22 Februar 2014

Seb Dumitru | 21. Februar, 2014    @nbachefkoch





Auch wenn die diesjährige Trading Deadline wieder einmal nicht den Blockbuster bereit hielt, den die meisten Beobachter ganz offensichtlich mindestens einmal pro Jahr erwarten - eine im Übrigen spätestens seit dem neuen Collective Bargaining Agreement völlig absurde Hoffnung - so war sie doch mit 11 Deals insgesamt (inklusive Mittwoch) die ertragreichste der letzten 30 Jahre. Der Deal mit den grössten Implikationen für das Meisterschaftsrennen in dieser Saison ist der Last-Minute Trade zwischen Indiana und - wem denn auch sonst - Philadelphia:




Die 76ers mussten nach wochenlangen Verhandlungen mit der halben Liga letztendlich einsehen, dass ein höchstens durchschnittlicher NBA-Spieler wie Evan Turner in der neuen fiskalen Realität niemals einen First Round Pick abwerfen wird. Zwar hatte Sixers-GM Sam Hinkie sein Blatt lange geheim gehalten in der Hoffnung, doch noch ein verzweifeltes Team zum Mitpokern zu bewegen, lockerte aber letztlich kurz vor Toreschluss am Donnerstag Nachmittag seine Sitzposition und ließ durchsickern, dass er auch mit einem Second Round Pick durchaus leben könnte. Pacers-Präsi Larry Bird hob am anderen Ende der Leitung ab und machte mit Hinkie fünf vor neun den sicherlich folgenschwersten Deal des Tages klar. Folgenschwer aber nur im Sinne von: darüber wird noch zu reden sein. Denn: selbst Turner plus Lavoy Allen für Danny Granger ist keinen wirklichen Aufreger wert - dafür sind die involvierten Spieler einfach nicht gut genug.

Das gilt auch oder vor allem für Evan Turner. Dessen Zahlen (17.4 PPG, 6 RPG, 3.7 APG, 1 SPG) lesen sich auf den ersten, oberflächlichen Blick vorzüglich. Nüchtern betrachtet rangiert Turner sogar in ganz exquisiter Gesellschaft: außer ihm schaffen nur drei andere Spieler in dieser Saison mindestens 17 Punkte, 6 Rebounds, 3.5 Assists und 1 Steal pro Partie (Kevin Durant, LeBron James und Blake Griffin).

Die schmeichelnden Stats ergeben sich bei Turner aber viel mehr aus seiner dominanten Rolle  (Usage-Rate von 24.1%) bei einem der schlechtesten Teams der Liga und der irren Pace (102.6, Platz 1), mit der Philly (vergeblich) seine eklatanten Schwächen zu kaschieren versucht. Turners unterdurchschnittlichen Effizienzwerte (PER 13.3) und Wurfquoten (50.4% True Shooting) zeichnen da schon eher das Bild, das man auch ligaweit von ihm zu haben scheint, nämlich dass er nie anknüpfen konnte und wird an die hohen Erwartungen, die ihm als ehemaligem 2nd Pick aufgebürdet wurden; und dass er einfach nicht geschaffen ist als erste, zweite oder vielleicht sogar dritte Option eines guten oder zumindest soliden Teams.

Das waren/sind die Philadelphia 76ers schon länger nicht mehr. Der Spielstil unter Coach Brett Brown und vor allem Turners Rolle in dieser Saison maximierten seine Schwächen, anstatt seine Stärken hervor zu heben. Da kann Brown nichts für, und Turner genauso wenig. Das aktuelle Sixers-Team ist einfach völlig talentbefreit. E.T. musste zu viel Offensive selbst kreieren, sich zu viele eigene Würfe selbst erarbeiten und bekam dabei kaum Unterstützung, denn Philly hatte bis zur Deadline nur vier NBA-kalibrige Spieler überhaupt im Kader. Jetzt sind es nur noch zwei. Und die Nummer eins Pick Panzer rollen!

Philadelphia wurde mit Turner aber auch in all den Jahren zuvor nie richtig warm. Die Erwartungshaltung in der Stadt der brüderlichen Liebe stand einfach nie in gesunder Relation zu Turners tatsächlichem Skillset als NBA-Spieler und der Rolle, die er idealerweise einnehmen sollte, um einem Team zu helfen. Dementsprechend hart wurde er von den lokalen Medien auch immer angegangen. Neu-GM Hinkie stellte recht schnell klar, dass er mit Turner über diese Saison hinaus nicht plane. Dass man einen ehemaligen Nummer zwei Pick also unter'm Strich für einen Second Rounder im Bereich 58 bis 60 abstoßen musste, zeigt vielleicht am eindrucksvollsten, wie tief Turners Wert in den letzten vier Jahren gesunken ist.

Auch Lavoy Allen, dessen Vertrag im Sommer ebenfalls ausläuft, spielte in den Planungen des Teams keine Rolle mehr. Das tut Neuankömmling Danny Granger sicherlich auch nicht, denn der wird in wenigen Wochen 31, hat in den letzten beiden Saisons kaum gespielt und verdient mehr als doppelt so viel wie Turner. Letzteres war aber wichtig für die Sixers, die weit unter dem erlaubten finanziellen Ligalimit operierten, bevor sie in diesem Deal mehr Salär anhäuften, als sie raus schickten.

Philadelphia wird nun abwägen müssen, ob es nicht mehr Sinn, Granger aus dem letzten Jahr seines 14 Mio. $ Deals heraus zu kaufen und ihm so die Möglichkeit eröffnet, bei einem Contender zu unterschreiben, anstatt einen "angepissten", widerwilligen Veteranen die letzten zwei Monate durch die Saison mit zu schleppen. Das würde natürlich bedeuten, dass Hinkie auf Granger als Tradechip verzichten müsste, mit dem er während der Draftnacht via Sign & Trade weitere vorteilhafte Deals (natürlich für Second Round Picks, was sonst?) einfädeln könnte. Mikro-Taktiker Hinkie wird das sicherlich nur tun wenn ihm Granger unmissverständlich signalisiert: "Entweder ihr lasst mich freiwillig ziehen oder ich fackel hier die Bude ab!"

Dass Granger angepisst ist, sollte man nachvollziehen können. Er hat seine gesamte Karriere in Indiana verbracht und die Franchise als Führungsspieler durch die dunklen post-Malice Tage getragen, als das Fieldhouse aus Protest oft zur Hälfte leer blieb und die non-Playoffs Pacers weit unter .500 herum dümpelten. Er hat sich nach seiner Verletzung wieder zurück gebissen und schien - zumindest oberflächlich - auch seine veränderte Rolle im Team akzeptiert zu haben. Wer selbst spielt, der weiss natürlich, dass man sich mit 31 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen zählt. Granger war überzeugt davon, dass er dieser Mannschaft, "seiner" Mannschaft, in den Playoffs mit seiner Erfahrung und seinen Scorer-Qualitäten (Karriere 17.6 PPG) helfen könnte, helfen würde.

Die Realität sieht aber viel düsterer aus: Bank-Granger 2014 ist ganze Galaxien entfernt von All-Star Franchise-Player Granger 2009. Der letzte gute Basketball des Flügelspielers liegt jetzt mehr als zwei Jahre zurück. Die vielen Verletzungen haben ihren Tribut gefordert. Seine Athletik ist dahin, genauso wie sein Wurf und damit auch sein Selbstvertrauen. Die 8.3 Punkte, die Granger in dieser Saison bisher erzielte, waren nicht das Problem. Die unterirdischen 36% aus dem Feld und 33% von der Dreierlinie hingegen schon. In der Offensive ist Granger heute nicht mehr als ein reiner Catch & Shoot Spezialist, der aus der Distanz aber längst nicht mehr genug Gefahr ausstrahlt, um Defensiven wirklich zu binden. Die Quoten aus den Ecken und zentral oben sind okay (siehe Shotchart), alles andere ist ein Graus. Nur einmal in seinen bisher 29 Einsätzen schaffte er mehr als 15 Punkte. Was für Indiana also theoretisch zur wichtigen Waffe hätten werden können - konstantes, effizientes Shooting und Scoring von der Bank - verpuffte seit Grangers Comeback komplett. Zwar verankerte der lange Flügel mit seiner Defensivarbeit die Verteidigung der zweiten Garde, aber die wenig beeindruckende Sample Size war für Bird, Vogel und das Team insgesamt zu groß, um nicht folgende (schwere) Entscheidung zu treffen: "Granger gibt uns in der jetzigen Situation einfach nicht genug. Wir müssen nachbessern!"

Also schickte Bird seinen altgedientesten Spieler aus der Stadt, wohlwissend um die Gefahren für die Teamchemie so spät in einer Saison und so kurz vor den Playoffs. Aber hier liegt der Hase im Pfeffer: die Umkleide der Pacers ist der vielleicht professionellste Ort der Liga. Die Teamchemie ist safe. David West hat alles im Griff. Frank Vogel ist einer der respektiertesten Coaches weit und breit. Das Management um Kevin Pritchard und Donnie Walsh ist immer auf der Suche nach dem kleinsten strategischen Vorteil. Und ganz oben zieht Larry Legend die Fäden - mit ähnlich durchschlagendem Erfolg wie einst zu seinen aktiven Spielerzeiten. Ja, der Wegfall eines beliebten Teamkollegen wird ein paar Tage weh tun. Aber Indiana spielt in dieser Saison nur für den Titel. Nichts anderes zählt, und wer verstanden hat, wie kurz etwaige Meisterschaftsfenster in der NBA nur offen bleiben, der weiss auch, dass man seine Kugeln in der Kanone maximieren muss, wenn man es kann. Darum hat Miami in den letzten Jahren Shane Battier geholt. Und Ray Allen. Und Chris Andersen. Und Michael Beasley. Und Greg Oden. Granger war nass gewordenes Schießpulver. Er hätte den Pacers keine Partien mehr, geschweige denn ganze Playoffserien gewonnen.

Das wird Evan Turner vermutlich auch nicht. Aber er gibt den Pacers etwas, das sie mit Granger nicht mehr hatten: Optionen. Turner ist in diesem Jahr ein schlechter Schütze, der nur 43% aus dem Feld und 29% seiner Dreier trifft. Und trotzdem sind sowohl seine Feldkorbtrefferquote als auch seine True Shooting und eFG% Werte höher als die von Granger. Hier sind noch zwei schockierende Fakten: in der vergangenen Saison, als Turners Ballanteile geringer waren und er neben einem fähigen Ballhandler wie Jrue Holiday auflief, betrug seine Dreierquote respektable 36.5% - fast 4 Prozentpunkte höher als die von Granger in dieser Saison. Und: seine Erfolgsquote in Catch & Shoot Situation beträgt in dieser Saison 37.1% - auch hier ist er besser als Shooter Granger (35.6%), der irgendwie das Shooten verlernt hat. Das soll nicht heißen, dass Turner in absehbarer Zeit zu Ray Allen 2.0 mutieren wird. Sondern lediglich, dass er, befreit vom Zwang, permanent als erste Option kreieren zu müssen, sicherlich mehrere freie Looks erhalten wird als in Indiana - und die lassen sich bekanntlich treffsicherer versenken. Seid also nicht überrascht, wenn seine Quoten wieder leicht nach oben schielen.


Wie häufig Turner letzten Endes freistehend ballern darf, hängt von der Rolle ab, die Vogel für ihn ins Playbook schreiben wird. Turners größte Stärken - Ballhandling, Penetration und der Blick für den freien Mann - würden der zweiten Einheit der Pacers sehr gut zu Gesicht stehen. Außerdem ist er ein effektiver Midrange-Scorer, der dort dank seiner Handles und seinem Überblick zumindest solide Wurfmöglichkeiten erarbeiten kann. Indianas Bank rangiert in fast allen Kategorien unter den Schlusslichtern der Liga: 25. bei der Trefferquote, 26. im Scoring und abgeschlagen auf Platz 29 bei den Assists. Als Anker der Bank-Rotation wird Turner zumindest in einigen dieser Punkte Abhilfe schaffen können. Ein angenehmer Nebeneffekt: Lance Stephenson, der bisher meistens die zweite Garde anführte und dafür früher als die anderen Starter vom Feld kam, bekommt nun mehr Pausen und mehr Minuten mit der ersten Fünf. Die hält seine wilde Seite (meistens) 'in check' und verhindert (meistens) zu viele solcher Auswüchse wie hier.

Wir werden Stephenson sicherlich zusammen mit Turner auf der Platte sehen, keine Frage. Auch mit den Startern 'Paul George Hill', Roy Hibbert und West wird Turner seine Chancen bekommen. Insgesamt stehen für ihn aber kaum mehr als 20-25 Minuten zur Verfügung - eben Backup-Minuten auf dem Flügel. Die wichtigste Frage, die letztendlich Turners Spielzeit determinieren wird ist die, die Vogel bei diesen Pacers immer stellt: "Wie gut biste in der Defense?" Zeigt Turner Einsatzbereitschaft und zumindest die Fähigkeit, seinen Mann ab und an vor sich zu halten und hinten im Teamverbund smart arbeiten zu können, wird er konstante Chancen erhalten. Verteidigt er gar nicht, wird Vogel seine Einsatzzeit stark eingrenzen. Das muss nichts Schlechtes sein: Turner wäre nicht der Erste in der NBA, dessen Effizienz und Effektivität mit weniger Einsatzminuten und weniger Verantwortung rapide nach oben schießt.

Was darüber hinaus passiert? Genau das wollen Bird und Vogel mit diesem Deal heraus finden: im Idealfall hat man mit Turner einen smarten, teamdienlichen extra Ballhandler eingekauft, der das Pick & Roll laufen und ab und an seine Mitspieler einsetzen kann. Pick & Rolls (17.4%) waren nach dem allgegenwärtigen Fastbreak sein häufigster Einsatzbereich in diesem Jahr bei den Sixers. Gerade für eine Mannschaft wie die Pacers, die in den vergangenen beiden Jahren immer wieder mit dem Ballhandling und dem Hineinfinden in seine Offensivsets Probleme hatte, könnte Turner eine willkommene Entlastung sein - erst recht gegen die Heat, die bekanntlich doppelt aggressiv gegen den Mann am Spalding verteidigen. Apropos Miami und Playoffs: der ebenfalls im Trade-Paket enthaltene Lavoy Allen dürfte es schwer haben, hinter Hibbert/West/Scola/Mahinmi und möglicherweise Andrew Bynum Frontcourt-Minuten zu sehen. Aber er bietet Vogel immerhin einen kantigen extra-Big, der sechs harte Fouls austeilen kann und den zentralen Midrange-J sicher trifft, falls er muss.

Aus finanzieller Sicht sparen die Pacers mit diesem Deal mehr als 4 Millionen Dollar ein und haben jetzt mit Turner zumindest eine kleine Absicherung gegen das Supergau-Szenario re: Lance Stephenson. 'Sir Lance-a-lot' hat seinen Marktwert mit starken Leistungen und vier Triple-Doubles in '13/14 mehr als verdreifacht und könnte, wenn ihm ein Team im Sommer ein unmoralisches Angebot macht, aus freien Stücken abwandern, denn er ist Unrestricted Free Agent. Mit RFA Turner hätte Indiana zumindest einen durchschnittlichen Rotationsspieler in der Hinterhand, falls man Stephenson aus Luxury Tax Gründen nicht weiter bezahlen könnte.

Was bleibt übrig? Im Endeffekt ist die Welle, die dieser Deal gemacht hat oder auch heute immer noch macht viel größer, als sie hätte sein dürfen. Weder Turner noch Granger noch Allen sind Spieler, die allzu großen Einfluss auf die tatsächliche Trajektorie eines Teams hatten, haben oder haben werden. Vielleicht wäre über diesen Trade nur halb so viel diskutiert und spekuliert worden, wenn er vor einer Woche oder gar im Dezember passiert wäre. Indiana hat durch diesen Trade nicht etwa die Meisterschaft gewonnen, sondern lediglich einen 31-jährigen, uneffektiven, überholten Franchise-Spieler mit immensen Schwächen und auslaufendem Vertrag gegen zwei Bankspieler mit auslaufendem Vertrag ausgetauscht, die aber sechs Jahre jünger sind, nicht ganz so viele Schwächen in ihrem Spiel haben und ein paar notwendige Lücken schliessen könnten.

Birds Message - an das eigene Team, die Fans und die Konkurrenz - ist klar: "Wir sind All in! Nur die Playoffs zählen!" Zumindest Turner könnte in einer kleineren Rolle bei einer hochprofessionellen, no-nonsense Mannschaft, die mehr als 75% ihrer Partien gewinnt, endlich seine Nische in der NBA finden. Der ehemalige Star der Ohio State Buckeyes legt 10 Punkte, 1.4 Rebounds, 1.1 Assists und 10% FG mehr auf, wenn seine Mannschaft als Sieger vom Parkett geht. Man sollte nie unterschätzen, was ein positives, erfolgreiches Umfeld bei einem Spieler bewirken kann...


nbachef meint: Vorteil Indiana