zwei völlig verrenkten Fingern an seiner Wurfhand, mehreren Blessuren an seinen Knöcheln und einem Amok laufenden Isiah Thomas zum Sieg. King tut dies auf eine Weise, die für den Gegner fast so frustrierend wie Kareems nicht zu blockender Sky-Hook ist: Wurfbewegungen aus der Mitteldistanz und dem Post-Up werden so schnell und hoch ausgeführt, dass sie für keinen Gegner der Welt zu blocken sind. King perfektioniert mit seinem schnellen Release, seinem Touch und seiner Fußarbeit damals die Low-Post-Kunst. Am Ende von Spiel 5 stehen für ihn 44 Punkte (17/26 FG) auf der Anzeigetafel. Es ist wie die Kombination aus Michael Jordans Flu-Game 1997 und LeBron James' Celtics-Hinrichtung in Spiel 6 der Eastern Conference Finals 2012.

Warum erinnert sich heute kaum noch jemand an diese Heldentaten? Ganz einfach: King ist nie der Liebling der Medien. Zu ruhig, zu unnahbar und zu blass erscheint er neben den grellen Stars der 1980er. Zu langweilig erscheinen damals seine Post-Ups neben den Highlight Dunks von Dominique Wilkins, den Dreiersalven von Larry Bird und den spektakulären Assists von Magic Johnson. Mit Larry und Magic hat die NBA außerdem schon längst ihre Lieblings-Story und neue Gelddruckmaschinerie gefunden. Außer seinen Kollegen, ein paar Basketball-Romantikern und treuen Knicks-Anhängern, weiß diesen Bernard King keiner so richtig zu schätzen.

Die Celtics würden den Knicks in der nachfolgenden Serie schon kräftig den Hintern versohlen, ist man sich in der Basketball-Welt relativ sicher. Nachdem Bernard King den Celtics in Spiel 4 und 6 aber schockierende 43 respektive 44 Punkte rein drückt und Birds legendäres Team in ein alles entscheidendes Spiel 7 zwingt, schwenkt die Stimmung allmählich um. Man scheint kurz davor, die Geschichte umzuschreiben, denn zum ersten Mal wird King auch außerhalb von New York richtig wahrgenommen. Manch einer stellt ihn nach den beiden legendären Spielen gar auf eine Stufe mit "Larry Legend".

Es kommt aber ganz anders: Bird wäre nicht Bird, wenn er in so einem wichtigen Spiel nicht noch einmal einen Gang höher schalten könnte. 39 Punkte und ein Triple Double des MVPs sind am Ende zu viel für die Knicks und einen völlig erschöpften King. Die Celtics ziehen weiter, die Knicks fahren nach Hause - für die Medien der endgültige Beweis, dass King nicht das Herz eines Champions besitzt und es ihm am nötigen Killer-Instinkt mangelt. Von den ständigen Double-Teams und Triple-Teams, die King immer mehr zusetzen, ist am Ende keine Rede mehr. An den unschönen Fakt, dass Kevin McHale wie so oft den besten gegnerischen Scorer im Frontcourt verteidigen muss, weil Bird dieser Aufgabe schlicht weg nicht gewachsen ist, erinnert sich auch niemand mehr. Und niemand spricht davon, dass King seinen Gegenpart die ganze Serie über Eins-gegen-Eins verteidigt und keine Hilfe von seinen Teamkollegen benötigt. Insgesamt ist Larry Bird auch in jener Saison zwar der vielseitigere Spieler, aber King steht mit dem legendären Trash-Talker und dreifachen Champion auf Augenhöhe, wenn man den Kontext betrachtet, in dem beide Spieler agieren dürfen.

Die Playoffs 1984 sollten der Höhepunkt von Bernard Kings Karriere bleiben. Im Jahr darauf explodierten seine Kreuzbänder, während er die Liga im Scoring anführte (32,9 PPG). Danach wurde er nie wieder der selbe Spieler. Verletzungen am Knie, die zur damaligen Zeit nicht so effektiv behandelt werden konnten wie in der Moderne, bedeuteten nicht selten das schnelle Karriereende. Selbst bei einem optimalen Heilungsverlauf waren die Spieler nach den Verletzungen oft zu limitiert und eingeschränkt. Zwar kämpfte sich King noch einmal heran und wurde fünf Jahre später, in Washington, nach 28,4 PPG sogar als "Comeback Spieler des Jahres" geehrt, aber sein Vermächtnis war dahin.

Ohne die schlimmen Verletzungen und einen sturen Coach könnte Bernard King heute zu den 20 besten Spielern aller Zeiten gehören. So aber bleibt nur noch die Erinnerung an eine atemberaubende Saison und einen grandiosen Sommer, als Bernard King für einen kurzen Moment auf einer Stufe mit Larry Bird, Magic Johnson und Julius Erving stand.