21 Februar 2014

Seb Dumitru | 21. Februar, 2014    @nbachefkoch






Auch wenn die diesjährige Trading Deadline wieder einmal nicht den Blockbuster bereit hielt, den die meisten Beobachter ganz offensichtlich mindestens einmal pro Jahr erwarten - eine im Übrigen spätestens seit dem neuen Collective Bargaining Agreement völlig absurde Hoffnung - so war sie doch mit 11 Deals insgesamt (inklusive Mittwoch) die ertragreichste der letzten 30 Jahre. Ein Deal, der definitiv Implikationen auf das weitere Geschehen in dieser Saison haben wird, ist dieser Three-Teamer hier zwischen Washington, Denver und Philadelphia:




Dass und warum Andre Miller in Denver keine Zukunft mehr hatte, konntet ihr bereits en detail nachlesen. Wie schlecht die Nuggets mit der gesamten Situation umgingen wird aber erst deutlich, wenn man die Transaktionen der Klumpen gestern addiert betrachtet und unter'm Strich zusammen fasst: für einen gefragten Veteranen Point Guard, der bei vielen Playoff-Interessenten relativ hoch im Kurs stand, und den immer noch ausbaufähigen und zumindest durchschnittlichen Flügelspieler Jordan Hamilton (ging in einem separaten Trade nach Houston) erhielt das Team aus den Rocky Mountains einen eindimensionalen Point Guard, der heutzutage nur noch als Dreierschütze NBA-Format hat (Aaron Brooks, kam aus Houston) sowie einen der größten Draft-Busts der letzten Jahre, Jan Vesely. Dafür mussten sie auch noch einen künftigen Zweitrundenpick nach Philadelphia schicken. Der Brooks-Hamilton Trade wird noch gesondert behandelt, aber weder Brooks/Vesely für Miller/Hamilton als Paket, noch Vesely für Miller isoliert betrachtet lässt die Nuggets als Gewinner aus diesem Tausch hervor gehen.

Vesely, ein 23-jähriger Tscheche, der unerklärlicherweise an 6. Stelle gedraftet wurde, hat in seinen drei NBA-Jahren keinen Millimeter Entwicklungsboden gut gemacht - auf den durchschnittlichen NBA-Spieler wohlgemerkt, nicht auf einen hohen Lotterie-Pick, den man als Starter oder gar Schlüsselspieler projiziert. Er ist auch heute noch ein sehr eindimensionaler Forward - lang, athletisch und sprunggewaltig, aber gänzlich unbrauchbar, sobald man ihn zwei Meter vom Ring entfernt. Seine Trefferquote in dieser Saison ausserhalb der Zone liegt bei 33%. Seine Freiwurfquote in dieser Saison liegt bei 27% (siebenundzwanzig!), und wenn man ihn heute spielen sieht, erinnert er immer noch an den planlosen, überforderten Rookie, der er schon 2011 war. Wie gesagt: Null Wachstum!

Die Nuggets hoffen natürlich, dass ihn ein Szenenwechsel (und die Wiedervereinigung mit Javale McGee) beflügeln wird und seine guten Qualitäten im Uptempo-Spiel der Nuggets mehr zum Tragen kommen werden. Aber: mit Kenneth Faried, Anthony Randolph, Quincy Miller und Darrell Arthur verfügt das Team bereits über vier Spieler mit einem ähnlichen Physis- und Skillset. Man sollte also nicht davon ausgehen, dass der baldige Free Agent in den restlichen acht Wochen genügend Wiederholungen erhalten wird, um seinen Wert für diesen Klub nachhaltig zu beweisen. Insgesamt sparen die Nuggets mit diesem Trade ein bisschen Geld, weil im Gegensatz zu Miller keiner der eingekauften Spieler über diese Saison hinaus unter Vertrag steht. Dafür aber einen Second Round Pick zu opfern, ohne ein einziges Langzeitanlagegut zurück zu erhalten, ist nicht das, was man allgemein unter "smartem Management" assoziiert.

Das trifft auf Sixers-GM Sam Hinkie schon viel eher zu, der in Philadelphia alles einreisst, was er nicht selbst architektonisch hoch gezogen hat, und dabei ganz offensichtlich eine regelrechte Sucht nach Second Round Picks entwickelt hat. In seinen insgesamt vier Trades gestern akkumulierte Hinkie sechs (!) zusätzliche Zweitrundenpicks für seine Schatztruhe, die bereits eine Million Zweitrundenpicks enthält. Für diese künftige Flexibilität und Handlungskraft erklärte er sich auch bereit, einem der schlechtesten Spieler der NBA in dieser und der nächsten Saison Obhut zu gewähren: Eric Maynor. Der wurde in Washington eigentlich als valider Backup für John Wall gehandelt, ehe man in der Hauptstadt ernüchtert feststellte, dass Maynor nach seiner Knie-OP nie wieder der Alte werden wird. Der 2-Jahres, 4.1 Mio. $ Deal, den man ihm offerierte, ist relativ zur Produktivität einer der schlechtesten der vergangenen Jahre. Maynor kam nur auf 2.3 Punkte und 1.7 Assists hinter Wall und legte ein unfassbares Net-Rating von minus-28.2 auf. Für Philadelphia ist sein Erscheinen nichts Verheerendes: der Sixers-Tank rollt munter in Richtung First Pick, und selbst wenn Maynor wie erwartet seine Spieleroption für 2014/15 ziehen sollte, hat man in der Stadt der brüderlichen Liebe ohnehin keine Ambitionen bis mindestens 2015/16 - trotz des gestrigen Deals für Byron Mullens. Wenn das Ziel ist, das Produkt auf dem Parkett so beschissen wie möglich zu gestalten, ist Eric Maynor als Point Guard die ideale Lösung.

Washington ist der klare sportliche Gewinner dieses Three-Teamers. Die Qualitäten von Andre Miller habe ich bereits bis ins Arschgraue aufgezählt: er ist ehrlich, hat immens viel Erfahrung, versteht das Spiel und ist immer einsatzbereit. Bevor ihn Brian Shaw ohne Vorwarnung auf der Bank schmoren ließ, hatte Eisenmann Miller in 15 NBA-Jahren 1156 von 1162 möglichen Partien absolviert. Er ist immer zur Stelle, und ich bin überzeugt davon, dass ihn diese hässliche und vielleicht dunkelste Episode in seiner langen Karriere revitalisiert hat. Es heisst, er habe in den letzten Wochen 10-15 Pfund abgenommen, um sich für seinen nächsten Arbeitgeber fit zu halten. Sobald er in Washington in 1-2 Wochen wieder 'game shape' erlangt hat, füllt er dort die größte Dringlichkeit aus: auf der Backup Point Guard Position hinter Wall klafft nicht nur ein Loch, sondern ein Grand-Canyon-mässiger Krater.

Millers Skills als Strippenzieher am Ball werden der zweiten Einheit des Hauptstadt-Klubs gut bekommen. Er weiss, wie man eine Halfcourt-Offense aufzieht, kann aber auch im Fastbreak-Spiel Akzente setzen. Seine Nebenleute wissen, dass sie in den meisten Fällen den Ball bekommen. Zwar zwingt Miller von Zeit zu Zeit seine eigenen Aktionen, aber er findet so gut immer die richtige Balance zwischen eigenem Scoring und dem Butlern für seine Mitspieler. In Denver war Miller trotz irreparabler Differenzen mit seinem Coach der Mann mit der besten Assist/TO Quote, der zweitbesten Assistquote und dem drittbesten Net-Rating aller Akteure mit mindestens 19 Minuten Einsatzzeit. Obwohl aus Andre in diesem Leben kein Reggie Miller mehr wird, nimmt und trifft er in dieser Saison mehr Dreier als jemals zuvor in seiner Laufbahn. Seine größte Stärke ist und bleibt das Spiel im Low Post, wo er seit Jahren zu den effizientesten Nicht-nur-Guards, sondern NBA-Spielern überhaupt zählt. (1.07 Punkte pro Play, Platz 9 ligaweit).

Ja, Miller ist schon 37 und wird vermutlich auch nicht mehr jünger. Und ja, seine Defensive nimmt von Jahr zu Jahr ab und verhindert, dass er jemals wieder mehr als ein Rollenspieler sein kann. Aber solange Andre Miller integriert wird, solange man ihm seine Rolle klar kommuniziert und ihm 15-20 Minuten pro Abend zuschustert, ist er ein sehr wertvoller Baustein eines Playoff-Teams. Solange man ihn nicht verheizt und zu lange auf der Platte lässt, sondern ihn punktuell als Change-of-pace Guard zu Wall einsetzt oder als zusätzlichen Ballhandler und Spielmacher neben ihm, um Wall für Scoring-Aufgaben zu befreien, wird Miller diesen Wizards enorm helfen. Washington rangiert derzeit auf Platz 5 in der Eastern Conference, ist aber nur 3 Siege von den Toronto Raptors und Platz 3 entfernt. Und das, obwohl die zweite Garde unter Maynor die zweitwenigsten Field Goals, drittwenigsten Punkte und drittwenigsten Assists aller 30 NBA-Einheiten erzielte. Miller wird die Bank verankern und den Wizards ein wenig Sicherheit geben, während sie sich weiter nach oben kämpfen. Natürlich wird auch er nicht verhindern können, dass die Wiz spätestens nach Playoff-Runde zwei angeln gehen. Aber der Veteran bringt Erfahrung, gutes Teamwork und Stabilität zu einer Mannschaft, die diese Eigenschaften auf der Backup-Eins mit am dringendsten nötig hatte. Wenn er im Sommer gehalten wird, kann er für ein weiteres Jahr zu den vollen 4.6 Mio. $ verlängert werden. Wenn nicht, kauft man ihn für 2 Mio. $ raus. Und nur so am Rande: einen extra Roster-Spot für eine weitere Free Agent Addition in den nächsten Tagen/Wochen machen die Wizards mit diesem Trade auch noch frei. Die ex-Bullets greifen an.


nbachef meint: Vorteil Washington, Philadelphia